(SZ) Was sind uns Diplome und Zeugnisse? Was halten wir in Händen, wenn uns von holzfreiem Dokumentenpapier Satzenden entgegenprangen wie ".. .hat die Abiturprüfung bestanden" oder "...hat den Volkshochschulkurs F13 (Aktzeichnen) regelmäßig besucht"? Eine Schrift gewordene Anerkennung unseres Durchhaltevermögens wird uns da ausgehändigt. Ein offizieller Beleg, dass wir vor aller Welt etwas ganz bis zum Ende durchgezogen haben: Abi, Fahrtenschwimmer, Promotion. Wenn dann Alltagssorgen drücken, wirft man gelegentlich einen Blick in die schweinslederne Dokumentenmappe oder auf die gerahmte Urkunde im Büro und denkt feuchten Auges, aber getröstet: "Ach, ihr lieben Blätter! Nur ihr wisst, was ich kann. Und ihr sagt es mir, wenn das sonst keiner tut." Ein gutes Gefühl. Man hat was Eigenes, zum Beispiel ein Jodeldiplom. Nun verlangt jedes Stück nach einem Gegenstück. Dieser Maxime folgend, hat jetzt Carlos Lopez, Schulaufseher der Stadt York im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania, ein so genanntes undiploma eingeführt, ein Unzeugnis. Wie ein amtliches Dokument aussehend, soll es Schülern zur Warnung dienen, die sich mit dem Gedanken tragen, ihre High School frühzeitig und ohne Abschluss zu verlassen. Streng genommen ist auch das Unzeugnis ein Zeugnis. Nur zertifiziert es eben die nicht erbrachten Leistungen und erklärt den Schülern, worauf sie mit dem Schulabschluss verzichten. Unter anderem auf "Einkünfte von bis zu 420000 Dollar". Obwohl dieses Argument sehr materialistisch erscheint, können der potenzielle didaktische Nutzen des Unzeugnisses sowie die generelle Notwendigkeit beharrlichen Ringens um Bildung gar nicht genug betont werden. Dennoch wollen wir nicht verschweigen, dass es Ausnahmen gibt von der Regel, nach der Schulabbrecher zum Misserfolg verdammt sind - zumal in den USA: Mark Twain hat es dort auch ohne die Tröstungen des Zeugnisses zu was gebracht, ebenso wie Charlie Chaplin und Abraham Lincoln. Sie besuchten die bekannte "Schule des Lebens". Ein europäisches Beispiel fortgeschrittener Diplomverweigerung ist Salvador Dalí, der wohl die Schule, nicht aber die Hochschule bis zum Ende durchzog. Zwar schrieb er sich 1921 an der madrilenischen Kunstakademie ein, schloss das Studium jedoch nie ab. Er glaube nicht, meinte er, dass ihm eine formale Ausbildung etwas Nützliches vermitteln könne. Und siehe, auch ohne Abschluss malte Dalí die flüssigsten Uhren und die brennendsten Giraffen der Kunstgeschichte. Manche mögen nun der Versuchung des Umkehrschlusses erliegen, Schulrenegaten seien automatisch für eine Laufbahn als Genie auserkoren. Dass es so einfach allerdings doch nicht ist, davon gibt das spätere Scheitern so manchen Frühabgängers beredtes Zeugnis.