(SZ)Im Grunde begann der Nibelungen Not mit einer falsch verstandenen Geste. Als König Gunther und Siegfried nach Isenstein kamen, um die herbe Brünhild zu freien, hielt Siegfried, obwohl er Gunther durch Geburt und Tapferkeit gleichgestellt, wenn nicht gar überlegen war, dessen Pferd am Zaum. Es handelte sich dabei um das officium stratoris et strepae, durch das man sich als Vasall des Reiters zu erkennen gab und das beispielsweise auch der Kaiser dem Papst zu leisten schuldig war, pro forma wenigstens. Im Fall der Nibelungen diente das officium der Täuschung Brünhilds, die sich sonst nie bereitgefunden hätte, statt des Recken Siegfried den wohl etwas mickrigen Gunther zu nehmen. Als die Sache aufflog, war Brünhild stocksauer und setzte eine derart umfassende Rache in Gang, dass kein Auge trockenblieb und kein Nibelunge übrig. Wo keine Parallelen sind, soll man auch keine herbeizwingen wollen. Nichtsdestoweniger hat es seinen eigenen Reiz, sich vorzustellen, was geschehen wäre, wenn George W. Bush in Evian auf einem Pferd eingeritten wäre. Wahrscheinlich hätten die dort versammelten Staatsmänner jenes eigenartige Flackern in die Augen bekommen, das bei ihnen immer auftritt, wenn sie etwas tun wollen, das sie aus Gründen der Schicklichkeit besser bleiben ließen - etwas, von dem sie wissen, dass es auch die anderen gern täten und unweigerlich tun, wenn sie selbst es nicht tun. Und so wären sie alle schön langsam, wie von ungefähr, zu Bush und seinem Pferd vorgerückt, hätten "Sorry" gesagt und "Nach Ihnen" und einander dabei die Ellenbogen in die Seiten gerammt. Da Blair und Berlusconi sich blitzschnell der Zügel bemächtigt hätten, wären Putin, Chrétien, Simitis und die übrigen auf die Steigbügel zurück geworfen gewesen, während die Herren von den Schwellenländern sich in ihrer Verzweiflung an den Schweif geklammert hätten. Bush aber wäre vom Pferd gestiegen und hätte Brünhild, will sagen: dem wieder mal abseits stehenden Schröder, zugezwinkert. Hätte? Er hat! Jemand aus der deutschen Delegation "will gesehen haben", wie Bush Schröder zuzwinkerte, und die Einrede, dass man bei Bushs notorisch zugekniffenen Augen ein Zwinkern schlechterdings nicht identifizieren könne, ist unschwer der Achse des Neides zuzuordnen. Es mag ja sein, dass Bush die anderen auf die Schulter geschlagen oder in den Arm genommen, dass er in Krakau den Kwasniewski vielleicht sogar in die Backe, in welche auch immer, gekniffen hat. Geblinzelt aber hat er nur mit Schröder, und wer die Liedzeile "Ja, winken mit den Äugelein und treten auf den Fuß" kennt, weiß, wie das weitergeht, ju, ja weitergeht, nämlich gut. Übrigens soll auch Gunther dem Siegfried zugeblinzelt haben, damals, doch das war eine andere Zeit und ein anderes Blinzeln.