(SZ)Immer wieder drohen die Menschen nun in diesen unendlichen, gestaltlosen Raum zu stürzen, der wohl einen Eingang hat, aber kein Ausgangstor: ein Abgrund ohne Grund, in dem Wesen und Dinge durcheinanderwirbeln ohne die gewöhnliche Ordnung. In einem solchen Raum ist das Gefüge verrückt, das Verrückte die Norm, und die Begegnungen sind von der anderen Art. Man muss sich das so vorstellen, dass auf einmal Franz Müntefering vorbeitreibt, der gute, alte Franz der SPD, ein Transparent in den Händen, auf dem steht: "Hab nichts zu sagen, sag auch nichts." Fußballer mit eckigen Köpfen balancieren elliptische Bälle. Allüberall schweben Zwieback- Tüten durch das gähnende Loch, vorn drauf das kerngesunde Gesicht des Roland Koch, lächelnd und mit Schnuller im Mund. Ein schwereloser Edmund Stoiber dreht sich um die eigene Achse, fest verhakt und verbandelt mit Renate Künast im neckischen Dirndl. So könnte es sein im Chaos. Das Chaos aber, so scheint's seine Art zu sein, droht nur unablässig. Chaos haben sie uns verheißen, als Blitzregen dräute. Chaos plus Tohuwabohu, weil Blitzregen sich paarte mit den Streiks der Müllmänner und Busfahrer. Unvorstellbares Chaos gar soll bald herrschen in den Läden der Republik, wenn ein Pflichtpfand auf Dosengetränke erhoben wird. Wo aber bist du, Chaos, wo bleibst du? Und wo ist dein Stachel? Ruhige, zufriedene Menschen suchen sich ihren Weg, wenn Busse und U-Bahnen stillstehn. Eis ist zum Rutschen da, und rutscht einer zu weit, hält ihn ein anderer fest. So kommen sich Menschen näher. Und das Pflichtpfand? Wie einfach das ist, man hätte schon früher draufkommen können! Ein Laden nach dem anderen verzichtet nun ganz auf die sperrige Dosenware. Zufriedene Kunden können es lohnen. Streiks drohen noch, so wie es aussieht. Aber sie bringen, das zeigten die ersten Tage schon klar, nicht Chaos, sondern ein neues Bewusstsein. Merken doch manche, dass Bewegung möglich ist, ohne zu walken und joggen. Mensch, man kann gehen, ganz ohne Laufband! Zwei, drei Trambahnstationen weit, manche gehen noch weiter, bis zum Äußersten also, ohne Schaden an Körper und Seele zu nehmen. Sogar Rad fahren ist möglich, sagen sich manche erstaunt in den Städten, Rad fahren im Freien! Wacklig tun sie die ersten Tritte in die Pedale, weil ihnen die Stützräder fehlen. Daheim trägt der Bubi den Müll zum Container, doch der ist schon voll. Überrascht nimmt er zur Kenntnis, dass es nicht die Heinzelmännchen sind, die gewöhnlich den Abfall entsorgen, sondern die Müllmänner. Kommen sie morgen nicht, kommen sie übermorgen. Chaos, wo, Chaos wie? Schade eigentlich, schon wegen der abgrundtiefen Begegnung von Stoiber und Künast.