(SZ)Gäbe es eine Statistik der Träume, dann, so darf man vermuten, rangierte der Wunsch, auf einer Insel zu sein, auf den vordersten Plätzen. Die einschlägigen Stichworte lauten: Sonne, Meer und Freiheit. Irgendwie muss es sich dabei um eine Konstante menschlichen Sehnens handeln. Schon im Klassiker der Weltflucht wünscht sich Sancho Pansa, der einfältige und getreue Helfer des hageren Protagonisten von der traurigen Gestalt, nichts sehnlicher zum Lohn für alle seine Mühen und klaglos erduldeten Leiden, denn, wie es in einer altfränkischen Übersetzung heißt, als "Gobernator einer Insul" zu amtieren. Das war keineswegs so unbillig, wie es scheinen mag, denn im Reich Karls V., in dem die Sonne nicht unterging, weil es das ganze Erdenrund umspannte, gab es viele "Insuln". Andererseits lehrt die Geschichte, dass der Traum des Sancho, wenn er denn wahr wird, auch keine Erfüllung ist, wie das Beispiel Napoleons zeigt. Der sollte seine Tage als Souverän und Kaiser von Elba nach dem Willen der über ihn siegreichen Allianz der europäischen Mächte beschließen. Schon nach zehn Monaten hatte er genug und verschwand im Schutz des Dunkels einer Februarnacht, was diesfalls erhellt, dass der kleine Korse doch eher ein Don Quijote war. Der Inhaber des britischen Firmenkonglomerats Virgin, Richard Branson, hat jetzt für rund 2,8 Millionen Euro eine Insel gekauft. Die liegt vor der australischen Ostküste, ist zehn Hektar groß und dürfte sicher das Etikett paradiesisch verdienen. Der Handel lässt sich aber nicht mit einer Milliardärsschrulle erklären, sondern entsprang einer edleren Motivation. Er wolle damit, so sagte es Branson, seinen Mitarbeitern für ihren Anteil am Erfolg der Firmengruppe danken. Also werden Tennisplätze angelegt, luftige Baumhäuser gebaut, aber auch ein Fortbildungszentrum errichtet. Letzteres erklärt sich vermutlich aber nicht nur aus Rücksicht auf die australische Steuergesetzgebung, sondern vielleicht auch aus der weisen Einsicht, dass Träume, die wahr geworden sind, rasch schal werden. Irgendwann, so lässt sich unschwer ahnen, hat es selbst der Knecht satt, den ganzen Tag zu schnorcheln oder Tennis zu spielen, wird sogar der Prokurist gewahren, dass seine Sekretärin im Badeanzug Ursula Andress nicht ähnlicher wird. Spätestens dann wird der kühlen Schatten verheißende Bau des Fortbildungszentrums einen geradezu unwiderstehlichen Reiz ausüben. Keiner hat je den Traum gehabt, in einem Loch zu sitzen, das bekanntlich durch seine Ränder definiert wird. Eine Insel ist aber wenig anders, denn um sie herum dehnt sich, wovon jeder Inselwitz zehrt, sinn- und endlos die Wasserwüste des Ozeans. So wird der Traum jedes Sancho rasch zum Albtraum, es sei denn sein fürsorglicher Don Quijote stiftete ihm auch ein Fortbildungszentrum.