(SZ)"Haltet den Dieb!" ruft der Schuldige und läuft in die andere Richtung. In der Politik sind dergleichen Ablenkungen beliebt, auch in privaten Händeln gelingt manchmal der Behauptungstrick. Was in diesem Sinne funktioniert, glückt häufig auch in der Wirklichkeit des Stibitzens und Mitgehenlassens. Nun wissen wir alle, dass im Siebten Gebot gefordert wird: "Du sollst nicht stehlen". Das ist eindeutig. Beate Wiesner, stellvertretende Ordnungsamtsleiterin im schwäbischen Waiblingen, lässt nicht einmal mehr den guten alten Mundraub, die Kirschen aus Nachbars Garten gelten. "Diebstahl ist alles, was einem nicht selber gehört", meint sie so bestimmt wie schräg. Wer aber hat noch nicht am eigenen Leibe den süß-aufregenden, eben sündigen Kitzel verspürt, etwas mitgenommen zu haben, unbemerkt und ohne zu zahlen? Damen, ob jung, ob alt, haben dabei keine Furcht und gehen ohne Rücksicht auf ihre Erscheinung daran, sich alles Mögliche an Tops und T-Shirts über- und unterzuziehen, aber an der Kasse nur ein Teil zu kaufen. Männer im besten Alter zögern nicht, ihr Schreibgeräte-Arsenal unter Verstoß gegen das Siebte Gebot aufzufüllen, indem sie den Verkäufer in abgründige Diskussionen verwickeln, deren Kernthesen sie mit Nachdrucksgesten und den dazugehörigen Kugelschreibern und Bleistiften in der Luft unterstreichen, nachdem sie die Stifte zuvor ungeniert vor den Augen des Besitzers an sich genommen haben. Am Ende solchen Disputs stecken sie das Gerät einfach in die Brusttasche und verlassen die Stätte ihrer Untat mit einem energischen: "Auf Wiedersehen!" In "alten mæren" sind Diebe Haupthelden, wenn sie dem Grafen und seiner Frau das Betttuch unterm Leib und den Ehering von der Hand des Eheweibs wegstehlen. Respekt. Besser noch kommt jener Großeinkäufer in feinsten Boutiquen an, der zusätzlich zum Einkauf ein paar Pullover als Gratisbeute einsackt, um damit an der nächsten Ecke den nächsten Obdachlosen mit Brioni einzukleiden. Das hat was vom guten alten Sherwood-Forest-Stil, den Robin Hood unsterblich machte. Ihn aber verfolgte der fiese Sheriff von Nottingham gottlob vergeblich. Inzwischen wird im deutschsprachigen Raum vergleichsweise wenig in Geschäften gemaust, laut dem "European Retail Theft Barometer", einer Studie von Professor Joshua Bamfield. Die positive Rangliste schreibt sich von selbst: Schweiz vorne, dann Österreich, Deutschland auf Platz 3. Am anderen Ende der Liste der Länder, die "Inventurverluste" beklagen mit Fertigrasierklingen an der Schwundspitze, liegt Britannien. Wir sind betroffen und sehen genau nach, wo Professor Bamfield seine Studie erstellt hat. Das kann kein Zufall sein: "Centre of Retail Research, Lenton Boulevard, Nottingham".