(SZ)Schweigen ist Gold, sagt das Sprichwort. Stattdessen füllt sich die Luft mit Gewisper, kriechen Gerüchte heran, sickern Halbwahrheiten durch, werden Verschwiegenheiten durchbrochen. Mit einem Wort: Verrat. Überall breitet er sich aus. Immerzu drohen Aufdeckung und Enthüllung, brutalstmögliche sogar. Keine Verschwörung, der nicht Entlarvung, keine geheime Gesellschaft, der nicht Offenlegung blühte. Der Boden unseres Vertrauens schwankt: der Staat ein Einfallstor für Saboteure, die Bürger ein dauerndes Gefahrenpotenzial, dem nur mit Ausspähung und Abhörung beizukommen ist. War da nicht der Geheimdienst der einzige Halt, der Fels in der Brandung von Preisgabe und Geschwätzigkeit? Nun lieben alle Bond, James Bond, bei dessen Ruhm man sich allerdings wundern muss, dass immer noch irgendein Schurke auf der Welt existiert, der 007 nicht sofort erkennt und erledigt. Jenseits solch falschen Glamours gibt es jedoch die aufopferungsvollen Männer und Frauen, die ihrer selbstverständlich verdeckten Arbeit als Belauscher, Beschatter und Spione nachgehen. Streng genommen dürfte überhaupt niemand außerhalb der Dienste etwas von ihrer Existenz wissen. Was waren das für Zeiten, als von BND-Chef Gehlen oder DDR-Aufklärungschef Wolf über Jahrzehnte hin nur je ein verhuschtes Foto mit Sonnenbrille existierte. Was war Pullach für eine geheimnisumwitterte Trutzburg schweigender Undurchdringlichkeit, in die unsichtbare Agenten ihre mit feinen Spürgeräten gewonnenen Erkenntnisse zur Auswertung lieferten. Vorbei, vorbei, so scheint es, wenn schon der einstige Gegner, Markus Wolf, längst bekannt ist wie ein bunter Hund und aus seinem Leben erzählt, als habe er nur fürs Bücherschreiben spioniert. Wenn aber nächstes Jahr in Berlin ein so genannter Fan-Shop eröffnet wird, in dem es T- Shirts, Mützen, Unterhosen, Taschenmesser, Golfbälle und anderes, verziert mit dem BND-Logo oder gar dem Vollnamen "Bundesnachrichtendienst", zu kaufen gibt, ist man schockiert. Geheim und öffentlich stehen in logischem, unüberbrückbarem Gegensatz. Bislang dienten solche Artikel der verschworenen Gemeinschaft der Schlapphüte als Zeichen innerer Identität. Wenn nun jedermann einen Slip mit der Aufschrift "Verschlusssache" tragen kann, bleibt nichts übrig vom Mythos. Das ist reine Öffentlichkeitsarbeit! Sicher, der human factor, wir haben verstanden. Wenn sonst nur Drohnen und Satelliten auf Enttarnungsflug sind, nur noch Maschinen mechanisch die Ohren spitzen und kalt lugen, dann braucht es einen Hauch von menschelnder Wärme. Noch werden Rückennummern der beliebtesten Agenten nicht angeboten, noch nicht. Wenn das kommt, können wir es verstehen, aber nicht billigen.