(SZ) In einer Zeit, die nichts mehr heilig hält, ist es beruhigend, wenn sich wenigstens auch ein heidnischer Fluch als wirkungslos erweist. Jahrzehntelang hat, gefördert durch Film und Presse, die Geschichte angenehmes Gruseln geweckt, dass alle, die 1923 an der Öffnung des Grabes von Pharao Tut- ench-Amun beteiligt waren, ein unzeitiges Ende fanden. Als erster starb nachweisbar Lord Carnarvon, der die Expedition finanziert hatte: Nur zwei Monate später stach ihn eine ägyptische Mücke, Sepsis folgte, und schon befand er sich bei König Tut. Zur nämlichen Stunde heulte der rüstige Bullmastiff des Lords auf, streckte die Pfoten und wurde vom hundsköpfigen Totengott Anubis ins Schattenreich überführt. Seinen Kanarienvogel verschlang bei Luxor eine Cobra der Art, wie sie die goldene Totenmaske des Pharaos krönt. Konsequent erfasste die Verwünschung (oder ihre Legende) Ausgräber, Journalisten, Kolonial-Briten und anwesende Angehörige des belgischen Königshauses. Jetzt hat im British Medical Journal ein Forscher nachgewiesen, dass jene 25 Personen, die an der Grabschändung beteiligt waren, in Wahrheit ein Durchschnittsalter von 70 Jahren erreichten. "Auf schnellen Flügeln wird der Tod zu dem kommen, der den Frieden des Königs stört." So hatte angeblich der Fluch gelautet, festgehalten freilich in Hieroglyphen, die nicht jeder lesen kann. Altorientalische Herrscher gebrauchten gern solche Formeln. Auch der usbekische Nationalheld Tamerlan ließ in die Kuppel seines Mausoleums schreiben, dass späteren Völkern, die seine Ruhe verletzten, schweres Unheil drohe. Das hielt sowjetische Archäologen nicht davon ab, sein Grab in Samarkand just am 22. Juni 1941 zu öffnen, als die Deutschen gerade in den fernen Westen der Sowjetunion einfielen. Dass diese das Unternehmen Barbarossa in letzter Stunde abgeblasen hätten, wären die russischen Ausgräber auf das Flehen der Usbeken eingegangen, ist allerdings nicht nachweisbar. Bleibt für Geschichtskabbalisten noch der Mord an John F. Kennedy. Beim Spiel mit Zahlen und Namen fielen ihnen seltsame Parallelen zu Abraham Lincoln auf. Lincoln zog 1846 in den Kongress ein, Kennedy 1946. Zum Präsidenten wurde Lincoln 1860 gewählt, Kennedy 1960. Lincoln hatte einen Sekretär namens Kennedy, der ihn davor warnte, in jenes Theater zu gehen, wo er erschossen wurde. Kennedys Sekretär hieß Lincoln und riet ihm von seiner fatalen Reise nach Dallas ab. Lincolns Mörder floh nach dem Attentat in ein Lagerhaus, Kennedys Mörder aus dem Lagerhaus, aus dem er geschossen hatte, in ein Lichtspieltheater. Lincolns Nachfolger hieß Andrew Johnson und war Jahrgang 1808. Kennedys Nachfolger wurde Lyndon Johnson, Jahrgang 1908. Und beide Johnsons, weder verwandt noch verschwägert, waren Südstaatler!