(SZ) Der Wolf ist los. Der Wolf ist tot. Darauf hat man wetten können: dass irgendein beknackter Jäger das Tier erschießen würde, das im letzten Sommer aus einem sächsischen Gehege ausgebrochen war. Die hündische Tat geschah dann in Niedersachsen. Die Wölfin hatte rübergemacht, wohl in der irrigen Meinung, es gebe noch eine Zonengrenze und auf der anderen Seite winke die Freiheit. Was sie nicht wusste: Freiheit wird auch im Westen nicht jedem zuteil. "Ich bin so frei", sagte der Jäger und betätigte den Abzug. Man hatte den Mann gerufen, weil ein Reh gerissen worden war und weil der Wolf - trotz jahrtausendelanger Deformierung seitens der Züchter - immer noch einigen wenigen Hunden ähnlich sieht. Frei laufende Hunde aber haben im Wald nichts zu suchen, sagen die Waidmänner mit gutem Recht. Dass einige Reichsoberjägermeister planmäßig auf die Fiffis losgehen, sagen sie natürlich nicht. Ist aber wahrscheinlich eine Ersatzhandlung, weil der Wolf in Mitteleuropa durch das edle Waidwerk praktisch ausgerottet wurde. "Ist mein Reh", sagen die Jäger, wenn sie die Pacht bezahlt haben. Dass da der Wolf nur stört, ist klar, weil der sich den Wanst voll frisst, ohne vorher zu löhnen oder die Jägerprüfung abzulegen. Andererseits scheint canis lupus auch in der grünlodenfreien Bevölkerung wenig Freunde zu haben. Als 1976 neun Jungwölfe aus dem Gehege des Nationalparks Bayerischer Wald ausbüxten, brach ein großes Geheule aus im ganzen Umland, als würden die Türken mit ihren Krummsäbeln gen Passau vorrücken oder Tamerlans wilde Horden. Seltsamerweise lebten dieselben Menschen, die um das Leben ihrer Kinder bangten, tagaus, tag ein neben birnenköpfigen und verhaltensgestörten Hundswesen, ohne sich die geringsten Sorgen zu machen. Am Ende war die Strecke gelegt: neun tote Wölfe, die nun gute Wölfe waren. Waidmannsheil und Waidmannsdank. Oder, im Gedenken an einen füchsischen Abgesang der Annette von Droste-Hülshoff: "Hängt den Schelm, hängt den Schelm, hängt ihn an die Weide. Mir den Balg, dir den Talg, dann lachen wir alle beide." Bei solchen Gelegenheiten treten die Tiefenpsychologen auf den Plan und erzählen das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf. Die Sache war aber in Wahrheit so: Es war einmal ein Jagdaufseher, der verkleidete sich mit einem Käppchen von rotem Sammet und lockte den Wolf in das Haus unter den drei großen Eichbäumen. Dort lag schon die Großmutter des Jagdaufsehers im Bett, die Büchse unter dem Plumeau verborgen. Wie der Wolf nun sah, dass die Alte ganz hundsgemein lächelte, da war es auch schon zu spät. Zur Strafe hat der Allmächtige dafür gesorgt, dass es die Jäger furchtbar zwischen den Schenkeln brennt, wenn sie zu lange auf dem Hochsitz verweilen. Das ist der Wolf.