(SZ)Pfingsten, das liebliche Fest? Schon wieder vergangen. Und wiederum ist es uns nicht gelungen, dem Mysterium des rätselvollen Tages näher zu kommen. Immerhin, Zeit ist gewesen, noch einmal das berühmte Pfingstbild des Malers Emil Nolde von 1909 zu betrachten. Da sitzen die Jünger dicht gedrängt um einen kleinen Tisch. Ihre Gesichter leuchten in allen Farben, in ihren Augen mischen sich Entzücken und Entsetzen. Und aus ihren Häuptern züngeln violette Flammen empor. Männer, Geistesmenschen, Feuerköpfe. Wie gern hätte man mit ihnen die verflossene Woche und erst recht das Pfingstfest verbracht! Aber ach, über Deutschland ging eine neue Hitzewelle dieses sonderbaren Frühlings hinweg. Alle Wetterdienste versprachen stündlich "Sonne satt". Das heißt, man war in diesen Vorpfingsttagen weniger mit den Entgrenzungen des Geistes als mit den profanen Entfesselungen des Leibes konfrontiert. Schon beim Sonderparteitag der SPD fing es an. Welch ein hell leuchtendes Bild gaben die Delegierten auf dem Podium ab! Dies aber lag eindeutig nicht am Feuer, das aus den Köpfen schoss, sondern an den strahlend weißen Oberhemden der Genossen. Und wieder (hoch ist hier Frau Köpf zu preisen!) war es Gerhard Schröder gelungen, das absolut weißeste Hemdenweiß zu präsentieren. Doch die Hitze nahm zu, in den Tagen darauf, und mit ihr das Ausmaß der Entblößungen. Ausgerechnet dem bisher braven Fritz Kuhn war es vorbehalten, für den Modeschocker der Woche zu sorgen - mit einem blutroten Unterhemdchen war er zur Sitzung erschienen und zeigte der Welt tollkühn die dünnen, bleichen, die nahezu weißwurstweißen nackten Arme. Ihren logischen Abschluss fand diese Woche, in welcher das Physische das Metaphysische so beklagenswert verdrängte, im Pfingstinterview des ZDF mit Joschka Fischer, an dessen Ende der Moderator Frey den Außenminister schelmisch nach dessen Gewichtszunahme befragte. O nein, sagte da unser Fischer, er sei doch schon wieder viel dünner geworden in den letzten vierzehn Tagen. Welch eine Enthüllung! Wahrlich, wir leben in großen Zeiten! Die Tageszeitung Die Welt widmete sich feinfühlig den Waden des Fernsehmannes Wickert. Das Wochenblatt Die Zeit wiederum schmückte seine erste Seite mit dem holden Bildnis einer bäuchlings auf dem Bette liegenden, nackten Frau. Man ist verwirrt, doch dann sieht man, was die fremde Schöne tut. Sie liest. Ein Buch. Womit sie aktiv für die neue Literaturbeilage der Zeitung wirbt. Ihr Ziel ist also keineswegs die animalische Aufwiegelung des Zeit-Lesers. Sondern dessen geistige Befeuerung. Denn wenn es eine Möglichkeit gibt, Flammen zu entzünden im eigenen Kopf, dann ist es die Lektüre eines guten Buches. Ein Pfingstbild also, endlich doch. Jetzt aber schnell ins Schwimmbad!