(SZ) Sollen wir sein wütend? Traurig? Sollten wir aufrufen zum Widerstand? Zur Verweigerung, weil nach 170 Jahren das Prinzip freien Eisenbahnreisens mit einem höhnischen: Der Markt will es so! von Kulturbanausen, Tariffetischisten und Berger-McKinsey-Jüngern außer Kraft gesetzt wird? Bahnchef Mehdorn hat ja Glück, dass Herbert Wehner bei den Seligen weilt; der würde ihn vielleicht was heißen! Aber langsam, immer langsam voran, damit der Veräppelte mitkommen kann. Zuerst also Wutwörter. Wutwörter, herausgestoßen von leidenschaftlichen Vielfahrern und Vielzahlern, welche da lauten: Tarifreform. Bahncard. Strafgeld. Unwirtlichkeit der ICE. Und über allem ein schäbiger Paradigmenwechsel, wie man heute zu sagen pflegt, der Bahn, weil sie uns künftig "reguliert", weil sie ihre wichtigsten Kunden - spontane, des Fahrplanlesens kundige Individualisten - kastriert und in einen voraus planenden, voraus löhnenden "Frühbucher" verwandelt, mit halbierter Bahncard versteht sich. Welcher Strafzölle zu entrichten hat, wenn er sich untersteht, einen anderen, nächsten, früheren, späteren Zug zu nehmen. Nehmen wir Peter Bichsel, zum Beispiel. Schriftsteller. Schweizer. Es ist seine Lust, einen Zug zu besteigen, "wenn ich Zeit brauche". Lesend, schreibend, denkend. Bichsel weiter. "Ich wusste, dass hier im Zug die Zeit lang wird. Eisenbahnfahren verlängert das Leben." Aber dann, wenn die eigentlich erwünschten Menschen Bichsel einmal zu viel werden, dann steigt er aus, "irgendwo, gehe spazieren. Und wenn sie mir fehlen, steige ich wieder ein". Doch die Mehdorns mögen solche Bichsel-Reisenden nicht mehr. Strafe zahle, dass es brummt, wer unterwegs Gänseblümchen pflückt. Bloß keine Genüsse auf und mit der Deutschen Bahn. Erwünscht der gehorsame Frühbucher. Noppensocken im Aktenköfferchen, an Laptop. Weiter. Das Klo? Eng und enger. Sitze kalt und kälter. Die zeitgenössischen Führer der Bahn AG mögen ihr Tarifschema (neu) als Genuss empfinden, im Kopf haben sie nicht für einen Cent Phantasie, Einfallsreichtum oder gar Eisenbahngeschichte. Nicht kommt es darauf an, einen Flieger zu simulieren (und triste Spundwände zu durchrasen), sondern mit der Bequemlichkeit vergangener Tage zu locken, unseretwegen auch nostalgische Wagen nach Art der Holzklasse einzurichten, himmlische holsteinische Fasanen auf der Fahrt nach HH zu servieren. Vor allem aber ist der Unfug eines Tarifsystems rückgängig zu machen, welches den gewöhnlichen, irdischen, gutwilligen, geduldigen Reisenden kujoniert und jede Lust verdirbt am genuinen Reichtum der schienengebundenen Fortbewegung. Auf den Tischchen des "Sprinter" München-Frankfurt/Main, Ziel: Buchmesse, waren zwei Wörter: "Keine Bedienung"! Ja so ist sie, die Mehdorn- Bahn.