(SZ) Sind erst neue Medikamente erfunden, finden sich auch die dazu passenden Krankheiten. So folgen zur Zeit körperdysmorphe Störungen den so genannten Lifestyle-Medikamenten wie die Kutsche den Pferden. Das Deutsche Ärzteblatt meldet eine "sprunghafte Zunahme" von Patienten, die ihren Arzt zur Verschreibung solcher den "psychosozialen Schönheitsidealen der westlichen Zivilisationsgesellschaft" entsprechenden Medikamente drängen. Man verlangt nach Schönheit durch Pillen und dem Jungbrunnen als Spraydose; unvorteilhaftes Aussehen und Altern sollen als (kassenfinanzierte!) Krankheiten gelten. Die "dermatologische Kosmetologie" hat man in Fernsehen, Magazinen und Internet so thematisiert, dass in Verbindung mit der "Zulassung von modeabhängigen Lebensgenuss-Medikamenten für Haarwachstum, Potenz und Gewichtsreduktion" der Behandlungsbedarf rasch stieg. Die Patienten beschäftigen sich übermäßig mit einem oft nur eingebildeten Mangel, schämen sich, meiden die Öffentlichkeit und entwickeln Soziophobie (Menschenfeindlichkeit). Die Blickkontakte mit den Reichen und Schönen, die uns die Klatschmedien vermitteln, haben Folgen. Menschen wie du und ich, mit schütterem Haar und einer Sprungschanzennase, fragen sich, ob sie sich in dieser Welt der chirurgisch perfektionierten Edelprofile und Waschbrettbäuche noch sehen lassen können. Der vom Leben geprägte Charakterkopf ist passé. Als Odysseus nach zwanzig Jahren als Bettler verkleidet heimkehrte, erkannte ihn seine alte Amme an einer Narbe, die er sich als Jüngling bei einem Jagdunfall zugezogen hatte. Damals bedeuteten Narben Identität, heute gelten sie als hässlich und werden wegkosmetisiert (vielleicht begann ihr Ansehen zu schwinden, als sie nicht mehr bei ernsten Anlässen erworben wurden, sondern bei studentischem Unfug). Andere Klagen beziehen sich auf Pigmentstörungen, Gefäßzeichnungen, Blässe oder Rötung der Haut, Asymmetrien im Gesicht und natürlich auf die guten alten Falten. Dass Menschen ein oft sehr ungerechtes biologisches Schicksal haben, ist leider wahr. Schönheitsfehler sind aber keine Krankheiten, die eingebildeten schon gar nicht. Die vielen rezeptpflichtigen Lifestyle- Medikamente werden aber, so die Definition, "von gesunden Menschen zur Erlangung eines psychosozialen Schönheitsideals eingenommen und dienen nicht der Stabilisierung der körperlichen Vitalfunktion von Kranken". Und wie es bei Lifestyle eben ist, zieht ein Defekt den anderen nach sich. Da stoppt ein Mittel gegen Haarausfall auch die Libido und lässt Brüste wachsen. Schön, wenn es der Selbstverwirklichung dient, aber jedermanns Sache ist das nicht. Gäbe es Barbie-Puppen auch mit Segelohren und einem Pickel auf der Nase, würden viele eingebildete Kranke gesund.