(SZ) Heute schreiben wir mal ein richtig misanthropisches Streiflicht, gell. Oder haben Sie etwa nicht die Berichte darüber gelesen, wie Deutschland nach der großen Flut mit der großen Spendenflut umgeht? Hätte man sich ja gleich denken können: Raffsüchtig werden die Empfänger sein und sich, wenn irgendwo gespendetes Klopapier herumsteht, mit Drei-Lagen-Material für das nächste Jahrhundert eindecken; ist aber noch preiswert, wenn man es mit Firmen vergleicht, die vor dem großen Wasser schon abgesoffen waren und nun mit Geldern aus den Hilfsprogrammen, die ihnen nicht zustehen, ihre Schäfchen und Bilanzen ins Trockene bringen. Was im Übrigen die Spender angeht, weiß man ja, dass sie nur auf die Gelegenheit gewartet haben, die verpinkelten Unterhosen ihrer Kinder und ihre verrosteten Kühlschränke loszuwerden, um dafür ein paar Bonuspunkte einzuhandeln später an der Himmelspforte. Ende des misanthropischen Teils, wir wollen uns ja nicht selber hassen. Denn wie ergeht es uns denn, wenn wir vor dem Fernseher einen Vulkanausbruch, eine Hungersnot serviert bekommen? Wir drücken auf den Einschaltknopf für unser persönliches Krisenbewältigungsprogramm: Als Erstes wird uns ein wenig schlecht, dann bitten wir die Gattin um ein Glas Wein, inzwischen sind auch schon die Spendenkonten eingeblendet, nur haben wir leider nichts zum Schreiben zur Hand. Wenn wir uns am nächsten Tag trotzdem noch an die Katastrophe erinnern können, überweisen wir ein paar Euro, samt 50 Prozent unseres schlechten Gewissens, das uns kurz übermannt hat, als wir realisiert haben, dass sich das Essen in der Sahel-Zone nicht wirklich messen kann mit dem T-Bone-Steak, das heute bei uns serviert wurde. War vielleicht auch dieser zweite Teil des Textes zu misanthropisch? Das täte uns jetzt Leid, denn ehrlich gesagt: sehr viel edler und besser (oder gar hilfreicher) sind wir in der Regel nicht gestrickt - wir Betrachter, Konsumenten, Verarbeiter fremden Elends. Daran ändert kein Goethe was und kein noch so positives Streiflicht. Wahrscheinlich sollten wir nicht einmal versuchen, die jeweiligen Motive unseres Edelmuts nach ihrem Wert zu sortieren. Es kann ja die Welt auch besser machen, wenn wir bei der Caritas-Sammlung (Schau den Maier an, gibt nur fünf Euro) nur den knickrigen Nachbarn blamieren wollen... Was hat sich übrigens St. Martin gedacht, unser Heiliger vom Tage, als er seinen Mantel für den Bettler mit dem Schwert in zwei Teile zerschnitten hat? Was soll der Verwalter im Dresdner Spendenlager mit einem halben Mantel anfangen? Am besten binden wir alle unsere Eigenschaften in ihn hinein und geben ihn an der nächsten Kirchenpforte ab, ohne eine Spendenquittung zu verlangen. Vielleicht hülfe uns das sogar über unsere Anfälle von Misanthropie hinweg.