(SZ)Das Grauen. Das Grauen, damals, im Jahre 1991. Polizei- Anthropologen hatten gerade den angeblichen Schädel Wolfgang Amadeus Mozarts vermessen und lieferten eine computergenerierte Weichteil-Rekonstruktion seiner Physiognomie: Hamsterbacken, Hasenzähne, Blatternarben, stechender Blick aus engem Aug'. Kurz, ein Monstrum, unvereinbar mit dem freundlichen Menschen, der uns von der Mozartkugel anlächelt und den wir hinter der "Zauberflöte" vermuten. Das Horror-Antlitz veröffentlichten die Polizisten im Glauben, dem Publikum zum Mozartjahr etwas Gutes zu tun. Sie ernteten heftige Zweifel. Einige Jahre später verkündeten Wissenschaftler, der 1833 in Ansbach ermordete Findling Kaspar Hauser könne keinesfalls, wie oft vermutet, ein Abkömmling des Hauses Baden sein. Die Gen-Analyse von Blutflecken in einem Fetzen seiner Unterhose beweise das Gegenteil. Das Ergebnis wurde äußerst skeptisch aufgenommen und vor Kurzem widerlegt. So fällt die Reaktion immer aus, wenn sich die Wissenschaft in Menschheitsrätsel einmischt. Auch jetzt, da die amerikanische Krimischreiberin Patricia Cornwell behauptet, die Identität von Jack the Ripper, dem Vater aller Serienmörder, endgültig geklärt zu haben. Der spätimpressionistische Maler Walter Richard Sickert, ein gebürtiger Münchner, soll es gewesen sein, der 1888 in London fünf Prostituierte ermordete. Frau Cornwell ließ DNS-Spuren des Künstlers mit jenen vergleichen, die an einem (angeblich) gerade erst aufgetauchten Brief des Rippers hafteten. Zum Behufe der Gen-Gewinnung zerschnitt sie unter anderem eins von Sickerts Gemälden. Jetzt ist sie sicher: Der war's. Abgesehen von solch kunstschändenden Recherche-Methoden - wer muss, wer will das wissen? Müssen wir uns von Profilneurotikern mit der Behauptung belästigen lassen, Edward de Vere, Earl of Oxford, sei Autor der Werke, die traditionell dem Stratforder Schauspieler William Shakespeare zugeschrieben werden? Wem ist mit der Erkenntnis gedient, dass der Mann mit der eisernen Maske kein Zwillingsbruder Ludwigs XIV., sondern ein Kriegsverbrecher namens Vivien de Bulonde war? Von Nessie, Yeti und Bigfoot ganz zu schweigen. DNS hin, Weichteil-Rekonstruktion her - all diese Gestalten, so unterschiedlich gut ihre Existenzen dokumentiert sein mögen, verdanken ihre Unsterblichkeit dem Ungreifbaren. Sie manifestieren sich in dem, was sie hinterlassen - und seien es nur fünf halbverwehte Fußspuren im Schnee oder fünf Leichen im Nebel von Whitechapel. Davon zehren Dichter, Barden, Spintisierer und unsere eigene Phantasie. Das Zerschneiden bedeutender Gemälde und das Prüfen längst eingetrockneten Blutes in Unterhosen muss in Zukunft unterbleiben: Mythen gehören nicht in Tüten.