(SZ)Wer in die Jahre gekommen ist und eine katholische Kindheit hatte, der weiß, dass die wichtigste Erscheinung des ganzen Kirchenjahrs der "Krippenmohr" war. Freudig erinnert er sich an die bemalte Gipsfigur eines Afrikaners, der kniend eine flache Schale hielt; in deren Boden war ein Schlitz eingeschnitten, in den man eine Münze warf. Fiel das Zehnerl hinein, dann nickte der "Krippenmohr" zum Dank mit seinem Gipskopf. Das war lustig anzusehen, und zusätzlich hatte das Kind das beglückende Gefühl, etwas Gutes getan, der Heidenmission, wie es damals noch ganz selbstverständlich hieß, immerhin ein Zehnerl geopfert zu haben. Wer einen größeren Betrag, das Taschengeld mehrerer Monate, für die Mission spendete, der erwarb sich damit den Anspruch, ein Heidenkind auf einen vom Spender gewählten Namen taufen zu lassen. Das war eine unheimliche, eine dunkle Lockung, der das Kind aber widerstand. Nicht aus Geiz, sondern aus der Ahnung heraus, wie unglücklich das einstige Heidenkind sein würde, würde es von seiner Mutter mit "Oskar" oder gar "Siegwarth" vom ausgelassenen Spiel am Ufer des Limpopo zum Mittagessen im Familienkreis gerufen. Der nickende Krippenmohr ist aus den Kirchen verschwunden, auch im Namen einer neuen, fürsorglichen Korrektheit. Stattdessen kommen sie nun leibhaftig zu uns, aus allen Ländern des schwarzen Afrika. Zum Beispiel die kleine Tabita Mubilanzila, fünf Jahre alt, im Kongo geboren, auf dem Brüsseler Flughafen aufgegriffen. Dort acht Wochen im Transitlager untergebracht, dann "ausgeschafft" vom belgischen Innenminister Antoine Duquesne. Per Linienflug nach Kinshasa gebracht, dem ehemaligen Leopoldville, an dem noch immer das Herz mancher Belgier hängt. Sicher hat sich der Minister gesagt, verglichen mit dem Transitlager ist der Kongo das reinste Kinderparadies, auch wenn Tabita dort keine Angehörigen mehr hat. Dass die Mutter im kanadischen Ottawa lebt, musste ihn wohl nicht irritieren. Die Europäer schicken Immigrantenkinder in ihrer Fürsorge lieber dorthin, woher diese gekommen sind. Wer seine Heimat liebt, will sie auch den anderen zurückgeben. Irritierend nur für Herrn Duquesne, dass die belgische Öffentlichkeit sich über diese Art von Heimatliebe empörte. So sehr, dass Tabita nun wieder "verschubt" werden soll, diesmal zur Mutter nach Kanada. Aber ist es nicht eine schöne Geste, dass die belgische Regierung auch diesen Flug bezahlt? Das Kind kommt wirklich in der Welt herum, und das in jungen Jahren. Belgien ist schon ein kinderfreundliches Land, vergessen Sie Ihre Vorurteile. Ein Land, das seine Mohren nicht mehr mit kleiner Münze abspeist, wenn sie nur brav außer Landes bleiben.