(SZ)Die wichtigste Nachricht zuerst: Es hat sich nichts geändert. In diesen Zeiten rasant zunehmender Irrungen und Wirrungen zwischen Rürup-Agenda und Gabriel-Vorstoß, zwischen Pralinengipfeln in Europa, SPD- Epidemien an der Basis und SARS-Mitgliederbefragungen rund um die Welt hat jeder unsere Sympathie, der sagt, alles wird oder bleibt so gut oder schlecht, wie es immer schon war. Nehmen wir den unglaublich wichtigen, obwohl gerne zur Nebensache erklärten Bereich der Freizeit, jene Lebensspanne, in der jeder meint, er bestimme sich selbst nach Lust und Laune. Dieser liest ein Buch, jener macht eine Schlafkur, ein Dritter wäscht sein Auto und der Vierte fährt damit herum. Zunehmend mehr Leute geben das in der Nichtfreizeit verdiente Geld aus, um exklusiv Zweckloses zu lernen - zum Ausfüllen der Freizeit. Langeweile nämlich ist die tiefste Bedrohung aller Muße, wie die Freizeit einst hieß. Die deutschen Freizeitler legten sich also ein Handicap zu und spielten Golf, ritten sich in einen Polorausch oder surften an Hawaiis Küsten, Aloha he! Diese grundsätzlich positive Einstellung zur Freizeit hat sich erhalten. Allerdings habe man sich, wie das Hamburger BAT- Freizeitforschungsinstitut mitteilt, angesichts der Wirtschaftskrise vom teuren Luxus und von kostspieligen Moden der Freizeitgestaltung abgewandt. Geiz ist geil, will sagen, Freizeit minus Kosten. Also entdeckt man die Freuden des Heimwerkens. Kostet nichts. Oder man gartelt sich eins. Oder kümmert sich um die Familie. Das wird vom Institut begrüßt; ob die Familien das auch so sehen, sei dahingestellt. Doch kommt der deutsche Mensch erst ins Geizen und Sparen, werden beispielsweise Schnäppchen und Sonderangebote, seien sie auch kilometerweit weg, um ihrer selbst willen wahrgenommen, ohne Rücksicht auf Fahrt- und Zeitkosten. Und auch Bildungsgenüsse lassen sich heruntersparen: Orchester, wozu? Theater, warum? Opern, na und? Wer nun seinen Garten als Paradies entdeckt und nicht mehr vor die Tür geht, weil er in kostenloser Muße die Wohnstatt zum Schloss ausbaut, braucht auch keine Wirtschaft mehr. Wir kochen selbst. Heimat, deine Sterne! Kulturverfall, klagen die Meisterköche, weil ihre Gourmettempel leer bleiben. "Essen muss wieder wichtig werden", mahnt Drei-Sterne-Küchenchef Dieter Müller, denn wer gut essen gehe, sichere Arbeitsplätze. Das führt dann doch zu weit, Hummer zu essen, Austern zu schlürfen, Champagner und Bordeaux zu trinken zur Stützung des Sozialsystems. Genuss und Verschwendung machen nur Spaß ohne Gesellschaftsvertrag, sonst wird es schauerlich. Dann sitzt bei jedem Trüffelspan Hundt mit am Tisch, wenn man ins Glas guckt, schaut Sommer zurück, und zum Sorbet lächeltEngelen-Käfer - womöglich sogar mild.