(SZ)Damit das Land wieder auf die Beine kommt, brauchen die Menschen Mut. Und um wieder Mut zu schöpfen, brauchen sie Vorbilder. Einer, zu dem die Deutschen jetzt zaghaft-bewundernd aufschauen, ist ein nackter Mann. Kein nackter Mann in der Sauna. Oder auf dem Kanzlerstuhl. Nein, ein nackter Mann auf dem Eis. Ein Eskimo. Rennend, wie sonst nur Eberhard Diepgen gerannt ist - und der rannte, soweit wir uns erinnern, niemals nackt und nicht auf dem Eise! Der Eskimo aber rennt nicht zu seinem Vergnügen. Nicht im neckischen Auftrag eines Privatsenders oder Fun-Magazins. Er rennt, weil er rennen muss. Er rennt um sein Leben. Weil ihn Mordbuben im Schlafe überrascht haben. Und er ihnen nur noch nackten Fußes und bloßen Leibes entkommen kann. Hinaus in die arktische Unendlichkeit. Und die unglaubliche Flucht gelingt! Eines Tages kehrt der Geflohene zurück. Aber er spürt nun nicht, wie George W. Bush oder Friedrich Merz, den kalten Dolch der Rache im Herzen. Sondern er stiftet heißen Herzens Versöhnung. Ein wahrer Gletscher-Nathan, ein Polarkreis- Sarastro! Sein Name ist so schön wie seine Gesinnung: Atanarjuat. Leider ist der edle Mann ziemlich weit von uns entfernt. Eintausend Jahre und viele tausend Kilometer. Also können wir seine Geschichte auch nur im Kino mit Rührung verfolgen. Nachher, draußen im deutschen Regen, fragen wir uns verzagt, wo denn unsere Eskimos, unsere Eisläufer, unsere Heldenmänner und -frauen sind. An deren Kühnheit wir Verängstigten uns aufrichten könnten. Und da (o winterliches Wunder!) kommt der ersehnte Ritter schon vorbei. Dick vermummt zwar und auch nicht zu Fuß, ein herrlicher Anblick aber gleichwohl: Es ist ein Winter-Radfahrer. Einer also, der die Pfützen nicht fürchtet, nicht die Schlammlöcher und erst recht nicht den grausen Gegenwind. Einer, der sich nicht, wie die Millionenschar der opportunistischen Sommer-Radfahrer, feige nach dem Wetter wendet, sondern der den widrigen Zeiten trotzig, und manchmal sogar mit einem wilden Lachen, entgegenfährt. Der hierfür natürlich einen potenten Assistenten braucht: ein Winterfahrrad also, von solider, stämmiger, ja gleichsam mütterlicher Bauweise. Und eben nicht eines jener eitlen, flittchenhaften Gefährte, mit denen sich der dekadente Saison-Radfahrer so gern brüstet. Der Chinese, um auch ihn noch als Vorbild zu erwähnen, zeigt uns ja, wohin das jahrzehntelange, das furchtlose, das fanatische Fahrradfahren die Menschheit führen kann: vom Velo direkt hinein in den Transrapid. Anders gesagt: vom alten Drahtesel hinaus in die Zukunft. Ein großartiger, ein herzerwärmender, ein geradezu erhitzender Gedanke ist das, der das gefrorene Meer in uns schneller aufbricht als jede Axt. Schluss jetzt! Schnell jetzt raus aus den Kleidern!