(SZ)"Die kleinen Diebe hängt man auf, die großen lässt man laufen, wär umgekehrt der Welten Lauf, würd ich mehr Strick verkaufen." So stand es vor langer, langer Zeit einmal in verblichener Schrift an einem windschiefen Seilerhaus, an dem jeden Tag die Kinder auf ihrem Weg zur Schule vorübergingen. Sie verstanden den tiefen philosophischen Sinn jener Worte nicht und schlossen nur, der Seiler sei bettelarm, und er tat ihnen sehr, sehr leid. Sie beratschlagten, wie ihm zu helfen war. Erst wollten sie dem Seiler viele kabeldicke Stricke abkaufen, doch dann fiel ihnen ein, dass sie weder genug Geld besaßen noch mit den Tauen etwas anfangen konnten. Sie würden viel zu schwach sein, die Taue fortzuschleppen, mehr noch, es würde ihnen nicht einmal gelingen, auch nur einen Knoten hineinzuschlagen. So legten die Kinder ein paar Groschen auf den abgewetzten Ladentisch und baten den Seiler um dünne, gleichwohl feste Schnüre. Zu Hause zogen sie jeweils ein langes Stück Schnur durch den Aluminiumschlüssel, der bis dahin in ihrem Schultornister neben der Blechbrotbüchse gelegen und immer ein unangenehmes Geräusch verursacht hatte. Alsdann knoteten sie ihre Schnur. Und endlich hängten sie sich die Schnur mit dem Schlüssel um den Hals. Ja, so war es, so geht die Geschichte von den allerersten Schlüsselkindern. Wen oder was aber sieht man heute? Lauter erwachsene Schlüsselkinder, erwartungsfrohes Volk, das schon aus der Schule ist. Lässig durchstreift es die heißen großen Städte. Es trägt keine Schnüre mehr, Schnüre reiben nur und sehen bescheuert aus. Angesagt hingegen sind breite farbige Bänder, an denen fünf, sechs, sieben eckige, runde, ovale Schlüssel baumeln, nein, genau genommen baumeln all die Schlüssel an einem Karabinerhaken, der in Bauchnabelhöhe am Band angebracht ist, und wer jetzt meint, das ganze Gepränge und besonders jener Haken sei modischer Schnickschnack, der hat überhaupt nichts verstanden, der ist auch bestimmt steinalt, der soll sich den Strick ... na, schon gut. Schlüssel dienen wozu? Natürlich immer noch zum Türöffnen. Schlüssel sind prinzipiell keine Laune der Mode, sondern lebensnotwendige Instrumente, insbesondere für die Jugend. Hinter jeder Tür könnte irgendein Glück stecken, ist es nicht so? Hinter jeder Tür könnte ein anderes verrücktes Leben losgehen. Also nachgeschaut, sie wissen gar nicht, wo sie zuerst schauen sollen, die neuen Schlüsselkinder, ein Schlüssel reiht sich an den anderen, und wenn es kein Glück war hinter einer Tür, sondern doch nur eine narzisstische Ziege oder ein stumpfer Kerl, dann ziehen sie den wertlos gewordenen Schlüssel vom Band und ersetzen ihn durch einen neuen, zu genau diesem Zwecke fingern sie am Karabinerhaken. Ist das klar jetzt, wie wichtig gerade der Karabinerhaken ist?