SZ)In allen möglichen Epochen war das Zeitunglesen höchst gefährlich, wegen der umstürzlerischen Gedanken, die in den Blättern verbreitet wurden. Damals haben die Schreiber nicht jede Nasenpopelei jedes Parteivorsitzenden aufs Langatmigste interpretiert, sondern feurig und konsequent Revolutionen angezettelt. Lange vorbei, hier zu Lande. Keine Verschwörung wispert mehr zwischen den Zeilen, kein Pulverdampf steigt mehr aus den Überschriften. Und dennoch! In Sekundenschnelle, im Handumdrehn kann auch heute noch aus jeder Zeitung die allerschärfste Waffe werden, ja, man muss nur seine Hand in einem ungünstigen Moment drehen und im selben Moment mit dem gefalzten Blatt am Handrücken entlangratschen, und schon offenbart sich die ganze Kraft der Drucksache, schon schießt Blut aus dem feinen Riss in der Haut, bitte, das ist nichts gegen die mannigfaltigen Gefahren einer Revolution, aber weh, weh tut es trotzdem. Wie kann der Leser vorbeugen? Gar nicht. Der Leser darf ja beim Lesen und rituellen Seitenumschlagen und Falten nicht ständig daran denken, Verletzungen zu vermeiden, denn täte er es, käme er gar nicht mehr dazu, sich über die Texte und Bilder zu freuen oder zu ärgern. Nein, vorbeugende Maßnahmen sollten ausschließlich der Zeitung obliegen. Sie verfügt über die sprachlichen und visuellen Mittel, sie könnte, zum Beispiel, auf Seite 1 in ihrer Farbzeile, in der bis jetzt auf Reportagen oder Essays oder Interviews hingewiesen wird, die am nächsten Tag sowieso schon wieder vergessen sind, eine immer wiederkehrende Warnung anbringen, etwa: Vorsicht, scharfer Rand! Oder: Achtung, Schnittgefahr! Ähnlich verfahren ja derzeit auch die Produzenten vieler anderer Waren. Ein Bügeleisenhersteller gibt auf seinen Geräten den Hinweis: "Nicht die Kleidung bügeln, die Sie gerade tragen!" Auf einer Packung Hustensaft für Kinder bis zu sechs Jahren steht: "Nach dem Einnehmen nicht Autofahren!" Und auf einem koreanischen Küchenmesser prangt in feiner deutscher Übersetzung: "Aus Kindern heraushalten!" Vorsicht allenthalben, bis hinein in den gewöhnlichsten Alltag, das ist charakteristisch für langweilige revolutionsfreie Zeiten. Aber wird der Mensch deshalb jeglicher Unbill entgehen? Nein, das ist unmöglich, denn "nie reicht seine Vorsicht hin, gegen das, das ihm bringen die Stunde kann", schrieb Horaz. Immer erwischt es ihn gerade da, wo er es nicht erwartet, beim Baden zum Beispiel; eine Frau aus Plock/Polen ist kürzlich beim Schwimmen auf einem See ins Brutrevier einer Schwanenfamilie geraten, da stürzte sich der Schwanenvater auf sie und attackierte sie mit Schnabel und Flügeln. Die Arme geriet in Panik und ertrank jämmerlich. Hätte sie sich bloß aus den Schwanenkindern herausgehalten!