(SZ)In der sog. guten alten Zeit, als noch landauf, landab nichts als Sitte und Anstand herrschten, hatte daran wesentlichen Anteil ein Werk, das den umständlichen Titel führte: "Historischer Katechismus oder Der ganze Katechismus in historisch-wahren Exempeln für Kirche, Schule und Haus." Als Verfasser firmierte ein Johann Ev. Schmid, Katechet an der Ursulinen- Mädchen-Hauptschule zu Salzburg, und sein Buch, das diverse Auflagen erlebte, dürfte dem Verlag der Fr. Hurter'schen Buchhandlung in Schaffhausen in den 1850er-Jahren einen hübschen Gewinn verschafft haben. Solche Schriften muss der Zeitgenosse zu Rate ziehen, will er sich Aufschluss verschaffen über die Lehre von den sieben Hauptsünden, die, wenn der Eindruck nicht täuscht, als Instrument der Sittenzucht selbst in der römischen Kirche etwas in den Hintergrund getreten ist. Kein Wunder also, dass dieser Katalog im Gedächtnis der Laien mittlerweile lückenhafter sein dürfte als der mit den Namen der imaginären Teilnehmer beim Geburtstagsessen für Miss Sophie in dem Silvester- Dauerbrenner "Dinner for one". Angesichts dieser traurigen Situation wird man es in Kreisen des Vatikans, insgeheim natürlich nur und gewissermaßen in pectore, als eine dialektische List des Heiligen Geistes ansehen, dass ausgerechnet eine Reihe bekannter Franzosen - Köche, Schriftsteller, Politiker und Künstler - einen Vorstoß plant, der vermutlich auf dem Schreibtisch des asketischen Chefideologen Joseph Ratzinger landen wird. Sein Zweck: eine der sieben Hauptsünden begrifflich so zu präzisieren, dass in Frankreich, der ältesten Tochter der Kirche, nicht mehr die Völlerei alias gourmandise, sondern nur noch die Gefräßigkeit (gloutonnerie) in den katholischen Glaubensgesetzbüchern aufgeführt werde. Unsereinen kann die Initiative nicht überraschen, zeigt sie doch, dass bei den Nachbarn mit haarspalterischer Genauigkeit zwischen Kultur und Barbarei unterschieden wird. Der feinschmeckerische Gourmet, der von Schnepfendreck oder Pasteten aus Nachtigallenzungen schwärmt, ist ein Leuchtturm des kulturellen Lebens. Der Gourmand hingegen, der Vielfraß, gilt als Tölpel - ein Verdacht, in dem in Frankreich notorisch die Belgier stehen. Tatsächlich ist die Unterscheidung zwischen gottgefälligen gourmets und sündhaften gourmands kaum zu treffen, denn beide preisen gutes oder reichliches Essen als eine Gabe Gottes, wobei die einen allen Nachdruck auf Qualität, die anderen mehr auf Quantität legen. Dass dazwischen keine Welten liegen, kann man aus Bohumil Hrabals Roman "Als ich den König von England bediente" erfahren, in dem ein gestopftes Kamel als kulinarischer Höhepunkt der böhmischen Küche serviert wird, in der Qualität ohne Quantität völlig unvorstellbar ist.