The Project Gutenberg EBook of Kater Martinchen, by Ernst Moritz Arndt
#2 in our series by Ernst Moritz Arndt

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Title: Kater Martinchen

Author: Ernst Moritz Arndt

Release Date: October, 2004 [EBook #6724]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on January 20, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KATER MARTINCHEN ***




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Kater Martinchen

Ernst Moritz Arndt

Einundzwanzig vorpommersche Sagen


Inhalt:

Geschichte von den sieben bunten Musen
Prinzessin Svanvithe
Der Riese Balderich
Die Unterirdischen in den Neun Bergen bei Rambin
Abenteuer des Johann Dietrich
Das Silberglckchen
Der glserne Schuh
Der Alte von Granitz
Der Falscheid
Rattenknig Birlibi
Das brennende Geld
Kater Martinchen
Thrin Wulfen
De Krger van Poseritz
De Brgg bi Slemmin
Schipper Gau un sin Puk
De witte Fru to Lbnitz
De Prester un de Dwel
De Wewer un de Steen
Die alte Burg bei Lbnitz
Der Rabenstein




Geschichte von den sieben bunten Musen


Vor langer, langer Zeit wohnte in Puddemin ein Bauer, der hatte eine
schne und fromme Frau, die fleiig betete und alle Sonntage und
Festtage zur Kirche ging, auch den Armen, die vor ihre Tre kamen,
gern gab.  Es war berhaupt eine freundliche und mitleidige Seele und
im ganzen Dorfe und Kirchspiele von allen Leuten geliebt.  Nie hat
man ein hartes Wort von ihr gehrt, noch ist ein Fluch und Schwur
oder andere Ungebhr je aus ihrem Munde gegangen.  Diese Frau hatte
sieben Kinder, lauter kleine Dirnen, von welchen die lteste zwlf
und die jngste zwei Jahr alt war: hbsche, lustige Dingelchen.
Diese gingen alle bereins gekleidet, mit bunten Rckchen und bunten
Schrzen und roten Mtzchen; Schuhe aber und Strmpfe hatten sie
nicht an, denn das htte zuviel gekostet, sondern gingen barfu.  Die
Mutter hielt sie nett und reinlich, wusch und kmmte sie morgens frh
und abends spt, wann sie aufstanden und zu Bett gingen, lehrte sie
lesen und singen und erzog sie in aller Freundlichkeit und
Gottesfurcht.  Wann sie auf dem Felde was zu tun hatte oder weit
ausgehen mute, stellte sie die lteste, welche Barbara hie, ber
die andern; diese mute auf sie sehen, ihnen was erzhlen, auch wohl
etwas vorlesen.  Nun begab es sich einmal, da ein hoher Festtag war
(ich glaube, es war der Karfreitag), da ging die Bauerfrau mit ihrem
Manne zur Kirche und sagte den Kindern, sie sollten hbsch artig sein;
der Barbara aber und den nchst lteren gab sie ein paar Lieder auf
aus dem Gesangbuche, die sie auswendig lernen sollten.  So ging sie
weg. Barbara und die andern Kinder waren anfangs auch recht artig;
die lteren nahmen die Bcher und lasen, und die kleinsten saen
still auf dem Boden und spielten.  Als sie so saen, da erblickte das
eine Kind etwas hinter dem Ofen und rief: "O seht!  Seht!  Was ist
das fr ein schner und weier Beutel!"  Es war aber ein Beutel mit
Nssen und pfeln, den die Mutter des Morgens da hingehngt hatte
und den sie des Nachmittags einem ihrer kleinen Paten bringen wollte.
Die meisten Kinder sprangen nun alsbald auf und guckten danach, und
auch Barbara, die lteste, stand auf und guckte mit.  Und die Kinder
flsterten und sprachen dies und das ber den schnen Beutel und was
wohl darin sein mchte.  Und es gelstete sie so sehr, es zu wissen,
und da ri eines den Beutel von dem Nagel, und Barbara ffnete die
Schnur, womit er zugebunden war, und es fielen pfel und Nsse
heraus.  Und als die Kinder die pfel und Nsse auf dem Boden
hinrollen sahen, vergaen sie alles, und da es Festtag war, und was
die Mutter ihnen befohlen und aufgegeben hatte; sie setzten sich hin
und schmausten pfel und knackten Nsse und aen alles rein auf.
Als nun Vater und Mutter um den Mittag aus der Kirche zu Hause kamen,
sah die Mutter die Nuschalen auf dem Boden liegen, und sie schaute
nach dem Beutel und fand ihn nicht.  Da erzrnte sie sich und ward
bse zum ersten Male in ihrem Leben und schalt die Kinder sehr und
rief: "Der Blitz!  Ich wollte, da ihr Mausemrten alle zu Musen
wrdet!"  Der Schwur war aber eine groe Snde, besonders weil es ein
so heiliger und hoher Festtag war; sonst htte Gott es der Buerin
wohl vergeben, weil sie doch so fromm und gottesfrchtig war.  Kaum
hatte die Frau das schlimme Wort aus ihrem Munde gehen lassen, so
waren alle die sieben niedlichen Kinderchen weg, als htte sie ein
Wind weggeblasen, und sieben bunte Muse liefen in der Stube herum
mit roten Kpfchen, wie die Rcke und Mtzen der Kinder gewesen waren.
Und Vater und Mutter erschraken so sehr, da sie htten zu Stein
werden mgen.  Da kam der Knecht herein und ffnete die Tre, und die
sieben bunten Muse liefen alle zugleich hinaus und ber die Flur auf
den Hof hin; sie liefen aber sehr geschwind.  Und als die Frau das
sah, konnte sie sich nicht halten, denn es war ihr im Herzen, als
wren die Muse ihre Kinder gewesen; und sie strzte sich aus der
Tre hinaus und mute den Musen nachlaufen.

Die sieben bunten Muse aber liefen den Weg entlang aus dem Dorfe
heraus, immer sporenstreichs; und so liefen sie ber das Puddeminer
Feld und das Gnzer Feld und das Schoritzer Feld und durch die Krewe
und die Dumsevitzer Koppel.  Und die Mutter lief ihnen auer Atem
nach und konnte weder schreien noch weinen und wute nicht mehr, was
sie tat.  So liefen die Muse ber das Dumsevitzer Feld hin und in
einen kleinen Busch hinein, wo einige hohe Eichen standen und in der
Mitte ein spiegelhellen Teich war.  Und der Busch steht noch da mit
seinen Eichen und heit der Musewinkel.  Und als sie in den Busch
kamen und an den Teich im Busche, da standen sie alle sieben still
und guckten sich um, und die Bauerfrau stand dicht bei ihnen.  Es war
aber, als wenn sie ihr Adje sagen wollten.  Denn als sie die Frau so
ein Weilchen angeguckt hatten, plump!  Und alle sieben sprangen
zugleich ins Wasser und schwammen nicht, sondern gingen gleich unter
in der Tiefe.  Es war aber der helle Mittag, als dies geschah.  Und
die Mutter blieb stehen, wo sie stand, und rhrte keine Hand und
keinen Fu mehr, sie war auch kein Mensch mehr.  Sie ward stracks zu
einem Stein, und der Stein liegt noch da, wo sie stand und die
Muslein verschwinden sah; und das ist dieser groe runde Stein, an
welchem wir sitzen.  Und nun hre mal, was nach diesem geschehen ist
und noch alle Nacht geschieht!  Glocke zwlf, wann alles schlft und
still ist und die Geister rundwandeln, da kommen die sieben bunten
Muse aus dem Wasser heraus und tanzen eine ganze ausgeschlagene
Stunde, bis es eins schlgt, um den Stein herum.  Und sie sagen, dann
klingt der Stein, als wenn er sprechen knnte.  Und das ist die
einzige Zeit, wo die Kinder und die Mutter sich verstehen knnen und
voneinander wissen; die brige Zeit sind sie wie tot.  Dann singen
die Muse einen Gesang, den ich dir sagen will, und der bedeutet ihre
Vernderung, oder da sie wieder in Menschen verwandelt werden knnen.
Und dies ist der Gesang:

Herut! herut!
Du junge Brut!
Din Brdegam schall kamen;
Se hebben di
Doch gar to frh
Din junges Leben namen.

Sitt de recht up'n Steen,
Wat he Flesch un Been,
Und wi gan mit dem Kranze:
Sven Junggesell'n
Uns fhren schl'n
Juchhe! to'm Hochtidsdanze.

Und nun will ich dir sagen von dem Gesange, was er bedeutet.  Die
Muse tanzen nun wohl schon tausend Jahre und lnger um den Stein,
wann es die Mitternacht ist, und der Stein liegt ebensolange.  Es
geht aber die Sage, da sie einmal wieder verwandelt werden sollen,
und das kann durch Gottes Gnade nur auf folgende Weise geschehen:

Es mu eine Frau sein gerade so alt, als die Buerin war, da sie aus
der Kirche kam, und diese mu sieben Shne haben gerade so alt, als
die sieben kleinen Mdchen waren.  Sind sie eine Minute lter oder
jnger, so geht es nicht mehr.  Diese Frau mu an einem Karfreitage
gerade um die Mittagszeit, als die Frau zu Stein ward, mit ihren
sieben Shnen in den Busch kommen und sich auf den Stein setzen.  Und
wenn sie sich auf den Stein setzt, so wird der Stein lebendig und
wird wieder in einen Menschen verwandelt, und dann steht die
Bauerfrau wieder da, leibhaftig und in eben den Kleidern, die sie
getragen, als sie den Musen nachgelaufen zu diesem Mausewinkel.  Und
die sieben bunten Muse werden wieder zu sieben kleinen Mdchen in
bunten Rcken und mit roten Mtzen auf dem Kopf.  Und jedes kleine
Mdchen geht zu dem kleinen Knaben hin, der sein Alter hat, und sie
werden Braut und Brutigam.  Und wann sie gro werden, so halten sie
Hochzeit an einem Tage und tanzen ihre Krnze ab.  Und es sollen die
schnsten Jungfrauen werden auf der ganzen Insel, sagen die Leute,
und auch die glcklichsten und reichsten, denn alle diese Gter und
Hfe hier umher sollen ihnen gehren.  Aber ach, du lieber Gott, wann
werden sie verwandelt werden?




Prinzessin Svanvithe


Du hast wohl von der Sage gehrt, da hier bei Garz, wo jetzt der
Wall ber dem See ist, vor vielen tausend Jahren ein groes und
schnes Heidenschlo gewesen ist mit herrlichen Husern und Kirchen,
worin sie ihre Gtzen gehabt und angebetet haben.  Dieses Schlo
haben vor langer, langer Zeit die Christen eingenommen, alle Helden
totgeschlagen und ihre Kirchen umgeworfen und die Gtzen, die darin
standen, mit Feuer verbrannt; und nun ist nichts mehr brig von all
der groen Herrlichkeit als der alte Wall und einige Leuschen, welche
die Leute sich erzhlen, besonders von dem Mann mit Helm und Panzer
angetan, der auf dem weien Schimmel oft ber die Stadt und den See
hinreitet.  Einige, die ihn nchtlich gesehen haben, erzhlen, es sei
der alte Knig des Schlosses, und er habe eine gldene Krone auf.
Das ist aber alles nichts.  Da es aber um Weihnachten und Johannis
in der Nacht aus dem See klingt, als wenn Glocken in den Kirchen
gelutet werden, das ist wahr, und viele Leute haben es gehrt, und
auch mein Vater.  Das ist eine Kirche, die in den See versunken ist,
andere sagen, es ist der alte Gtzentempel.  Das glaub' ich aber
nicht; denn was sollten die Helden an christlichen Festtagen luten?
Aber das Klingen und Luten im See ist dir gar nichts gegen das, was
im Wall vorgeht, und davon will ich dir eine Geschichte erzhlen.  Da
sitzt eine wunderschne Prinzessin mit zu Felde geschlagenen Haaren
und weinenden Augen und wartet auf den, der sie erlsen soll; und
dies ist eine sehr traurige Geschichte.

In jener alten Zeit, als das Garzer Heidenschlo von den Christen
belagert ward und die drinnen in groen Nten waren, weil sie sehr
gedrngt wurden, als schon manche Trme niedergeworfen waren und sie
auch nicht recht mehr zu leben hatten und die armen Leute in der
Stadt hin und wieder schon vor Hunger starben, da war drinnen ein
alter, eisgrauer Mann, der Vater des Knigs, der auf Rgen regierte.
Dieser alte Mann war so alt, da er nicht recht mehr hren und sehen
konnte; aber es war doch seine Lust, unter dem Golde und unter den
Edelsteinen und Diamanten zu kramen, welche er und seine Vorfahren im
Reiche gesammelt hatten und welche tief unter der Erde in einem
schnen, aus eitel Marmelsteinen und Kristallen gebauten Saale
verwahrt wurden.  Davon waren dort ganz groe Haufen aufgeschttet,
viel grere als die Roggen- und Gerstenhaufen, die auf deines Vaters
Kornboden aufgeschttet sind.  Als nun das Schlo zu Garz von den
Christen in der Belagerung so gengstet ward und viele der tapfersten
Mnner und auch der Knig, des alten Mannes Sohn, in dem Streite auf
den Wllen und vor den Toren der Stadt erschlagen waren, da wich der
Alte nicht mehr aus der marmornen Kammer, sondern lag Tag und Nacht
darin und hatte die Tren und Treppen, die dahin fhrten, dicht
vermauern lassen; er aber wute noch einen kleinen heimlichen Gang,
der unter der Erde weglief, viele hundert Stufen tiefer als das
Schlo, und jenseits des Sees einen Ausgang hatte, den kein Mensch
wute als er, und wo er hinausschlpfen und sich drauen bei den
Menschen Speise und Trank kaufen konnte.  Als nun das Schlo von den
Christen erobert und zerstrt ward und die Mnner und Frauen im
Schlosse gettet und alle Huser und Kirchen verbrannt wurden, da
kein Stein auf dem andern blieb, da fielen die Trme und Mauern
bereinander, und die Tre der Goldkammer ward gar verschttet; auch
blieb kein Mensch lebendig, der wute, wo der tote Knig seine
Schtze gehabt hatte.  Der alte Knig aber sa drunten bei seinen
Haufen Goldes und hatte seinen heimlichen Gang offen und hat noch
viele hundert Jahre gelebt, nachdem das Schlo zerstrt war; denn sie
sagen, die Menschen, welche sich zu sehr an Silber und Gold hngen,
knnen vom Leben nicht erlst werden und sterben nicht, wenn sie Gott
auch noch so sehr um den Tod bitten.  So lebte der alte, eisgraue
Mann noch viele, viele Jahre und mute sein Gold bewachen, bis er
ganz drr und trocken ward wie ein Totengerippe.  Da ist er denn
gestorben und auch zur Strafe verwandelt worden und mu nun als ein
schwarzer magerer Hund unter den Goldhaufen liegen und sie bewachen,
wenn einer kommt und den Schatz holen will.  Des Nachts aber zwischen
zwlf und ein Uhr, wann die Gespensterstunde ist, mu er noch immer
rundgehen als ein altes graues Mnnlein mit einer schwarzen
Pudelmtze auf dem Kopf und einem weien Stock in der Hand.  So haben
die Leute ihn oft gesehen im Garzer Holze am Wege nach Poseritz; auch
geht er zuweilen um den Kirchhof herum.  Denn da sollen vor alters
Heidengrber gewesen sein, und die Helden haben immer viel Silber und
Gold mit sich in die Erde genommen.  Das will er holen, darum
schleicht er dort, kann es aber nicht kriegen, denn er darf die
geweihte Erde nicht berhren.  Das ist aber seine Strafe, da er so
rundlaufen mu, wann andere Leute in den Betten und Grbern schlafen,
weil er so geizig gewesen ist.

Nun begab es sich lange nach diesen Tagen, da in Bergen ein Knig
von Rgen wohnte, der hatte eine wunderschne Tochter, die hie
Svanvithe; und sie war die schnste Prinzessin weit und breit, und es
kamen Knige und Frsten und Prinzen aus allen Landen, die um die
schne Prinzessin warben.  Und der Knig, ihr Herr Vater, wute sich
kaum zu lassen vor allen den Freiern und hatte zuletzt nicht Huser
genug, da er die Fremden beherbergte, noch Stlle, wohin sie und
ihre Knappen und Staller ihre Pferde zgen; auch gebrach es fast an
Hafer im Lande und Raum fr alle die Kutscher und Diener, die mit
ihnen kamen, und war Rgen so voll von Menschen, als es nie gewesen
seit jenen Tagen.  Und der Knig wre froh gewesen, wenn die
Prinzessin sich einen Mann genommen htte und die brigen Freier
weggereist wren.  Das lt sich aber bei den Knigen nicht so leicht
machen als bei andern Leuten, und mu da alles mit vieler
Zierlichkeit und Langsamkeit hergehen.  Die Prinzessin, nachdem sie
wohl ein ganzes halbes Jahr in ihrer einsamen Kammer geblieben war
und keinen Menschen gesehen, auch kein Sterbenswort gesagt hatte,
fand endlich einen Prinzen, der ihr wohl gefiel, und den sie gern zum
Mann haben wollte, und der Prinz gefiel auch dem alten Knige, da er
ihn gern als Eidam wollte.  Und sie hatten einander Ringe geschenkt,
und war groe Freude im ganzen Lande, da die schne Svanvithe
Hochzeit halten sollte, und hatten alle Schneider und Schuster die
Flle zu tun, die schnen Kleider und Schuhe zu machen, die zur
Hochzeit getragen werden sollten.  Der verlobte Prinz aber und
Svanvithens Brutigam hie Herr Peter von Dnemarken und war ein ber
die Maen feiner und stattlicher Mann, da seinesgleichen wenige
gesehen wurden.

Da, als alles in lieblicher Hoffnung und Liebe grnete und blhete
und die ganze Insel in Freuden stand und nur noch ein paar Tage bis
zur Hochzeit waren, kam der Teufel und sete sein Unkraut aus, und
die Luft ward in Traurigkeit verwandelt.  Es war nmlich allda an des
Knigs Hofe auch ein Prinz aus Polen, ein hinterlistiger und
schlechter Herr, sonst schn und ritterlich an Gestalt und Gebrde.
Dieser hatte manches Jahr um die Prinzessin gefreit und sie geplagt
Tag und Nacht; sie hatte aber immer nein gesagt, denn sie mochte ihn
nicht leiden.  Als dieser polnische Prinz nun sah, da es wirklich
eine Hochzeit werden sollte und da Herr Peter von Dnemarken zum
Treuliebsten der schnen Svanvithe erkoren war, sann er in seinem
bsen Herzen auf arge Tcke und wute es durch seine Knste so zu
stellen, da der Knig und alle Menschen glaubten, Svanvithe sei
keine zchtige Prinzessin und habe manche Nchte bei dem polnischen
Prinzen geschlafen.  Das glaubte auch Herr Peter und reiste pltzlich
weg; und der polnische Prinz war zuerst weggereist, und alle Knige
und Prinzen reisten weg. Und das Schlo des Knigs in Bergen stand
wst und leer da, und alle Freude war mit weggezogen und alle Geiger
und Pfeifer und alles Saitenspiel, die sich auf Turniere und Feste
gerstet hatten.  Und die Schande der armen Prinzessin klang ber das
ganze Land; ja in Schweden und Dnemark und Polen hrten sie es, wie
die Hochzeit sich zerschlagen hatte.  Sie aber war gewi unschuldig
und rein wie ein Kind, das aus dem Mutterleibe kommt, und war es
nichts als die greuliche Bosheit des verruchten polnischen Prinzen,
den sie als Freier verschmht hatte.

So ging es der armen Svanvithe, und der Knig, ihr Vater, war einige
Tage nach diesen Geschichten wie von Sinnen und wute nicht von sich,
und ihm war so zumute, da er sich htte ein Leid antun knnen von
wegen seiner Tochter und von wegen des Schimpfes, den sie auf das
ganze knigliche Haus gebracht hatte.  Und als er sich besann und
wieder zu sich kam und die ganze Schande bedachte, worein er geraten
war durch seine Tochter, da ergrimmte er in seinem Herzen, und er
lie die schne Svanvithe holen und schlug sie hart und zerraufte ihr
Haar und stie sie dann von sich und befahl seinen Dienern, da sie
sie hinausfhrten in ein verborgenes Gemach, da seine Augen sie
nimmer wiedershen.  Darauf lie er in einen mit dichten Mauern
eingeschlossenen und mit dunklen Bumen beschatteten Garten hinter
seinem Schlosse einen dstern Turm bauen, wo weder Sonne noch Mond
hineinschien, da sperrte er die Prinzessin ein.  Der Turm, den er
hatte bauen lassen, war aber fest und dicht und hatte nur ein
einziges kleines Loch in der Tre, wodurch ein wenig Licht hineinfiel
und wodurch der Prinzessin die Speise gereicht ward.  Es war auch
weder Bett noch Tisch oder Bank in dem traurigen Gefngnis; auf
harter Erde mute die liegen, die sonst auf Sammet und Seiden
geschlafen hatte, und barfu mute die gehen, die sonst in goldenen
Schuhen geprangt hatte.  Und Svanvithe htte sterben mssen vor
Jammer, wenn sie nicht gewut htte, da sie unschuldig war, und wenn
sie nicht zu Gott htte beten knnen.  Sie aber war ein sehr junges
Kind, als sie eingesperrt ward, erst sechzehn Jahre alt, schn wie
eine Rose und schlank und wei wie eine Lilie, und die Menschen, die
sie liebhatten, nannten sie nicht anders als des Knigs
Lilienstengelein.  Und dieses se Lilienstengelein sollte so
jmmerlich verwelken in der kalten und einsamen Finsternis.

Und sie hatte wohl drei Jahre so gesessen zwischen den kalten Steinen,
und auch der alte Knig war nicht mehr froh gewesen seit jenem Tage,
als der polnische Prinz sie in die groe Schande gebracht hatte,
sondern sein Kopf war schneewei geworden vor Gram wie der Kopf einer
Taube; aber vor den Leuten gebrdete er sich stolz und aufgerichtet
und tat, als wenn seine Tochter tot und lange begraben wre.  Sie
aber sa von der Welt ungewut in ihrem Elende und trstete sich
allein Gottes und dachte, da er ihre Unschuld wohl einmal an den Tag
bringen wrde.  Weil sie aber in ihren einsamen Trauerstunden Zeit
genug hatte, hin und her zu denken, so fiel ihr die Sache ein von dem
Knigsschatze unter dem Garzer Walle, die sie in ihrer Kindheit oft
gehrt hatte, und sie gedachte damit ihre Unschuld, und da der
polnische Prinz sie unter einem falschen Schein schndlich belogen
hatte, sonnenklar zu beweisen.  Und als darauf ihr Wchter kam und
ihr die Speise durch das Loch reichte, sprach sie zu ihm: "Lieber
Wchter, gehe zu dem Knige, meinem und deinem Herrn, und sage ihm,
da seine arme einzige Tochter ihn nur noch ein einziges Mal zu sehen
und zu sprechen wnscht in ihrem Leben und da er ihr diese letzte
Gunst nicht versagen mag."

Und der Wchter sagte ja und lief und dachte bei sich: "Wenn der alte
Knig ihre Bitte nur erhrt!"  Denn es jammerte ihn die arme
Prinzessin unaussprechlich, und sie jammerte alle Menschen; denn sie
war immer freundlich gewesen gegen jedermann, auch hatten die meisten
von Anfang an geglaubt, da sie flschlich verklagt war und da der
polnische Prinz einen argen Lgenschein auf sie gebracht hatte; denn
sie hatte sich immer aller Zucht und Jungfrulichkeit beflissen vor
jedermann.

Und als ihr Wchter vor den Knig trat und ihm die Bitte der
Prinzessin anbrachte, da war der alte Herr sehr zornig und schalt ihn
und drohete ihm, ihn selbst in den Turm zu werfen, wenn er den Namen
der Prinzessin vor ihm je wieder ber seine Lippen laufen lasse.  Und
der erschrockene Wchter ging weg. Der Knig aber legte sich hin und
schlief ein.  Da soll er einen wunderbaren Traum gehabt haben, den
kein Mensch zu deuten verstanden hat, und er ist frh erwacht und
sehr unruhig gewesen und hat viel an seine Tochter denken mssen, bis
er zuletzt befohlen hat, da man sie aus dem Turm heraufbrchte und
vor ihn fhrte.

Als Svanvithe nun vor den Knig trat, war sie bleich und mager, auch
waren ihre Kleider und Schuhe schon abgerissen, und sie stand fast
nackt und barfu da und sah einer Bettlertochter hnlicher als einer
Knigstochter.  Und der alte Knig ist bei ihrem Anblick bla
geworden vor Jammer wie der Kalk an der Wand, aber sonst hat er sich
nichts merken lassen.  Und Svanvithe hat sich vor ihm verneigt und
also zu ihm gesprochen:

"Mein Knig und Herr!  Ich erscheine nur als eine arme Snderin vor
dir, als eine, die an der gttlichen Gnade und an dem Lichte des
Himmels kein Recht mehr haben soll.  Also hast du mich von deinem
Angesicht verstoen und von allem Lebendigen weggesperrt.  Ich
beteure aber vor dir und vor Gott, da ich unschuldig leide und da
der polnische Prinz aus eitel Tcke und Arglist all den schlimmen
Schein auf mich gebracht hat.  Und nun hat Gott, der sich mein
erbarmen will, mir einen Gedanken ins Herz gegeben, wodurch ich meine
unbefleckte Jungfrauschaft beweisen und dich und mich und dein ganzes
Reich zu Reichtum und Ehren bringen kann.  Du weit, es geht die Sage,
unter dem alten Schlowalle zu Garz, wo unsere heidnischen Ahnen
weiland gewohnt haben, liege ein reicher Schatz vergraben.  Diese
Sage, die mir in meiner Kindheit oft erzhlt ist, meldet ferner,
dieser Schatz knne nur von einer Prinzessin gehoben werden, die von
jenen alten Knigen herstamme und noch eine reine Jungfrau sei: wenn
nmlich diese den Mut habe, in der Johannisnacht zwischen zwlf und
ein Uhr nackt und einsam diesen Wall zu ersteigen und darauf
rckwrts so lange hin und her zu treten, bis es ihr gelinge, die
Stelle zu treffen, wo die Tore und Treppen verschttet sind, die zu
der Schatzkammer hinabfhren.  Sobald sie diese mit ihren Fen
berhre, werde es sich unter ihr ffnen, und sie werde sanft
heruntersinken mitten in das Gold und knne sich von den
Herrlichkeiten dann auslesen, was sie wolle, und bei Sonnenaufgang
wieder herausgehen.  Was sie aber nicht tragen knne, werde der alte
Geist, der den Schatz bewacht, nebst seinen Gehilfen nachtragen.
Hierauf habe ich nun meine Hoffnung eines neuen Glckes gestellt, ob
es mir etwa aufblhen wolle; la mich denn, Herr Knig, mit Gott
diese Probe machen.  Ich bin ja doch einer Toten gleich, und ob ich
hier begraben bin oder dort begraben werde, kann dir einerlei sein."

Sie hatte die Gebrde, als wolle sie noch mehr sagen; aber bei diesen
Worten stockte sie und konnte nicht mehr, sondern schluchzete und
weinte bitterlich.  Der Knig aber winkte dem Wchter leise zu, der
sie hereingefhrt hatte, und alsbald kamen Frauen und Dienerinnen
herbei und trugen sie hinaus von dem Knige weg in ein Seitengemach.
Und nicht lange, so ward der Wchter wieder zu dem Knige gerufen,
und er brachte ihr Speise und Trank, da sie sich strkte und
erquickte, und zugleich die Botschaft, da der Knig ihr die gebetene
mitternchtliche Fahrt erlaube.  Bald trugen Dienerinnen ihr ein Bad
herein nebst zierlichen Kleidern, da sie sich bedecken konnte, denn
sie war fast nackend.  Und sie lebte nun wieder in Freuden, obgleich
sie ganz einsam sa und gegen niemand den Mund auftat--auch den
Dienern und Dienerinnen war das Sprechen zu ihr verboten, sie wuten
auch nicht, wer sie war, noch wie sie in das Schlo gekommen, denn
von denen, die sie kannten, ward niemand zu ihr gelassen denn allein
der Wchter, der ihr immer die Speise gebracht hatte im Turme.  Und
ihre Schne fing wieder an aufzublhen, wie bla und elend sie auch
aus dem Turm gekommen war; und alle, die sie sahen, entsetzten sich
ber ihre Huld und Lieblichkeit, und sie deuchte ihnen fast einem
Engel gleich, der vom Himmel in das Schlo gekommen sei.

Und als vierzig Tage vergangen waren und der Tag vor Johannis da war,
da ging sie zu dem Knige, ihrem Vater, ins Gemach und sagte ihm
Lebewohl.  Und der alte Herr neigte noch einmal wieder seinen weien
Kopf ber sie und weinte sehr, und sie sank vor ihm hin und umfate
seine Knie und weinte noch mehr.  Und darauf ging sie hinaus und
verkleidete sich so, da niemand sie fr eine Prinzessin gehalten
htte, und trat ihre Reise an.  Die Reise war aber nicht weit von
Bergen nach Garz, und sie ging in der Tracht eines Reiterbuben einher.
Und in der Nacht, als es vom Garzer Kirchturm zwlf geschlagen
hatte, betrat sie einsam den Wall, tat ihre Kleider von sich, also
da sie da stand, wie Gott sie erschaffen hatte, und nahm eine
Johannisrute in die Hand, womit sie hinter sich schlug.  Und so
tappte sie stumm und rcklings fort, wie es geschehen mute.  Und
nicht lange war sie geschritten, so tat sich die Erde unter ihren
Fen auf, und sie fiel sanft hinunter, und es war ihr, als wrde sie
in einem Traum hinabgewiegt; und sie fiel hinab in ein gar groes und
schnes und von tausend Lichtern und Lampen erleuchtetes Gemach,
dessen Wnde von Marmor und diamantenen Spiegeln blitzten und dessen
Boden ganz mit Gold und Silber und Edelsteinen beschttet war, da
man kaum darauf gehen konnte.  Sie aber sank so weich auf einen
Goldhaufen herab, da es ihr gar nicht weh tat.  Und sie besah sich
alle die blitzende Herrlichkeit in dem weiten Saale, wo die Schtze
und Kostbarkeiten ihrer Ahnherren von vielen Jahrhunderten gesammelt
und aufgehngt waren; und da sah sie in der hintersten Ecke in einem
goldenen Lehnstuhl das kleine graue Mnnchen sitzen, das ihr
freundlich zunickte, als wolle es mit der Urenkelin sprechen.  Sie
aber sprach kein Wort zu ihm, sondern winkte ihm nur leise mit der
Hand.  Und auf ihren Wink hob der Geist sich hinweg und verschwand,
und statt seiner kam eine lange Schar prchtig gekleideter Diener und
Dienerinnen, welche sich in stummer Ehrfurcht hinter sie stellten,
als erwarteten sie, was die Herrin befehlen wrde.  Svanvithe aber
sumte nicht lange, bedenkend, wie kurz die Mittsommersnacht ist, und
sie nahm die Flle der Edelsteine und Diamanten und winkte den
Dienern und Dienerinnen hinter ihr, da sie ebenso tten; auch diese
fllten Hnde und Taschen und Zipfel und Geren der Kleider mit Gold
und edlen Steinen und kostbaren Geschirren.  Und noch ein Wink, und
die lange Reihe wandelte, und die Prinzessin schritt voran der Treppe
zu, als wenn sie herausgehen wollte; jene aber folgten ihr.  Und
schon hatte sie viele Stufen vollendet und sah schon das dmmernde
Morgenlicht und hrte schon den Lerchengesang und den Hahnenkrei, die
den Tag verkndeten--da ward es ihr bange, ob die Diener und
Dienerinnen ihr auch nachtrten mit den Schtzen.  Und sie sah sich
um, und was erblickte sie?  Sie sah den kleinen grauen Mann sich
pltzlich in einen groen schwarzen Hund verwandeln, der mit,
feurigem Rachen und funkelnden Augen gegen sie hinaufsprang.  Und sie
entsetzte sich sehr und rief: "Oh Herr je!"  Und als sie das Wort
ausgeschrien hatte, da schlug die Tr ber ihr mit lautem Knalle zu,
und die Treppe versank, und die Diener und Dienerinnen verschwanden,
und alle Lichter des Saales erloschen, und sie war wieder unten am
Boden und konnte nicht heraus.  Der alte Knig aber, da sie nicht
wiederkam, grmte sich sehr; denn er dachte, sie sei entweder
umgekommen bei dem Hinabsteigen zu dem Schatze durch die Tcke der
bsen Geister, die unter der Erde ihre Gewalt haben, oder sie habe
sich der Sache berhaupt nicht unterstanden und laufe nun wie eine
arme, verlassene Streunerin durch die Welt.  Und er lebte nur noch
wenige Wochen nach ihrem Verschwinden; dann starb er und ward
begraben.

Der Prinzessin Svanvithe war dieses Unglck aber geschehen, weil sie
sich umgesehen hatte, als sie weggehen wollte, und weil sie
gesprochen hatte.  Denn ber die Unterirdischen hat man keine Gewalt,
wenn man sich umsieht oder spricht, sondern es gert dann fast immer
unglcklich, wovon man viele Beispiele und Geschichten wei.

Und es waren viele Jahre vergangen, vielleicht hundert Jahre und mehr,
und alle die Menschen waren gestorben und begraben, welche zu der
Zeit des alten Knigs und der schnen Svanvithe gelebt hatten, und
schon ward hie und da von ihnen erzhlt wie von einem alten, alten,
lngst verschollenen Mrchen; da hrte man hin und wieder, die
Prinzessin lebe noch und sitze unter dem Garzer Wall in der
Schatzkammer und msse nun mit dem alten, grauen Urgrovater die
Schtze hten helfen.  Und kein Mensch wei zu sagen, wie dies hier
oben bekannt geworden ist.  Vielleicht hat der kleine graue Mann, der
zuzeiten rundgeht, es einem verraten, oder es hat es auch einer der
hellsichtigen Menschen gesehen, die an hohen Festtagen in besonderen
Stunden geboren sind und die das Gras und das Gold in der Erde
wachsen sehen und mit ihren Augen durch die dicksten Berge und Mauern
dringen knnen.  Und es war viel erschollen von der Geschichte und
von dem wundersamen Versinken der Prinzessin unter die Erde, und da
sie in der dunkeln Kammer sitze und noch lebe und einmal erlst
werden solle.  Sie kann aber, sagen sie, erlst werden, wenn einer es
wagt, auf dieselbe Weise, wie sie einst in der Johannisnacht getan
hat, in die verbotene Schatzkammer hinabzufallen.  Dieser mu sich
dann dreimal vor ihr verneigen, ihr einen Ku geben, sie an die Hand
fassen und sie still herausfhren; denn kein Wort darf er beileibe
nicht sprechen.  Wer sie herausbringt, der wird mit ihr in
Herrlichkeit und in Freuden leben und so viele Schtze haben, da er
sich ein Knigreich kaufen kann.  Darin wird er dann fnfzig Jahre
als Knig auf dem Throne sitzen und sie als seine Knigin neben ihm,
und werden gar liebliche Kinder zeugen; der kleine graue Spuk wird
dann aber auf immer verschwinden, wann sie ihm die Schtze weggehoben
haben.  Nun hat es wohl so khne und verwegene Prinzen und schne
Knaben gegeben, die mit der Johannisrute in der Hand zu ihr
hinabgekommen sind; aber sie haben es immer in etwas versehen, und
die Prinzessin ist noch nicht erlst.  Ja, wenn das ein so leichtes
Ding wre, wieviele wrden Lust haben, eine so schne Prinzessin zu
freien und Knige zu werden!  Die Leute erzhlen aber, der greuliche
schwarze Hund ist an allem schuld; keiner hat es mit ihm aushalten
knnen, sondern wenn sie ihn sehen, so mssen sie aufschreien, und
dann schlgt die Tre zu, und die Treppe versinkt, und alles ist
wieder vorbei.

So sitzt denn die arme Svanvithe da in aller ihrer Unschuld und mu
da unten frieren und das kalte Gold hten, und Gott wei, wann sie
erlst werden wird.  Sie sitzt da ber Goldhaufen gebeugt; ihr langes
Haar hngt ihr ber die Schultern herab, und sie weint unaufhrlich.
Schon sitzen sechs junge Gesellen um sie herum, die auch mithten
mssen.  Das sind die, denen die Erlsung nicht gelungen ist.  Wem es
aber gelingt, der heiratet die Prinzessin und bekommt den ganzen
Schatz und befreit zugleich die andern armen Gefangenen.  Sie sagen,
der letzte ist vor zwanzig Jahren darin versunken, ein
Schuhmachergesell, der Jochim Fritz hie.  Das war ein junges,
schnes Blut und ging immer viel auf dem Wall spazieren.  Der ist mit
einem Male verschwunden, und keiner hat gewut, wo er gestoben und
geflogen war, und seine Eltern und Freunde haben ihn in der ganzen
Welt suchen lassen, aber nicht gefunden!  Er mag nun auch wohl
dasitzen bei den andern.




Der Riese Balderich


In der westlichen Spitze der Insel Rgen in der Ostsee an der
Feldscheide der Drfer Rothenkirchen und Gtemitz, etwa eine
Viertelmeile von dem Kirchdorfe Rambin, liegen auf flachem Felde neun
kleine Hgel oder Hnengrber, welche gewhnlich die Neun Berge oder
die Neun Berge bei Rambin genannt werden, und von welchen das Volk
allerlei Mrchen erzhlt.  Diese entstanden weiland durch die
Khnheit eines Riesen, und seitdem die Riesen tot sind, treiben die
Zwerge darin ihr Wesen.

Vor langer Zeit lebte auf Rgen ein gewaltiger Riese (ich glaube, er
hie Balderich), den verdro es, da das Land eine Insel war und da
er immer durch das Meer waten mute, wenn er nach Pommern auf das
feste Land wollte.  Er lie sich also eine ungeheure Schrze machen,
band sie um seine Hften und fllte sie mit Erde; denn er wollte sich
einen Erddamm auffhren von der Insel bis zur Feste.  Als er mit
seiner Tracht bis ber Rothenkirchen gekommen war, ri ein Loch in
die Schrze, und aus der Erde, die herausfiel, wurden die Neun Berge.
Er stopfte das Loch zu und ging weiter; aber als er bis Gustow
gekommen war, ri wieder ein Loch in die Schrze, und es fielen
dreizehn kleine Berge heraus.  Mit der noch brigen Erde ging er ans
Meer und go sie hinein.  Da ward der Prosnitzer Hafen und die
niedliche Halbinsel Drigge.  Aber es blieb noch ein schmaler
Zwischenraum zwischen Rgen und Pommern, und der Riese rgerte sich
darber so sehr, da er pltzlich von einem Schlagflu hinstrzte und
starb.  Und so ist denn sein Damm leider nie fertig geworden.

Von demselben Riesen Balderich erzhlt man ein Kraftstck, das er bei
Putbus bewiesen hat.  Er hatte schon mehrmals mit rger gesehen, da
dem Christengotte zu Vilmnitz, eine halbe Meile von Putbus, eine
Kirche erbaut ward, und da hat er bei sich gesprochen: "La die
Wrmer ihren Ameisenhaufen nur aufbauen; den werfe ich nieder, wann
er fertig ist."  Als nun die Kirche fertig und der Turm aufgefhrt war,
nahm der Riese einen gewaltigen Stein, stellte sich auf dem
Putbusser Tannenberge hin und schleuderte ihn mit so ungeheurer
Gewalt, da der Stein wohl eine Viertelmeile ber die Kirche wegflog
und bei Nadelitz niederfiel, wo er noch diesen Tag liegt am Wege, wo
man nach Posewald fhrt, und der Riesenstein genannt wird.




Die Unterirdischen in den Neun Bergen bei Rambin


In den Neun Bergen bei Rambin wohnen nun die Zwerge und die kleinen
Unterirdischen und tanzen des Nachts in den Bschen und Feldern herum
und fhren ihre Reigen und ihre Musiken auf im mitternchtlichen
Mondschein, besonders in der schnen und lustigen Sommerzeit und im
Lenze, wo alles in Blte steht; denn nichts lieben die kleinen
Menschen mehr als die Blumen und die Blumenzeit.  Sie haben auch
viele schne Knaben und Mdchen bei sich; diese aber lassen sie nicht
heraus, sondern behalten sie unter der Erde in den Bergen, denn sie
haben die meisten gestohlen oder durch einen glcklichen Zufall
erwischt und frchten, da sie ihnen wieder weglaufen mchten.  Denn
vormals haben sich viele Kinder des Abends und des Morgens locken
lassen von der sen Musik und dem Gesange, der durch die Bsche
klingt, und sind hingelaufen und haben zugehorcht; denn sie meinten,
es seien kleine singende Waldvgelein, die mit solcher Lustigkeit
musizierten und Gott lobeten--und dabei sind sie gefangen worden von
den Zwergen, die sie mit in den Berg hinabgenommen, da sie ihnen
dort als Diener und Dienerinnen aufwarteten.  Seitdem die Menschen
nun Wissens da es da so hergeht und nicht recht geheuer ist, hten
sie sich mehr, und geht keiner dahin.  Doch verschwindet von Zeit zu
Zeit noch manches unschuldige Kind, und die Leute sagen dann wohl, es
hab's einer der Zwerge mitgenommen; und oft ist es auch wohl durch
die Knste der kleinen braunen Mnner eingefangen und mu da unten
sitzen und dienen und kann nicht wiederkommen.  Das ist aber ein
uraltes Gesetz, das bei den Unterirdischen gilt, da sie je alle
fnfzig Jahre wieder an das Licht lassen mssen, was sie eingefangen
haben.  Und das ist gut fr die, welche so gefangen sitzen und da
unten den kleinen Leuten dienen mssen, da ihnen diese Jahre nicht
gerechnet werden, und da keiner da lter werden kann als zwanzig
Jahre, und wenn er volle fnfzig Jahre in den Bergen gesessen htte.
Und es kommen auf die Weise alle, die wieder herauskommen, jung und
schn heraus.  Auch haben die meisten Menschen, die bei ihnen gewesen
sind, nachher auf der Erde viel Glck gehabt: entweder, da sie da
unten so klug und witzig und anschlgisch werden, oder da die
kleinen Leute, wie einige erzhlen, ihnen unsichtbar bei der Arbeit
helfen und Gold und Silber zutragen.

Die Unterirdischen, welche in den Neun Bergen wohnen, gehren zu den
braunen, und die sind nicht schlimm.  Es gibt aber auch schwarze, das
sind Tausendknstler und Kunstschmiede, geschickt und fertig in
allerlei Werk, aber auch arge Zauberer und Hexenmeister, voll
Schalkheit und Trug, und ist ihnen nicht zu trauen.  Sie sind auch
Wilddiebe, denn sie essen gern Braten.  Sie drfen aber das Wild mit
keinem Gewehr fllen, sondern sie stricken eigene Netze, die kein
Mensch sehen kann; darin fangen sie es.  Darum sind sie auch Feinde
der Jger und haben schon manchem Jger sein Gewehr behext, da er
nicht treffen kann.  Das glauben aber bis diesen Tag viele Leute, da
nichts eine grere Gewalt ber diese Schwarzen hat als Eisen,
worber gebetet worden, oder was in Christenhnden gewesen ist.
Solche Schwarzen wohnen hier aber gar nicht.

In zwei Bergen wohnen von den weien, und das sind die freundlichsten,
zartesten und schnsten aller Unterirdischen, fein und anmutig von
Gliedern und Gebrden und ebenso fein und liebenswrdig drinnen im
Gemte.  Diese Weien sind ganz unschuldig und rein und necken
niemand, auch nicht einmal im Scherze, sondern ihr Leben ist licht
und zart, wie das Leben der Blumen und Sterne, mit welchen sie auch
am meisten Umgang halten.  Diese niedlichen Kleinen sitzen den Winter,
wann es auf der Erde rauh und wst und kalt ist, ganz still in ihren
Bergen und tun da nichts anders, als da sie die feinste Arbeit
wirken aus Silber und Gold, da die Augen der meisten Sterblichen zu
grob sind, sie zu sehen; die sie aber sehen knnen, sind besonders
feine und zarte Geister.  So leben sie den trben Winter durch, wann
es da drauen unhold ist, in ihren verborgenen Klausen.  Sobald es
aber Frhling geworden und den ganzen Sommer hindurch, leben sie hier
oben im Sonnenschein und Sternenschein sehr frhlich und tun dann
nichts als sich freuen und andern Freude machen.  Sobald es auch im
ersten Lenze zu sprossen und zu keimen beginnt an Bumen und Blumen,
sind sie husch aus ihren Bergen heraus und schlpfen in die Reiser
und Stengel und von diesen in die Blten und Blumenknospen, worin sie
gar anmutig sitzen und lauschen.  Des Nachts aber, wann die Menschen
schlafen, spazieren sie heraus und schlingen ihre frhlichen
Reihentnze im Grnen um Hgel und Bche und Quellen und machen die
allerlieblichste und zarteste Musik, welche reisende Leute so oft
hren und sich verwundern, weil sie die Spieler nicht sehen knnen.
Diese kleinen Weien drfen auch bei Tage immer heraus, wann sie
wollen, aber nicht in Gesellschaft, sondern einzeln, und sie mssen
sich dann verwandeln.  So fliegen viele von ihnen umher als bunte
Vgelein oder Schmetterlinge oder als schneeweie Tubchen und
bringen den kleinen Kindern oft Schnes und den Erwachsenen zarte
Gedanken und himmlische Trume, von welchen sie nicht wissen, wie sie
ihnen kommen.  Das ist bekannt, da sie sich hufig in Trume
verwandeln, wenn sie in geheimer Botschaft reisen.  So haben sie
manchen Betrbten getrstet und manchen Treuliebenden erquickt.  Wer
ihre Liebe gewonnen hat, der ist im Leben besonders glcklich, und
wenn sie nicht so reich machen an Schtzen und Gtern als die andern
Unterirdischen, so machen sie reich an Liedern und Trumen und
frhlichen Gesichten und Phantasien.  Und das sind wohl die besten
Schtze, die ein Mensch gewinnen kann.




Abenteuer des Johann Dietrich


In Rambin lebte einst ein Arbeitsmann, der hie Jakob Dietrich, ein
Mann schlecht und recht und gottesfrchtig, und der auch eine gute
und gottesfrchtige Frau hatte.  Die beiden Eheleute besaen dort ein
Huschen und ein Grtchen und nhrten sich redlich von der Arbeit
ihrer Hnde; denn andere Knste kannten sie nicht.  Sie hatten viele
liebe Kinder, von welchen das jngste, Johann Dietrich genannt, ihnen
fast das liebste war.  Denn es war ein schner und munterer Junge,
aufgeweckt und quick, fleiig in der Schule und gehorsam zu Hause,
und behielt alle Lehren und Geschichten sehr gut, welche die Eltern
ihm versagten.  Auch von vielen andern Leuten lernte er und hielt
jeden fest, der Geschichten wute, und lie ihn nicht eher los, als
bis er sie erzhlt hatte.

Johann war acht Jahre alt geworden und lebte den Sommer bei seines
Vaters Bruder, der Bauer in Rothenkirchen war, und mute nebst andern
Knaben Khe hten, die sie ins Feld gegen die Neun Berge
hinaustrieben, wo damals noch viel mehr Wald war als jetzt.  Da war
ein alter Kuhhirt aus Rothenkirchen, Klas Starkwolt genannt, der
gesellte sich oft zu den Knaben, und sie trieben die Herden zusammen
und setzten sich hin und erzhlten Geschichten.  Der alte Klas wute
viele und erzhlte sie sehr lebendig; er war bald Johann Dietrichs
liebster Freund.  Besonders aber wute er viele Mrchen von den Neun
Bergen und von den Unterirdischen aus der allerfrhesten Zeit, als
die Riesen im Lande untergegangen und die Kleinen in die Berge
gekommen waren, und Johann hrte sie immer mit dem innigsten
Wohlgefallen und plagte den alten Mann jeden Tag um neue Geschichten,
obgleich ihm dieser das Herz zuweilen so in Flammen setzte, da er
des Abends spt und des Morgens frh, wenn er hier zuweilen heraus
mute, mit sausendem Haar ber das Feld hinstrich, als htte er alle
Unterirdischen als Jger hinter sich gehabt, die ihn fangen wollten.
Der kleine Johann Dietrich hatte sich so vertieft und verliebt in
diese Mrchen von den Unterirdischen, da er nichts anders sah und
hrte, von nichts anderm sprach und fabelte als von goldenen Bechern
und Kronen, glsernen Schuhen, Taschen voll Dukaten, goldenen Ringen,
diamantenen Krnzen, schneeweien Bruten und klingenden Hochzeiten.
Wenn er nun so ganz darin war und in kindischer Freude aufjauchzte
und umhersprang, dann pflegte der alte Starkwolt wohl den Kopf zu
schtteln und ihm zuzurufen: "Johann!  Johann!  Wo willst du hin?
Spaten und Sense, das sind dein Zepter und deine Krone, und deine
Braut wird ein Krnzel von Rosmarin und einen bunten Rock von Drell
tragen."  Johann lie sich das aber nicht anfechten und trumte immer
lustig fort.  Und obwohl er herzlich graulich war und in der
Dunkelheit um alles in der Welt nicht ber den Kirchhof gegangen wre,
hatte er sich das Leben da in dem Berge und die Schtze und
Herrlichkeiten darin doch so ausgemalt, da ihn fast gelstete,
einmal hinabzusteigen; denn der alte Klas hatte gesagt, wie man es
anfangen msse, damit man da unten Herr werde und nicht Diener, und
damit sie einen nicht fnfzig Jahre festhalten und die Becher splen
und das Estrich kehren lassen knnten.  Wer nmlich so klug oder so
glcklich sei, die Mtze eines Unterirdischen zu finden oder zu
erhaschen, der knne sicher hinabsteigen, dem drfen sie nichts tun
noch befehlen, sondern mssen ihm dienen, wie er wolle, und derjenige
Unterirdische, dem die Mtze gehre, msse sein Diener sein und ihm
schaffen, was er wolle.  Das hatte Johann sich hinters Ohr
geschrieben und seinen Teil dabei gedacht; ja, er hatte wohl
hinzugesetzt, so etwas unterstehe er sich auch wohl zu wagen.  Die
Leute glaubten ihm das aber nicht, sondern lachten ihn aus; und doch
hat er es getan, und sie haben genug geweint, als er nicht
wiedergekommen ist.

Es war nun die Zeit des Johannisfestes, wo die Tage am lngsten sind
und die Nchte am krzesten, und wo die Jahreszeit am schnsten ist.
Die Alten und die Kinder hatten die Festtage frhlich gelebt und
gespielt und allerlei Geschichten erzhlt; da konnte Johann sich
nicht lnger halten, sondern den Tag nach Johannis schlich er sich
heimlich weg, und als es dunkel ward, legte er sich auf dem Gipfel
des hchsten der Neun Berge hin, wo die Unterirdischen, wie Klas ihm
erzhlt, ihren vornehmsten Tanzplatz hatten.  Und wahrlich, er legte
sich nicht ohne Angst hin, und htte er nicht einmal dagelegen,
vielleicht wre nimmer was daraus geworden; denn sein Herz schlug ihm
wie ein Hammer, und sein Atem ging wie ein frischer Wind.  So
lauschte er in Furcht und Hoffnung von zehn Uhr abends bis zwlf Uhr
Mitternacht.  Und als es zwlf schlug, sieh, da fing es an zu klingen
und zu singen in den Bergen; und bald wisperte und lispelte und pfiff
und suselte es um ihn her; denn die kleinen Leute dreheten sich
jetzt in Tnzen rund, und andere spielten und tummelten sich im
Mondschein und machten tausend lustige Schwnke und Possen.  Ihn
berlief bei diesem Gewispel und Gesusel ein geheimer Schauder (denn
sehen konnte er nichts von ihnen, da ihre Mtzchen, die sie tragen,
sie unsichtbar machen); er aber lag ganz still, das Gesicht ins Gras
gedrckt und die Augen fest zugeschlossen und leise schnarchend, als
schliefe er.  Doch konnte er es nicht lassen, zuweilen ein wenig
umher zu blinzeln, damit er etwa seinen Vorteil ershe, einen der
kleinen Leute finge und ein Herr wrde, denn dazu hatte er gar groe
Lust; aber wie heller Mondschein es auch war, er konnte auch nicht
das geringste von ihnen erblicken.

Und siehe, es whrte nicht lange, so kamen drei der Unterirdischen
dahergesprungen, wo er lag, gaben aber nicht acht auf ihn, warfen
ihre braunen Mtzchen in die Luft und fingen sie einander ab.  Da ri
der eine dem andern in Schalkheit die Mtze aus der Hand und warf sie
weg. Und die Mtze flog dem Johann gerade auf den Kopf, und er fhlte
sie, griff zu und richtete sich sogleich auf und lie Schlaf Schlaf
sein.  Er schwang mit Freuden seine Mtze, da das silberne Glcklein
daran klingelte, und setzte sie sich dann auf den Kopf, und (o Wunder!
) in demselben Augenblicke sah er das zahllose und lustige Gewimmel
der kleinen Leute, und sie waren ihm nicht mehr unsichtbar.  Die drei
kleinen Mnner kamen listig herbei und wollten mit Behendigkeit die
Mtze wieder gewinnen; er aber hielt seine Beute fest, und sie sahen
wohl, da sie auf diese Weise nichts von ihm gewinnen wrden; denn
Johann war ein Riese gegen sie an Gre und Strke, und sie reichten
ihm kaum bis ans Knie.  Da kam derjenige, dem die Mtze gehrte, und
trat ganz demtig vor den Finder hin und bat flehentlich, als hnge
sein Leben dran, ihm die Mtze wiederzugeben.  Johann aber antwortete
ihm: "Nein, du kleiner, schlauer Schelm, die Mtze bekommst du nicht
wieder; das ist nichts, was man fr ein Butterbrot weggibt!  Ich wre
schlimm daran mit euch, wenn ich nichts von euch htte; jetzt aber
habt ihr kein Recht an mir, sondern mt mir, was ich nur will, zu
Gefallen tun.  Und ich will mit euch hinabfahren und sehen, wie ihr
es da unten treibt; du aber sollst mein Diener sein, denn du mut
wohl.  Das wei ich so gut als ihr, da es nicht anders sein kann,
denn Klas Starkwolt hat mir es alles erzhlt."  Der kleine Mensch aber
gebrdete sich, als ob er dies alles nicht gehrt noch verstanden
htte; er fing seine Qulerei und Winselei und Plinselei wieder von
vorn an, klagte und jammerte und heulte erbrmlich um sein verlornes
Mtzchen; aber als Johann ihm kurzweg sagte: "Es bleibt dabei, du
bist der Diener, und ich will eine Fahrt mit euch machen", da fand er
sich endlich drein, zumal da auch die andern ihm zuredeten, da es so
sein msse.  Johann aber warf seinen schlechten Hut nun weg und
setzte sich die Mtze an seiner Stelle auf und befestigte sie wohl
auf seinem Kopfe, damit sie ihm nicht abgleiten oder abfliegen knnte;
denn in ihr trug er die Herrschaft.

Und er versuchte es sogleich und befahl seinem neuen Diener, ihm
Speise und Trank zu bringen, denn ihn hungerte.  Und der Diener lief
wie der Wind davon, und in einem Hui war er wieder da und trug Wein
in Flaschen herbei und Brot und kstliche Frchte.  Und Johann a und
trank und sah dem Spiele und den Tnzen der Kleinen zu, und es gefiel
ihm sehr wohl.  Und er fhrte sich in allen Dingen mit ihnen beherzt
und klug auf, als wre er ein geborner Herr gewesen.

Und als der Hahn seinen dritten Krei getan hatte und die kleinen
Lerchen in der Luft die ersten Wirbel anschlugen und das junge Licht
in einzelnen weien Streifen im Osten aufdmmerte, da ging es husch
husch husch durch die Bsche und Blumen und Halme fort, und die Berge
klangen wieder und taten sich auf, und die kleinen Menschen fuhren
hinab; und Johann gab wohl acht auf alles und fand es wirklich so,
wie sie ihm erzhlt hatten.  Siehe, auf dem Wipfel der Berge, wo sie
eben noch getanzt hatten, und wo alles eben voll Gras und Blumen
stand, wie die Menschen es bei Tage sehen, hob sich, als es zum
Abzuge blies, pltzlich eine glnzende glserne Spitze hervor; auf
diese trat, wer hinein wollte, sie ffnete sich, und er glitt sanft
hinab, und sie tat sich wieder hinter ihm zu; als sie aber alle
hinein waren, verschwand sie und war auch keine Spur mehr von ihr zu
sehen.  Die aber durch die glserne Spitze fielen, sanken gar sanfte
in eine weite silberne Tonne, die sie alle aufnahm und wohl tausend
solcher Leutlein beherbergen konnte.  In eine solche fiel auch Johann
mit seinem Diener und mit mehreren hinab, und sie alle schrien und
baten ihn, da er sie nicht treten mge, denn sie wren des Todes
gewesen von seiner Last.  Er aber htete sich und war sehr freundlich
gegen sie.  Es gingen aber mehrere solcher Tonnen nebeneinander hin,
immer hinauf und hinab, bis alle hinunter waren.  Sie hingen an
langen silbernen Ketten, die unten gezogen und gehalten wurden.

Johann erstaunte beim Hinabfahren ber den wunderbaren Glanz der
Wnde, zwischen welchen das Tnnchen fortglitt.  Es war alles wie mit
Perlen und Diamanten besetzt, so blitzte und funkelte es; unter sich
aber hrte er die lieblichste Musik aus der Ferne klingen.  So ward
er auf das anmutigste hinabgewiegt, da er nicht wute, wie ihm
geschah, und vor lauter Lust in einen tiefen Schlaf fiel.

Er mochte wohl lange geschlafen haben.  Als er erwachte, fand er sich
in dem allerweichsten und allernettesten Bette, wie er es in seines
Vaters Hause nimmer gesehen hatte, und dieses Bett stand in dem
allerniedlichsten Zimmer; vor ihm aber stand ein kleiner Brauner mit
dem Fliegenwedel in der Hand, womit er Mcken und Fliegen abwehrte,
da sie seines Herrn Schlummer nicht stren konnten.  Johann tat kaum
die Augen auf, so brachte der kleine Diener ihm schon das Handtuch
mit dem Waschwasser und hielt ihm zugleich die nettesten neuen
Kleider zum Anziehen hin, aus brauner Seide sehr niedlich gemacht,
und ein Paar neue schwarze Schuh mit roten Bandschleifchen, wie
Johann sie in Rambin und Rothenkirchen nie gesehen hatte; auch
standen dort einige Paare der niedlichsten und glnzendsten glsernen
Schuhe, die nur bei groen Festlichkeiten gebraucht zu werden pflegen.
Es gefiel dem kleinen Knaben sehr, da er so leichte und saubere
Kleider tragen sollte, und er lie sie sich gern anziehen.  Und als
Johann angekleidet war, flugs flog der Diener fort und war geschwind
wie der Blitz wieder da.  Er trug aber auf einer goldenen Schssel
eine Flasche sen Wein und ein Tpfchen Milch und schnes Weibrot
und Frchte und andere kstliche Speisen, wie kleine Knaben sie gern
essen.  Und Johann sah immer mehr, da Klas Starkwolt, der alte
Kuhhirt, es wohl gewut habe; denn so herrlich und prchtig, als er
hier alles fand, hatte er es sich doch nicht getrumt.  Auch war sein
Diener der allergehorsamste und tat alles von selbst, was er ihm nur
an den Augen absehen konnte.  Der Worte bedurfte es nie, sondern nur
leichter Blicke und Winke; denn er war klug wie ein Bienchen, wie
alle diese kleinen Leute von Natur sind.

Und nun mu ich Johanns Zimmer beschreiben.  Sein Bettchen war
schneewei mit den weichsten Polstern und mit den weiesten Laken
berzogen, mit Kissen aus Atlas und einer solchen gesteppten Decke.
Ein Knigssohn htte darin schlafen knnen.  Neben und vor diesem
Bette standen die niedlichsten Sthle, auf das netteste gearbeitet
und mit allerlei bunten Vgeln und Tieren verziert, welche
kunstreiche Hnde eingeschnitten hatten; einige waren auch von edlen
Steinen bunt eingelegt.  An den Wnden standen weie Marmortische und
ein paar kleinere aus grnen Smaragden, und zwei blanke Spiegel
glnzten an den beiden Enden des Zimmers, deren Rahmen mit blitzenden
Edelgesteinen eingefat waren.  Die Wnde des Zimmers waren mit
grnen Smaragden getfelt, und hatte einen solchen Glanz nie ein
Mensch auf Erden gesehen und wird ihn auch keiner dort sehen, auch
nicht in des grten Kaisers Hause.  Und in solchem Zimmer wohnte nun
der kleine Johann Dietrich, eines Tagelhners Sohn aus Rambin, da
man wohl sagen mag: Das Glck fngt, wem es von Gott beschert ist.
Hier unter der Erde sah man nun freilich nie Sonne, Mond und Sterne
leuchten, und das schien allerdings ein groer Fehler zu sein.  Aber
sie brauchten hier solche Lichter nicht, auch bedurften sie weder der
Wachslichter noch der Talglichter, noch der Kerzen und llampen und
Laternen; sie hatten andern Lichtes genug.  Denn die Unterirdischen
wohnen recht eigentlich mitten unter den Edelgesteinen und sind die
Meister des reinsten Silbers und Goldes, das in der Erde wchst, und
sie haben die Kunst wohl gelernt, wie sie es hell bei sich haben
knnen bei Tage und bei Nacht.  Eigentlich mu man hier von Tag und
Nacht nicht reden, denn die unterscheiden sie hier unten nicht, weil
keine Sonne hier auf- und untergeht, welche die Scheidung macht,
sondern sie rechnen hier nur nach Wochen.  Sie setzen aber ihre
Wohnungen und die Wege und Gnge, welche sie unter der Erde
durchwandern, und die Orte, wo sie ihre groen Sle haben und ihre
Reigen und Feste halten, mit den allerkostbarsten Edelgesteinen aus,
da es funkelt, als wre es der ewige Tag.  Einen solchen Stein hatte
der kleine Johann auch in seinem Zimmer.  Das war ein auserlesener
Diamant, ganz rund und wohl so gro als eine Kugel, womit man Kegel
zu werfen pflegt.  Dieser war oben in der Decke des Zimmers befestigt
und leuchtete so hell, da er keiner andern Lampen und Lichter
bedurfte.

Als Johann Frhstck gegessen hatte, ffnete der Diener ein Trchen
in der Wand, und Johanns Augen fielen hinein, und er sah die
zierlichsten goldenen und silbernen Becher und Schalen und Gefe und
viele Krbchen voll Dukaten und Kstchen voll Kleinodien und
kostbarer Steine.  Auch waren da viele liebliche Bilder und die
allersaubersten Mrchenbcher mit Bildern, die er in seinem Leben
gesehen hatte.  Und er wollte diesen Vormittag gar nicht ausgehen,
sondern betastete und besah sich alles und bltterte und las in den
schnen Bilderbchern und Mrchenbchern.

Und als es Mittag geworden, da klang eine helle Glocke, und der
Diener rief: "Herr, willst du allein essen oder in der groen
Gesellschaft?"  Und Johann antwortete: "In der groen Gesellschaft."
Und der Diener fhrte ihn hinaus.  Johann sah aber nichts als
einzelne von Edelsteinen erleuchtete Hallen und einzelne kleine
Mnner und Frauen, die ihm aus Felsritzen und Steinklften
herauszuschlpfen schienen, und verwunderte sich, woher die Glocke
klnge, und sprach zu dem Diener: "Aber wo ist denn die
Gesellschaft?"  Und als er noch fragte, so ffnete sich die Halle,
worin sie gingen, zu einer groen Weite und ward ein unendlicher Saal,
ber welchen eine weite, gewlbte und mit Edelsteinen und Diamanten
geschmckte Decke gezogen war.  Und in demselben Augenblick sah er
auch ein unendliches Gewimmel von zierlich gekleideten kleinen
Mnnern und Frauen durch viele geffnete Tren hineinstrmen, und tat
sich der Boden an vielen Stellen auf, und die niedlichsten, mit den
kstlichsten Gefen und schmackhaftesten Speisen und Frchten und
Weinen besetzten Tische stellten sich aneinander hin, und die Sthle
und Polster reiheten sich von selbst um die Tische, und die Mnner
und Frauen nahmen Platz.  Und die Vornehmsten des kleinen Vlkchens
kamen und verneigten sich vor Johann und fhrten ihn mit sich an
ihren Tisch und setzten ihn zwischen ihre schnsten Jungfrauen, da
er seine Lust hatte, mit den lieblichen Kindern zu sein, und es ihm
da ber die Maen wohlgefiel.  Es war auch eine sehr frhliche Tafel,
denn die Unterirdischen sind ein sehr lebendiges und lustiges
Vlkchen und knnen nicht lange still sein.  Dazu klang die
allerlieblichste Musik aus den Lften, und die buntesten Vgel flogen
umher und sangen in gar anmutigen Tnen, die einem die Seele aus der
Brust holen konnten.  Es waren aber keine lebendige Vgel, die da
sangen, sondern knstliche Vgel und knstliche Tne und von den
kleinen Mnnern so sinnreich gemacht, da sie fliegen und singen
konnten.  Und Johann erstaunte und entsetzte sich sehr ber alle die
Wunder, die er sah, und freuete sich gewaltig.  Die Diener und
Dienerinnen aber, welche bei Tische aufwarteten und Blumen streueten
und die Flur mit Rosenl und andern Dften besprengten und die
goldenen Schalen und Becher herumtrugen und die silbernen und
kristallenen Krbe mit Frchten, waren Kinder der Menschen da droben,
welche aus Neugier oder von ungefhr unter die Kleinen geraten und
hier hinabgestiegen waren, ohne sich vorher eines Pfandes zu
bemeistern, und die also in die Gewalt der Kleinen gekommen waren,
oder die sich nchtlich und mitternchtlich unter ihre Sternenspiele
auf dem glsernen Berge verirrt hatten.  Diese waren anders gekleidet
als sie.  Die Knaben und die Mdchen waren in schneeweie Rckchen
und Jckchen gekleidet und trugen feine glserne Schuh, da man ihren
Tritt immer hren konnte, und blaue Mtzchen auf dem Kopfe; ihre
Leibchen aber hatten sie mit silbernen Grteln umgrtet.  Das war die
Tracht der Diener und Dienerinnen.  Den kleinen Johann jammerten sie
anfangs wohl, als er sie sah, wie sie springen und den Unterirdischen
aufwarten muten; aber weil sie munter aussahen und fein gekleidet
waren und rosenrote Wangen hatten, so dachte er: "Nun, es geht ihnen
doch so schlimm nicht, und ich habe es noch lange so gut nicht gehabt,
als ich hinter den Khen und Ochsen laufen mute.  Ich bin nun
freilich ein Herr hier, und sie mssen als Diener laufen.  Das kann
aber nicht anders sein: warum haben sie sich auch so dumm fangen
lassen und sich vorher kein Zeichen genommen?  Es mu doch die Zeit
kommen, wo sie einmal erlst werden, und lnger als fnfzig Jahre
werden sie hier gewi nicht bleiben."  Damit trstete er sich und
spielte und scherzte mit seinen kleinen Gesellinnen und a und trank
in Freuden und lie sich von seinem Diener und von den andern
allerlei unterirdische Geschichten erzhlen; denn er wollte alles
genau wissen.

So saen sie ungefhr zwei Stunden lustig beisammen und aen und
tranken und horchten auf die liebliche Musik, die aus den Lften
erklang.  Da klingelte der Vornehmste mit einem Glckchen, und in
einem Hui versanken die Tische und die Sthle wieder, und alle Mnner
und Frauen und Jnglinge und Jungfrauen standen da wieder auf den
Fen.  Und wieder ein zweiter Klang mit einem zweiten Glckchen, und
wo eben die Tafeln gestanden, erhoben sich grne Orangen- und Palmen-
und Lorbeerbume mit Blten und Frchten, und andere, lustigere und
klangreichere Vgel als die vorher durch die Luft geflattert hatten,
saen in ihren Zweigen und sangen.  Und sie sangen alle wie in einer
Weise und in einem Mae, und Johann sah bald, woher dies kam; denn am
Ende des Saales hoch oben an der Decke sa in einer hohlen Wand ein
eisgrauer Greis und gab den Ton an, nach welchem sie singen muten.
Sie nannten ihn ihren groen Ballmeister.  Er war aber so ernst, als
er weise war, und verschwiegen wie die graue Zeit und sprach nie ein
Sterbenswort, da die andern alle wohl oft zuviel plapperten und
schwtzelten.

Der alte Eisgraue droben strich nun die Geige zum Tanze, und alle die
bunten Vgel klangen den Strich nach.  Es war aber ein recht
fliegender Strich, denn ihr Tanz geht immer uerst geschwind und
lebendig.  Als nun der Reigen angeklungen war, siehe, da bewegten
sich die leichten und frhlichen Scharen und sprangen und hpften und
drehten sich, als wenn die Welt im Wirbel auseinanderfliegen sollte.
Und die kleinen hbschen und feinen unterirdischen Dirnen, die sich
neben Johann gesetzt hatten, faten ihn auch und drehten ihn mit rund.
Und er lie es gern geschehen und tanzte mit ihnen rund wohl zwei
Stunden lang.  Und diesen lustigen Tanz hat er jeden Nachmittag
mitgehalten, solange er da unten geblieben ist, und in seinem
sptesten Alter noch immer mit vielem Vergngen davon erzhlt.  Er
pflegte dann zu sagen, die himmlische Freude und der Gesang und das
Saitenspiel der Engel, welche die Seligen im Himmel einst zu hoffen
htten, mgen wohl berschwenglich schn sein; er aber knne sich
nichts Schneres und Lieblicheres denken als die Musik dieses
unterirdischen Reigens, die schnen und beseelten kleinen Menschen,
die wunderbaren Vgel in den Zweigen mit den allerzauberischesten
Tnen und die klingenden Silberglckchen an den Mtzen.  Ein Mensch,
der das nicht gesehen und gehrt, knne sich gar keine Vorstellung
davon machen.

Als die Musik schwieg und der Tanz geendigt war (das mochte wohl die
Zeit sein, die wir vier Uhr nachmittag nennen), verschwand das kleine
lustige Vlkchen, die einen hiehin, die andern dahin, und jeder ging
wieder an sein Werk und seine Lust.  Des Abends ward nach dem Essen
gewhnlich ebenso gejubelt und getanzt.  Des Nachts aber schlpften
alle heraus aus den Bergen, besonders in schnen, sternhellen Nchten,
und wenn sie auf Erden etwas Besonderes zu tun hatten.  Da ging aber
der kleine Johann immer ruhig schlafen und hielt, wie es einem
frommen christlichen Knaben geziemte, andchtig sein Abendgebet, und
auch des Morgens verga er nie zu beten.

Doch nun mu ich noch mehr erzhlen von den Unterirdischen, ehe ich
weiter melde, wie es unserm kleinen Johann Dietrich da unten die
folgenden Wochen und Jahre ergangen ist.

Da solche kleine Unterirdische, die man mit vielen Namen auch wohl
Braunchen, Weichen, Elfen, Weielfen, Schwarzelfen, Kobolde, Puke,
Heinzlein, Trolle nennt, seit uralten Zeiten unter den Bergen und
Hgeln wohnen und ihre wunderbaren kristallenen und glsernen Huser
haben, ist gewi.  Aber wie sie dahingekommen sind, und was es denn
eigentlich fr Geister sind, und wozu der liebe Gott sie eigentlich
geschaffen hat, das hat uns bisher noch keiner sagen knnen.  Sie
sind wohl gleich den Seelen und Herzen der Menschen von sehr
verschiedener Art, einige bs, andere gut, einige freundlich, andere
neckisch; das wird aber von allen ohne Unterschied gesagt, da sie
sehr sinnreich und geschickt sind und die knstlichsten Werke und
Geschmeide machen knnen, die ihnen kein Mensch nachmachen kann, und
die von den Menschen deswegen oft fr Zauberwerk und Hexenwerk
gehalten werden.  Alles, was ich hier erzhle, hat Johann Dietrich
mitgebracht und es seinen Freunden erzhlt und seinen Kindern so
hinterlassen.  Von diesen haben es wieder andere gehrt, und so hat
sich's weitererzhlt bis diesen Tag.

Die Unterirdischen, zu welchen Johann hinabgestiegen war, gehrten zu
den Braunen.  Sie hatten auch kleine Schelmstreiche im Herzen, waren
aber im ganzen doch gutmtiger und frhlicher Art.  Die Braunen
hieen sie, weil sie braune Jckchen und Rckchen trugen und braune
Mtzen auf dem Kopf mit silbernen Glckchen; einige trugen schwarze
Schuh mit roten Bndern, die meisten aber feine glserne, und beim
Tanze trugen sie alle keine anderen.  Sie hatten ihre Huschen in den
Bergen; aber damit waren sie sehr geheim, und Johann Dietrich,
solange er bei ihnen gewesen, hat keine einzige ihrer Kammern gesehen.
Er und der Diener hatten ihre Kammer hart bei der Stelle, wo der
herrliche Speise- und Tanzsaal immer kam und verschwand; er hat auch
an vielen andern Stellen schne Hallen und offene Pltze und
liebliche Anger und Auen gesehen, aber nirgends Wohnungen; sondern
die Kleinen waren immer nur einzeln oder scharweise da, entweder da
sie tanzten, lustwandelten oder auch geschwind vorbergingen.  Und
wie sie aus den Steinen, worin sie wohnen, herauskamen und wieder
hinschwanden, das hat er mit seinen Augen nie sehen knnen, wie sehr
er auch oft darauf gelauscht hat; sondern sie kamen vor seinen Augen
und verschwanden wie Blitze und Scheine.  Einige kleine Dirnen aber,
die ihn lieb hatten, haben ihm zugeflstert: jeder habe sein eignes
Huschen tief im Gestein, ein liebliches, helles, glsernes Huschen;
auch sei der ganze Berg durchsichtig von Anfang bis zu Ende und
eigentlich rings mit Glas umwachsen; das sei aber seinen Augen zu
sehen nicht mglich.

Von diesen kleinen Unterirdischen waren die grten kaum einer Elle
lang und die Knaben und Mdchen also gar klein; aber sie waren von
Gestalt und Gebrde freundlich und schn, mit hellen, lichten Augen
und mit gar feinen und anmutigen Hndchen und Fchen.  Und eben
durch diese Lieblichkeit und Freundlichkeit haben sie manches
Menschenkind verfhrt, da es zu ihnen heruntergekommen ist ohne
irgend ein Pfand und Zeichen und lange Jahre da hat bleiben und
dienen mssen.  Denn wenn man ein Pfand von ihnen hat, schadet es
nichts, da man mit in dem silbernen Tnnchen hinabsteigt, und sie
mssen einen immer wieder herauslassen.  Sie geben aber nicht gern
ein Pfand.  Das klgste und richtigste ist, da man mit Listen ein
Pfand von ihnen nimmt; denn dann mssen sie einem dienen, da sie
sonst gern herrschen wollen.  Denn sie sind sehr herrschschtig, und
das ist eigentlich ihr Hauptfehler; vorzglich herrschen sie gern
ber die Menschen und bilden sich etwas darauf ein, weil die soviel
strker und grer sind, da sie sie mit Listen zu ihren Dienern und
Knechten machen.  Das beste Pfand, das man von ihnen gewinnen kann
und wodurch man am meisten Macht ber sie bekommt, ist eine braune
Mtze mit dem Glckchen; sehr gut ist auch ein glserner Schuh oder
eine silberne Spange, womit sie ihren Leibgrtel zu schlieen pflegen.
Wer die hat, der hat aller Freuden Flle bei ihnen und ist ein
groer Gebieter.

Ob sie auch sterben, das wei man nicht, oder ob sie, wie einige
erzhlen, wann sie alt werden wollen, sich in Steine und Bume
verkriechen und so sich verwachsen und zu wundersamen Klngen,
chzern und Seufzern werden, die sich zuweilen hren lassen, ohne da
man wei, woher sie kommen, oder zu abenteuerlichen Knorren und
verflochtenen Schlingen, wodurch die Hexen schlpfen sollen, wann sie
von dem wilden Jger gejagt werden.  Eine Leiche von ihnen hat keiner
gesehen, und wenn man sie darnach gefragt hat, haben sie immer so
geantwortet, als verstanden sie das Wort gar nicht.  Das ist gewi,
da manche von ihnen ber zweitausend Jahre alt sind.  Da ist es denn
kein Wunder, da man so weise Leute unter ihnen findet.

Sie haben einen groen Vorteil voraus vor uns Menschenkindern, da
sie nicht ntig haben, fr das tgliche Brot zu sorgen und zu
arbeiten, denn Speise und Trank kommt ihnen von selber oder Gott wei
durch welche wundersame Kunst, und es fehlt nie Brot und Wein und
Braten auf ihrem Tische.  Auch sieht man dort unten, wo sie wohnen,
und wo hin und wieder auch weite Fluren und Felder sind, nirgends
Korn wachsen oder Vieh weiden oder Wild laufen, sondern blo das
Allerlustigste ist zum Genu da, nmlich die schnsten Bume und
Reben, die mit den auserlesensten Frchten und Trauben prangen; auch
die lieblichsten Blumen in Menge, worauf so bunte Schmetterlinge
flattern, als man in dem Lande der Sonne und des Mondes nimmer sieht;
und die allerschnsten und schimmerndsten Vgel, die alle wie
Paradiesvgel und wie der Vogel Phnix aussehen, wiegen sich in den
Zweigen und singen se Lieder.  Anderes Lebendiges sieht man dort
nicht, wenn man das nicht etwas Lebendiges nennen will, da hie und
da aus den Kristallwnden Quellen von Wein und Milch sich ergieen.

So scheint dies Vlkchen denn sehr glcklich zu sein und blo fr die
Freude und Lust geboren, und sie verstehen sich sehr wohl auf die
Kunst, vergngt zu sein und ihr Leben lustig zu gebrauchen.  Doch mu
man nicht glauben, da sie nichts weiter tun als Tafel, Spiel und
Tanz halten, dann in ihre Kammern schlpfen und schlafen und etwa die
Mitternchte ber der Erde verspielen--nein, sie sind wohl die
allerregsamsten und allerfleiigsten Wesen, die man je gesehen hat.
Niemand versteht so gut als sie das Innere der Erde und die geheimen
Krfte der Natur und was in Bergen und Steinen und Metallen wchst,
und was in den Farben der Blumen und den Wurzeln der Bume fr Triebe
lauschen.  Denn ihre Sinne sind die allerklarsten und die
allerfeinsten, viel feiner als des heitersten und hellesten Kindes,
von Menschen geboren; denn auch unsere kleinen Kindlein haben wohl
recht feine Sinne und Gedanken, welche die Erwachsenen nur nicht
immer verstehen, weil diese meistens schon wieder durch Stein und
Erde verhrtet und vergrbert sind.  Die Unterirdischen haben viel
Freude an Silber und Gold und edlen Steinen und machen die
allerknstlichsten Arbeiten daraus, so da die besten Meister hier
oben erstaunen, wenn ein solches unterirdisches Werk hier mal gesehen
wird.  Deswegen nennen viele sie auch wohl Hter des Goldes und des
Silbers und meinen, da sie von schlimmer Gier besessen und bse
metallische Geister sind.  Die meisten, die das sagen, tun ihnen aber
unrecht, denn die weien und braunen Unterirdischen sind wohl nicht
so gierig.  Sie verschenken ja soviel Schnes an die Menschenkinder;
das wrden sie aber nicht tun, wenn sie das Gold und die Edelsteine
zu lieb htten.  Sie haben es nur lieb wegen des Glanzes, denn Glanz
und Licht lieben sie ber alles in der Welt.  Die mit den schwarzen
Jacken und Mtzen sind aber wohl geizig und berhaupt von schlimmerer
Natur als diese.

Wie die Unterirdischen des Nachts aus ihren glsernen Bergen
schlpfen und im Mondschein und Sternenschein tanzen und sich
erlustigen, habe ich schon erzhlt.  Sie knnen sich aber auch
unsichtbar in die Huser der Menschen schleichen; denn wenn sie ihre
Mtzen aufhaben, kann sie kein Mensch sehen, er habe denn selbst eine
solche Mtze.  Da sagen die Leute denn, da sie allerlei Schalkereien
treiben, die Kinder in den Wiegen vertauschen, ja gar wegstehlen und
mitnehmen.  Das ist aber gewi nicht wahr von den Weien und Braunen.
Auch hat ihnen Gott ber die Huser und Wohnungen der Menschen keine
Gewalt gegeben, solcherlei schlimme Schalkerei zu treiben.  Sie
kommen wohl in die Huser der Menschen, sie knnen sich auch
verwandeln, so da kein Schlsselloch so klein ist, da sie nicht
hindurchschlpfen; aber sie tun den Menschen nichts Bses, sondern
wollen nur zuweilen sehen, was sie machen.  Meistens bringen sie
ihnen was Schnes mit, besonders den Kindern, die sie sehr lieb haben.
Und wann die Kinder beim Spielen Dukaten oder goldene Ringe
gefunden haben, wie das wohl zuweilen geschieht, und mit zu Hause
bringen, oder wenn kleine, zierliche Schuhe oder ein neues Kleidchen
oder grne Krnzlein, wann sie erwachen, auf ihren Wiegen und
Bettchen hangen, so haben das wohl nicht immer die himmlischen
Englein getan, sondern oft auch die kleinen Unterirdischen.  Das
sagen aber viele Leute, die es wissen, da sie oft unsichtbar um die
Kinder sind und sie behten, besonders damit sie nicht im Feuer und
Wasser umkommen.  Wenn sie ja jemand necken und schrecken, so sind es
faule Knechte und schmutzige Mgde, die sie mit bsen Trumen
ngstigen, als Alp drcken, als Flhe stechen, als Hunde und Katzen
ungesehen beien und kratzen, oder es sind Diebe und Buhler, welchen
sie, wenn sie des Nachts auf verbotenen Wegen schleichen, als Eulen
in den Nacken stoen, oder die sie als Irrlichter in Smpfe und
Morste locken oder gar ihren Verfolgern entgegenbringen.  Aber das,
denke ich, ist keine Snde.  Die Schwarzjacken aber sind bsartig und
ben gern arge Tcken.  Die drfen aber den Husern der Menschen
nicht nahe kommen, auch berhaupt wenig auf der Erde sein, es sei
denn in Wsten und Einden, wohin selten Menschen kommen.  Sie kommen
auch nicht zu den Menschen, auer wenn diese ihnen selbst die Gewalt
ber sich gegeben oder sich ihnen verpfndet und verschrieben haben.
Denn darauf sinnen diese schwermtigen und grblerischen Geister Tag
und Nacht, wie sie arme Narren und listige Schelme verstricken und
sich endlich an ihrer Not ergtzen mgen.  Und diese schwarzen sind
auch nicht schn wie die andern Unterirdischen, sondern grundhlich,
haben trbe und triefende Augen wie die Khler und Grobschmiede, sind
stumm und heimlich bei ihrer Arbeit, leben einsam und hchstens zu
zweien und dreien und kennen keinen Tanz und Musik, sondern nur
Geheul und Gewimmer.  Und wenn es in Wldern und Smpfen schreit wie
eine Menge schreiender Kinder, oder wie ein Haufe Katzen miauen und
eine Schar Eulen kreischen und wehklagen wrde--das sind ihre
nchtlichen Versammlungen, das ist ihre Musik, das sind sie.

Doch haben die Menschen vor allen Unterirdischen ein Grauen, und das
ist wohl natrlich.  Denn dem Menschen ist das Licht angeboren und
die Liebe zu allem Lichten und Hellen, und es schaudert ihm vor dem
Dunklen und Verborgenen und vor allen geheimen Krften, die
unsichtbar umherschleichen und walten.  Auch wissen sie ja, da die
Unterirdischen allenthalben sein und sich verwandeln und zaubern
knnen.  Freilich erzhlt man vielmehr von ihren Zaubereien, als wahr
ist; das meiste machen sie durch ihre Unsichtbarkeit und
Knstlichkeit, wodurch sie so feine Arbeit als Spinnen und Wespen
weben und wirken und den Menschen allerlei Gaukelei und Einbildung
vormachen knnen.  Und wenn sie ja viel zaubern, tun sie es mehr zur
Freude und zum Spiel als zum Bsen.  Die Schwarzen aber knnen auch
hexen und sind schlimme Hexenmeister, und wenn die sich verwandeln,
sind sie die scheulichsten Tiere und Gewrme, Bren, Wlfe, Hynen,
Tiger, Katzen, Schlangen, Krten, Skorpione, Krhen und Eulen; und
wehe den armen Menschen, die sich mit ihnen eingelassen haben!  Denn
von ihnen mu man dreifache Pfnder nehmen, und auch der Klgste wird
von ihnen betrogen, wenn er nicht kurzen Kauf mit ihnen hlt.  Da
diese Hexenkappen und Nebelkappen weben, womit man sich unsichtbar
machen und in einem Hui ber Land und Meer fahren kann, das ist wahr.
Dem Doktor Faust haben sie seinen Mantel gemacht, womit er in einer
Sekunde von Straburg nach Rom und von Mainz nach Paris gefahren ist.
Aber wie ist es diesem armen Doktor Faust auch ergangen!  Er ist mit
diesen schwarzen Knstlern, weil er zu weise werden wollte, ein
Schwarzknstler geworden und endlich zu dem Allerschwrzesten
gefahren.  Die Schwarzen machen auch Zauberwaffen, Harnische, die
gegen Stahl und Hieb fest sind, Degen, die nie Scharten bekommen
knnen und vor welchen sein Helm und Panzer aushlt, dnne
Kettenhemde leicht wie Spinnweben, wodurch keine Kugel dringt.  Der
Gebrauch derselben ist aber sehr abgekommen, seit die meisten
Menschen Christen sind, und war mehr in der heidnischen Zeit.  Das
ist einmal wahr, knstliche Schmiede und Waffenschmiede sind sie und
wissen eine Hrtung und zugleich eine Schmeidigung des Stahls, die
ihnen kein irdischer Schmied nachmachen kann; denn ihre Klingen sind
zugleich biegsam wie Rohrhalme und scharf wie Diamanten.  Auch wirken
sie noch viel anderes Zaubergeschmeide aus Stahl und Eisen, das zu
mancherlei verborgenen Knsten gebraucht wird und zum Teil die
seltsamsten und unbegreiflichsten Eigenschaften hat.  Die Braunen
sind aber die Juweliere der Berge, die mehr in Gold und Silber und
Edelsteinen arbeiten.  Die feinsten und knstlichsten aller
Unterirdischen sind die Weien; die wirken ihre Arbeiten so fein und
dnn wie die zartesten Blumen aus, so fein und zart, da viele Augen
sie gar nicht sehen knnen; und sie knnen aus Silber und Gold
Rckchen weben, von denen man schwren sollte, sie seien aus
Sonnenstrahlen oder Mondschein gewebt; denn sie sind leichter als die
leichtesten Spinnweben.

Johann Dietrich kam die ersten Wochen, die er in dem glsernen Berge
verlebte, nicht weiter als in sein Kmmerchen und von dem Kmmerchen
in den Speise- und Tanzsaal und wieder zurck.  Er konnte gar kein
Ende finden, die schnen und kstlichen Sachen zu betrachten und zu
loben, die in seinem Zimmer und in dem Schrnkchen aufgestellt waren.
Am meisten aber ergtzte er sich an den schnen Bildern und an
seinem Bcherschranke, wo viele hundert der sauberst gebundenen
Bcher mit goldenem Schnitte nebeneinander standen, und in welchen er
die allerfeinsten und lustigsten Mrchen fand, an welchen er sich
nicht satt lesen konnte.  Als aber die ersten Wochen vergangen waren,
da spazierte er oft aus und lie sich von seinem Diener alles zeigen
und erzhlen.  Es gab da unten aber die allerlieblichsten
Spaziergnge nach allen Seiten hin, und er konnte viele Meilen weit
wandeln, und sie nahmen kein Ende; und man sieht daraus, wie
unendlich gro der Berg war, worin die Unterirdischen wohnten, und
doch erschien die Spitze oben nur wie ein kleiner Hgel, worauf
einige Bume und Struche stehen.  Und daraus kann man auch wissen,
wieviele Meilen seine Tiefe nach unten hinabgehen mute.  Das war
aber das Besondere, da zwischen jeder Au und jedem Anger, die man
hier mit Hgeln und Bumen und Blumen und Inseln und Seen durchset
in der grten Mannigfaltigkeit hatte, gleichsam eine schmale Gasse
war, durch welche man wie durch eine kristallene Felsenmauer gehen
mute, bis man zu etwas Neuem gelangte.  Die einzelnen Anger und Auen
waren aber wohl oft eine Meile lang.  Von den Bumen habe ich schon
erzhlt, wie sie voll kstlicher Frchte hingen, und von den Quellen,
in welchen Milch und Wein aus den Felsen rieselte.  Da konnten die
Wanderer sich nie so weit vergehen, sie fanden immer, womit sie sich
erquicken konnten.  Aber das Allerlustigste waren die bunten Vgel,
die immer von Zweig zu Zweig flatterten und wie tausend himmlische
Nachtigallen sangen, und die Blumen, so wunderschn von Farben und
Dften, da Johann ihresgleichen nimmer auf Erden gesehen hatte.
Kurz, es war hier alles zauberisch, lustig und anmutig und bei aller
der Lust und dem Jubel ein so stilles Leben.  Es wehete, und man
fhlte keinen Wind; es schien hell, und man fhlte keine Hitze; die
Wellen brauseten, und man fand keine Gefahr, sondern die niedlichsten
Nachen und Gondeln, als schneeweie Schwne gestaltet, kamen, wann
man ber einen Strom wollte, von selbst ans Land geschwommen und
fhrten an das jenseitige Ufer, und ebenso fhrten sie ber die Seen
zu den Inseln.  Woher das alles kam, wute niemand, und der Diener
durfte es nicht sagen; das aber sah Johann wohl und konnte es mit
Hnden greifen, da die groen Karfunkel und Diamanten, womit die
hohe Decke statt des Himmels gewlbt war, und womit alle Wnde des
Berges geschmckt standen, fr Sonne, Mond und Sterne leuchteten.
Diese lieblichen Fluren und Auen waren meist einsam.  Man sah wenige
Unterirdische auf ihnen, und die man sah, schienen immer nur so
vorberzuschlpfen, als htten sie die grte Eile, davonzukommen.
Selten geschah es, da einige hier im Freien einmal einen Reigen
auffhrten, etwa zu dreien, hchstens zu einem halben Dutzend: mehr
hat Johann hier nie beisammen gesehen.  Nur dann ging es lustig her,
wann die Schar der Diener und Dienerinnen, die wohl ein paar Hundert
sein mochten, ausgelassen und spazieren gefhrt wurden.  Das geschah
aber alle Woche nur zweimal; meistens waren sie da drinnen in dem
groen Saale oder in den anstoenden Zimmern beschftigt oder muten
auch in der Schule sitzen.

Das war hier auch noch besonders, da, wie die Diamanten und
Edelsteine oben die Sonne und den Mond und die Sterne vorstellen
muten, es hier eigentlich keine Jahreszeiten gab; sondern die Luft
war immer gleich, d. h. es war jahraus, jahrein eine milde, linde
Frhlingsluft, von Bltenatem durchwehet und von Vogelgesang
durchklungen.  Doch zwei Tageszeiten gab es, Tag und Nacht, und diese
teilten sich wieder in vier Teile, in Morgen, Mittag, Abend und Nacht;
doch war der Mittag nicht wrmer als die anderen Tageszeiten.  Das
aber hatte es hier besonders, da die Nacht nie so dunkel und der Tag
nie so hell ward, als sie oben auf der Erde sind.

Johann hatte viele Monate hier verlebt (ich glaube, es waren zehn),
und sie waren ihm hingeschwunden wie ein Tag.  Da begegnete ihm etwas,
das ihn in die Schule brachte.  Ich will erzhlen, wie das zuging.
Er wandelte einst nach seiner Gewohnheit mit seinem Diener herum.  Da
sah er in der Abenddmmerung etwas Schneeweies in eine kristallene
Felswand hineinschlpfen und dann pltzlich verschwinden.  Und es
hatte ihm gedeucht, da es von den kleinen Leuten war und da ihm
auch schneeweie Locken von den Schultern herabhingen.  Er fragte
denn seinen Begleiter: "Was war das?  Gibt es auch unter euch, die in
weien Kleidern gehen wie die Diener und Dienerinnen, die ihr uns
abgefangen habt?"  Der Diener antwortete: "Ja, es gibt deren, aber
wenige, und sie erscheinen nie bei dem Tanze noch an den groen
Tafeln auer einmal im Jahre, wann des groen Bergknigs, der viel
tausend Meilen unter uns in der innersten Tiefe wohnt, Geburtstag ist.
Darum hast du sie noch nie gesehen.  Das sind die ltesten Mnner
unter uns, und einige von ihnen sind wohl manches Jahrtausend alt und
wissen vom Anfange der Welt und vom Ursprung der Dinge zu erzhlen
und werden die Weisen genannt.  Sie leben sehr einsam fr sich und
kommen nur aus ihren Kammern, da sie unsere Kinder und die Diener
und Dienerinnen unterweisen, fr welche hier auch eine groe Schule
ist; sonst sind sie meist mit der Betrachtung der innerlichen und
himmlischen Dinge und mit der Sternkunde und Alchemie beschftigt.
"--"Was?  Gibt es hier auch Schulen?"  rief Johann.  "Das ist nicht
recht, Diener, da du mir das verschwiegen hast; ich habe immer groe
Lust gehabt, in die Schule zu gehen und etwas Ordentliches zu lernen.
"--"Das kannst du haben, wie du willst", antwortete der Diener; "du
bist hier der Herr, und was du haben willst, mssen wir dir schon zu
Gefallen tun.  Du kannst dir einen der schneeweien Weisen in die
Kammer kommen lassen, wenn dir das gefllt, oder kannst auch in eine
der Schulen gehen."--"Das will ich gleich morgenden Tages tun",
sprach Johann, "und ich will mit in die Schule gehen, wo die Diener
und Dienerinnen unterwiesen werden.  Denn ich will mit denen lernen,
die auf der Erde geboren sind; ihr mchtet mir zu fein sein, und ich
kme nicht mit, und der hinterste zu sein wre unlustig."

Und gleich den andern Morgen lie Johann sich von dem Diener in die
Schule fhren, und es gefiel ihm da so gut, da er nachher nie einen
Tag versumt hat.  Das ist nmlich sehr lblich von den
Unterirdischen, da die Kinder, welche zu ihnen herabkommen, immer
sehr gut unterwiesen werden, so da sehr kluge und geschickte Leute
aus den Bergen gekommen sind, Mnner und Frauen, die ihre
Wissenschaft bei den Unterirdischen gelernt haben.  Hier waren
Meister in allerlei Knsten.  Die Kinder lernten schreiben, lesen,
rechnen, zeichnen, malen, Geschichten und Mrchen aufschreiben und
erzhlen und wurden zugleich in mancherlei feiner und knstlicher
Arbeit unterwiesen.  Die Greren und Fhigeren erhielten auch
Unterricht von der Natur und von den Gestirnen und wurden auch in der
Dichtkunst und Rtselkunst gebt, welche beiden Knste die
Unterirdischen ber alles lieben, und womit sie sich bei der Tafel
und bei Festen untereinander viel reizen und ergtzen.  Der kleine
Johann war sehr fleiig und ward bald einer der geschicktesten
Zeichner und Maler; auch arbeitete er sehr fein in Silber und Gold
und Stein, ja er konnte aus Stein zuletzt so feine Frchte und Blumen
wirken, da man glauben sollte, der liebe Gott, der doch alles auf
das schnste und knstlichste geschaffen hat, knne es kaum besser
machen; er machte auch hbsche Reimlein, und im Rtselkampf war er so
gewandt, da er fast allen antworten konnte und ihm mancher die
Antwort schuldig blieb.

Manches liebe Jahr hatte Johann hier verlebt, ohne da er an seine
schne Erde gedacht htte und an diejenigen, welche er dort oben
zurckgelassen hatte; so angenehm verflo ihm die Zeit, und es whrte
nicht lange, da er die Schule viel lieber hatte als den Tanzsaal und
alle seine anderen Freuden.  Auch hatte er hier unter den Kindern
manchen lieben Gespielen und Gespielin gefunden.  Nur war das
betrblich, da diese gewisse Stunden immer dienen muten und dann
nicht mit ihm sein durften, obgleich sie keineswegs hart gehalten
wurden und einen sehr leichten und meistens nur spielenden Dienst
hatten, denn schwere und schmutzige und mhevolle Arbeit gab es hier
unten gar nicht.

Unter allen seinen Gesellen und Gesellinnen hatte Johann niemand
lieber als ein kleines, blondes Mdchen, welches Lisbeth Krabbin hie.
Diese war mit ihm aus demselben Dorfe; es war die Tochter des
Pfarrers Friedrich Krabbe in Rambin.  Sie war als ein vierjhriges
Kind weggekommen, und Johann erinnerte sich wohl, wie sie ihm von ihr
erzhlt hatten.  Sie war aber nicht gestohlen von den Unterirdischen,
sondern einen Sommertag mit den andern Kindern ins Feld gelaufen.
Sie waren zu den Neun Bergen gegangen; da war die kleine Lisbeth
eingeschlafen und von den andern vergessen und des Nachts, als sie
erwachte, unter die Unterirdischen und mit ihnen unter die Erde
gekommen.  Johann aber hatte sie nicht blo deswegen so lieb, weil
sie mit ihm aus einem Dorfe war, sondern Lisbeth war von Natur ein
ausnehmend freundliches und liebes Kind mit hellblauen uglein und
blonden Lckchen und dem allerenglischesten Lcheln, und als sie gro
ward, war sie ausbndig schn.

Mit diesem niedlichen Kinde hatte Johann hier seine Kinderjahre recht
lustig verspielt und gar nicht mehr daran gedacht, da da oben ber
den Bergen auch noch Leute wohnten.  So war er achtzehn Jahre alt
geworden und Lisbeth sechzehn.  Und was bis jetzt ein unschuldiges
Kinderspiel gewesen war, ward nun eine se Liebe.  Sie konnten nicht
mehr voneinander lassen und nannten sich Braut und Brutigam und
waren lieber allein als unter den andern Gespielen.  Die
Unterirdischen sahen das aber sehr gern, denn die hatten den Johann
alle sehr lieb und htten ihn gern auch als ihren Diener gehabt--denn
Herrschsucht ist ihr Laster bei manchen Tugenden.  Und sie dachten:
"Durch diese hbsche Dienerin werden wir ihn fangen, und er wird sich
um ihretwillen zuletzt wohl gefallen lassen, bei Tische aufzuwarten
und pfel und Trauben von den Bumen zu lesen und Blumen zu streuen
und das Estrich zu kehren."  Sie irrten sich aber sehr.  Der kleine
Diener, dem er die Mtze genommen und den die Langeweile oft bei ihm
geplagt, hatte ihm zuviel erzhlt: da er hier nur das Befehlen habe
und da sie alles tun mten, was er wolle; denn wer Meister von
einem Unterirdischen geworden, sei dadurch auch soweit Meister aller
brigen, da sie ihm alles zu Gefallen tun mssen, was in ihrer Macht
stehe.

Johann ging nun viel spazieren mit seiner sen, kleinen Braut und
lie den Diener oft zu Hause, denn jetzt waren dort keine Wege und
Stege mehr, die er nicht kannte.  Und sie spazierten viel in der
Dmmerung und oft bis in die sinkende Nacht hinein, ohne da sie es
merkten, wo ihnen die Zeit blieb; denn die Liebe ist eine Zeitdiebin,
die ihresgleichen nicht hat.  Der Johann war bei diesen Spaziergngen
immer frhlich und munter; aber die Lisbeth war oft stumm und traurig
und erinnerte ihn oft des Landes da droben, wo die Menschen wohnen
und Sonne, Mond und Sterne scheinen.  Weil er das aber immer wegschob
durch andere Gesprche, so verstummte sie wieder und seufzte still in
sich, verga es endlich auch wohl wieder durch das Glck, da sie an
seinen Armen wandeln durfte.  Nun begab es sich einmal, da sie bei
einem Spaziergange ber ihrer Liebe und dem lustigen Gekose und
Geflster derselben ganz der Zeit vergessen hatten und Gott wei wie
weit geschlendert waren.  Es war schon nach Mitternacht, und sie
waren zufllig unter die Stelle gekommen, wo die Spitze des glsernen
Berges sich aufzutun und wo die Unterirdischen heraus und herein zu
schlpfen pflegten.  Als sie nun da wandelten, hrten sie mit einem
Male mehrere irdische Hhne laut krhen.  Bei diesem sen Klange,
den sie nun in zwlf Jahren nicht gehrt hatte, ward der kleinen
Lisbeth gar wundersam um das Herz; sie konnte sich nicht lnger
halten, sie umfate ihren Johann, als wollte sie ihn totdrcken, und
netzte ihm mit heien Trnen die Wangen.  So hing sie lange sprachlos
an seiner Brust; dann kte sie ihn wieder und bat ihn, da er ihnen
den unterirdischen Kerker doch aufschlieen sollte.  Sie sprach
ungefhr also zu ihm:

"Lieber Johann, es ist hier unten wohl schn, und die kleinen Leute
sind auch freundlich und tun einem nichts zuleide, aber geheimelt hat
es mir hier nie, sondern ist doch immer schauerlich zumute gewesen,
und eigentlich froh bin ich hier erst geworden, seit ich dich so lieb
habe, und doch nicht recht froh, denn es ist hier doch kein rechtes
Leben, wie es fr Menschen sein soll.  Ich habe hier doch keine Ruhe
Tag und Nacht, und ich will es dir nun sagen, was ich immer
verschwiegen habe: alle Nacht trumt mir von meinem lieben Vater und
von meiner Mutter und von unserm Kirchhofe, wo die Leute so andchtig
an den Kirchtren stehen und auf den Vater warten; und mir ist es
dann so sehnschtig im Herzen, da ich Blut weinen mchte, weil ich
nicht mit ihnen in die Kirche gehen und beten und Gott loben und
preisen kann, wie Menschen sollen.  Denn ein christliches Leben ist
hier unten einmal nicht, sondern nur so ein buntes, knstliches in
der Mitte, wobei einem doch nicht ganz wohl wird, weil es wohl halb
heidnisch ist.  Und, lieber Johann, auch das mut du bedenken, wir
knnen hier ja nie Mann und Frau werden, denn es ist hier ja kein
Priester, der uns vertrauen kann; und so mssen wir immerfort
Brautleute bleiben und knnen alt und grau darber werden.  Darum
denke darber und mache Anstalt, da wir von hier kommen; mich
verlangt unbeschreiblich, wieder bei meinem Vater und unter frommen
Christen zu sein."

Auch fr Johann hatten die Hhne ganz wunderbar gekrhet, und er
empfand etwas, was er hier unten noch nie empfunden hatte, nmlich
eine tiefe Sehnsucht nach dem schnen Sonnenlande, und er antwortete
seiner Braut:

"Liebe, se Lisbeth, du ermahnest mich ganz recht!  Ich empfinde nun
auch, da es Snde ist fr Christen, hier zu bleiben, und mir ist im
Herzen fast, als htte der Herr Christus uns mit diesem Hahnenkrei
als mit seiner Liebesstimme gerufen: Kommt herauf, ihr Christenkinder,
aus der Bezauberung und aus den Wohnungen der Verblendung!  Kommt
herauf an das Sternenlicht und wandelt wie die Kinder des Lichts!  Ja,
Lisbeth, mir ist zum erstenmal recht weh um das Herz geworden, und
ich sehe wohl, da es ein groer Frwitz und eine schreckliche Snde
war, da ich so mit den Unterirdischen hinabgefahren bin.  Das mag
Gott meinen jungen Jahren vergeben, weil ich ein Kind war und nicht
wute, was ich tat.  Und nun will ich auch keinen Tag lnger warten,
sondern geschwinde Anstalt machen, da ich fortkomme.  Mich drfen
sie hier nicht halten."

Und er war sehr bewegt in seiner Seele und fhrte sein liebes Kind
eilends von dannen.  So trieb ihn der Vorsatz fort, der schon in ihm
lebendig war.  Er hatte aber nicht bemerkt, da Lisbeth bei seinen
letzten Worten totenbla geworden war, und wie schwer sie ihr aufs
Herz gefallen waren; denn sie hatte vorher nicht bedacht, da sie
Dienerin war und ihre fnfzig Jahre aushalten mute, und da sie mit
ihm nicht fort konnte.  Und der Schmerz ward so gewaltig in ihr, da
sie endlich laut weinen und schluchzen mute und er sie nun fragte,
was ihr sei; er wolle ja gern mit ihr fortziehen, ja durch die ganze
Welt mit ihr, wohin sie wolle.  Da antwortete sie ihm: "Ach!  Du bist
hier der Herr und kannst es; aber ich bin die Dienerin und mu nach
dem strengen Gesetze, das hier gilt, aushalten, bis die fnfzig Jahre
um sind.  Und was soll ich dann auf der Erde tun, wenn Vater und
Mutter lange tot und die Gespielen alt und grau sind?  Und du bist
dann auch grau und alt; was kann es mir da helfen, da ich hier jung
bleibe und nicht lter werden kann als zwanzig Jahre?  Ach, ich arme
Lisbeth!"

Sie sprach diese Worte so klglich aus, da sie einen Stein htten
rhren knnen.  Und in Johanns Ohren tnten sie wie Donnerschlge,
und er ward auch sehr traurig.  Denn das fhlte er wohl, ohne sie
konnte er von hier nicht gehen--und er konnte doch in seiner Seele
nirgends einen Ausweg finden.  Sie schieden also, als sie
heimgekommen waren, sehr traurig voneinander.  Johann aber drckte
Lisbeths Hand an sein Herz und kte sie viel tausendmal und sagte
ihr: "Nein, liebe Lisbeth, ohne dich geh ich nimmer von hier, das
glaube mir!"  Und Lisbeth ward sehr getrstet durch diese Worte.

Johann wlzte sich die ganze Nacht auf seinen Kissen hin und her und
konnte kein Auge zutun, denn die Gedanken lieen ihm keine Ruhe,
sondern flogen, wie aufgescheuchte Vgel, hinter welchen der Falke
ist, immer rundum in seiner Seele.  Endlich, als der Morgen schon
grauete, fuhr er geschwind aus dem Bette und sprang hoch auf vor
Freuden und jauchzete in seiner Stube hin und her und schrie berlaut:
"Nun hab' ich's!  Nun hab' ich's!  Diener!  Diener!  Du hast mir
zuviel erzhlt."  Und er klingelte, und der Diener kam, und er befahl:
"Diener, geschwind!  Geschwind!  Bringe mir Lisbeth!"  Und in einigen
Augenblicken war der Diener da und fhrte die schne Lisbeth an der
Hand.  Und er hie den Diener hinausgehen und kte seine Lisbeth und
sprach zu ihr: "Liebe Lisbeth, nun freue dich mit mir!  Ich hab' es
gefunden!  Ich hab' es gefunden!  Wir werden nun beide bald wieder zu
Christen kommen, und sie knnen uns hier nicht festhalten.  Verla
dich nur drauf, ich kann es machen.  Und nun gehe, mein Herzchen, und
sei froh."  Und er kte sein liebes Kind, rief darauf dem Diener und
hie ihn die Lisbeth wieder heimfhren und auf dem Rckwege die sechs
Vornehmsten zu ihm rufen.  Der Diener aber verwunderte sich ber
diese Sendung, und die sechs wunderten sich noch mehr, als er ihnen
die Mutung Johanns brachte, und munkelten und flsterten
untereinander, gingen aber mit ihm.

Und als die sechse in Johanns Zimmer traten, empfing er sie sehr
freundlich, denn es waren ja die, mit welchen er alle Tage zu Tische
zu sitzen pflegte, und sprach also zu ihnen:

"Liebe Herren und Freunde, euch ist wohl bewut, auf welche Weise ich
hierher gekommen bin, nicht als ein Gefangener und berlisteter oder
Diener, sondern als ein Herr und Meister ber einen von euch und
dadurch ber alle; nur da dieser eine immer mein leiblicher und
stndlicher, ja sekundlicher Diener sein mu.  Ihr habt mich die zehn
Jahre, welche ich bei euch lebe, wie einen Herrn empfangen und
gehalten, und dafr bin ich euch Dank schuldig.  Ihr seid mir aber
noch grern Dank schuldig, denn ich htte euch mit allerlei Befehlen
und Einfllen manche Mhe und Arbeit, Neckerei und Plage antun, ja
ich htte ein recht tckischer und unfreundlicher Tyrann gegen euch
sein knnen, und ihr httet es alles in Gehorsam leiden und tun
mssen und nicht mucksen drfen.  Ich habe das aber nicht getan,
sondern mich wie euresgleichen aufgefhrt und mehr mit euch gejubelt
und gespielt, als da ich unter euch geherrscht htte.  Nun bitte ich
euch, seid wieder freundlich gegen mich, wie ich gegen euch gewesen
bin, und gewhret mir eine Bitte.  Es ist hier unter den Dienerinnen
eine feine Dirne, die ich lieb habe, Lisbeth Krabbin aus Rambin, wo
auch ich geboren bin.  Diese gebt mir und lasset sie mit mir ziehen!
Denn ich will nun wieder hinauf, wo die Sonne scheint und der Pflug
ins Feld geht.  Weiter begehre ich nichts, als dieses schne Kind und
den Geschmuck und das Gert meines Zimmers mitzunehmen."

So sprach er mit sehr lebendigem und krftigem Ton, da sie den Ernst
wohl fhlten.  Sie aber schlugen die verlegenen und bedenklichen
Blicke zu Boden und schwiegen alle; darauf nahm der lteste unter
ihnen das leise Wort und lispelte: "Herr, du begehrst, was wir nicht
geben knnen; es tut uns leid, da du Unmgliches verlangest.  Es ist
ein unverbrchliches Gesetz, da nie ein Diener oder eine Dienerin
entlassen werden kann von hier vor der bestimmten Zeit.  Brchen wir
das Gesetz, so wrde unser ganzes unterirdisches Reich einen Fall tun.
Sonst alles, denn du bist uns sehr lieb und ehrenwert; aber die
Lisbeth knnen wir dir nicht herausgeben."  "Ihr knnt die Lisbeth
herausgeben, und ihr sollt sie herausgeben!"  rief Johann im Zorn.
"Nun geht und bedenkt euch bis morgen!  Ich wit meinen Befehl; es
ist keine Bitte mehr.  Morgen kommt zu dieser Stunde wieder.  Ich
will euch zeigen, ob ich ber eure schmeichlischen und fchsischen
Listen herrschen kann."

Die sechs verneigten sich und gingen; den begleitenden Diener aber
schalten sie, da er zuviel erzhlt habe.  Er aber entschuldigte sich
und verneinte es und sagte: "Ich wit ja, wie klug er mich berlistet
hat mit der Mtze und wie er von den Geheimnissen unserer Herrschaft
alles gewut hat durch den alten Kuhhirten aus Rothenkirchen; er hat
ihm dies auch erzhlt."  Und sie glaubten ihm und schalten ihn nicht
mehr.

Als die sechse den andern Morgen zur befohlenen Stunde wiederkamen,
empfing Johann sie doch freundlich und sprach: "Ich habe euch gestern
hart angeredet; aber ich habe es nicht so schlimm gemeint, als ich
ausgesehen habe.  Aber die Lisbeth will und mu ich haben; dabei
bleibt es!  Und ich wei wohl, da ihr auch mich nicht gern misset,
weil ihr die Menschenkinder gern habet, besonders wenn sie freundlich
und lustig sind, wie ich bin.  Aber ich kann's nun einmal nicht
helfen, ich mu wieder zu Christen und wie ein Christ leben und
sterben, und es ist eine groe Snde, wenn ich hier lnger sume.
Und deswegen verlasse ich euch, und nicht aus Widerwillen oder Ha.
Und meine liebe Lisbeth will ich auch mitnehmen; dabei bleibt es!
Und nun gebrdet euch nicht lnger widerwrtig und widerspenstig und
tut wie Freunde dem Freunde, was ihr sonst aus Not tun msset und
gebet mir die schne Dirne heraus und lasset uns freundlich
voneinander scheiden und hier und dort ein freundliches Andenken in
den Herzen bewahren!"

Und die sechs taten sehr freundlich und redeten nun einer nach dem
andern und machten sehr schne Wendungen und Schlingungen der Worte,
womit sie ihn zu bestricken hofften, denn darin sind sie sehr
geschickt.  Auch hatten sie sich heute vorbereitet, da sie wuten,
was sie sprechen wollten.  Aber es half ihnen nichts, und ihre Worte
verflogen sich in den Winden und berhrten Johann nicht strker, als
htten sie Spreu aus dem Munde geblasen.  Und das Ende vom Liede war
wieder, nachdem er alle die schnen und knstlichen Worte angehrt
hatte: "Gebt die Lisbeth heraus!  Ich gehe nicht ohne die Lisbeth."
Denn Johann war zu sterblich verliebt, als da er die schne Dirne
hier gelassen htte.  Die sechs aber verweigerten es standhaft und
gebrdeten sich, als htten sie recht und wrden es nimmer tun.
Johann aber sagte ihnen lchelnd: "Geht nun!  Fahrt wohl bis morgen!
Morgen seid ihr wieder zu dieser Stunde hier!  Ich gebe euch nun das
dritte und letzte Mal.  Wollt ihr meinen Befehl dann nicht in Gte
erfllen, sollt ihr sehen, ob ich verstehe, Herr zu sein."  Er hatte
aber, da er sie so hartnckig sah, in sich beschlossen, sie durch
Plagen zum Gehorsam zu zwingen, falls sie nicht unterdessen auf
bessere Gedanken kmen.

Und sie kamen den dritten Morgen, und Johann sah sie mit ernstem und
strengem Blick an und erwiderte ihre Verbeugungen nicht, sondern
fragte kurz: "Ja oder nein?"  Und sie antworteten einstimmig nein.
Darauf befahl er dem Diener, er solle noch vierundvierzig der
Vornehmsten rufen und solle ihre Frauen und Tchter mitkommen heien
und auch die Frauen und Tchter von diesen sechsen, die vor ihm
standen.  Und der Diener fuhr dahin wie der Wind, und in wenigen
Minuten standen die vierundvierzig da mit ihren Frauen und Tchtern
und auch die Frauen und Tchter der sechse, und waren in allem wohl
fnfhundert Mnner, Frauen und Kinder da.  Und Johann lie sie
hingehen und Hauen, Karsten und Stangen holen und dann flugs
wiederkommen.  Und sie taten, wie er befohlen hatte, und waren bald
wieder da.  Er aber gedachte sie nun zu plagen, damit sie aus Not
tten, was sie aus Liebe nicht tun wollten.

Er fhrte sie auf einen Felsenberg, der auf einem der Anger lag.  Da
muten diese feinen und zarten Wesen, die fr schwere Arbeit nicht
geschaffen waren, Steine hauen, sprengen und schleppen.  Sie taten
das ganz geduldig und lieen sich nichts merken, sondern gebrdeten
sich, als sei es ihnen ein leichtes und gewohntes Spiel.  Er aber
lie sie sich plagen vom Morgen bis an den Abend, und sie muten
schwitzen und arbeiten, da ihnen der Atem fast ausging, denn er
stand immer dabei und trieb sie an.  Sie aber hofften, er werde die
Geduld verlieren, und der Jammer werde ihn berwinden, da er sie und
ihre Frauen und Kinder so bleich und welk werden sah, die sonst so
schn und lustig waren.  Und wirklich war Johann zu keinem Knig
Pharao und Nebukadnezar geboren, denn nachdem er es einige Wochen so
getrieben hatte, ging ihm die Geduld aus, und der Jammer, da er die
schnen kleinen Menschen so mihandeln mute, tat auch sein Teil dazu.
Sie aber wurden nicht mrb, denn es ist ein gar eigensinniges
Vlkchen.  Sie brauchten aber immer die List, da die schnsten unter
ihnen immer zunchst bei Johann arbeiten muten; besonders stellten
sie die niedlichen, kleinen Dirnen dahin, die sonst seine
Tischgesellinnen waren, und die muten auf seine Mienen und Gebrden
achtgeben und hatten bald bemerkt, da er sich oft verstohlen
wegwendete und eine Trne aus den Augen wischte.  Johann dachte nun
darauf, wie er eine Plage erfnde, die ihn geschwinder zum Ziele
fhrte.

Und er machte sich hart und gebrdete sich noch viel hrter und rief
sie einen Abend zusammen und sprach: "Ich sehe, ihr seid ein
hartnckiges Geschlecht; so will ich denn viel hartnckiger sein,
denn ihr seid.  Morgen, wann ihr zur Arbeit kommt, bringe sich jeder
eine neue Geiel mit!"  Und sie gehorchten ihm und brachten die
Geieln mit.  Und er hie sie sich alle entkleiden und einander mit
den Geieln zerhauen, bis das Blut danach flo; und er sah grimmig
und grausam dabei aus, als htte ihn eine Tigerin gesugt oder ein
schwarzer Galgenvogel das Futter zugetragen.  Aber die kleinen Leute
zerhieben sich und bluteten und hohnlachten dabei und taten ihm doch
nicht den Willen.  So taten sie drei, vier Tage.

Da konnte er es nicht lnger aushalten; es jammerte und ekelte ihn,
und er hie sie ablassen und schickte sie nach Hause.  Und er dachte
auf viele andere Plagen und Martern, die er ihnen antun knnte.  Da
er aber von Natur weich und mitleidig war und diese Wochen wirklich
mehr ausgestanden hatte, da er sie plagen mute, als sie, die
geplagt wurden, so gab er den Gedanken daran ganz auf; fr sich und
fr seine Lisbeth wute er aber auch gar keinen Rat und ward so
traurig, da sie ihn oft trsten und aufrichten mute, der sonst
immer so frhlich und beherzt war.  So lieb er die kleinen Leute
sonst gehabt hatte, so unlieb wurden sie ihm jetzt.  Er schied sich
ganz aus ihrer Gesellschaft und von ihren Festen und Tnzen und lebte
einsam mit seiner Dirne und a und trank einsam in seinem Zimmer, so
da er fast ein Einsiedler ward und ganz in Trbsinn und Schwermut
versank.

Als er einmal in dieser Stimmung in der Dmmerung spazierte, warf er
im Unmut, wie man zu tun pflegt, kleine Steine, die ihm vor den Fen
lagen, gegeneinander, da sie zersprngen.  Vielleicht erquickte es
seinen schweren Mut auch, da er die Steine sich so aneinander
zerschlagen sah, denn wenn ein Mensch in sich uneins und zerrissen
ist, mchte er im Unmut oft die ganze Welt zerschlagen.  Genug,
Johann, der nichts Besseres tun mochte, zerwarf die armen Steine, und
da geschah es, da aus einem ziemlich groen Stein, der
auseinandersprang, ein Vogel schlpfte, der ihn erlsen sollte.  Es
war dies eine Krte, deren Haus in dem Stein mit ihr gewachsen war,
und die vielleicht seit der Schpfung der Welt darin gesessen hatte.
Kaum sah Johann die Krte springen, so ward er ganz freudenfroh und
sprang hinter sie drein und haschte sie und rief ein Mal ber das
andere: "Nun, hab' ich sie!  Nun hab' ich meine Lisbeth!  Nun will
ich euch schon kirr machen, nun sollt ihr's kriegen, ihr tckischen
kleinen Gesellen!  Habt ihr euch mit Ruten nicht wollen zum Gehorsam
geieln lassen, so will ich euch mit Krten und Skorpionen geieln."
Und er barg die Krte wie einen kostbaren Schatz in seiner Tasche und
lief eilends nach Hause und nahm ein festes, silbernes Gef und
setzte sie darein, damit sie ihm nicht entrinnen knnte.  Und in
seiner Freude sprach er berlaut fr sich viele Worte und gebrdete
sich so wunderlich, als sei er nrrisch geworden, und sprang dann ins
Freie hinaus.  "Komm mit, mein Vglein", rief er, "nun will ich dich
versuchen, ob du echt bist!"  Und er nahm das Gef mit der Krte
unter den Arm und lief hin, wo ein paar Unterirdische in der
Einsamkeit des Weges gingen.  Und als er ihnen nher kam, strzten
sie wie tot auf den Boden hin und winselten und heulten jmmerlich.
Er aber lie flugs von ihnen und rief: "Lisbeth, Lisbeth, nun hab'
ich dich!  Nun bist du mein!"  Und so strmte er zu Hause, schellte
den Diener herein und lie ihn Lisbeth holen.

Und als Lisbeth kam, war sie ganz erstaunt, da sie ihn so munter
fand, denn seit einem halben Jahre hatte sie ihn nicht mehr froh
gesehen.  Und er lief auf sie zu und umhalsete sie und sprach:
"Lisbeth!  Se Lisbeth!  Nun bist du mein, nun nehme ich dich mit;
bermorgen soll der Auszug sein, und juchhe, wie bald die lustige
Hochzeit!"  Sie aber erstaunte noch mehr und sagte: "Lieber Johann, du
bist geck geworden?  Wie soll das mglich sein?"  Er aber lchelte und
sprach: "Ich bin nicht geck geworden, aber die kleinen Schlingel will
ich geck machen, wenn sie sich nicht zum Ziele legen wollen.  Sieh
hier!  Hier ist dein und mein Erlser."  Und er nahm das silberne
Geschirr und ffnete es und zeigte ihr die Krte, vor deren
Garstigkeit es ihr fast geschwunden htte.  Nun erzhlte er ihr, wie
er zu dem seltenen Vogel gekommen war, und wie herrlich ihm die Probe
geglckt war, die er mit ihm an den Unterirdischen angestellt hatte,
und wohlgefllig rief er noch einmal: "Sei froh, meine liebe Lisbeth!
Du sollst es sehen, wie ich sie mit dieser zu Paaren treiben will."

Nun mu ich auch das Geheimnis erzhlen, das in der Krte steckte.
Klas Starkwolt hatte dem kleinen Johann oft erzhlt, da die
Unterirdischen keinen Gestank vertragen knnten, und da sie bei dem
Anblick, ja bei dem Geruch von Krten sogleich in Ohnmacht fielen und
die entsetzlichsten Schmerzen litten; mit Gestank und mit diesen
garstigen und scheulichen Tieren knne man sie zu allem zwingen.
Daher findet man auch nie etwas Stinkendes in dem ganzen glsernen
Reiche, und die Krten sind dort etwas Unerhrtes, und man mu daher
diese Krte, die so wunderbar in einem Stein eingehuft und fast
ebenso wunderbar aus diesem ihrem steinernen Hause herausgekommen war,
fast ansehen als von Gott von Ewigkeit her zu solcher geheimen
Wohnung verdammt, damit Johann und Lisbeth zusammen aus dem Berge
kommen und Mann und Frau werden knnten.

Johann und Lisbeth glaubten auch gern an ein solches Wunder,
besonders Lisbeth, die Gottes liebes, frommes Kind war.  Und als
Johann ihr alles erzhlt und erklrt hatte, was er ferner tun und wie
er die Kleinen endlich zu seinem Willen zwingen wollte, da fiel sie
ganz entzckt und gerhrt auf ihr Gesichtchen zur Erde und betete und
dankete Gott, da er sie endlich von den kleinen Heiden erlsen und
wieder zu Christenmenschen bringen wolle.  Und sie ging ganz frhlich
heim und faltete ihre Hndchen im Bette noch viel zum Gebete und
hatte die Nacht die allersesten Trume.  Johann legte sich auch
nicht traurig nieder, und er berdachte und berlegte sich alles, wie
er die Kleinen erschrecken und endlich mit seiner geliebten Braut aus
dem Berge ziehen wollte.

Und den folgenden Morgen, als es getagt hatte, rief er seinen Diener
und hie ihn die fnfzig Vornehmsten holen mit ihren Frauen und
Tchtern.  Und sie erschienen alsbald vor Johann, und er sprach zu
ihnen:

"Ihr wisset alle, und ist euch nicht verborgen, wie ich hierher
gekommen bin, und wie ich diese manchen Jahre mit euch gelebt habe,
nicht als ein Herr und Gebieter, sondern als ein Freund und Genosse.
Und ich habe es wohl gewut, wie ich htte Herr sein und meiner
Herrschaft gegen euch gebrauchen knnen; und das habe ich nicht getan,
sondern nur einen einzigen von euch hab' ich als Diener gebraucht,
und auch nicht als Diener, sondern mehr als Freund.  Und ihr schienet
mit mir zufrieden zu sein und mich lieb zu haben; als es aber dahin
gekommen ist, da ich endlich eine einzige kleine Freundlichkeit von
euch begehren mute, habt ihr euch gebrdet, als forderte ich Leben
und Reich von euch, und mir sie trotzig abgeschlagen.  Ihr wisset
auch, was ich da ergriffen habe, und wie ich angefangen habe, euch
mit Arbeit und Streichen zu plagen, damit ihr einshet, da ihr
unrecht httet, und mir die Liebe ttet.  Aber ihr seid trotziger und
hartnckiger gewesen, als ich strenge, und aus Barmherzigkeit habe
ich ablassen mssen von der Strafe.  Ihr habt das aber nicht erkannt,
sondern habt mich ausgelacht als einen Dummen, der keinen Rat wisse,
euch zum Gehorsam zu zwingen.  Ich aber wei wohl Rat und will es
euch bald zeigen, wenn ihr in eurer Verstocktheit bleibet und mir die
Lisbeth nicht losgeben wollt.  Darum zum letzten Male, besinnet euch
noch eine Minute, und sagt ihr dann nein, so sollt ihr die Pein
fhlen, die euch und euren Kindern von allen Peinen die
frchterlichste ist!"

Und sie sumten nicht lange und sagten mit einer Stimme nein und
dachten bei sich: "Welche neue List hat der Jngling erdacht, womit
er so weise Mnner einzuschrecken meint?"  Und sie lchelten, als sie
nein sagten.  Dies Lcheln rgerte Johann mehr als alles andere und
voll Zorns rief er: "Nun denn, da ihr nicht hren wollt, sollt ihr
fhlen", und lief geschwind wie ein Blitz einige hundert Schritt weg,
wo er das Gef mit der Krte unter einem Strauch versteckt hatte.

Und er kam zurck, und als er sich ihnen auf hundert Meter genahet
hatte, strzten sie alle hin, als wren sie mit einem Schlage
zugleich vom Donner gerhrt, und begannen zu heulen und zu winseln
und sich zu krmmen, als ob sie von den entsetzlichsten Schmerzen
gefoltert wrden.  Und sie streckten die Hnde aus und schrien einer
um den andern: "La ab, Herr!  La ab, und sei barmherzig!  Wir
fhlen, da du eine Krte hast, und da kein Entrinnen ist.  Nimm die
greulichen Plagen weg; wir wollen ja alles tun, was du befiehlst."
Und er lie sie noch einige Sekunden zappeln; dann entfernte er das
Gef mit der Krte, und sie richteten sich wieder auf, und ihre Zge
erheiterten sich wieder, denn die Pein war weg, wie das Tier
weggenommen war.

Johann behielt nur die sechs Vornehmsten bei sich und lie die Weiber
und Kinder und die brigen Mnner alle gehen, wohin jeder wollte.  Zu
den sechsen aber sprach er seinen Willen also aus:

"Diese Nacht zwischen zwlf und ein Uhr ziehe ich mit der Lisbeth von
dannen, und ihr beladet mir drei Wagen mit Silber und Gold und edlen
Steinen.  Wiewohl ich alles nehmen knnte, was ihr in den Bergen habt,
da ihr so widerspenstig und ungehorsam gegen mich gewesen seid, will
ich euch doch so hart nicht strafen, sondern barmherziger gegen euch
sein, als ihr gegen mich und die Lisbeth gewesen seid.  Auch alle
meine Herrlichkeiten und Kostbarkeiten und Bilder und Bcher und
Gerte, die in meinem Zimmer sind, werden auf zwei Wagen geladen,
also da in allem fnf Frachtwagen bereit gemacht werden.  Mir selbst
aber rstet ihr den schnsten Reisewagen, den ihr in euren Bergen
habt, mit sechs schwarzen Rappen, worauf ich und meine Braut sitzen
und zu den Unsrigen einfahren wollen.  Zugleich befehle ich euch, da
von den Dienern und Dienerinnen alle diejenigen freigelassen werden,
welche solange hier gewesen sind, da sie droben zwanzig Jahre und
drber alt sein wrden; und ihr sollt ihnen soviel Silber und Gold
mitgeben, da sie auf der Erde reiche Leute heien knnen.  Und das
soll knftig ein ewiges Gesetz sein, und ihr sollt mir es hier diesen
Augenblick beschwren, da nimmer ein Menschenkind hier lnger
festgehalten werden soll als bis zu seinem zwanzigsten Jahre."

Und die sechse leisteten ihm den Schwur und gingen dann traurig weg;
er aber nahm jetzt die Krte und vergrub sie tief in die Erde.  Und
sie und die brigen Unterirdischen rsteten alles zu, und auch Johann
und Lisbeth bereiteten sich zur Reise und schmckten sich festlich
gegen die Nacht, damit sie als Braut und Brutigam erscheinen knnten.
Es war aber jetzt beinahe dieselbe Zeit, in welcher er einst in den
Berg hinabgestiegen war, die Zeit der lngsten Tage, also
Mittsommerszeit, die sie die Sonnengicht nennen.  Und er war etwas
ber zwlf Jahre in dem Berge gewesen und Lisbeth etwas ber dreizehn,
und er ging in sein einundzwanzigstes Jahr und Lisbeth in ihr
achtzehntes.  Die kleinen Leute taten mit groem Gehorsam, aber sehr
still alles, wie er ihnen befohlen hatte; desto lauter aber war die
Schar der Diener und Dienerinnen, welche sein neues Gesetz ber das
zwanzigste Jahr mit erlset hatte.  Diese jubelten um ihn und um
seine Lisbeth her und freueten sich sehr, da sie mit ihnen auf die
Oberwelt ziehen durften.

Und als alle Kostbarkeiten herausgeschafft und die erlseten Diener
und Dienerinnen hinaufgefahren waren, setzten Johann und seine
Lisbeth sich zuletzt in die silberne Tonne und lieen sich
hinaufziehen.  Es mochte wohl eine Stunde nach Mitternacht sein.  Und
es deuchte ihnen ebenso als vormals, wie sie hinabgefahren waren.
Sie waren von Jubel umrauscht und von Musik umtnt, und endlich klang
es ber ihren Kpfen, und sie sahen den glsernen Berg sich ffnen,
und die ersten Himmelsstrahlen blinkten zu ihnen hinab nach so
manchen Jahren, und bald waren sie drauen und sahen das Morgenrot
schon im Osten dmmern.  Johann sah eine Menge Unterirdischer, die um
ihn und Lisbeth und die Wagen geschftig waren, dort hin und her
wallen, und er sagte ihnen das letzte Lebewohl; dann nahm er seine
braune Mtze, schwang sie dreimal in der Luft um und warf sie unter
sie.  Und in demselben Augenblick sah er nichts mehr von ihnen,
sondern erblickte nun nichts weiter als einen grnen Hgel und
bekannte Bsche und Felder und hrte die Glocke vom Rambiner
Kirchturme eben zwei schlagen.  Und als es still geworden war und er
von dem unterirdischen und berirdischen Getummel nichts weiter hrte
als einige Lerchen, die ihre ersten Morgenlieder anstimmten, da fiel
er mit seiner Lisbeth im Grase auf die Knie, und sie beteten beide
recht andchtig und gelobten Gott ein recht christliches Leben, weil
er sie so wunderbar von den Unterirdischen errettet hatte.  Und alle
Diener und Dienerinnen, welche durch sie miterlset waren, taten
desgleichen.

Darauf erhuben sie sich alle, und die Sonne ging eben auf, und Johann
ordnete nun den Zug seiner Wagen.  Voran fuhren zwei Wagen, jeder mit
vier Rotfchsen bespannt, die waren mit eitel Gold und Dukaten
beladen, so schwer, da die Pferde von der Last sthneten; diesen
folgte ein anderer Wagen mit sechs schneeweien Pferden, welche alles
Silber und Kristall zogen; hinter diesem fuhren zwei letzte Wagen,
jeder mit vier Grauschimmeln bespannt, und diese waren mit den
herrlichsten Gerten und Gefen und Edelgesteinen und mit der
Bibliothek Johanns beladen.  Er mit seiner Braut fuhr zuletzt in
einem offenen Wagen aus lauter grnem Smaragd, dessen Decke und
Vorderseite mit vielen groen Diamanten besetzt waren, und sechs
mutige, wiehernde Rappen zogen ihn.  Er war aber nebst seiner Braut
auf das kostbarste geschmckt, damit sie den Ihrigen auch durch den
Schmuck und die Pracht als ein rechtes Wunder Gottes kmen.  Denn
beide waren von ihnen lange als tot betrauert und wer htte wohl
gedacht, da sie jemals wiederkommen wrden?  Die erlsten Diener und
Dienerinnen in glsernen Schuhen und weien Kleidern und Jckchen mit
silbernen Grteln gingen vor und hinter und neben den Wagen und
geleiteten sie; einige fhrten auch die Pferde.  Denn sie wollten sie
alle bis Rambin begleiten und von da jeder seines Weges weiter ziehen.
Es waren ihrer in allem zwischen fnfzig und sechzig.  Und sie
jauchzeten vor Freuden, und einige, welche Geigen und Pfeifen und
Trompeten mit hatten, spielten lustig auf.  So zogen sie mit Jauchzen
und Klingen die Hgel hinab auf die Strae, welche von Rambin nach
Garz fhrt.  Es war aber dem Johann und der Lisbeth gar wundersam
zumute, als sie den Turm von Rambin wiedersahen und die Sturmweiden
von Drammendorf und Giesendorf aus der Ferne, wo sie als Kinder
soviel gespielt hatten.  Als sie vor Rothenkirchen hinzogen, kam eben
die Kuhherde ber den Berg, und Klas Starkwolt mit seinem treuen
Hurtig zog ihr langsamen Schrittes nach.  Johann sah ihn und erkannte
ihn stracks und dachte bei sich: "Den treuen Alten wirst du nicht
vergessen."  Und so zog er mit seiner Begleitung weiter, und alle
Leute, die auf der Strae waren, hielten oder standen still, und
viele liefen ihnen nach, ja einige liefen voraus und meldeten in
Rambin, welche blanke und prchtige Wagen dort auf der Landstrae
fhren, und brachten das ganze Dorf auf die Beine.  Der Zug ging aber
sehr langsam wegen der schwer beladenen Wagen.

So zogen sie etwa um vier Uhr morgens in Rambin ein und hielten still
mitten im Dorf, etwa zwanzig Schritt von dem Hause, wo Johann geboren
war.  Und es war alles Volk zusammengelaufen und aus den Husern
gegangen, damit sie die glnzende Herrlichkeit mit eigenen Augen
shen.  Johann entdeckte bald seinen alten Vater und seine Mutter und
erkannte unter den vielen auch seinen Bruder Andres und seine
Schwester Trine.  Auch der alte Pfarrer Krabbe stand da in schwarzen
Pantoffeln und einer weien Schlafmtze, wie er eben aus dem Bette
gekommen war, und gaffte mit den andern; aber Lisbeth erkannt ihn
nicht mehr, denn sie war zu klein gewesen, als sie in den Berg
entfhrt worden.  So hielten sie etwa zehn Minuten still, ohne sich
etwas merken zu lassen.  Und man kann wohl sagen, da in dem Dorfe
Rambin nie eine solche Herrlichkeit erschienen war und auch nicht
erscheinen wird bis an der Welt Ende.  Johann und seine Braut
funkelten von Diamanten und edlen Steinen; die Wagen, die Pferde, die
Geschirre waren auf das prchtigste geziert, die Begleiter und
Begleiterinnen alle in der Blte der Jahre, mit den schnen, weien
Kleidern angetan und den sonderbaren Mtzen und glsernen Schuhen.
Alles war wie aus einer andern Welt, so da der Kster, seines
Handwerks ein Schuhmacher, der in seiner Jugendwanderschaft bis nach
Moskau und Konstantinopel gekommen war, sagte: "Sind es keine
tatarische und persische und asiatische Prinzen, so mssen sie vom
Mond heruntergekommen sein, denn in dem Lande Europa habe ich
dergleichen nie gesehen und bin doch auch in vielen Stdten gewesen,
wo Kaiser und Knige wohnen!"  Der gute Kster irrte sich aber; sie
kamen weder aus Persien noch aus der Tatarei, sondern ganz aus der
Nhe, aber freilich aus einer sehr wenig entdeckten Welt.

Als Johann nun glaubte, es sei genug, und sie htten ihre Augen bis
zur Sttigung geweidet, sprang er rasch vom Wagen und hob sein
schnes Kind auch heraus und drang durch die Menge hin, die ihm
ehrerbietig Platz machte.  Und ohne sich lange zu besinnen, eilte er
zu dem niedrigen, strohenen Huschen, wo Jakob Dietrich mit seiner
Frau stand, und umhalsete sie beide und kssete sie, die sich vor ihm
zur Erde werfen und seine Knie ksse wollten.  Er aber wehrte ihnen
und sprach: "Mitnichten!  Das darf nicht sein!  Kennt ihr mich denn
nicht?  Ich bin euer verlornen Sohn Johann Dietrich, und diese hier
ist meine Braut."  Und die beiden Alten erstaunten und wuten nicht,
ob sie wachten oder trumten; alles Volk aber, das dies sah und hrte,
verwunderte sich und rief: "Johann Dietrich, der verlorne Johann
Dietrich ist von den Unterirdischen wiedergekommen, und seht, was er
mitgebracht hat!"

Johann Dietrich aber stand dort nicht lange mig bei seinen Eltern,
sondern, als er den alten Pfarrer Krabbe in der weien Schlafmtze
erblickte, lief er eilends hin und holte ihn fast mit Gewalt herbei;
denn der alte Mann wute nicht, was der ungestme Jngling im Sinn
hatte.  Und er fhrte den alten, ehrwrdigen Herrn zu Lisbeth und
fragte ihn: "Kennst du diese?"  Ehe er aber noch antworten konnte, zog
er ihm Lisbeth in die Arme und sprach: "Dies ist deine verlorene
Tochter und meine Braut, die bringe ich dir wieder.  Und nun sollst
du uns segnen und christlich zusammensprechen, da wir auf eine so
wundersame Weise wieder zu den Unsern gekommen sind."  Und der alte
Mann war lange sprachlos und hing an der Brust seiner Lisbeth und
weinte vor Freude; denn sie war sein einziges Kind, und er hatte sie
lange als eine Tote beweint.  Und als er sich besonnen hatte von dem
ersten Erstaunen, nahm er die Hnde seines Kindes und legte sie in
die Hnde Johanns und hie Jakob Dietrich und seine Frau auch
hinzutreten und sprach: "So segnet euch denn der Gott des Friedens
und der Barmherzigkeit, der euch so wunderbar zusammengebracht hat,
und lasse euch Kinder und Kindeskinder sehen und in seiner Furcht
wandeln bis ans Ende eures Lebens!  Siehe, ich preise ihn, da er
mich diesen Tag hat sehen lassen."

Als dies vorbei und noch viel gefragt und erzhlt war, und als die
Nachbarn und die Gespielen und Gespielinnen sich den Johann und die
Lisbeth wieder besehen und jeder auf seine Weise an seinen Zeichen
wieder erkannt hatten, da gingen die beiden zu den Eltern in die
Huser.  Johann aber sumte nicht mit der Hauptlust, mit der Hochzeit,
die binnen acht Tagen sein sollte.  Und er schickte viele hundert
Wagen in den Wald, welche Bume und Zweige in unendlicher Menge
herbeifuhren.  Und er lie viele Zimmerleute und Schreiner und
Tapezierer kommen.  Und wo jetzt das Kloster steht, einige hundert
Schritt vor dem Dorfe, da lie er einen hohen und weiten Laubsaal
bauen und von beiden Seiten Tische aufschlagen und in der Mitte eine
Tanzbhne, und der Saal war so gro, da er wohl fnftausend Menschen
fassen konnte.  Zu gleicher Zeit schickte er nach Stralsund und
Greifswald und lie ganze Bte von Wein, Zucker und Kaffee laden;
auch wurden ganze Herden Ochsen, Schweine und Schafe zur Hochzeit
hergetrieben, und wieviele Hirsche, Rehe und Hasen dazu geschossen
sind, das ist nicht zu sagen, sowenig als die Fische zu zhlen sind,
die dazu bestellt wurden.  In ganz Rgen und Pommern ist auch kein
einziger Musikant geblieben, der nicht dazu verdungen wurde.  Denn
Johann war sehr reich und wollte seine Pracht sehen lassen.  Auch
hatte er das ganze Kirchspiel zur Hochzeit geladen und auch alle die
schnen, weien Jnglinge und Jungfrauen dabehalten, die er erlset
hatte, und die nun seinen Ehrentag mitfeiern wollten.

Dies war die Ordnung der Hochzeit: Als der Morgen angebrochen war,
gingen alle Gste in die Kirche, und der alte Krabbe dankete Gott und
erzhlte die wunderbare Erhaltung und Errettung und Verlobung der
Kinder; darauf segnete er sie ein und gab sie feierlich zusammen.
Nun gingen sie in zierlicher Reihe alle in den groen Laubsaal, so
da Jakob Dietrich und seine Frau Lisbeth zwischen sich fhrten,
Johann aber zwischen Vater Krabbe und seinem alten Klas Starkwolt
ging.  Denn diesen hatte er sogleich kommen lassen und ihn reichlich
beschenkt, so da er fr seine brigen Lebenstage geborgen war; auch
hatte er ihm die schnsten Hochzeitskleider anmessen lassen.  Und
Klas hatte ihm versprechen mssen, bei ihm zu bleiben und mit ihm zu
leben, so oft und viel er wollte; und das hat er redlich gehalten.
Nach diesen Ehrenpaaren folgten die feinen Weien aus dem Berge Paar
um Paar, und darauf die ganze brige Freundschaft, Nachbarschaft und
Kirchspielschaft, nach Stand und Wrden und Alter, wie es sich
gebhrte.  Und sie hielten eine Hochzeit, wie sie in Rambin nie
wieder gehalten worden, und wovon noch die Urenkel zu erzhlen wissen.
Vierzehn ausschlagene Tage und Nchte ist geschmaust und getanzt
worden, und da hat man ber vierzig Paare auf glsernen Schuhen
tanzen sehen, was seitdem etwas Unerhrtes gewesen.  Und die Leute
haben sich ber die Tnzerinnen gewundert, so anmutigen Tanz haben
sie gehalten; denn die Unterirdischen sind die ersten Tanzmeister in
der Welt, und da hatten sie ja tanzen gelernt.

Und als die Hochzeit vorbei war, da ist Johann herumgereist im Lande
mit seiner schnen Lisbeth, und sie haben sich viele Stdte und
Drfer und Gter gekauft, und er ist Herr von beinahe ganz Rgen
geworden und ein sehr vornehmer Graf im Lande.  Und auch der alte
Jakob, sein Vater, ist ein Edelmann geworden, und Johanns Brder und
Schwestern haben Junker und Frulein geheien.  Denn was kann man
sich nicht alles fr Silber und Gold schaffen?  Schier alles, nur
nicht die Seligkeit; sonst htte der arme Mensch auf Erden auch gar
keinen Trost.  Johann aber hat in all seinem Reichtum nie vergessen,
auf welche wunderbare Weise Gott seine Jugend gefhrt hat, und ist
ein sehr frommer, christlicher Mann gewesen.  Und seine Frau Lisbeth
ist noch fast frommer gewesen als er.  Und beide haben Kirchen und
Armen viel Gutes getan, auch selbst viele Kirchen gebauet und sind
endlich, von allen, die sie kannten, gesegnet, seliglich im Herrn
verschieden.  Und diese Kirche, die jetzt in Rambin steht, hat der
Graf Johann Dietrich auch bauen lassen und hat sie sehr reich
beschenkt von seinem vielen Gelde.  Und sie ist zum ewigen Andenken
an seine Geburt da gebaut, wo Jakob Dietrichs Huschen gestanden hat.
Und er hat viele kostbare Gerte dahin geschenkt, goldene Becher und
silberne Schalen von der allerknstlichsten Arbeit, wie die
Unterirdischen sie in ihren Bergen machen, nebst seinen und der
Lisbeth glsernen Schuhen, zum ewigen Andenken, was ihnen in der
Jugend geschehen war.  Diese sind aber weggekommen unter dem groen
Knig Karolus XII. von Schweden, als die Russen hier auf die Insel
kamen und schlimm hauseten.  Da haben die Kosaken auch die Kirche
geplndert und das alles mitgenommen.

So war der kleine Johann Dietrich aus einem armen Hirtenknaben ein
reicher und vornehmer Herr geworden, weil er das Herz gehabt hatte,
hinabzusteigen und sich die Schtze zu holen.  Aber viele sind schon
dadurch reich geworden, da sie nur irgendein Pfand von den
Unterirdischen gewonnen haben.  Dadurch haben sie sie soweit in ihre
Macht gekommen, da sie ihnen etwas haben schenken oder zuliebe tun
mssen.  Manchen schenken sie auch freiwillig etwas und lehren sie
schne Knste und allerlei Geheimnisse; aber diesen, die ein Pfand
oder etwas Verlornes von ihnen haben, mssen sie aus Not dienstbar
und gefllig werden.




Das Silberglckchen


Ein Schferjunge zu Patzig, eine halbe Meile von Bergen, wo es in den
Hgeln auch viele Unterirdische hat, fand eines Morgens ein silbernes
Glckchen auf der grnen Heide zwischen den Hnengrbern und steckte
es zu sich.  Es war aber das Glckchen von einer Mtze eines kleinen
Braunen, der es da im Tanze verloren und nicht sogleich bemerkt hatte,
da es an dem Mtzchen nicht mehr klingelte.  Er war nun ohne das
Glckchen heruntergekommen und war sehr traurig ber diesen Verlust.
Denn das Schlimmste, was den Unterirdischen begegnen kann, ist, wenn
sie die Mtze verlieren, dann die Schuhe.  Aber auch das Glckchen an
der Mtze und das Spnglein am Grtel ist nichts Geringes.  Wer das
Glckchen verloren hat, der kann nicht schlafen, bis er es
wiedergewinnt, und das ist doch etwas recht Betrbtes.  Der kleine
Unterirdische in dieser groen Not sphete und sprte umher; aber wie
sollte er erfahren, wer das Glcklein hatte?  Denn nur wenige Tage im
Jahr drfen sie an das Tageslicht hinaus, und dann durften sie auch
nicht in ihrer wahren Gestalt erscheinen.  Er hatte sich schon oft
verwandelt in allerlei Gestalten, in Vgel und Tiere, auch in
Menschen, und hatte von seinem Glckchen gesungen und geklungen und
gesthnt und gebrllt und geklagt und gesprochen; aber keine kleinste
Kunde oder nur Spur von einer Kunde war ihm bis jetzt zugekommen.
Denn das war das Schlimmste, da der Schferjunge gerade den Tag,
nachdem er das Glckchen gefunden, von Patzig weggezogen war und
jetzt zu Unrow bei Gingst die Schafe htete.  Da begab es sich erst
nach manchem Tag durch ein Ungefhr, da der arme kleine
Unterirdische wieder zu seinem Glckchen und zu seiner Ruhe kommen
sollte.

Er war nmlich auf den Einfall gekommen, ob auch ein Rabe oder Dohle
oder Krhe oder Uglaster das Glckchen gefunden und etwa bei seiner
diebischen Natur, die sich in das Blanke vergafft, in sein Nest
getragen habe.  Und er hatte sich in einen angenehmen, kleinen bunten
Vogel verwandelt und alle Nester auf der ganzen Insel durchflogen und
den Vgeln allerlei vorgesungen, ob sie ihm verraten mchten, da sie
den Fund getan htten, und er so wieder zu seinem Schlaf kme.  Aber
die Vgel hatten sich nichts merken lassen.  Als er nun des Abends
flog ber das Wasser von Ralow her ber das Unrower Feld hin, weidete
der Schferjunge, welcher Fritz Schlagenteuffel hie, dort eben seine
Schafe.  Mehrere der Schafe trugen Glocken um den Hals und klingelten,
wenn der Junge sie durch seinen Hund in den Trab brachte.  Das
Vgelein, das ber sie hinflog, dachte an sein Glcklein und sang in
seinem traurigen Mut:

Glckelein, Glckelein.
Bckelein, Bckelein,
Schflein auch du,
Trgst du mein Klingeli,
Bist du das reichste Vieh,
Trgst meine Ruh.

Der Junge horchte nach oben auf diesen seltsamen Gesang, der aus den
Lften klang, und sah den bunten Vogel, der ihm noch viel seltsamer
vorkam.  Er sprach bei sich: "Potztausend, wer den Vogel htte!  Der
singt ja, wie unsereiner kaum sprechen kann.  Was mag er mit dem
wunderlichen Gesange meinen?  Am Ende ist es ein bunter Hexenmeister.
Meine Bcke haben nur tonbackene Glocken, und er nennt sie reiches
Vieh, aber ich habe ein silbernes Glckchen, und von mir singt er
nichts!"  Und mit den Worten fing er an, in der Tasche zu fummeln,
holte sein Glckchen heraus und lie es klingen.  Der Vogel in der
Luft sah sogleich, was es war, und freute sich ber die Maen; er
verschwand aber in der Sekunde, flog hinter den nchsten Busch, setze
sich, zog sein buntes Federkleid aus und verwandelte sich in ein
altes Weib, das mit kmmerlichen Kleidern angetan war.  Die alte Frau,
mit einem ganzen Sack voll Seufzer und chzer versehen, stmperte
sich quer ber das Feld zu dem Schferbuben hin, der noch mit seinem
Glcklein klingelte und sich wunderte, wo der schne Vogel geblieben
war, rusperte sich und tat einige Huster aus hohler Brust und bot
ihm dann einen freundlichen guten Abend und fragte nach der Strae zu
der Stadt Bergen.  Dann tat sie, als ob sie das Glcklein jetzt erst
erblickte, und rief: "Herre je, welch ein niedliches, kleines
Glckchen!  Hab' ich doch in meinem Leben nichts Feineres gesehen!
Hre, mein Shnchen, willst du die Glocke verkaufen?  Und was soll
sie kosten?  Ich habe ein kleines Enkelchen, fr den wre sie mir
eben ein bequemes Spielgert."--"Nein, die Glocke wird nicht verkauft!"
antwortete der Schferknabe kurz abgebissen; "das ist eine Glocke,
so eine Glocke gibt's in der Welt nicht mehr: wenn ich nur damit
anklingele, so laufen meine Schafe von selbst hin, wohin ich sie
haben will; und welchen lieblichen Ton hat sie!  Hrt mal, Mutter",
(und er klingelte) "ist eine Langeweile in der Welt, die vor dieser
Glocke aushalten kann?  Dann kann ich mir die lngste Zeit
wegklingeln, da sie in einem Hui fort ist."  Das alte Weib dachte:
"Wollen sehen, ob er Blankes aushalten kann?"  und hielt ihm Silber
hin, wohl drei Taler; er sprach: "Ich verkaufe aber die Glocke nicht."
Sie hielt ihm fnf Dukaten hin; er sprach: "Das Glckchen bleibt
mein."  Sie hielt ihm die Hand voll Dukaten hin; er sprach zum
drittenmal: "Gold ist Quark und gibt keinen Klang."  Da wandte die
Alte sich und lenkte das Gesprch anderswohin und lockte ihn mit
geheimen Knsten und Segenssprechungen, wodurch sein Vieh Gedeihen
bekommen knnte, und erzhlte ihm allerlei Wunder davon.  Da ward er
lstern und horchte auf.  Das Ende vom Liede war, da sie ihm sagte:
"Hre, mein Kind, gib mir die Glocke; siehe, hier ist ein weier
Stock" (und sie holte ein weies Stbchen hervor, worauf Adam und Eva
sehr knstlich geschnitten waren, wie sie die paradiesischen Herden
weideten, und wie die feistesten Bcke und Lmmer vor ihnen
hintanzten; auch der Schferknabe David, wie er ausholt mit der
Schleuder gegen den Riesen Goliath), "diesen Stock will ich dir geben
fr das Glckchen, und solange du das Vieh mit diesem Stbchen
treibst, wird es Gedeihen haben, und du wirst ein reicher Schfer
werden; deine Hmmel werden immer vier Wochen frher fett werden als
die Hmmel aller andern Schfer, und jedes deiner Schafe wird zwei
Pfund Wolle mehr tragen, ohne da man ihnen den Segen ansehen kann."
Die alte Frau reichte ihm den Stock mit einer so geheimnisvollen
Gebrde und lchelte so leidig und zauberisch dazu, da der Junge
gleich in ihrer Gewalt war.  Er griff gierig nach dem Stock und gab
ihr die Hand und sagte: "Topp, schlag ein!  Die Glocke ist dein fr
den Stock."  Und sie schlug ein und nahm die Glocke und fuhr wie ein
leichter Wind ber das Feld und die Heide hin.  Und er sah sie
verschwinden, und sie deuchte ihm wie ein Nebel hinzuflieen und
sanft fortzulaufen, und alle seine Haare richteten sich zu Berge.

Der Unterirdische, der ihm die Glocke in der Verkleidung einer alten
Frau abgeschwatzt, hatte ihn nicht betrogen.  Denn die Unterirdischen
drfen nicht lgen, sondern das Wort, das sie von sich geben oder
geloben, mssen sie halten; denn wenn sie lgen, werden sie stracks
in die garstigsten Tiere verwandelt, in Krten, Schlangen, Mistkfer,
Wlfe und Lchse und Affen, und mssen wohl Jahrtausende in Abscheu
und Schmach herumkriechen und herumstreichen, ehe sie erlst werden.
Darum haben sie ein Grauen davor.  Fritz Schlagenteuffel gab genau
acht und versuchte seinen neuen Schferstab, und er fand bald, da
das alte Weib ihm die Wahrheit gesagt hatte, denn seine Herde und all
sein Werk und seiner Hnde Arbeit geriet ihm wohl und hatte ein
wunderbares Glck, so da alle Schafherren und Oberschfermeister
diesen Jungen begehrten.  Er blieb aber nicht lange Junge, sondern
schaffte sich, ehe er noch achtzehn Jahre alt war, seine eigene
Schferei und ward in wenigen Jahren der reichste Schfer auf ganz
Rgen, so da er sich endlich ein Rittergut hat kaufen knnen: und
das ist Grabitz gewesen hier bei Rambin, was jetzt den Herren vom
Sunde gehrt.  Da hat mein Vater ihn noch gekannt, wie aus dem
Schferjungen ein Edelmann geworden war, und hat er sich auch da als
ein rechter, kluger und frommer Mann aufgefhrt, der bei allen Leuten
ein gutes Lob hatte, und der hat seine Shne wie Junker erziehen
lassen und seine Tchter wie Frulein, und es leben noch davon und
dnken sich jetzt vornehme Leute.  Und wenn man solche Geschichten
hrt, mchte man wnschen, da man auch mal so etwas erlebte und ein
silbernes Glcklein fnde, das die Unterirdischen verloren haben.




Der glserne Schuh


Ein Bauer aus Rothenkirchen, Johann Wilde genannt, fand einmal einen
glsernen Schuh auf einem der Berge, wo die kleinen Leute zu tanzen
pflegen.  Er steckte ihn flugs ein und lief weg damit und hielt die
Hand fest auf der Tasche, als habe er eine Taube darin.  Denn er
wute, da er einen Schatz gefunden hatte, den die Unterirdischen
teuer wiederkaufen mten.  Andere sagen, Johann Wilde habe die
Unterirdischen mitternchtlich belauert und einem von ihnen den Schuh
ausgezogen, indem er sich mit einer Branntweinflasche dort
hingestreckt und gleich einem Besoffenen gebrdet habe.  Denn er war
ein sehr listiger und schlimmer Mensch und hatte durch seine
Verschlagenheit manchen betrogen und war deswegen bei seinen Nachbarn
gar nicht gut angeschrieben, und keiner hatte gern mit ihm zu tun.
Viele sagen auch, er habe verbotene Knste gekonnt und mit den
Unholden und alten Wettermacherinnen geheimen Umgang gepflogen.  Als
er den Schuh nun hatte, tat er es denen, die unter der Erde wohnen,
gleich zu wissen, indem er um die Mitternacht zu den Neun Bergen ging
und lauten Halses schrie: "Johann Wilde in Rothenkirchen hat einen
schnen glsernen Schuh, wer kauft ihn?  Wer kauft ihn?"  Denn er
wute, da der Kleine, der einen Schuh verliert, den Fu solange blo
tragen mu, bis er in wiederbekommt.  Und das ist keine Kleinigkeit,
da die kleinen Leute meist auf harten und steinichten Boden treten
mssen.  Der Kleine sumte auch nicht, ihn wieder einzulsen.  Denn
sobald er einen freien Tag hatte, wo er an das Tageslicht hinaus
durfte, klopfte er als ein zierlicher Kaufmann an Johann Wildens Tre
und fragte, ob er nicht glserne Schuh zu verkaufen habe?  Denn die
seien jetzt eine angreifische Ware und werden auf allen Mrkten
gesucht.  Der Bauer antwortete, er habe einen sehr kleinen, netten
glsernen Schuh, so da auch eines Zwerges Fu davon geklemmt werden
msse, und da Gott erst eigene Leute dazu schaffen msse; aber das
sei ein seltener Schuh und ein kostbarer Schuh und ein teurer Schuh,
und nicht jeder Kaufmann knne ihn bezahlen.  Der Kaufmann lie ihn
sich zeigen und sprach:

"Es ist eben nichts so Seltenes mit den glsernen Schuhen, lieber
Freund, als Ihr hier in Rothenkirchen glaubt, weil Ihr nicht in die
Welt hinauskommet"; dann sagte er nach einigen Hms: "Aber ich will
ihn doch gut bezahlen, weil ich gerade einen Gespann dazu habe."  Und
er bot dem Bauern tausend Taler.  "Tausend Taler ist Geld, pflegte
mein Vater zu sagen, wenn er fette Ochsen zu Markt trieb", sprach der
Bauer spttisch; "aber fr den lumpigen Preis kommt er nicht aus
meiner Hand, und mag er meinethalben auf dem Fue von der Docke
meiner Tochter prangen.  Hr' Er, Freund, ich habe von dem glsernen
Schuh so ein Liedchen singen hren, und um einen Quark kommt er nicht
aus meiner Hand.  Kann Er nicht die Kunst, mein lieber Mann, da ich
in jeder Furche, die ich auspflge, einen Dukaten finde, so bleibt
der Schuh mein, und Er fragt auf anderen Mrkten nach glsernen
Schuhen."  Der Kaufmann machte noch viele Versuche und Wendungen hin
und her; da er aber sah, da der Bauer nicht nachlie, tat er ihm den
Willen und schwur's ihm zu.  Der Bauer glaubte ihm's und gab ihm den
glsernen Schuh; denn er wute, mit wem er's zu tun hatte.  Und der
Kaufmann ging mit seinem Schuh weg.

Und nun hat der Bauer sich flugs in seinen Stall gemacht und Pferde
und Pflug bereitet und ist ins Feld gezogen und hat sich ein Stck
mit der allerkrzesten Wendung ausgesucht, und wie der Pflug die
erste Scholle gebrochen, ist der Dukaten aus der Erde gesprungen, und
so hat er's bei jeder neuen Furche wieder gemacht.  Da ist des
Pflgens denn kein Ende gewesen, und der Bauer hat sich bald noch
acht neue Pferde gekauft und auf den Stall gestellt zu den achten,
die er schon hatte, und ihre Krippen sind nie leer geworden von Hafer,
damit er je alle zwei Stunden zwei frische Pferde anschirren und
desto rascher treiben knnte.  Und der Bauer ist unersttlich gewesen
im Pflgen und ist immer vor Sonnenaufgang ausgezogen und hat oft
noch nach der Mitternacht gepflgt, und immerfort, immerfort, solange
die Erde nicht zu Stein gefroren war, Sommer und Winter.  Er hat aber
immer allein gepflgt und nicht gelitten, da jemand mit ihm gegangen
oder zu ihm gekommen ist; denn er wollte nicht sehen lassen, warum er
so pflgte.  Und er ist weit geplagter gewesen als seine Pferde,
welche den schnen Hafer fraen und ordentlich Schicht und Wechsel
hielten; und er ist bleich und mager geworden von dem vielen Wachen
und Arbeiten.  Seine Frau und Kinder haben keine Freude mehr an ihm
gehabt; auf die Schenken und Gelage ist er nicht mehr gegangen und
hat sich allen Leuten entzogen und kaum ein Wort mehr gesprochen,
sondern ist stumm und in sich gekehrt so fr sich hingegangen und hat
des Tages auf seine Dukaten gearbeitet, und des Nachts hat er sie
zhlen und darauf grbeln mssen, wie er noch einen geschwinderen
Pflug erfnde.  Und seine Frau und die Nachbarn haben ihn bejammert
wegen seines wunderlichen Tuns und wegen seiner Stummheit und
Schwermut und haben geglaubt, er sei nrrisch geworden; auch haben
alle Leute seine Frau und Kinder bedauert, denn sie meinten, durch
die vielen Pferde, die er auf dem Stalle hielt, und durch die
verkehrte Ackerwirtschaft mit dem berflssigen Pflgen msse er sich
um Haus und Hof bringen.  So ist es aber nicht ausgefallen.  Aber das
ist wahr, der arme Bauer hat keine vergngte Stunde mehr gehabt, seit
er so die Dukaten aus der Erde pflgte, und es hat wohl mit Recht von
ihm geheien: Wer sich dem Golde ergibt, ist schon halb in des Bsen
Klauen.  Auch hat er es nicht lange ausgehalten mit diesem Laufen in
den Furchen bei Tage und Nacht.  Denn als der zweite Frhling kam,
ist er eines Tages hinterm Pflug hingefallen wie eine matte
Novemberfliege und vor lauter Golddurst vertrocknet und verwelkt, da
er doch ein sehr starker und lustiger Mensch war, ehe er den
unterirdischen Schuh in seine Gewalt bekam.  Seine Frau aber fand
nach ihm einen Schatz, zwei groe vernagelte Kisten voll heller,
blanker Dukaten.  Und seine Shne haben sich groe Gter gekauft und
sind Herren und Edelleute geworden.  So macht der Teufel zuweilen
auch groe Herren.  Aber was hat das dem armen Johann Wilde gefrommt?




Der Alte von Granitz


Nicht weit von der Aalbeck liegt ein kleiner Hof namens Granitz unter
der groen waldigen Uferforst, welche auch die Granitz genannt wird.
Auf diesem Hfchen lebte vor nicht langen Jahren ein Herr von Scheele.
Dieser war in seinen spteren Tagen in Trbsinn gesunken und sah
fast keinen Menschen mehr, da er frher ein sehr munterer und
geselliger Mann und ein gewaltiger Jger gewesen war.  Diese
Einsamkeit des alten Mannes, sagen die Leute, kam daher, da ihm drei
schne Tchter, die man die drei schnen Blonden hie, und die hier
in des Waldes Einsamkeit unter Herden und Vgeln aufgewachsen waren,
mit einem Male alle drei in einer Nacht davongegangen waren und nie
wiedergekommen sind.  Das hatte der alte Mann sich zu Gemt gezogen
und sich von der Welt und ihren lustigen Freuden abgewendet.  Er
hatte vielen Umgang mit den kleinen Schwarzen und war auch mancher
Nacht auer dem Hause, und kein Mensch wute, wo er gewesen war; wenn
er aber um die Morgendmmerung heimkam, flsterte er seiner
Haushlterin zu: "Pst!  Pst!  Ich habe heint an hoher Tafel
geschmaust."  Dieser alte Herr von Scheele pflegte seinen Freunden zu
erzhlen und bekrftigte es wohl mit einem tchtigen husarischen und
weidmnnischen Fluche, in den Granitzer Tannen um die Aalbeck und an
dem ganzen Ufer wimmele es von Unterirdischen.  Auch hat er Leute,
die er dort herum spazieren fhrte, oft eine Menge kleiner Spuren
gezeigt, wie von den allerkleinsten Kindern, die da im Sande von
ihren Fchen einen Abdruck hinterlassen htten, und ihnen pltzlich
zugerufen: "Horch!  Wie es da wieder wispert und flstert!"  Ein ander
Mal, als er mit guten Freunden lngs dem Meeresstrand gegangen, ist
er wie in Bewunderung pltzlich still gestanden, hat auf das Meer
gezeigt und gerufen: "Da sind sie meiner Seele wieder in voller
Arbeit, und viele Tausende sind um ein paar versunkene Stckfsser
Wein beschftigt, die sie ans Ufer wlzen.  Was wird das die Nacht
ein lustiges Gelag werden!"  Dann hat er ihnen erzhlt, er knne sie
sehen bei Tage und bei Nacht, und ihm tun sie nichts, ja sie seien
seine besonderen Freunde, und einer habe sein Haus einmal von
Feuersgefahr errettet, da er ihn nach Mitternacht aus tiefem Schlafe
aufweckte und ihm einen Feuerbrand zeigte, der vom Herde gefallen und
schon anderes Holz und Stroh, das auf der Flur lag, anznden wollte.
Man sehe beinahe alle Tage einige von ihnen am Ufer; bei hohen
Strmen aber, wo das Meer sehr tobe, seien sie fast alle da und
lauern auf Bernstein und Schiffbrche, und gewi vergehe kein Schiff,
von welchem sie nicht den besten Teil der Ladung bergen und unter der
Erde in Sicherheit bringen.  Und wie herrlich da unter den Sandbergen
bei ihnen zu wohnen sei, und welche kristallene Palste sie haben,
davon habe auch kein Mensch eine Vorstellung, der nicht da gewesen
sei.

Dieser alte Mann galt sonst fr einen guten und freundlichen Mann,
und kein Mensch hat ihm nachgesagt, da er etwas tue, was einen Bund
mit bsen Geistern verrate.  Aber der Umgang mit den kleinen
Schwarzen ist nicht immer so unschuldig.  Davon gibt es auch eine
Geschichte.



Der Falscheid


Bei dem Kirchdorfe Lancken unweit der Granitz wohnte ein Bauer namens
Matthes Pagels, ein sinniger, fleiiger Mann, der sehr einsam und
still lebte, und den die Leute fr sehr reich hielten.  Einige
munkelten auch, er sei ein Hexenmeister.  Aber mancher wird fr einen
Hexenmeister gehalten, der sein Geld durch die natrlichste Hexerei
erwirbt, da er fleiig ist und gut aufpat.  Dieser Pagels war aber
kein guter Mensch.  Er bekam Streit mit einem seiner Nachbarn, weil
dieser ihn beschuldigte, er pflge ihm an einer Seite den Acker ab.
Und der Bauer Pagels tat das wirklich; er fluchte und schwur aber,
das ganze Ackerstck gehre ihm in seiner ganzen Breite, soweit er
gepflgt hatte, und noch zehn Schritte weiter bis zu der hohen Buche,
die oben an dem Rain stand; und das wollte er durch Eid und Schriften
beweisen.  Und er hat es bewiesen durch Eid und Urkunden und ein
Papier vorgebracht, wodurch der Acker sein geworden ist.  Die Leute
sagen aber, zwei von den kleinen Schwarzen, die ihm auch das Geld in
das Haus getragen, haben das falsche Papier geschmiedet und in der
groen hllischen Staatskanzlei des Teufels geschrieben und besiegelt.
Matthes Pagels aber hat schon bei seinem Leben die Strafe dafr
gehabt, da er weder Kraft noch Ruhe hatte vor seinen kleinen
Geistern: jede Nacht um zwlf Uhr mute er mit aller Gewalt aus dem
Bette und auf dem Ackerstck rundwandeln und auf die hohe Buche
klettern und dort zwei volle Glockenstunden aushalten und frieren.
Noch sieht man ihn zuweilen da als einen kleinen Mann im grauen Rocke
mit einer weien Schlafmtze auf dem Kopfe; gewhnlich sitzt er aber
wie eine schneeweie Eule auf dem Baume, sobald die Mitternacht
vorbei ist, und schreit ganz jmmerlich.  Und kein Mensch kommt dem
Baume gern zu nahe, und kein Pferd ist da auf dem Wege
vorbeizubringen, sondern sie schnauben und blasen und bumen sich und
gehen auch mit dem besten Reiter durch und querfeldein.  Als meine
selige Mutter, die in Lancken geboren war, noch ein Kind war, sangen
die Leute noch vom Matthes Pagels und seiner Buche:

Pagels mit de witte Mtz,
Wo koold un hoch is din Sitz!
Up de hoge Bk
Un up de kruse Eek
Un achter'm hollen Tuun;
Worm kannst du nich ruhn?

Darm kann ick nich rasten:
Dat Papier liggt im Kasten,
Un mine arme Seel
Brennt in de lichte Hll.




Rattenknig Birlibi


Ich will die Geschichte erzhlen von dem Rattenknig Birlibi, eine
Geschichte, die mir Balzer Tievs aus Preseke oft erzhlt hat nebst
vielen andern Geschichten.  Balzer war ein Knecht, der auf meines
Vaters Hofe diente, als ich acht, neun Jahre alt war, ein Mensch von
schalkischen Einfllen, der viele Geschichten und Mrchen wute.  Die
Geschichte von dem Rattenknig Birlibi lautet also:

In dem stralsundischen Dorfe Altenkamp, welches zwischen Garz und
Putbus seitwrts am Strande liegt, hat vormals ein reicher Bauer
gelebt, der hie Hans Burwitz.  Das war ein ordentlicher, kluger Mann,
dem alles, was er angriff, geriet, und der im ganzen Dorfe die beste
Wehr hatte.  Er hatte sechzehn Khe, vierzig Schafe, acht Pferde und
zwei Fllen auf dem Stalle und in den Koppeln, glatt wie die Aale und
von so guter Zucht, da seine Fllen auf dem Berger Pferdemarkt immer
zu acht bis zehn Pistolen das Stck bezahlt wurden.  Dazu hatte er
sechs hbsche Kinder, Shne und Tchter, und es ging ihm so wohl, da
die Leute ihn wohl den reichen Bauer zu Altenkamp zu nennen pflegten.
Dieser Mann ist durch nchtliche Gnge im Walde um all sein Vermgen
gekommen.

Hans Burwitz war auch ein starker Jger, besonders hatte er eine
treffliche Witterung auf Fchse und Marder und war deswegen oft des
Nachts im Walde, wo er seine Eisen gelegt hatte und auf den Fang
lauerte.  Da hat er im Dunkeln und im Zwielichte der Dmmerung und
des Mondscheins manche Dinge gesehen und gehrt, die er nicht
wiedererzhlen mochte, wie denn im Walde des Nachts viel Wunderliches
und Absonderliches vorgeht; aber die Geschichte von dem Rattenknig
Birlibi hat man von ihm erfahren.  Hans Burwitz hatte in seiner
Kindheit oft von einem Rattenknig erzhlen hren, der eine goldene
Krone auf dem Kopfe trage und ber alle Wiesel, Hamster, Ratten,
Muse und anderes dergleichen Springinsfeldisches und leichtes
Gesindel herrsche und ein gewaltiger Waldknig sei; aber er hatte nie
daran glauben wollen.  Manches liebe Jahr war er auch im Walde auf
Fuchs- und Marderfang und Vogelstellerei rundgegangen und hatte vom
Rattenknig auch nicht das mindeste weder gesehen noch gehrt.  Da
mochte der Rattenknig aber wohl in einer anderen Gegend sein Wesen
getrieben haben.  Denn er hat viele Schlsser in allen Lndern unter
den Bergen und zieht beinahe jedes Jahr auf ein anderes Schlo, wo er
sich mit seinen Hofherren und Hofdamen erlustigt.  Denn er lebt wie
ein sehr vornehmer Herr, und der Gromogul und Knig von Frankreich
kann keine bessere Tage haben, und die Knigin von Antiochien hat sie
nicht gehabt, die ihr Vermgen in Herzen von Paradiesvgeln und
Gehirnen von Nachtigallen aufgefressen hat.  Und das glaube nur nicht,
da dieser Rattenknig und seine Freunde Nsse und Weizenkrner und
Milch je an ihren Schnabel bringen; nein, Zucker und Marzipan ist ihr
tgliches Essen, und ser Wein ist ihr Getrnk, und leben besser als
Knig Salomon und Feldhauptmann Holofernes.

Nun ging Hans Burwitz wieder einmal nach Mitternacht in den Wald und
war auf der Fuchslauer.  Da hrte er aus der Ferne ein vielstimmiges
und kreischendes Getse, und immer klang mit heller Stimme heraus:
Birlibi!  Birlibi!  Birlibi!  Da erinnerte er sich des Mrchens vom
Rattenknig Birlibi, das er oft gehrt hatte, und er dachte: "Willst
mal hingehen und zusehen, was es ist!"  Denn er war ein beherzter Mann,
der auch in der stockfinstersten Nacht keine Furcht kannte.  Und er
war schon auf dem Sprunge zu gehen, da bedachte er das Sprichwort:
"Bleib weg, wo du nichts zu tun hast, so behltst du deine Nase";
aber das Birlibi tnte ihm nach, solange er im Walde war.  Und die
andere Nacht und die dritte Nacht war es wieder ebenso.  Er aber lie
sich nichts anfechten und sprach: "La den Teufel und sein Gesindel
ihr tolles Wesen treiben, wie sie wollen!  Sie knnen dem nichts tun,
der sich nicht mit ihnen abgibt."  Wollte Gott, Hans htte es immer so
gehalten!  Aber die vierte Nacht hat es ihn bermchtigt, und er ist
wirklich in die bsen Stricke geraten.

Es ist der Walpurgisabend gewesen, und seine Frau hat ihn gebeten, er
mge diese Nacht nur nicht in den Wald gehen, denn es sei nicht
geheuer, und alle Hexenmeister und Wettermacherinnen seien auf den
Beinen, die knnen ihm was antun; denn in dieser Nacht, die das ganze
hllische Heer loslasse, sei schon mancher Christenmensch zu Schaden
gekommen.  Aber er hat sie ausgelacht und hat es eine weibische
Furcht genannt und ist seines gewhnlichen Weges in den Wald gegangen,
als die andern zu Bett waren.  Da ist ihm aber der Knig Birlibi zu
mchtig geworden.  Anfangs war es diese Nacht im Walde eben wie die
vorigen Nchte, es tosete und lrmte von fern, und das Birlibi klang
hell darunter; und was ber seinem Kopfe durch die Wipfel der Bume
schwirrte und pfiff und rauschte, das kmmerte Burwitz nicht viel,
denn an Hexerei glaubte er gar nicht und sagte, es seien nur
Nachtgeister, wovor dem Menschen graue, weil er sie nicht kenne, und
allerlei Blendwerke und Gaukeleien der Finsternis, die dem nichts tun
knnen, der keinen Glauben daran habe.  Aber als es nun Mitternacht
ward und die Glocke zwlf geschlagen hatte, da kam ein ganz anderes
Birlibi aus dem Walde hervor, da Hansen die Haare auf dem Kopfe
kribbelten und sauseten und er davonlaufen wollte.  Aber die waren
ihm zu geschwind, und er war bald mitten unter dem Haufen und konnte
nicht mehr heraus.

Denn als es zwlf geschlagen hatte, tnte der ganze Wald mit einem
Male wie von Trommeln und Pauken und Pfeifen und Trompeten, und es
war so hell darin, als ob er pltzlich von vielen tausend Lampen und
Kerzen erleuchtet worden wre.  Es war aber diese Nacht das groe
Hauptfest des Rattenknigs, und alle seine Untertanen und Leute und
Mannen und Vasallen waren zur Feier desselben aufgeboten.  Und es
schienen alle Bume zu sausen und alle Bsche zu pfeifen und alle
Felsen und Steine zu springen und zu tanzen, so da Hansen
entsetzlich bange ward; aber als er weglaufen wollte, verrannten ihm
so viele Tiere den Weg, da er nicht durchkommen konnte und sich
ergeben mute, stehenzubleiben, wo er war.  Es waren da die Fchse
und die Marder und die Iltisse und Wiesel und Siebenschlfer und
Murmeltiere und Hamster und Ratten und Muse in so zahlloser Menge,
da es schien, sie waren aus der ganzen Welt zu diesem Feste
zusammengetrommelt.  Sie liefen und sprangen und hpften und tanzten
durcheinander, als ob sie toll waren; sie standen aber alle auf den
Hinterfen, und mit den Vorderfen trugen sie grne Zweige aus
Maien und jubelten und toseten und heulten und kreischten und pfiffen
jeder auf seine Weise.  Kurz, es war das ganze leichte Diebsgesindel
der Nacht beisammen und machten gar ein scheuliches Gelute und
Gebimmel und Getmmel durcheinander.  In den Lften ging es ebenso
wild als auf der Erde; da flogen die Eulen und Krhen und Kuze und
Uhus und Fledermuse und Mistkfer bunt durcheinander und
verkndigten mit ihren gellenden und kreischenden Kehlen und mit
ihren summenden und schwirrenden Flgeln die Freude des hohen Tages.

Als Hans erschrocken und erstaunt sich mitten in dem Gewimmel und
Geschwirr und Getse befand und nicht wute, wo aus noch ein, siehe,
da leuchtete es mit einem Male heller auf, und nun sangen viele
tausend Stimmen zugleich, da es in frchterlich grauslicher
Feierlichkeit durch den Walde schallte und Hansen das Herz im Leibe
bebte:

Macht auf! Macht auf! Macht auf die Pforten!
Und wallet her von allen Orten!
Geladen seid ihr allzugleich;
Der Knig ziehet durch sein Reich.

Ich bin der groe Rattenknig.
Komm her zu mir, hast du zu wenig!
Von Gold und Silber ist mein Haus,
Das Geld mess' ich mit Scheffeln aus.

So klang es im feierlichen und langsamen Gesange fort, und dann
schallten immer wieder einzelne kreischende und gellende Stimmen mit
widerlichem Laute darunter Birlibi!  Birlibi!  Und die ganze Menge
rief Birlibi! nach, da es durch den Wald schallte.  Und es war der
Rattenknig, welcher einhergezogen kam.  Er war ungeheuer gro wie
ein Mastochs und sa auf einem goldenen Wagen und hatte eine goldene
Krone auf dem Haupte und hielt ein goldenes Zepter in der Hand, und
neben ihm sa seine Knigin und hatte auch eine goldene Krone auf und
war so fett, da sie glnzte; und sie hatten ihre langen kahlen
Schwnze hinter sich zusammengeschlungen und spielten damit, denn
ihnen war sehr wohlig zumute.  Und diese Schwnze waren das
Allerscheulichste, was man da sah; aber der Knig und die Knigin
waren auch scheulich genug.  Und der Wagen, worin sie saen, ward
von sechs magern Wlfen gezogen, die mit den Zhnen fletschten, und
zwei lange Kater standen als Heiducken hinten auf und hielten
brennende Fackeln und miauten entsetzlich.  Dem Rattenknig und der
Rattenknigin war aber vor ihnen nicht bange; sie schienen hier zu
gewaltige Herren und Knige ber alle zu sein.  Es gingen auch zwlf
geschwinde Trommelschlger dem Wagen voran und trommelten.  Das waren
Hasen; die mssen die Trommel schlagen und andern Mut machen, weil
sie selbst keinen haben.

Hansen war schon bange genug gewesen; jetzt aber, als er den
Rattenknig und die Rattenknigin und die Wlfe und Kater und Hasen
so miteinander sah, da schauderte ihm die Haut auf dem ganzen Leibe,
und sein sonst so tapferes Herz wollte fast verzagen, und er sprach
bei sich: "Hier mag der Henker lnger bleiben, wo alles so wider die
Natur geht!  Ich habe auch wohl von Wundern gelesen und gehrt; aber
sie gingen doch immer etwas natrlich zu.  Da dies aber buntes
Teufelsspiel ist und teuflisches Pack, sieht man wohl.  Wer nur
heraus wre!"

Und Hans machte noch einen Versuch, sich heraus zu drngen; aber der
Zug brauste immer frisch fort durch den Wald, und Hans mute mit.  So
ging es, bis sie an eine uerste Ecke des Waldes kamen.  Da war ein
offenes Feld und hielten viele hundert Wagen, die mit Speck und
Fleisch und Korn und Nssen und anderen Ewaren beladen waren.  Einen
jeden Wagen fuhr ein Bauer mit seinen Pferden, und die Bauern trugen
die Scke Korn und das Speck und die Schinken und Mettwrste und was
sie sonst geladen, hinab in den Wald, und als sie Hans Burwitz stehen
sahen, riefen sie ihm zu: "Komm!  Hilf auch tragen!"  Und Hans ging
hin und lud mit ab und trug mit ihnen; er war aber so verwirrt, da
er nicht wute, was er tat.  Es deuchte ihm aber in dem Zwielichte,
als sehe er unter den Bauern bekannte Gesichter, und unter andern den
Schulzen aus Krakvitz und den Schmied aus Casnevitz; er lie sich
aber nichts merken, und jene taten auch wie unbekannte Leute.  Mit
den Bauern aber hatte es die Bewandnis: sie hatten sich dem
Rattenknig und seinem Anhange zum Dienst ergeben und muten ihnen in
der Walpurgisnacht, wo des Rattenknigs groes Fest steht, immer den
Raub zu dem Walde fahren, den Rattenknigs Untertanen einzeln aus
allen Orten der Welt zusammengemaust und zusammengestohlen hatten.
Und Hans kam nun auch ganz unschuldig dazu und wute nicht wie.
Sowie die Scke und das andere in den Wald getragen wurden, war das
wilde Diebsgesindel darber her, und es ging Grips!  Graps! und Rips!
Raps! hast du mir nicht gesehen, und jeder griff zu und schleppte
sein Teil fort, so da ihrer immer weniger wurden.  Der Knig aber
hielt noch da in seinem hohen und prchtigen Wagen, und es tanzeten
und toseten und lrmten noch einige um ihn.  Als aber alle Wagen
abgeladen waren, da kamen wohl hundert groe Ratten und gossen Gold
aus Scheffeln auf das Feld und auf den Weg und sangen dazu:

Hnde her! Mtzen her!
Wer will mehr? Wer will mehr?
Lustig! Lustig! Heut geht's toll,
Lustig! Hnd' und Mtzen voll!

Und die Bauern fielen wie die hungrigen Raben ber das ausgeschttete
Gold her und griffelten und graffelten und drngten und stieen sich,
und jeder raffte so viel auf von dem roten Raube, als er habhaft
werden konnte, und Hans war auch nicht faul und griff rstig mit zu.
Und als sie in bester Arbeit waren wie Tauben, worunter man Erbsen
geworfen, siehe, da krhete der Morgenhahn, wo das heidnische und
hllische Reich auf der Erde keine Macht mehr hat--und in einem hui
war alles verschwunden, als wre es nur ein Traum gewesen, und Hans
stand ganz allein da am Walde.  Und der Morgen brach an, und er ging
mit schwerem Herzen nach Hause.  Er hatte aber auch schwere Taschen
und schnes rotes Gold darin; das schttete er nicht aus.  Seine Frau
war ganz ngstlich geworden, da er so spt zu Hause kam, und sie
erschrak, als sie ihn so bleich und verstrt sah, und fragte ihn
allerlei.  Er aber fertigte sie nach seiner Gewohnheit mit Scherz ab
und sagte ihr nicht ein Sterbenswrtchen von dem, was er gesehen und
gehrt hatte.

Hans zhlte sein Gold (es war ein hbsches Huflein Dukaten), legte
es in den Kasten und ging die ersten Monate nach diesem Abenteuer
nicht in den Wald.  Er hatte ein heimliches Grauen davor.  Dann
verga er, wie es dem Menschen geht, die Walpurgisnacht und ihr
schauerliches und greuliches Getmmel allmhlich und ging nach wie
vor im Mond- und Sternenschein auf seinen Fuchs- und Marderfang.  Von
dem Rattenknig und seinem Birlibi sah und hrte er nichts mehr und
dachte zuletzt selten daran.  Aber als es gegen den Frhling ging,
vernderte sich alles; er hrte zuweilen um die Mitternacht wieder
das Birlibi klingen, da seine mattesten Haare auf dem Kopfe ihm
lebendig wurden, und lief dann zwar immer geschwinde aus dem Walde,
hatte aber dabei doch seine heimlichen Gedanken auf die
Walpurgisnacht; und weil das, was die Menschen bei Tage denken, ihnen
bei Nacht im Traume wiederkommt und allerlei spielt und spiegelt und
gaukelt, so blieb auch der Rattenknig mit seiner Nachtgaukelei nicht
aus, und Hans trumte oft, als stehe der Rattenknig vor seiner Tre
und klopfe an; und er machte ihm dann auf und sah ihn leibhaftig, wie
er damals in dem Wagen gesessen, und er war nun ganz von lauterem
Golde und auch nicht so hlich, als er ihm damals vorgekommen, und
Rattenknig sang ihm mit der allersesten Stimme, von der man nicht
glauben wollte, da eine Rattenkehle sie haben knnte, den Vers vor:

Ich bin der groe Rattenknig.
Komm her zu mir, hast du zu wenig!
Von Gold und Silber ist mein Haus,
Das Geld mess' ich mit Scheffeln aus.

Und dann kam er dicht zu ihm heran und flsterte ihm ins Ohr: "Du
kommst doch wieder zur Walpurgisnacht, Hans Burwitz, und hilfst Scke
tragen und holst dir deine Taschen voll Dukaten?"  Zwar hatte Hans,
wann er aus solchen Trumen erwachte, neben der Freude ber das Gold
immer ein Grauen, und er sprach dann wohl: "Warte nur, Prinz Birlibi,
ich komme dir nicht zu deinem Feste!"  Aber es ging ihm, wie es andern
Leuten auch gegangen ist, und das alte Sprichwort sollte an ihm auch
wahr werden: Wen der Teufel erst an einem Faden hat, den fhrt er
auch wohl bald am Strick.  Genug, je nher die Walpurgisnacht kam,
desto mehr wuchs in Hans die Gier, auch dabei zu sein.  Doch nahm er
sich fest vor, dem Bsen diesmal nicht den Willen zu tun, und ging
den Walpurgisabend auch glcklich mit seiner Frau zu Bett.  Aber er
konnte nicht einschlafen; die Wagen mit den Scken und die Bauern und
die groen Ratten, die das Gold aus Scheffeln auf den Boden
schtteten, fielen ihm immer wieder ein, und er konnte es nicht
lnger aushalten im Bette, er mute aufstehen und sich von der Frau
fortschleichen und in den finstern Wald laufen.  Und da hat er diese
zweite Nacht ebenso wieder erlebt als das erstemal.  Er hatte sich
ein Sckchen mitgenommen fr das Gold und hatte auch viel reichlicher
eingesammelt als das vorige Jahr.

Nun deuchte ihm, habe er des Goldes genug, und er tat einen hohen
Schwur, er wolle sich nimmer wieder in die Versuchung geben und auch
nie wieder in den Wald gehen.  Und er hat den Schwur gehalten und
sich selbst berwunden, da er nicht in den Wald gegangen ist und
keine Walpurgisnacht wieder mitgehalten hat, so oft ihm auch noch von
dem Birlibi und dem goldenen Rattenknige getrumt hat.  Er hat das
aber nicht in seinem Herzen sitzen lassen, sondern hat es mit
eifrigem Gebet wieder ausgetrieben und den Bsen endlich md, gemacht,
da er von ihm gewichen ist.  So war manches Jahr vergangen, und
Hans hie ein sehr reicher Mann.  Er hatte sich fr seine Dukaten
Drfer und Gter gekauft und war ein Herr geworden.  Es munkelte auch
unter den Leuten, es gehe nicht mit rechten Dingen zu mit seinem
Reichtum; aber keiner konnte ihm das beweisen.  Aber endlich ist der
Beweis gekommen.

Der Bse lauerte auf den armen Mann, an dem er schon einige Macht
gewonnen hatte.  Er war ergrimmt auf ihn, weil er von seinen hohen
Festen in der Walpurgisnacht ganz ausblieb, und als Hans einmal
wieder mit sndlicher Lsternheit an das Goldsammeln gedacht und
darber das Abendgebet vergessen, auch einige unchristliche Flche
ber eine Kleinigkeit getan hatte, hat er mit seinem Gesindel
hervorbrechen knnen, und Hans hat nun gelernt, was das goldene
Spielwerk des Knigs Birlibi eigentlich auf sich habe.  Seit dieser
Zeit hat Hans weder Stern noch Glck mehr in seiner Wirtschaft gehabt.
Wieviel er sich auch abmattete, er konnte nichts mehr vor sich
bringen, sondern es ging von Tage zu Tage mehr rckwrts.  Seine
rgsten Feinde aber waren die Muse, die ihm im Felde und in den
Scheunen das Korn auffraen, die Wiesel, Ratten und Marder, die ihm
die Hhner, Enten und Tauben abschlachteten, die Fchse und Wlfe,
die seine Lmmer, Schafe, Fllen und Klber holten.  Kurz, das
Gesindel hat es so arg gemacht, da Hans in wenigen Jahren um Gter
und Hfe, um Pferde und Rinder, um Schafe und Klber gekommen ist und
zuletzt nicht ein einziges Huhn mehr hat sein nennen knnen.  Er hat
als ein armer Mann mit dem Stock in der Hand nebst Weib und Kindern
von Haus und Hof gehen und sich auf seinen alten Tagen als Tagelhner
ernhren mssen.

Da hat er oft die Geschichte erzhlt, wie er zu dem Reichtum gekommen
und aus dem Bauern ein Edelmann geworden ist, und hat Gott gedankt,
da er Ratten und Muse als seine Bekehrer geschickt und ihn so arm
gemacht hat.  "Denn sonst", hat der arme Mann gesagt, "Wre ich wohl
nicht in den Himmel gekommen, und der Teufel htte seine Macht an mir
behalten, und ich htte dort jenseits endlich auch nach des
Rattenknigs Pfeife tanzen mssen."  Das hat er auch dabei erzhlt,
da solches Gold, das man auf eine so wundersame und heimliche Weise
gewinne, doch keinen Segen in sich habe; denn ihm sei bei allen
seinen Schtzen doch nie so wohl ums Herz gewesen als nachher in der
bittersten Armut; ja, er sei ein elenderer Mann gewesen, da er als
Junker mit Sechsen gefahren, als nachher, da er oft froh gewesen,
wenn er des Abends nur Salz und Kartoffeln gehabt habe.




Das brennende Geld


Drei Bauern kamen eine Herbstnacht oder vielmehr frh, als es mehr
gegen den Morgen ging, von einer Hochzeit aus dem Kirchdorf Lancken
geritten.  Sie waren Nachbarn, die in einem Dorfe wohnten, und ritten
des Weges miteinander nach Hause.  Als sie nun aus einem Walde kamen,
sahen sie an einem kleinen Busche auf dem Felde ein groes Feuer, das
bald wie ein glhender Herd voll Kohlen glimmte, bald wieder in
hellen Flammen aufloderte.  Sie hielten still und verwunderten sich,
was das sein mge, und meinten endlich, es seien wohl Hirten und
Schfer, die es gegen die Nachtklte angezndet htten.  Da fiel
ihnen aber wieder ein, da es am Schlusse Novembers war, und da in
dieser Jahreszeit keine Hirten und Schfer im Felde zu sein pflegen.
Da sprach der jngste von den dreien, ein frecher Gesell: "Nachbarn,
hrt!  Da brennt unser Glck!  Und seid still und lasset uns
hinreiten und jeden seine Taschen mit Kohlen fllen; dann haben wir
fr all unser Leben genug und knnen den Grafen fragen, was er fr
sein Schlo haben will."  Der lteste aber sprach: "Behte Gott, da
ich in dieser spten Zeit aus dem Wege reiten sollte!  Ich kenne den
Reiter zu gut, der da ruft: Hoho!  Hallo!  Halt den Mittelweg!"  Der
zweite hatte auch keine Lust.  Der jngste aber ritt hin, und was
sein Pferd auch schnob und sich wehrte und bumte, er brachte es an
das Feuer, sprang ab und fllte sich die Taschen mit Kohlen.  Die
andern beiden hatte die Angst ergriffen, und sie waren im sausenden
Galopp davongejagt, und er lie sie auch ausreien und holte sie
dicht vor Vilmnitz wieder ein.  Sie ritten nun noch ein Stndchen
miteinander und kamen schweigend in ihrem Dorfe an, und keiner konnte
ein Wort sprechen.  Die Pferde waren aber schneewei von Schaum, so
hatten sie sich abgelaufen und abgengstigt.  Dem Bauer war auch
ungefhr so zumute gewesen, als habe der Feind ihn schon beim Schopf
erfat gehabt.  Es brach der helle, lichte Morgen an, als sie zu
Hause kamen.  Sie wollten nun sehen, was jener gefangen habe, denn
seine Taschen hingen ihm schwer genug hinab, so schwer, als seien sie
voll der gewichtigsten Dukaten.  Er langte hinein, aber au weh! er
brachte nichts als tote Muse an den Tag.  Die andern beiden Bauern
lachten und sprachen: "Da hast du deine ganze Teufelsbescherung!  Die
war der Angst wahrhaftig nicht wert!"  Vor den Musen aber schauderten
sie zusammen, versprachen ihrem Gesellen jedoch, keinem Menschen ein
Sterbenswort von dem Abenteuer zu sagen.

Man htte denken sollen, dieser Bauer mit den toten Musen habe nun
fr immer genug gehabt; aber er hat noch weiter gegrbelt ber den
Haufen brennender Kohlen und bei sich gesprochen: "Httest du nur ein
paar Krnlein Salz in der Tasche gehabt und geschwind auf die Kohlen
streuen knnen, so htte der Schatz wohl oben bleiben mssen und
nicht weggleiten knnen."  Und er hat die nchste Nacht wieder
ausreiten mssen mit groem Schauder und Grauen, aber er hat es doch
nicht lassen knnen; denn die Begier nach Geld war mchtiger als die
Furcht.  Und er hat es wieder brennen sehen genau an der gestrigen
Stelle; bei Tage aber war da nichts zu sehen, sondern sie war
grasgrn.  Und er ist hingeritten und hat das Salz hineingestreuet
und seine Taschen voll Kohlen gerafft, und so ist er im sausenden
Galopp nach Hause gejagt und hat sich gehtet, da er einen Laut von
sich gegeben noch jemand begegnet ist; denn dann ist es nicht richtig.
Aber er hat doch nichts als Kohlen in der Tasche gehabt und ein
paar Schillinge, die von den Kohlen geschwrzt waren.  Da hat er sich
kniglich gefreut, als sei dies der Anfang des Glckes und das
Handgeld, das die Geister ihm gegeben haben.  Er mochte aber die paar
losen Schillinge von ungefhr in der Tasche gehabt haben, als er
ausritt.  Und die Schillinge haben dem armen Mann, der sonst ein
fleiiger, ordentlicher Bauer war, keine Rast noch Ruhe mehr gelassen;
jede Nacht, die Gott werden lie, hat er ausreiten mssen und seine
besten Pferde dabei tot geritten.  Man hat es aber nicht gemerkt, da
er Schtze gefunden hat, sondern seine Wirtschaft hat von Jahr zu
Jahr abgenommen, und endlich ist er auf einer Nachtfahrt gar einmal
verschwunden.  Und man hat von ihm und von seinem Pferde nie etwas
wieder gesehen; seinen Hut aber haben die Leute in dem Schmachter See
gefunden.  Da mu der bse Feind ihn als Irrlicht hineingelockt haben;
denn er braucht solche Knste gegen die, welche sich mit ihm
einlassen und ihn suchen.




Kater Martinchen


Auf der Halbinsel Wittow auf Rgen ist ein Dorf, das heit Putgarten,
nicht weit von dem berhmten Vorgebirge Arkona, wo der alte
heidnische Gtze Swantewit weiland seinen Tempel gehabt und sein
wstes Wesen getrieben hat.  In diesem Dorfe Putgarten lebte eine
reiche Buerin, die hie Trine Pipers.  Sie war jung Witwe geworden
und hatte keine Kinder, wollte auch nicht wieder freien, obgleich
viele Freier um sie warben, denn sie war ein sehr schnes und
frisches Weib.  Das konnten die Leute nicht recht begreifen, zumal da
sie sonst immer lustig und munter war und bei keinem Tanze und Gelage
fehlte.  Denn das mute man sagen, einen aufgerumteren Menschen gab
es nicht als diese Buerin, und kein Haus hatte so viel Lustigkeit
als das ihrige.  Alle hohen Feste hatte es Tanz und Spiel bei ihr;
die Fasten wurden von Anfang bis zu Ende durchgehalten und mit
Schmusen, Spielen und Tnzen gefeiert, Pfingsten und am Johannistage
ward unter grnen Lauben getanzt, und am Martinstage setzte keine
Buerin so viele gebratene Gnse auf, und wenn sie ihr Korn
eingebracht, wenn sie Ochsen oder Schweine geschlachtet oder Wurst
gemacht hatte, mute die ganze Nachbarschaft sich mit freuen und mit
ihr schmausen.  Kurz, diese Buerin lebte so prchtig, da kaum eine
Edelmannsfrau besser leben konnte.  In ihrem Hause war alles nett und
tchtig und fast ber das Vermgen einer Buerin zierlich.  Ebenso
lustig und tchtig sah es auf ihrem Hofe und in ihren Stllen aus.
Ihre Pferde glnzten immer wie die Aale, und man htte sie Sommer und
Winter als Spiegel gebrauchen knnen; ihre Khe waren die schnsten
und gedeihlichsten im ganzen Dorfe und hatten immer volle Euter; ihre
Hhner legten zweimal des Tages, und von ihren Gnseeiern war nie
eines schier, sondern jedes gab ein Junges.  Weil ihr Haus lustig und
sie freigebig war, so hatte sie auch immer die schnsten und
flinksten Knechte und Dirnen auf ganz Wittow.

So lebte Trine manches Jahr, und kein Mensch konnte begreifen, wie
sie als Buerin das Leben so halten und durchsetzen konnte, und viele
hatten schon gesagt: "Nun, die wird auch bald vor den Tren
herumschleichen und schnurren gehen."  Aber sie focht und schnurrte
nicht herum, sondern blieb die reiche und lustige Trine Pipers nach
wie vor.  Andere, die dies lustige Leben so mit ansahen, meinten, es
gehe nicht mit natrlichen Dingen zu; sie habe Umgang und
Gemeinschaft mit bsen Geistern, und die bringen es ihr alles ins
Haus und geben ihrem Vieh und ihren Frchten so wunderbaren Segen und
Gedeihen--als wenn Gott nicht der beste und einzige Segenbringer und
Segensprecher wre.  Viele wollten bei nchtlicher Weile einen
Drachen gesehen haben, der wie ein langer feuriger Schwanz auf ihr
Haus herabgeschossen sei; das sei ihr heimlicher Buhler, der hnge
ihr den Wiem voll Schinken und Mettwrste, flle ihr die Kisten und
Kasten mit Silber und Gold und stehe mit am Butterfasse und helfe
buttern und gehe mit in den Stall und helfe melken.  Andere, noch
boshafter, sagten, sie selbst sei eine Hexe und knne sich unsichtbar
machen: so schleiche sie den Nachbarn in die Huser, stehle aus
Keller und Speisekammer, nehme den Hhnern die Eier aus den Nestern,
melke die Khe und rupfe den Schafen die Wolle und den Gnsen die
Dunen aus.  Darum sei sie so glatt und glau und knne soviele
Wohlleben ausrichten und ein Leben fhren, als wenn es alle Tage
Sonntag wre.  Das bemerkten einige Nachbarsleute noch und
schttelten die Kpfe dabei, da Trine eine leidige Freundlichkeit
habe, womit sie wohl hexen knne, und da sie Kindern nie in die
Augen sehe, wieviel sie auch sonst mit ihnen schmeichle und kose;
denn sie habe als Hexe kein Kind in ihren Augen, und es tue ihr sehr
wehe, wenn sie den unschuldigen Kindern, die noch nichts verbrochen
haben, in ihre reinen Augen schauen msse.

So lief allerlei Geschwtz unter den Leuten rund, und sie flsterten
und munkelten viel ber Trine Pipers; aber sie konnten ihr doch
nichts anhaben und beweisen.  Sie tat all ihr Werk tchtig vor den
Leuten, war redlich in Handel und Wandel, ging fleiig zur Kirche und
gab Priester und Kster willig und freundlich das Ihrige und hatte
immer eine offene Tasche und einen offenen Brotkorb fr die Armen,
wenn sie an ihre Tre kamen.  Auch gingen die, welche ihr die Ehre so
hinter ihrem Rcken zerwuschen, recht gern zu ihren Festen und Tnzen
und schmeichelten und heuchelten ihr.

Trine Pipers hatte auf diese Weise wohl zwanzig Jahre ihre Wirtschaft
gefhrt, und alles war ihr immer nach Wunsch geraten.  Da bekam sie
einen bunten Kater ins Haus, und bald ging im Dorfe und in der
Nachbarschaft das Gerede: der sei es, das sei der Gewaltige, nun sei
es endlich zum Vorschein gekommen, und auch ein Kind knne es sehen,
der trage ihr all das Glck zu.  Denn leider sind die meisten
Menschen so, da sie meinen, es msse mit einem Menschen was
Heimliches oder Ungeheures sein, wenn er die Narrenkappe des Lebens
nicht gerade so trgt wie sie, und wenn er die Schellen daran nicht
ebenso klingen lt.

Ein bunter Kater ward in Trines Hause gesehen, und kein Mensch wute,
wo der Kater hergekommen war.  Trine lchelte und machte einen Scherz,
wenn man sie fragte, und sagte es nicht.  Einigen hatte sie wohl
gesagt, sie habe einen Bruder, der sei Schiffer in Stockholm, der
habe ihr den schnen Kater einmal aus Lissabon mitgebracht; aber das
glaubten sie nicht.  Der Kater war gro, bunt und schn, grau mit
gelben Streifen ber dem Rcken und hatte einen weien Fleck am
linken Vorderfu.  Da schrien die alten Weiber: "Da sehen wir's ja,
da haben wir's!  Einen dreifarbigen Kater?  Wer hat in seinem Leben
gesehen oder gehrt, da es Kater mit drei Farben gibt?"  Trine liebte
den Kater sehr und sa manche Stunde mit ihm allein und spielte mit
ihm, der mit wohlgeflligem Brummen seinen Kopf an ihr streichelte
und gegen alles, war ihr zu nah kam, ausprustete und aufpfuchsete:
die arme Trine ward lter, die arme Trine hatte keine Kinder, sie
mute was zu spielen haben.  So sa sie nun manche Stunde, wo sie
sich sonst drauen in ihrer Wirtschaft tummelte, still in der Stube
und spielte mit ihrem Martinichen; denn so rief sie den Kater.
Martinichen und Mieskater Martinichen klang es in der Stube,
Martinichen klang es auf der Flur, Martinichen auf der Treppe und auf
dem Boden.  Keinen Tritt und Schritt tat sie, Martinichen war immer
dabei, und von dem Vorratsboden und aus der Speisekammer brachte er
immer seine Bescherung mit im Munde.  Kurz, der bunte Kater
Martinichen aus Lissabon war ihre Puppe und ihr Spielzeug; er stand
mit ihr auf und ging mit ihr zu Bette, ja sie ging nicht in die
Nachbarschaft, da sie ihr Martinichen nicht unterm Arm trug;
Martinichen leckte von ihrem Teller und lappte aus ihrem Napf, er war
der Liebling, er durfte alles, keiner durfte ihm was tun: Hunde
wurden herausgejagt, die ihn beien wollten, ein Knecht ward
verabschiedet, weil er ihn Murrkater und Brummkater, Speckfresser und
Mausedieb genannt hatte.

Dies gab Geschichten und Lgen und Mrchen im ganzen Dorfe, bald im
ganzen Kirchspiele, dann im ganzen Lndchen: Trine hie eine Hexe,
die einen wundersamen Kater habe, mit dem es nicht richtig sei, und
vor dem man sich hten msse.  Das sei ein Kater, einen solchen
zweiten werde man in der ganzen Welt umsonst suchen; den ganzen Tag
tue er nichts als fressen und sich hinstrecken und sonnen oder auf
Trines Knien herumwlzen, des Nachts liege er auf ihrem Bette bis an
den lichten Morgen, und doch finde der Knecht, wenn er morgens frhe
zur ersten Ftterung in den Pferdestall gehe, immer zwei groe Haufen
toter Ratten und Muse vor der Haustre aufgetrmt.  Was mge das
wohl fr ein Kater sein, der fr diesen feisten und glatten Faulenzer
die Arbeit tue?

Dies Gerede und Gemunkel hatte sich freilich erst drauen
herumgetrieben; dann kam es auch in Trinens Haus und zu Trinens
Leuten, und ihnen fing an, bei ihr ungeheuer zu werden.  Wenn sie mit
schmeichelnder Stimme Mieskaterchen!  Mies--Mieskaterchen!
Martinichen!  Misichen--Martinichen! rief und den knurrenden und
spinnenden Kater auf den Scho nahm und ihm den Rcken streichelte,
und er sich dann vor Vergngen krmmte und an ihr strich und brummte,
und ihm die grnen, umnebelten Augen im Kopfe funkelten, dann guckten
die Leute die beiden Spieler mit groen Augen an und wren um alles
in der Welt mit ihnen nicht lange in der Stube geblieben.  Trine
hatte sonst immer die tchtigsten und schnsten Leute gehabt, aber
die konnten es jetzt in ihrem Hause nicht aushalten; sie zogen weg,
und sie konnte zuletzt nichts als Hack und Mack in ihren Dienst
bekommen, und auch die blieben nicht lange, und fast jeden Monat
hatte sie frische Leute.  Alle Welt glaubte nun einmal, Trine sei
eine Hexe, und keiner wollte mit ihr zu tun haben.  Auch war es mit
der alten Gastlichkeit und Frhlichkeit des Hauses vorbei und mit den
Schmusen und Tnzen, denn keiner wollte kommen; und Trine mute mit
ihrem Mieskater Martinichen einsam sitzen und ihre Bratgnse und
Wrste allein verzehren.

Aber ach, du arme Trine Pipers, die du sonst so froh und frhlich
gewesen warst und alle gern erfreut hattest, wie ging es dir auf
deinen alten Tagen?  Nicht allein keine Gesellen und Gesellinnen und
Nachbarn und Nachbarinnen kamen mehr, sich des Segens zu freuen, den
Gott dir gegeben hatte, und sich mit dir zu erlustigen, sondern in
wenigen Jahren verging auch das, wovon du dich httest erlustigen
knnen.  Die Leute kopfschttelten und flsterten zwar, der Kater sei
es, der sei bisher der unsichtbare Bringer und Zutrger gewesen und
habe Scheunen, Kornbden, Keller, Speisekammern, Milcheimer und
Butterfsser und Geldkatzen und Sparbchsen gefllt; aber nun war ja
dieser Wundertter und Hexenmeister da, warum ging es denn nicht noch
gedeihlicher als vorher?  Warum ging vielmehr Trinens Wirtschaft von
Tage zu Tage mehr zurck?  Die arme Trine hatte Knechte und Mgde,
wie sie kaum ein Bettlerkrug willig beherbergt htte, recht was man
Krcken und Ofenstecken nennt; ihre sonst so glatten Pferde magerten
ab und verreckten an Rotz und Wurm; ihre Schweine und Khe hatten
Luse und gaben keine Milch mehr; ihre Schafe und Gnse wurden
Drehkpfe, als htten sie geheime Wissenschaft studiert; ihre Hhner
und Enten legten keine Eier und brteten nicht mehr; ihr Feld trug
Disteln und Dornen fr Korn und Weizen.  Kurz, Trine geriet in zwei
Jahren in die bitterste Armut: Pferde waren weg, Khe waren weg,
Schweine ausgestorben, Schafe geschlachtet, Tauben und Hhner vom
Marder aufgefressen, der Hund an der Kette verhungert--kein Hahn
krhte mehr auf ihrer Haustre, kein Bettler seufzte mehr sein Gebet
davor.  Und Trine sa allein und verlassen mit gelben, gefurchten und
gerunzelten Wangen und von Trnen und Jammer triefenden Augen und
schneeweien Haaren in der frierenden Ecke ihres leeren Zimmers und
hielt ihren magern und in der Asche verbrannten Kater auf dem Schoe
und weinte jmmerlich ber den kargen Brocken, die man ihr von fern
zuwarf; denn keiner mochte ihr gern nah kommen.

So hat man sie eines Morgens gefunden tot auf dem Boden ihres
Stbchens hingestreckt und ihren treuen Mieskater Martinichen tot auf
ihr liegend.  Die Leute haben mit Grauen davon erzhlt.  Und die
sonst so reiche Trine, die der Kirche und Geistlichkeit immer so gern
gab, als sie noch was zu geben hatte, ist begraben, wie man Bettler
begrbt, ohne Sang und Klang, ohne Glocken und Gefolge; kein Nachbar
hat sie zum Kirchhof begleiten wollen, kein Verwandter ist ihrer
Leiche gefolgt, sie hatte ihnen ja nichts nachgelassen.  O kalte Welt,
wie kalt wirst du denen im Alter, die dann nichts haben, womit sie
sich die Fe zudecken knnen, und ach, auch die irdischen Mngel,
die man mit schrferen Augen an den Alten betrachtet!

Als Trine nun tot war, erzhlen die Leute, ist sie immer als Hexe
umgegangen und geht bis diesen Tag als Hexe um in der Gestalt einer
alten, grauen Katze, die man daran kennt, da sie Augen hat, die wie
brennende Kohlen leuchten, und da sie ganz entsetzlich laut sprhet
und prustet, wenn man sie jagt.  Sie wird noch alle Mitternchte auf
der Stelle gesehen, wo ehedem Trinens Haus war, und heult dort
erbrmlich; im Winter aber, wann in den Scheunen und auf den Dchern
die wtigen Katzenhochzeiten sind, ist sie immer voran auf der
hllischen Jagd und fhrt das ganze Getmmel und miaulet und winselt
auf das allerscheulichste.  Diese Stimme verstehen die Leute in
Putgarten so wohl, da alt und jung gleich rufet: "Hrt!  Da ist
wieder die alte Trine!"

So ist es Trine Pipers gegangen, und so geht es vielen Menschen bis
diesen Tag.  Sie ist eine arme, elendige Bettlerfrau geworden und hat
ihren christlichen, guten Namen verloren, weil sie den bunten Kater
Martinichen lieber gehabt hat als Menschen.  Denn wenn sie auch keine
Hexe gewesen ist, so haben die Nachbarn und Nachbarinnen es doch
geglaubt, weil sie sich in ihrer unnatrlichen und hlichen Liebe zu
der unverstndigen Kreatur so in des Katers Gemt und Gebrden
hineingestohlen und hineinvertieft hatte, da sie Menschen nicht mehr
so suchte und liebte wie sonst.  Sie mag zuletzt auch mit
Katzenfreundlichkeit geblinzelt und mit Katzenaugen geschielt und mit
allerlei Katzenmnnchen sich gekrmmt und gewunden haben, so da kein
Mensch und kein Vieh und also auch kein Glck es lnger bei ihr hat
aushalten knnen und sie zuletzt mit ihrem Mieskater Martinichen ganz
allein geblieben und so im grten Elende umgekommen ist.




Thrin Wulfen


Nicht weit von Schoritz, zwischen Schoritz und Puddemin, an dem Wege,
wo man von Garz nach dem Zudar fhrt, lag einst ein kleines Dorf, das
hie Gnz, worin ein paar Bauern wohnten, die nach Schoritz zu Hofe
dienten.  Die sind aber ganz zerstrt mit Husern und mit Grten, so
da man dort keine Spur mehr sieht, da jemals Menschen dort gewohnt
haben.  In diesem Dorfe Gnz wohnte ein Bauer, der hie Jochen Wulf,
der hatte eine Frau, und die hie Thrin; das war eine arge Hexe, von
deren losen Knsten und bsen Streichen die Leute noch heute zu
erzhlen wissen.  Da sie aber eine Hexe war, konnte man ihr anmerken
an ihrer auerordentlichen Freundlichkeit und Leidigkeit, woraus List
und Schelmerei oft hervorlchelten, und an den schnen und leckeren
Sachen, die sie immer bei sich trug, und womit sie die Hunde und
kleinen Kinder an sich lockte.  Davor hat den Leuten auch gegraut,
da ihr, wohin sie immer gekommen, die Katzen von selbst auf den
Scho gesprungen sind, was diese Tiere, die eben keine
Menschenfreunde sind, sonst nimmer mit Fremden tun.  Denn durch die
Kinder und durch Leckereien, die sie den Kindern geben, und durch
Slbchen und Kruterchen, womit sie bei Kinderkrankheiten immer
gleich zur Hand sind, drngen sich die alten Hexen in alle Huser,
und Hunde und Katzen drfen sie nicht zu Feinden haben, weil ihre
Arbeit meistens des Nachts ist, wo die andern Christenmenschen
schlafen.  Doch merkten die Leute ihr und ihrem Manne ihr heimliches
und verbotenes Handwerk dadurch an, da sie sehr reich wurden, und
da der Bauer Wulf dreimal soviel Korn und Weizen verkaufen konnte
wie seine Nachbarn, und da seine Pferde und Khe, wenn er sie im
Frhling ins Gras trieb, so glatt und fett waren wie die Aale, und
als ob sie aus dem Teige gewlzt wren.  Auch sagten alle Leute, sie
habe einen Drachen, und den haben sie des Nachts oft auf ihr Dach
herabschieen sehen, wo er ihr Raub und Schtze von andern zutrug.
Das ist auch gewi, und viele Leute haben es erzhlt, die bei
nchtlicher Weile bei Gnz vorbeigegangen sind, da es dann auf dem
Wege oft geknarrt und geseufzt hat, wie die Rder an schwerbeladenen
Wgen knarren und seufzen.  Da haben die Leute sich umgesehen oder
sind aus dem Wege gesprungen, damit sie nicht bergefahren wrden;
sie haben aber weder Pferde noch Wagen gesehen, und es ist ihnen ein
entsetzliches Grauen angekommen.  Das ist aber auch der alte,
heimliche Drache gewesen, der den Nachbarn die Garben gestohlen und
sie in des Wulfs Scheunen hat einfahren lassen.  Da die Thrine
Wulfen eine arge Wetterhexe war, hat man am meisten auf der Weide und
Brache an dem jungen Vieh sehen knnen.  Wenn sie einmal unter eine
Herde kam, gleich streckte ein Kalb alle viere von sich und hatte den
Frosch, oder ein paar Dutzend junge Gnschen machten nicht zum
Vergngen den Drehhals, oder einige Lmmer und Jhrlinge wurden
Kopfhnger und Kopfschttler, oder eine Schar Sue tanzte den Dreher.
Sie gebrdete sich bei solchem Anblick, als tue es ihr sehr leid
(die alten Hexen aber knnen es nicht lassen, junges, freudiges Vieh
zu behexen, und wenn es ihr eigenes wre), und sie sagte den Hirten
oder Nachbarn, sie habe und wisse manche heilsame Mittel gegen solche
bel; sie sollen nur zu ihr kommen und sich eine Salbe holen und die
kranken Tierchen damit bestreichen, gleich werde es dann besser mit
ihnen werden.  Das haben einige getan, und wirklich hat es stracks
geholfen, aber den meisten hat gegraut, ber ihre Schwelle zu treten,
und da hat das liebe Vieh denn dran gemut.  Alle aber haben sich
zugeflstert, Thrin Wulfen habe sie behext und ihnen den Schabernack
angetan.  So zum Beispiel hatte sie eine Frau, welche sich mit ihr
erzrnt und sie eine alte Wetterhexe gescholten hatte, in ihrem
eignen Hause festgezaubert, da sie nicht ber die Schwelle zu gehen
wagte und alle Tren und Fenster dicht versperrt hielt.  Denn sie
glaubte, sie sei in eine Erbse verwandelt, und jeder Vogel, der
vorberflog, war ihr so frchterlich, da sie bei seinem Anblick
schrie, als fliege ihr Tod heran, ja da sie bei dem Ton eines
Gefieders aus der Luft schon in Ohnmacht fiel und mit Hnden und
Fen zappelte; fr die Enten, Hhner und Tauben aber in ihrem Hofe
war der jngste Tag gekommen, und sie hatten ihnen allen sogleich
beim Beginn ihrer Krankheit die Hlse umdrehen lassen.  Auch hatte
die alte Bsewichtin es dem Mann dieser Frau angetan, da er wie ein
kindischer und besoffener Narr tanzen mute, sobald er einen
Ziegenbock springen sah.  Und dies ist allen Leuten lcherlich und
rgerlich anzusehen gewesen, und das rgste dabei ist noch gewesen,
da die Einfltigen vor dem Mann eine Art Grauen bekommen haben, als
sei er auch von der Ziegenbocksgesellschaft und von den
Blocksbergfahrern; die Klugen aber haben wohl gewut, von wem diese
Bockssprnge herrhrten, doch keiner hat es ihr beweisen knnen.  Und
man kann wohl denken, wie die alte Bosheit in sich gelacht hat, da
der unschuldige Mann fr ihren Gesellen gehalten worden ist.  Ihr
Vieh war immer das fetteste und mutigste in der ganzen Dorfherde, und
man konnte an vielen Zeichen sehen, da der Teufel sein Spiel damit
hatte; denn fast nie ist ein Stck davon krank worden, und sie hat
ihnen solche Kraft und Strke angezaubert, da von ihren kleinsten
Klbern die grten Ochsen sich stoen lieen, und da ihre Ferkel
die wtendsten Eber aus dem Felde schlugen.

Auch haben die Leute sie in mancherlei Verwandlungen umherlaufen und
herumfliegen gesehen, aber niemand hat sich unterstanden, sie
anzupacken oder ihr etwas zu tun; auch haben sie die
allerwunderlichsten bunten Hunde und Katzen und sogar Fchse und
Wiesel bei Tage und bei Nacht um ihren Hof laufen gesehen, aber
keiner hat sie angetastet; sie wuten wohl, aus wessen Stall dieses
gefhrliche Vieh war.  Von Elstern und Krhen aber hpften immer
ganze Scharen auf ihrem Hofe und ihren Dchern, und von ihrem
einzigen Hausgiebel uhuheten des Nachts mehr Eulen, denn von allen
Husern und Dchern in Swantow und Puddemin zusammen.

So ist sie in der Nachbarschaft viel herumgestrichen und
herumgeflogen auf Schelmstcke und Diebsschliche, und es ist ihr
lange genug glcklich gegangen.  Der Pastor zum Zudar, der Herr
Manthey hie, hat die meiste Not mit ihr gehabt, und auch wohl
deswegen, weil er dem Bsen selbst den Krckstock reichte, womit er
ihn berholen konnte, da er mehr ins Buch der vier Knige guckte als
in Bibel und Evangelienbuch.  Einmal ist Thrin Wulfen zu seiner Frau
gekommen und hat ihr eine Stiege Eier gebracht, und sie und die Frau
Pastorin haben einander viel erzhlt und sind sehr herzig und
heimlich miteinander geworden, so da die Frau Pastorin endlich die
Thrin, als sie Ade gesagt, umhalst hat.  Da ist ihr aber geschehen,
da sie vor Schrecken ohnmchtig worden und wie tot hingefallen ist.
Denn was hat sie gesehen?  Vor ihren sehenden Augen und unter ihren
greifenden Hnden ist die Thrin pltzlich eine rote Fchsin geworden
und hat ihr mit den Vordertatzen die Wangen gestreichelt und mit der
Schnauze das Gesicht geleckt und dabei recht frchterlich greinig und
freundlich ausgesehen.  Das hat die Pastorin spter vielen Leuten
erzhlt; wie es aber weiter geworden, hat sie nicht gewut; denn als
sie wieder zur Besinnung gekommen, war die Thrin weg und auch keine
Spur von ihr und der roten Fchsin mehr da als der Geruch der
fchsischen Ksse in ihrem Gesichte und ein paar leichte rote
Streifen, womit sie sie bei der umhalsenden Liebkosung gekratzt hatte.
Zuerst hat die Frau Manthey die Geschichte aus Furcht verschwiegen
und erst nach Verlauf von Jahren erzhlt.  Auch Pastor Manthey ist
inne geworden, da er gegen die losen und leichten Knste der Thrin
sich nicht mit der gehrigen geistlichen Rstung gewaffnet hatte, und
da sie an ihn durfte; er hat bemerkt, da ihm ein Dieb an seine
Schinken und Wrste kam, und das ist auch die Thrin gewesen.  Denn
wie manche Nacht ist sie als Katze in Wiemen und Keller und
Speisekammern geschlichen und hat sich eine Wurst, eine Spickgans
oder ein Stck Schinken nach Hause getragen!  Endlich war es ruchbar
geworden, da man oft eine unbekannte graue Katze durchs Dorf laufen
gesehen und da auch andern Leuten auf eine hnliche, unbegreifliche
Weise manches abhanden gekommen war.  Da lauerte der Pastor des
Abends und in der Frhe oft genug auf mit einem geladnen Gewehr; aber
nimmer hat er den schleichenden Dieb erwischen knnen.  Endlich aber
ist ihm die Katze mal in dem Garten in den Wurf gekommen, als er
Sperlinge schieen wollte, und er hat ihr unverzagt aufs Leder
gebrannt und sie mit humpelndem Fu ber den Zaun springen und
jmmerlich miauen gehrt.  Der Schfer aber, der hinter dem Garten
eben mit den Schafen vorbeitrieb, als der Mantheysche Schu fiel, hat
erzhlt, es sei neben ihm ein altes Weib ber den Weg hingehinkt, die
habe jmmerlich gewinselt und geheult, und sie habe ihm geklagt, des
Krgers groer Hund habe ihr den Fu blutig gebissen.  So sei sie
ber die Zudarsche und Schoritzer Heide fortgehumpelt, und man habe
ihr Gewinsel noch lange aus der Ferne hren knnen.  Und das war
wirklich die Thrin aus Gnz gewesen; der Pastor hatte ihr das linke
Bein durchschossen.

Dieser geistliche Schu gab einen groen Glckswandel.  Thrin lag
wohl ein Vierteljahr elend im Bette; dann sah man sie wieder, aber
sie humpelte mit einem lahmen Beine und erzhlte den Leuten, sie sei
beim pfelschtteln vom Baum gefallen und habe sich dabei das Bein
verrenkt.  Nun ging es ihr aber schlimm.  Weil sie nicht mehr so
flink auf den Fen war als sonst, so konnte sie, wann die Begier zu
hexen mit pltzlicher Lsternheit in ihr aufstieg, nicht mehr
geschwind zu andern oder zu Fremden kommen, sondern mute ihr Eigenes
behexen.  Da ward denn fast tglich irgend etwas verdreht, gelhmt
oder umgebracht.  Bei Tauben, Hhnern und Gnsen fing es an, und mit
dem groen Vieh hrte es auf.  Und wieviel der alte Jochen Wulf sie
auch prgelte, das half alles nichts; die Hexenlust ist ein
unauslschlicher und unbezwinglicher Trieb.  Als also alles Federvieh
verdorben oder erwrgt war, da ist die Kunst ber die Ferkel und
Lmmer hergefahren, darauf an die Klber und Schafe, endlich an die
Khe und Pferde.  Der Bauer hat nun immer wieder neues Vieh kaufen
mssen, und in solcher Weise ist in ein paar Jahren der Reichtum
vergangen und das ungerechte Teufelsgut zerronnen.  Ja, ihr eignes,
einziges Kind hat sie zum Krppel hexen mssen; und der alte Wulf ist
aus Angst, da ihm zuletzt hnliches widerfahren mge, in die weite
Welt gegangen und ist auf immer ein verschollener Name geblieben.
Einige erzhlen aber, die Thrin habe ihn verwandelt und habe wegen
seiner Snde die Macht dazu gehabt, weil der alte Schelm um ihre
Hexerei gewut und die Frchte davon gehehlt und mitgenossen habe;
und so msse er nun als ein greulicher Werwolf rundlaufen und die
alten Weiber und Kinder erschrecken.  Die Thrin aber sei nach der
Flucht des Wulf als eine arme Bettlerin aus der Wehr geworfen und
habe zuletzt in Puddemin gewohnt, sei aber zuzeiten immer noch hin
und wieder als eine lahme Katze oder Fchsin umgegangen oder habe als
eine lahme Elster auf Bumen und Dchern herumgehpft; endlich aber
sei sie vor das Gewehr eines Freischtzen geraten, wodurch die
Katzengestalt fr immer festgemacht worden.  So haben viele Leute sie
fter als eine wilde, graue Katze an dem Gnzer Teiche sitzen gesehen,
auch als kein Haus mehr dastand; auch haben andere es dort um die
Mitternacht hufig miauen und prusten und pfuchsen gehrt, da ihnen
vor Grauen die Haare zu Berge standen.




De Krger van Poseritz


Im Lande Rgen nich wiet van de Olde Fhr etwa eene Mil vam Sunde is
een Karkdrp, dat het Poseritz.  D wahnde mal een riker Smitt, un de
hedd ook eenen swarten Pudel, de kunn afsnnerlichste Knste.  Dat
Deerd was to sinen Knsten so klook und haselierig, datt de Smitt, de
mit siner Smed eenen Krog helt, dat Hus jmmer vull Ld hedd.  De
Pudel was so god, as hedde de Mann alle Dag Poppenspill edder eene
heele Bande Kumdiganten im Huse hett.  Dat gaff schne Penning un
klung hell in den Bdel herin; werst o weh! wo hett et toletzt fr
de arme Seel klungen!  De Krger wurd een riker Mann dr sinen Pudel,
denn alle Lde drgen ein dat Geld to un wullen den Pudel sine Knste
spelen sehn.  Se seggen, de Pudel wahnde nich egentlich bi dem Smitt.
Denn des Dags hett man em d nich sehn; man in der Schummering kam
he un bleef bet in deepste Nacht.  He was werst een van de
hllischen Schatzwchters ut den Bargen bi Gustow, worunner de olden
Heiden mit ehren Schtzen begrawen liggen.  Un d mt he des Dags
unner der Erd liggen un um de Middnacht as Wchter herumwedeln.  Un
he mag dem Krger woll jeden Awend een paar Dukaten in den Poten
mitbrcht hebben.  Denn de Krger wurd in weinigen Jhren een
steenriker Mann un buwede sick sinen Krog torecht as de Poseritzer
Propost un Eddelmann un kfde sick eenen Morgen Land wer den annern.
werst wo leep ditt lustige Spill toletzt henut?  So rckt alle
vrbadene Lust der Minschenkinder to Anfang as Liljen un Rosen;
werst ehr Ende het Gestank.  De swarte Nachtwchter bleef weg un kam
nich mehr in't Hus.  Un de Smitt was ngstlich un verstrt, un de
Gste fragden nah dem Hund.  Denn sede de Smitt: "Man mtt mi den
Hund stahlen hebben edder ook hett en Deef en doodslagen un ingrawen."
Doch was dem armen Kerl nich woll um't Hart, un he sach gr
nsterbleek un bedrwt ut, so datt de Lde nich begripen kunnen, wo
een vernnftig Minsch sick wer een unvernnftig Deerd so grmen knn,
un allerlei bunt Gerede drut entstund.

So weren een paar Weken vrleden, un eenen Sndagawend, as de Krger
mit veelen Gsten m den Disch satt un Krten spelde, hrden se wat
dr de Luft susen un gegen dat Finster slan, un en dchte, dat was
een swarter Pudel.  Un allen kam een grausamer Gruwel an, un se
mgten nich upkieken gegen dat Finster.  As se sick werst wedder een
beten besunnen hedden, sproken se lang drwer; de Krger werst satt
still achter dem Awen un let den Kopp hngen.  Un se foppten sick
toletzt unner eenanner, wer woll dat Hart hedd, herut to gahn un to
sehn, wat d were.  Un een Snider nam sick de rechte Sniderkrauwagie
un begehrde eenen Gesellen, de dat Aventr mit em wagen wull.  Un et
fund sick eener to em, un se gingen in den Grden, wo dat Finster
herutging, un sh, d lag een dooder, swarter Pudel, den de
Snidergesell recht god kennde.  Un se meenden nu all, man hedde dat
dem Smitt tom Schabernack dhan, wiel de Pudel em as een gldnes Hohn
was, un een Fiend un Schelm hedde den dooden Hund so gegen dat
Finster smeten.  Un se grwen een Loch an dem Tun und leden den Pudel
drin und sett'ten sick drup wedder tom Spill dal.  werst de
Smitt satt achter dem Awen un sede keen Starwenswurt un was sehr
trurig.  Un as se wedder van besten Knsten de Krten flegen leten un
uttrumfden, fung dat buten wedder an to susen un to brusen, un Kling!
sede dat Finster, un de Pudel flog wer den Disch un fll in de Stuw
dal, un de meisten Gste, de m den Disch seten, fllen vr Schreck
van den Bnken un krzden un segneden sick.  De tappre Snidergesell,
de een Hart hedd grter as sin Natelknoop, nam den Pudel un smet en
tom Finster herut; un de Gste nehmen ehre Hd van der Wand un makten
sick up de Beenen.  Un knapp was eene halwe Stund vorgahn, d sede
dat wedder Kling! un de Pudel fll to'm tweeten Mal in de Stuw.  D
lag he bi dem bedrwten Wirt bet an den hellen, lichten Morgen, denn
de arme Minsch bleew alleen sitten, un Fru un Kinder un Gesellen
weren to Bedd gahn.  As werst de Snn upging, was de Pudel weg, un
keen Minsch wt, wo he stawen un flagen was.  He hedd werst eenen
grausamern Gestank as dat schndlichste Aas nah sick laten.  Un up
deslwige Wis is dat Greuel dslingto alle Nacht drcht Finster edder
drch de Dren, ja drcht Dack un de Wnd flagen; un hulpen keene
Breder un Rigel, un ick glw, he hedd sinen Weg drch Stal un
Demantsteen braken.  Se gingen hen un begrwen den Hund mit grotem
Staate; se brukten Segen un Bespreken wer siner Gruft--alles umss:
he kam jmmer wedder.  De arme Smitt grep to un makte sick eene
annere Stuw torecht, he tog ut bawen herup in een Stwken unner de
Auken, he meende sick to vrsteken; werst de Pudel hedd em eene to
fine Ns, jmmer flog he herin, wo de Smitt was.  Nu ging dat
natrlich to, dat Krog un Smede bald leddig un vrlaten stunden, un
datt de Smitt mit Wif un Kindern un mit dem aasigen, stinkenden Pudel
eensam un alleen sitten un truren mte.  Wat dheed de arme Mann
toletzt?  He ging to un vrkfde alles, Smed und Krog un Acker un
Grden, un tog van Poseritz weg. Un dem Mann, de dat Hus van em kft
hedd, let de Pudel ook keene Ruh, un he kunn nich eher ruhig slapen
vr all dem Gesuse un Gebruse und dem Gnsen und Krassen, dat et des
Nachts bedref, bet he dat Hus afbraken un an eener annern Stell weder
upbuwt hedd.  Don week de Dwel van em, werst van dem armen Smitt
week he nich.  Disse hedd de Lade vull Dukaten un wull een Eddelmann
warden und kfde sick eenen schnen Hoff, de selitz het.  werst
wat Eddelmann un Dukaten!  Dat ging all to End mit em.  De Pudel tog
mit em in sin Eddelmannshus un husierde so arg, dat keen Knecht edder
Magd bi dem jungen Eddelmann bedarwen kunn.  Tolest satt de arme
Smitt mit Fru un Kindern un mit all sinem Rikdom heel vrlaten d.
Un as de Bs em lang nog ngstigt hedd up Erden, hett he em in eener
Nacht den Gnadenstot gewen.  Et was eene schne, stille Sommernacht,
keen Blitz un keene Lchting to sehn, keen Lftken, dat im Rohr
spelde, d hebben de Nawers, de m selitz wahnen, pltzlich een
gewaltiges Fr upstigen sehn, un in eener halwen Stund is alles,
alles, Hus un Hoff un Minschen un Veh un de Smitt mit den Sinigen un
mit sinem Dwelsgolde to Stoff un Asch vrbrennt west und hett man
nmmer keene Spur van em sehn.  werst een Mann ut Mellnitz, de
tom Lschen tolopen was, hett eenen swarten Pudel sehn, de mit
greulich glnigen Oogen dr den Grden un Busch wegstrek un noch lang
grselich hlde.  So hlt de Satan vr Froiden, wenn he arme Seelen
vrslingen kann.




De Brgg bi Slemmin


Ick mtt bi disser Gelegenheit ook noch vrtellen van der Brgg in
dem Slemminer Holt, wo de Weg nah Zornow utlpt.  Da geit dat gar
wunnerlich to; wo menniger stolter Rter hett sick dar den Sand vam
Pels schddeln mt!  Denn jede Kreatur weet darm un wahrschuwt,
datt et da nich richtig is.  As ick een Jung van viertein, fftein
Jahren was, hdd ick de Koi bi dem Hollnder to Slemmin un drew oft
int Holt, un wenn ick ook dem wilden Jger sine Hund hett hedd, keen
Kalf hedd ick achter de Snn wer de Brgg kregen.  Darm steit da
herm ook jmmer dat schnste un lngste Gras, denn dat Veh mt den
Verstand verlaren hebben, dat da mit egnem Willen grsen gahn wull,
un ick glw, keen dummer Dreihhals van Schaap edder Goos wrd da een
Halmken anrhren.  Un wer des Nachts wer de Brgg fhren edder riden
mtt, o Herre Jemerus! wat kost't dat oft vr Knst un Sprng!  Un wo
snuwen de Perd un zittern un daddern un bwern vr Angst, datt se
wer de behexte Brgg schlen, un scheten up der Brgg in de Knee un
laten den schumigen Sweet vam Liwe drppeln, as hedden se een paar
Mil im Galopp lopen, edder as wenn se in de Lchting van Kanonen
springen schullen.  De Minsch alleen wett nicks davon, wenn se em't
nich vrtellt hebben edder wenn he nich in der Nacht kmmt un de Ulen
und Kraihen in so dickem Swark m de Dwelsbrgg flegen.  Un ditt is
de Geschicht van der Brgg:

In Zornow was eene smucke Dern, eenes Schepers Dochter, de hedd sick
dreimal vrjumfert un jedesmal ehr Kind mbrcht, un de drei Kinder
in dem Graben bi der Brgg in de Erd steken.  werst achter dem
drdden Kinde is de Satansundhad utkamen, un se hebben de Dern nahmen
un se in eenen Sack dhan un bi der Brgg in dem Graben vrspt, un
hebben de Lik van der armen Snnersche bi ehren Kindekens ingraben.
werst wat knn tschen dissen Vrdrag wesen?  Un't is darnah eene
dulle un wilde Wirtschaft worden, datt den Lden de Haar to Barg
stahn snt, so hebben sich de flegenden un klagenden Geisterken van
den Kindekens fhlen un vernehmen laten.  Un wer in dem Holte wat to
dhon hett, dem will ick nich raden, datt he sick lang nah
Snnenunnergang edder vr Snnenupgang da betrappeln lett.  Dat piept
un flstert un wispert un tutet un hlt da denn de ganze Nacht drch,
as wenn Katten Hochtid hollen edder ltte Kinder quarren, un
Ulengequiek un Kraihengeschrei klingt jmmer datschen.  Denn in
eener hollen Eek wer der Brgg sitt Dag und Nacht eene olde Ul, un
dat is de arme Schepersdochter, de in disser Welt keene Rauh findt.
Un des Nachts mtt se jmmer hen un her flegen van Boom to Boom un
van Twig to Twig un schreien un quiken, datt eenem de Haar up dem
Kopp susen, un drei junge Ulen uhuen un flegen jmmer achter ehr her,
un dat snt de drei Kinder, de se vermordt hett.  werst tschen
twelw un een da geit et erst recht lustig, un Gott gnade dem, de denn
wer de Brgg mtt.  Denn hett sick dat ganze Ulenrik tosam vrgadert,
un se maken eene Musik in der Luft, wornah dat ganze dwelsche Heer
in der ersten Mainacht danzen knn, un een hungriger Wulf mit
glnigem Rachen steit an der Eck un hlt eene Baviol tschen den
Beenen un speelt lustig up, un Vss un Katers un Marten, Ilken un
Wesel un anner deefsches Nachtgesindel danzt dato.  Ick hew't nich
sehn, werst de Smitt in Slemmin hett't sehn.  De is mal darunner
geraden, un he was wen nich up Gottes Strat, denn he hedd de x up'm
Nacken un wull sick eene junge Eek hauen.  Den hebben se terreten und
terzust--hast du mir nicht gesehen--un so is he to Huse kamen ganz
terkrat un verbaast, un sine Oldsche hett em drei Weken eene
Kindersupp kaken mt: so hedden de Satansgesellen den armen Schelm
afngstigt.  Dat is werst wi un wahr, wat ick van den Koien un
Perden vrtelld hew, un keen ordentlich un christlich Deerd un Vagel,
de van Gott weet, geit in de Eek edder sett't sick da herm.  Ick hew
all min Dag keenen Vagel in ehren Twigen singen edder zirpen hrt,
Ulen un Hawks un Kraihen, Rawen und Hesters un anner dergliken
Dwelsgert dat sht man woll darup sitten.  Mit der Brgg is't wen
so; keen ehrlicher Vagel sitt up ehren Psten edder Gelnder, nich
eenmal eener van den lustigen un nswisen Vgeln, as de Meesk, de
Qukstart edder Steenbicker, de snst so nlich un flink snt alles
Holt, wat se man sehn, to besitten un to befladdern.  Denn ook de
allergeringsten un lttesten Deerdeken weten een beten van Gott, un
et weiht en ook een beten Wind to, wo wat Gewaltigs un Greulichs
geschehn ist, un gruweln sick davr."




Schipper Gau un sin Puk


Ji hewt woll oftermals hrt, wo veele Hexerei un Twerei mit Katten,
Zegenbcken, Heimken un Schorfpoggen drewen ward un wo de olde Fiend
sick darachter steckt un den armen verbiesterden Minschen in de Hll
herin spelt.  werst dat gifft so veelerlei Twerei, datt et nich
to denken noch uttospreken is, un wer schullt't glwen, datt de Dwel
listig nog is, in Mggen un Kwer ja in den allerminsten Worm sick
herintomaken, wenn de vrblendte Minsch nah sinen Dingen lstern is
un nah dem Dstern un Vrborgnen snappt?  Denn wer hngen will, seggt
dat Sprickwurt, de kan woll dr eenen Spennenfaden to Doode kamen.
As ick in miner Jugend in minen Wanderjahren ut minem Vaterlande
Holsteen nah Rotterdam up Arbeit kamen was, hew ick mennige snurrige
Ding davon sehn un hrt; denn de Schippers hebben veelen sodhanen
Awerglowen un mennigerhand heemliche Knste.  Ick mag't werst nich
all nahseggen; doch will ick ju eens vrtellen, wat hier bi uns eenem
Mann ut Barth edder vam Dars in Prerow begegnet is un wovon alle Lde
to seggen wten, as ick noch een junger Gesell was.

In Barth lewde een Schipper Hinrich Gau, dat was de glcklichste un
vrwegenste Schipper in der ganzen Ostsee, dem ook alles to Faden
leep.  He unnerstund sick, wat keen anner Schipper drfte, un se
seden, he kunn mit allen Winden segeln, un wenn he wull, ook wedder
den Strom.  Soveel was eenmal wi, he wagde sick herut midden im
Winter un in dem bsesten Unweder un kam jmmer mit ganzen Masten und
heelen Segeln davon, wenn de annern Schipp terreten un terspleten in
den Hawen lepen edder gar so deep vr Anker legen, datt keen
Minschenoog se wedder to sehn kreeg. Mit dem Gau werst ging alles
vrwrts, as knn he den Wind ut'm Sack schdden, grad as he'n brukte.
So was he denn jmmer de erste up dem Platz un makte de besten
Frachten und ward in wenigen Jahren een riker Mann, datt se en den
riken Schipper edder den riken Gau nmden.  Dat Ding hedd werst so
sinen egnen Haken un um all dat Gausche Glck un Geld mgt ick an dem
Haken nich hngen, woran Gau fast was.  Denn de Lde munkelden so wat
van eenem blanken Kwer edder eener grnen Pogg in eenem Glase; un
dat was sin Puk, de em den Wind un dat Glck makte, un de Matrosen
wullen dat dwelsche Ding unnerwielen sehn hebben, wenn't stief
weihde edder de Nacht gefhrlich dster was, wo't as een ltt winzig
Jngiken in eener swarten Jacke eene rode Mtz up'm Kopp up dem
Schipp hermleep un alles nahsach, edder ook as een old gris Mnniken
mit eener kritwitten Parck up dem Kopp, dat am Strroder satt un in
den Hwen keek un dem Schipp den Weg wisde.  Un se vrtellden ook,
datt de Schipper sine blanken und grnen Dwelskamraten sehr prchtig
plegde in eenem aparten Schrank in siner Koje, wo keen Minsch
hensnuwen drft, un datt he en da jmmer sten Muschatwin un Rosinen
un Figen hendrog.  Denn de in der bittern un suren Hlle wahnen,
laten sick am lichtesten mit Zuckerbackels un Ndlichkeiten locken un
festholden, wenn man se to sinem Deenst anbinden will.

Dat Glck was up disse Wis un mennigen schnen Dag mit dem Schipper
Gau up der Fahrt west, un he vrstund sine Geisterkens to regieren,
un se weren em up't Komando gehursam un willig.  werst toletzt
vrsach he sick eenmal, un de Dwel slippte em los, un drew sin bses
Spill so schrecklich, datt jeder sehn kunn, wat et was.  Schipper Gau
was mit eener riken Ladung ut England kamen un sin Schipp lag up dem
Strom der Sundschen Rhede vr Anker.  He was eenen Dag in de Stadt
fahren, un Gott weet, wo't geschach--denn ss ging he den Dag
weinigstens wohl dreimal an Burd--he was in een woist Gelag geraden
un se hedden so deep in't Glas keken, datt Gau Schipp un Puk un de
ganze Welt vrgatt.  So hedd unser Schipper twee utgeslagene Dage in
Stralsund vrdrunken, un sine Dinger, de he hungern let, weren
grimmig worden, hedden de Glser terbraken, worin se seten, un blsen
eenen Storm up, datt dat Schipp anfung mit allen Segeln to spelen un
sick von allen Ankern losret.  De Lde, de up der Brgg un Lastadie
stunden, vorwunderden sick--denn bi de Stadt weihde kum een
Lftken--wo dat Schipp rundkselde as een Swin, dat to veelen
Branwinsbarm sapen hett.  Un et wurd een grot Geschrei, un veele
Schippers lepen herbi un ook Schipper Gau.  He kreeg flugs een paar
von sinen Matrosen un eenige annere Waghlse tohop, lste sin Boot un
leet de Remen knarren un reep: "Frisch Jongs! frisch! wenn ick an
Burd kam, schlen mine Kerls voll wedder to Loch, se kennen min
Komando woll."  Un Gau kam richtig an dat Schipp, dat sick jmmer
rundm kselde, as wenn't in eenem Strudel stack.  Alle annern Schipp
rhrden sick nich, as wenn fr se keene Luft weihde, un was een heel
moj Wder.  werst de kecke Gau hedd sick dittmal to veel vrmeten;
sine Brschchen, de weegn des langen Hungers to grimmig weren, leten
sick van em weder locken noch hissen; se makten jmmer gewaltigern
Storm un dullere Arbeit un kselden toletzt so arg, datt Schipp mit
Mann un Mus to Grund gingen.

To der Tid ging mennig Gerede mank de Schippers hen un her, un veelen
is woll bang worden; werst ick glw, et gifft noch van der Art, de
ehre ltten Dwelkens in Schachteln un Glsern mit an Burd nehmen.




De witte Fru to Lbnitz


In Lbnitz ging de Red, datt eene witte Fru bi nachtslapender Tid
rundging.  Ehr Gang was van der Bleke wer dat Steg, dat achter dem
Backhuse up der Beek liggt, drch dat Backhus m den Schaapstall un
m de grote Schn, un denn gar langsam dr den Boomgarden un
Blomengarden, wo se oft still stund un sick bckte, as wenn se ppel
upsammelde edder Blomen plckte.  Van da ging se toletzt in dat Hus,
wo se m Klock een meist ut dem Keller unner der Trepp herupsteeg mit
eenem Licht in der Hand, waran blage Fnkschen stweden un dat hell
upgnisterde.  So is se oft sehn m de Gespensterstund; un ook mine
selige Moder sede, se hedd se mal schemern sehn.  Se plag jmmer an
der Trepp stilltostahn un sick wunnerlich mtokiken ook woll de
Husdr to befhlen, ob se slaten were; denn ging se langsam un
potentatisch de Trepp herup un steg to Bnen unner de Oken to den
Katten un lschte ehr Licht ut.  Dat is enmal wi, keen Minsch ging
to der Tid gern up de Dele un up de Trepp; un dat was dat
Besnnlichste, datt keen Hund da je to liggen edder to rasten plegde.
Un oft is't schehn, datt Mge, de de Trepp mit Licht herupgingen
edder des Nachts da wat to bestellen hedden, pltzlich as fr dood
henstrteden un denn elendig krank wurden; un de hebben vrtellt, de
witte Fru wer en mit dem blagen gnistrigen Licht in den Weg treden un
hedd se anpust't.  Van disser witten Fru vrtellde Johann Geese
eenmal:

"Mit der witten Fru, de to gewissen Tiden, am meisten im Harwst un
Winter to Lbnitz mgeiht, schall man sick woll in acht nehmen, un
den Dwel nich im wermod vrsken.  Dat is een erzbses Wif, un se
geiht nich vrgws in der wilden Unruh rund un makt ehrlichen Lden
de Nacht gruwlich.  Dat's woll hundert Jahr her un lnger, datt se to
Lbnitz wrklich lewde un regierde.  Se was een rikes un vrnehmes
Eddelmannswif un se seggen, se kam ut Polen--so schn un witt as de
witte Dag, datt ehres Gliken van Schnheit kum up der Welt west is.
werst se was eene leidige Hex un falsch un listig van Grund ut,
un slimmer as Bollis im Winter; un de olde Fiend hedd ehr den letzten
Bloodsdruppen vrgiftet, datt ook nich een god Haar mehr an ehr was.
Se was grausam hoffardig un lichtfardig, solang se jung un schn was,
un schall ehren olden Mann mit Gift vrgewen hebben.  As et werst
mit ehr gegen dat Older ging un se een, drei Stieg Jahr up dem Puckel
hedd, da vrlet se de lustige Dwel, de im Blood sitt, wergaff se
sinem slimmsten Broder, dem hungrigen un kattigen Gitzdwel, dem
Dwel, de nich slapen kann, dem rechten Negendder der Seelen, as de
Herr Pastor seggt.  Nu wurd dat olde Wif eene slimme
Minschenschinnerin un Ldplagerin un kratzte ut dem Blood und Sweet
der armen Lde Gold in Hupen tosam un vrgrof't an veelen Stellen.
Un as se endlich van disser Welt weg mt, is't ehr tor Straf sett't,
datt se up deslwige Wis, as se annern keene Rauh un Rast gnnt hett,
ook im Grawe noch keene Rauh finden schull.  Darm mtt se nu mgahn
in der doistern Nacht, wenn alle frame Kreaturen un christlichen
Minschen slapen, un de hungrigen Wlw und Vss un Marten un Ilken un
anner sodhan Tg alleen up den Beenen snt.  Denn mtt se herut in
Hagel un Snei un Wind un Regen in dem witten Doodenhemd mit dem
gefhrlichen Licht in der Hand.  Un wiel se im Keller un in der Bleke
dat meiste Geld vorgrawen hett, darm mtt se dar am meisten mlopen.
De Herr hett woll de Lcher sehn, de de Schatzgrwers dissen Winter
up der Bleke upwhlt hebben?  werst de dummen Narren! da ward
keen Minsch wat finden.  Denn je slimmer de Minsch ist, de Geld in
der Erd vrgrft, desto grtere Macht hett de Bs wer den Schatz un
desto deeper kann he en to sick heruntertrecken.  Un wer seggt uns,
wo veele dausend Faden deep he ehre Geldkasten in de Erd
herunnerslaken hett?  Dat is ook wahr un is dr veele Teken bewist,
datt dslike vordammte Seelen, de im Graw keene Rauh hebben, van Gott
brukt warden de Slimmen in Tucht to holden.  Denn wer in vrbadner
Tid as Sliker edder Deef hermlurt un wat scht, wo he nicks vrlaren
hett, un dem witten Wiwe in den Wurf kmmt, mit dem drft se affahren,
as't ehr gefllt, wenn he nich noch tor rechten Tid een himmlisch
Gewehr ergrippt, as een Evangelienbook edder een Gebet, dem Gott
anmarkt, datt et nich tom Spa ut der Kehle geiht.  Dat hett sick vr
een twintig Jahr begewen.  Da was in Langenhanshagen een Snider, de
het Jakobs un was as een Twerer un Deef vrropen, de des Nachts
selden in sinem Bedd sleep.  Den funden se eenes Morgens to Lbnitz
an der Eek achter dem Backhus, wo de Steg wer de Beek geiht.  O je!
wo bummelde de grote Kramsvagel! un wo frisch weihede dat
Sniderhoiken im Wind!  He was mit eener frischen grnen Wide upknppt.
Sine Frndschaft sede woll, datt he sick woll slwst een Leed
andhan hedd; werst wi weten dat beter: sine Uphengersche lewt noch."




De Prester un de Dwel


Starkow hett jmmer deege Presters hett, de as unser Pastor Scheer
den Minschen woll an't Hart to kamen un den Dwel, wenn he sick nich
gar to sehr inwrtelt hett, uttodriwen vrstunden.  Un wet de Herr,
wo dat herkmmt?  In olden Tiden, as de Heiden hier utdrewen un Gotts
Wurt un dat bloodige Krtz predigt wurden, was disse Gegend hier m
Starkow Redba un Lbnitz nicks as Holt, Heid un Morast, wo hier un
dar een Mann in sinem Hsken wahnde.  Da kam ook een Pastor un de ne
Kark schull buwt warden; werst der Lde was wenig un dat Weinige ook
noch arm.  De Pastor is een sehr gottsfrchtig Mann west un klok dabi
un hett veel hen un her sunnen, up wat Wis he Gotts Wark vollbringen
un sinem hilligen Wurt eene Stad bereiden knn.  Un da is em de Dwel
infollen, de olde Schalk un Seelenfnger, de sick oft bi em infund,
wenn he sine stille Bedstund in sinem Kamerken helt.  Denn he kennde
en woll, wenn he sick as eene swarte Fleg up sine Bibel settede un
darup hermwipperde.  Denn de Stank blef nah, wenn de Fleg wegflog.
Un de kloke Herr hett den Dwel mit List dran kregen un bedragen, un
Satan hett sweeten mt, datt em de hllschen Druppen wer de Ns
lepen.  Un in drei Dagen hett de Kark fix und fardig da stahn, as de
Herr se noch sht, un is eene van den ldesten in Pamerland, un ehr
Baumeister hett se nich mit inwihen helpen drft.  werst dat mtt
man em laten, so slimm de olde Fiend is, he hett eene grote Dgd, un
dat is de Dgd der Geduld un Arbeitsamkeit, datt he sick nicks
vrdreten lett, wat to sinem Geschft hrt--un datt knn een
Christenminsch sick ook woll van dem Doiwel leeren laten.  Wo sehr de
kloke Prester en ook vexirrt un narrt hedd, he makte een frndlich
Gesicht dato, un kam jmmer wedder un frog sinen Kunden, ob he em
noch nich in wat denen knn un ob he nich noch eene kleene Arbeit fr
en hedd.  De Prester werst frchte sick vr dem Schelm, datt he en
doch beluren mgte, un wull nicks mehr mit em to dhon hebben.

Nu was da een Drp, dat nah Starkow in de Kark ging; dat lag achter
dem Holt heel nah, un de Pastor mt oft dahinriden.  werst so
nah dat Drp ook lag, was't wegen Unwegsamkeit doch een
Dreiviertelwegs.  Denn he mt eenen wieden Weg maken wer Oldenhagen
un m den groten Wald herm, wiel in dem Holt een deeper Morast was,
wo man alleen im Sommer wer kunn.  Da fll dem Pastor eenes Dages in,
ob he sinen Werkmeister nich wedder bruken un dran kriegen schull.
Un as de Dwel eenmal wedderkam, slot he den Handel af mit em un
besprack sick mit dem Bsen: He schull em in drei Dagen den Weg dr't
Holt un eenen Damm wer den Morast maken, un he wulle mit Lif und
Seel sin wesen, wenn he en betrappelde, datt he man eenen Strohhalm
breet ut sinem Vrbeet ging.  De Prester satt awerst in sinem Garden
unner eenem Boom un las de Predigt wer, de he den nchsten Snndag
holden wull; un sin Swur was: "Dwel, wenn du in drei Dagen den Weg
un Damm dr dat Holt to der Horst fardigkrigst, so schast du mine
Seel nehmen, wo du se findst, wenn ick nich mehr up dissen minen
Vrbeet stah."  Un de Dwel schmunzelde in sinem Sinn un dachte: Den
Vagel hest du fangen; denn wo will de dumme Prester dat woll anfangen,
datt ick'n nich mal uter sinem Vrbeet treffen schall?  Dat Lewen is
lang un de Gedanken snt kort un ehr Beten van Faden ritt licht af.
Un he ging lustig weg un makte sick an de Arbeit, haude Eeken af un
makte Brggen un slepte Steene un karde Sand, un ehr drei Dag m
weren, stund de grade Weg da un lag de schne Damm fardig, so schn
un glatt, datt een Knnig mit Lust drwerfahren kunn.  Un he kam to
dem Prester un sede: "De Weg un de Damm snt makt."  Un he lurde em nu
up, wo he en faten un begigeln knn.

Un kum vergingen een paar Dag, so nam de Prester sinen Stock in de
Hand un ging den Weg nah Redbas herut, sick sine Brewe un Zeitungen
van der Post to halen.  Un as he kum an de Brgg kamen was, wo de
Sched is tschen de Redbasser un Starkower Feldmark, wipps, hast du
mir nicht gesehn, was de olde Grising da in sinem roden scharlaken
Tressenrock un mit sinem Hahnenfoot, wippelde as een Hester m dat
kranke Kken, m den Prester herm, un stellde sick achter em up den
Weg, datt he em nich wedder torgg lopen knn.  Un he grte en up
sine dwelsche Wise gar frndlich un reep: "Willkamen, Presting!  Nu
mt du mal mit mi kamen un tosehn, wo't sick in der Hll lewt un ob
du se denen Buren richtig utleggt hest.  Wo steiht et?  Hest du din
Fell brav insmeert, datt et in der Hitt nich springt?"  Un as de Dwel
disse sptsche Red dhan hedd, makte he sick an den Prester un wull en
packen; werst he kunn nich!  Denn em kam een Gruwel un Grusen an, as
wenn he mit sinen Klauen in kold Is tastet hedd.  Un de Prester
lachte mit grotem Vergngen, blos em ut siner Pip den Tabaksrook in
de Ns un sede: "Holt, Dwel! da is noch een Sticken vr, datt du
nich herin kannst.  Markst du, datt ick up minen Vrbeet stah?  Un
damit du Schlangenschelm et begrippst un in dinen Dwelsknaken
zitterst un bwerst, so kumm her un seh!"  Un de Prester tog eenen
Stwel ut un wieste dem Dwel, datt he drei, vier Blder ut dem
Evangelienbook in sine Socken inneiht hedd.  Un de hedd he ook in
sinen Stweln hett, as he im Garden den Eid swur un sinen Handel wer
den Weg dr't Holt afslot.  Un de rode Dwel wurd vr Grimm bla un
bleek as de Kalk an der Wand un schmde sick un vrzagde an dem
Prester, un neihde ut, as wenn em Fr unner den Salen brennde, un
hett sick sin Leder nich mehr bi em sehn laten.  Un de Prester hett
as een gottselig Mann lewt, un is so storwen, un de Kark steiht bet
dissen htigen Dag, un de Damm liggt noch un fhrt den Namen sines
Baumeisters, het de Dwelsdamm; werst nahgrad wer't woll ndig, datt
man den Dwel eenmal wedder dran krege tom Utbetern; denn he hett
vrdammt veele Lcher.  Un wenn man ditt so bedenkt un de olden
Geschichten hrt, so mag man sick woll wundern, datt de Presters nu
tor Tiden so weinig knen un den Dwel nich mehr am Strick hebben.
Se segen, de olde Herr van der Finsternis un Dsternis is dood un
lewt nich mehr, werst se knen't nich bewiesen un ick glwt nich;
denn he reckt sine Tatzen noch oft nog hervr.  Un wahrhaftig leider
Gotts! an dem Dwel fehlt et nich, man de rechte Glow fehlt un de
rechte Leewe, de rechte frige himmlische Leewe, de de ganze
vullgeproppte glnige Hll un alle Millionen Dwels mit eenanner
utbrennen un in Asch vrwandeln kann.  Un darm vrseggt en dat Hart,
et mit em uptonehmen.  De Olden vrstunden't beter un wten den
Spruch mit der Dhad uttoleggen: West klok as de Slangen un eenfoldig
as de Duwen.  To der Tid, as de Dwel Karken und Klster buwen mt,
gaff't gottskloke Lde; nu werst snt se dwelsklok un negenklok un
wer all der Klokheit is de Vrnunft dumm worden, wo se de goden un
slimmen Geister mit eenem Blick underscheiden un den Engels und
Dwels in Christo begripen un den Lden utdden kunnen.  Se sken den
leewen Gott in der Welt, wo he is un ook nich is, un nich in der
Bibel, wo en jeder finden kann, dem Negenklokheit de Oogen nich
vrglastert hett.  Weer he so sker un wi up der Landstrat to finden,
so were de leewe Heiland jo mss vam Himmel herunnerkamen, sin
drbares Blood am Krtz fr uns to vrgeten.




De Wewer un de Steen


De Herr hett woll dat steenerne Krtz sehn, dat am Wege steiht, wo
man van der Lbnitzer Mhl nach Redbas geiht.  Da lag vr dissem een
Steen, de was in twee Stcken tersprungen.  Den hebben se wegnahmen,
as de Frst Hessenstein de prchtige Redbasser Brgg buwen let; un
dat is schad, denn de Steen hedd wat in sick, un't was eene Geschicht
mit em, woran sick Mennigeen spegeln un wobi jeder Wandersmann, de
vrbiging, sine goden Gedanken hebben kun; un he was recht een
Wahrnagel fr de Deewe un fr alle falschen Nachtslikers.  Nu he
werst weg is, ward et woll to swind vrgten sin, un wer weet, wo
lang dat Krtz noch steiht, denn nu is de Tid da, wo se alles
umkehren un dat Olde vrachten.

Vr langen langen Tiden, lang vr Minschengedenken, wahnde in Redebas
een Wewer, dat was een groter Schelm.  He wewerde werst nich
veel--denn sin Wewstohl stund jmmer still--werst he grep to eener
Kunst, wodr man een lustig Lewen holden un swind rik warden kann; un
de Dwel hedd to sinem Gespinst den Inslag makt, un nu mag de arme
Stacker tosehn, wo he dat Netz utrawweln will, dat he sick slwst
wewt hett.  Des Nachts, wenn de ehrlichen Lde slapen, was min Wewer
jmmer flink mit sinen Gesellen up den Beenen, un fette Swin un Gs,
de de Bur den annern Morgen tohauen wull, un Schinken un Mettwurst un
mennig swarer Immenrump un blanker Schepel Weiten kam int Hus, un
nms wute, up wat fr eenem Wege.  Dat werst wten alle Lde im
Drp, datt de Wewer ful was as de Oss m Wihnachten un datt he fedder
lewde as de Schult un Vrwalter.  Un se munkelden woll unner sick, he
were een Deef un Rwer un stnd' ook mit dem olden Draken im Vrbund,
de em alles todrge; werst bewiesen kunn em't keener.  Nu begaff
sick't eenes Dages, datt unser Meister Urian mit sinem Gesellen dem
Lbnitzer Mller eene Nacht in de Mhl brok, un datt jeder sinen Sack
Weiten furtdrog.  Glik drup kam de Mller mit sinem Burschen, un se
funden de Mhl apen un den Weiten weg un lepen up den Wegen herut, ob
se nms gewahr warden knnen.  Un se kemen ook up den Redbasser Weg
un packten unsern Wewer, de mit sinem Weiten up eenem groten Steen
satt; de Gesell werst was wiet vrut.  De Mller un de Mhlenbursch
nehmen nu unsern Wewer tschen sich un prgelden en deeg af, un darup
mt he sinen Weiten wedder upsacken un mit gewaltigem Pusten un
Stnen nah Lbnitz bet an dat Mllerhus dregen.  Da hlden se en fest,
denn se meenden ganz sker; datt he de Weitendeef were.  Un den
annern Vrmiddag was groter Gerichtsdag to Lbnitz.  Un de Wewer hlt
sick stif und lgnede alles, un lede sware Klag up den Mller un den
Mhlenburschen, datt se en as eenen Deef festholden, up der Landstrat
slagen un em sinen egnen Weiten afnahmen hedden.  "Denn"--schreide
he--"ditt is min Sack (he hedd werst sinen egnen Sack mit sinem
Namenteken mitnahmen un den Weiten darin schddet) un de Weiten darin
is min Weiten, den ick mi gistern Awend van dem Buren to Holthof
kfft hew.  Un wenn ji't nich glwen willt, so schickt hen un latet
den Buren halen un fragen, un wenn he seggt, datt ick den Weiten van
em nich kfft hew, will ick nu un ewig een Schelm heten."  Un se
schickten nah'm Holthof, un de Bur sede ut, as de Wewer bedrt hedd;
denn he stack ook mit drin un was een Afflegger un Deewshehler.  Un
nu wte de Richter keenen annern Rat, he hlt den Wewer woll fr
eenen Deef, werst he kunn em't nich up't Lif seggen, un darm mt
he en tom Swur laten.  Un he nam den Mller un den Mhlenburschen un
den Wwer, un se gingen mit eenanner to dem Steen un dem Krtz up der
Heid am Wege, wo de Mller en packt hedd, un da vrmahnde he den
Wewer noch eenmal, Gott de Ehre to laten, wenn he sndigt hedd, un
leewer sine Snd to bekennen un de Straf to liden, as eenen falschen
Eid to dhon un ewig in der Hll to braden.  "Denn"--sede he un sach
den Schelm dabi sehr ernsthaftig an--"disse Steen wat woll tgen
gegen di, wenn du falsch swerst, un disse Durnbsche warden de Kpp
wer di tohop stecken un Weh und Zeter wer di schreien."  De Wewer
werst let sick nicks anfechten, he makte sin Hart fast un verschot
keene Min un schwur frisch weg, datt he unschuldig were an des
Mllers Dr un Weiten, un sprack mit frecher luder Stimm: "Lat dissen
Steen in Stcken springen, un wenn et een muntlos Kindeken weet, datt
ick de Deef bn, lat et oogenblicklich dat Wurt gewinnen."  Un da
gingen se van dem Steen weder nach Lbnitz torgg, un de Spruch was:
De Mller un de Mhlenbursch mten dem Wewer Afbidde dhon un fr den
Schimp un de Slge hundertfftig Daler betalen und alle Kosten stahn.
Dat hedden se noch to ehrem Schaden; de Wewer werst strek dat Geld
in un lachte in sin Fstken, nam sinen Weitensack up den Puckel un
plegde sick eenen goden Dag van dem Roof un van dem glcklichen
Geldfang.

Nu was't to spad em totoropen: "Holl up!  Holl up!"  he was to dicht
van den Doiwelsstricken bestrickt, un kunn nich mehr herut; sin Wagen
was loslaten, un lep strtlings bargaf.  He dref dat lichte Handwark
noch een paar Jahr un wurd een Perddeef un Stratrwer un Mrder un
strek an Galgen un Strick oft hart vrbi.  Toletzt werst wurde he in
Rostock fast mit mehrern siner Gesellen, un da kam et ut, datt he vr
drei Jahren in Kenz een Hus anstaken hedd, worin eene olde Frau un
drei Kinder vrbrennt weren.  De arme Snder wurd nu utlewert nah
Redebas, wo he to Hus was, un sin Urtel wurd spraken: He schull an
dem Pal vrbrennt warden.  As he hier satt, dachten se in Lbnitz un
Redbas wedder an den Weitensack un wo he sick an dem Steen up der
Heid losswaren hedd.  Un de Knigliche Amtmann un de Schult leten dat
Holt, worup he verbrennen schull, dahenfhren un richteden em an dem
Steen sinen letzten frigen Stol up.  Un da hett sick begewen, as he
in der heeten Qual satt un sinen letzten Lewensschrei van sick gaf,
datt et unner dem brennenden Holte klungen hett, as wenn een Kind
weent.  Un alle Minschen, de dabistunden, hebben sick vrwundert un
vrfiert wer de Kinderstimm, un een old Wif hett seggt: "Da hett mal
eene Mordhand een Kind in de Erd scharrt, un dat rhrt sick nu in
siner Gruft."  werst de Mhlenbursch van vrmals, de nu Mller in
Karnin was un dabistund, reep ganz lude, datt alle Ld et hrden: "Ne!
keene arme Sndersche hett ehr Kind da in de Erd vrgraben, da hett
de Schelm up dat Evangelienbook sin falsch Wurt ingraben, un dat mtt,
damit de Wahrheit an den Dag kmmt, unner der Erd herutschreien:
'Wewer, du hest Gott belagen.' Un nu will'n wi sehn, wo't mit dem
Steen utsht."  Un de Mller vrtellde de ganze Geschicht van dem
Weitensack un wat de Richter bi dem Steen seggt hed un wo sehr he den
Wewer up sine ewige Seligkeit vrmahnt hedd, un up wat Wise un mit
wat fr Wurden de Wewer sick darup vrswaren hedd.  Un de Lde
vrstaunden sick un keener kunn een Wurt spreken vr Schrecken.  Un
as de arme Snder vrbrennt was un nicks as Asch un Knaken wrig
weren, da trat de Mller to dem Steen un rakte mit dem Stock de Asch
weg van dem Steen, un sh! de Steen was terborsten un in twee Stcken
zersprungen.  Un alle Lde seden: "Seht! dat is Gotts Finger", un
gingen in Furcht un Zittern to Hus.  werst ob van allen den, de
dabistunden, ook nich eener mal stahlen hett, dafr will ick nich
godstahn; denn so ward et woll in disser Welt bliwen, so lang se
steiht.




Die alte Burg bei Lbnitz


Nahe bei Lbnitz ber grnen Wiesen, wodurch sich das Flchen Barth
hinschlngelt, grnt ein kleiner Eichenwald mit einem durchrinnenden
Bchlein und den schnsten und dichtesten Haselbschen, welche sich
fast jeden Herbst unter dem braunen Schmuck ihrer Frchte beugen.  An
der Sdseite des Wldchens liegt eine Ziegelei, und am nrdlichsten
Ende erhebt sich eine Burghhe, deren Umwallung ringsum eine Senkung
umgibt, in welcher die elegischen und zauberischen Struche Kreuzdorn
und Hagedorn, Hollunder und Alf-Ranke, Nessel und Nachtschatten sich
festgesiedelt hatten und dem Andringer das Aufsteigen fast schwer
machten; auch hatten die Fchse sich den Wall und sein altes Gemuer
zu ihren unterirdischen Wohnungen durchminiert.  Dieser alten Burg
gegenber erhob jenseits am rechten Ufer des Flusses unweit Wobbelkow
ein stattliches Hnengrab sein grnbemoostes Haupt, von dessen Gipfel
man die Stadt Barth mit ihren roten Dchern und in der Landschaft
umher ein halbes Dutzend Kirchtrme und ein halbes Hundert Hfe und
Drfer berschauen konnte.  Dieses Eichwldchen ward nach den
Trmmern jener Burg gewhnlich nur zur alten Burg genannt.  Hier
hatte sich nun ein Abenteuer begeben, welches durch alle Mnde und
Muler der Menschen die Runde machte: Eine junge, hbsche Dirne,
welche die Khe des Zieglers im Busche htete, war pltzlich
verschwunden oder entlaufen, und da geschah es, da die Stimmen der
Sage sich wieder aufweckten, die oft verschollen ihre Zeit trumt und
schlft und dann mit doppelter Lebendigkeit wieder in die Ohren der
Menschen tnt.  Und in folgender Weise war die Erzhlung des Grtners
Christian Benzin:

"Herr, sie sagen so was von der Dirne des Zieglers, die vor vierzehn
Tagen am hellen scheinenden Mittag verschwunden und nicht
wiedergekommen ist.  Die Leute munkeln, und des alten Schweden
Sturbergs Jungen aus Wobbelkow, die einem Kalbe nachgelaufen, haben
es gesehen: Ein Matrose in bunter, rotgestreifter Jacke ist mit ihr
am Saum des Waldes spazierengegangen und hat einen Blumenstrau in
der Hand gehabt, und sie glauben, der habe sie weggelockt und mit
sich auf sein Schiff genommen.  O du Herr Jemine!  Das Schiff, worauf
die Dirne fhrt!  Soviel ist wahr, den Buntjack werden die
Sturbergsjungen wohl spazieren gesehen haben, aber meiner Sir so weit,
als die dummen Leute sich einbilden, ist sie nicht unter Segel
gegangen.  Ich wei wohl, wo sie sitzt, und Jochen Eigen, den sie
immer den Edelmann schelten, wei es wohl noch besser, aber der
schmt sich und sagt's nicht und verrt nichts von seinen
Hausheimlichkeiten, als wenn er mal ein wenig zu tief ins Glas
geguckt hat."  Und bei diesen Worten machte der Grtner Christian eine
gar absonderliche und verwunderliche Miene.

"Nun, Benzin, nur her mit Euren Geschichten!  Jetzt, hoffe ich,
wird's einmal wohl ans Licht kommen, warum Ihr bei dem Namen alte
Burg immer so wunderliche Reden und Gebrden braucht.  Hier mu es
irgendwo stecken, da Ihr auf der Jagd nie in diesen Busch hinein
wollt und mit leichten, diebischen Katzentritten an seinem Rande
umherschleicht oder Euch in gehriger Entfernung Eure Stelle anweisen
lat.  Darum habt ihr, als die schnen Mamsellen aus Barth jngst
dahin Nsse pflcken gingen und noch andere hbsche junge Frauen
mitgehen wollten, so wunderliche Gesichter geschnitten und sie in den
Lbnitzer Wald auf den Kamp zu laufen verlockt, wo man unter den
Pfriemenbschen wohl Hasen und Fchse aufjagen, aber keine Nsse
schtteln kann.  Es mu was Besonderes mit diesem Busche sein.  Und
nun heraus damit!  Ich lasse Euch diesmal nicht los."

"Ja, Herr, dies ist Euch ein Busch! hier liee sich viel erzhlen,
und wer eine hbsche Frau und schne Tochter hat, der lasse andere
Weiber in diesen Busch Nsse pflcken gehen.  Ich sage nur soviel:
wie manche hbsche Jungfer wrde ihr Herzleid zu erzhlen haben, wenn
sie sich nicht schmte!  Ich erinnere mich noch, mein Vater hat mir's
erzhlt,--es sind wohl ein paar Stiege Jahre her--da waren ein paar
schne Jungfern aus Barth gekommen Nsse zu pflcken, und sie sind
hier im Wldchen verschwunden.  Man hat die Verschwundenen tage- und
wochenlang gesucht, wie man Stecknadeln sucht, bei Sonnenlicht und
Laternenlicht, aber keine Spur von ihnen gefunden, kein Mensch hat
sie wiedergesehen.  Mein Vater sagt, es sei groe Wehklage und Trauer
um sie gewesen--denn es waren Kinder ehrsamer und reicher Leute--und
zuletzt in Kentz und Starkow und in allen Kirchen umher mit den
Glocken um sie gelutet, als htte ein Wolf oder Br sie gefressen.
Aber deren gibt's hier nicht; ich wei wohl, wer der Wolf ist.  Und
doch hat sich's wunderlich genug offenbart: sie waren nicht von
wilden Tieren aufgefressen, sondern nach acht bis zehn Jahren von
Vergessenheit und Verschollenheit sind sie mit einemmal noch ganz
frisch und blank wieder unter den Lebendigen aufgetreten und haben
sich nichts merken lassen.  Aber die Leute haben doch eine Art Grauel
vor ihnen angewandelt und haben ihrer Jungferschaft nicht recht
getraut, und die armen hbschen Mdchen haben zuletzt als alte
Jungfern sterben mssen.

Und nun will ich erzhlen, was Jochen Eigen mir erzhlt hat, der
diese Geschichten am besten wei; aber er wird sich hten sie dem
Herrn zu erzhlen.  Und dann wird der Herr verstehen, warum ich
hbsche junge Frauen und Mdchen nicht so leichtfertig in den Wald
laufen lassen will, und warum ich neulich krank ward, als ich die
Nacht bei dem Fuchsbau am Burgwall, wo sie gegraben hatten,
Schildwache stehen und die jungen Fchse, wenn sie etwa heraus
wollten, zurcktreiben sollte.

Vor langen, langen Jahren war Jochen Eigens Urgrovater*, ein
prchtiger, stolzer Edelmann, so prchtig und steinreich, da er den
Zaum seines Pferdes mit Juwelen besetzte und in einem goldnen
Steigbgel sa.  Dieser hatte im Lande Rgen und auch hier im
Pommerlande viele schne Hfe, Wlder und Bauern, so viele, da man
sie nicht zhlen konnte--ein prchtiger, stolzer Mensch, der mit
sechsen vom Bock fuhr, einen Lufer vor sich herlaufen und seine
Pferde in langen Strngen springen lie.  Aber es war ein wilder,
verwegner Mensch, der nichts von Gottes Wort und Wegen wissen wollte,
ein toller Jger und Reiter und ein greulicher Weiberjger, der wie
der Falk auf die Tauben, auf die schnen Dirnen lauerte.  Diesem
Eigen hat in jenen alten Zeiten auch Lbnitz und Diwitz und Wobbelkow
gehrt, und hier bei Lbnitz hat er im Walde ein prchtiges
Burgschlo gehabt mit vielen Trmen und Fenstern, wo er manche schne
Nacht durchschwrmt und durchtrunken und mit seinen lustigen Gesellen
bei Wein und Weibern bankettiert hat.  Und dort auf dem hohen
Hnengrabe an dem andern Ufer, dort am Wege zwischen Redebas und
Wobbelkow, hat er sich ein prchtiges, aus eitel gehauenen demantenen
Steinen gebautes Lustschlo hingestellt.  Da ist er oft hingaloppiert
und hat dort gesessen und mit einem Kieker auf die Landstraen umher
ausgeschaut, ob seine wilden Lauscher und Ruber, die er ausgeschickt
hatte, schne Weiber einzufangen, nicht irgendwo mit Beute
heransprengten.  Diese armen Gefangenen haben sie dann bei
nchtlicher Weile, wo andere gute Christenleute schlafen, auf die
Burg im Walde geschleppt und dort versteckt, da weder Hund noch Hahn
danach gekrht hat.  So hat der bse Mensch sein wildes, verruchtes
Wesen viele lange Jahre getrieben, und Gott hat ihm manchen Tag die
Zgel schieen lassen.  Das lag aber in seinem Blute, und Jochen, dem
der Edelmann lange vergangen sein sollte, dessen Grovater schon ein
armer Weber gewesen--der Herr glaubt nicht, was die alten Leute von
dem zu erzhlen wissen, wie grausam der in seinen jungen Jahren auf
die hbschen Dirnen gejagt hat.  Er will sich's nun nur nicht mehr
merken lassen, aber diese lsternen Edelmannsncken hat er noch genug
in sich.  Endlich aber ist doch des alten wilden Jgers Tag gekommen,
es ist Krieg geworden, und Pest und Hunger und Moskowiterzeit und
Kalmckenzeit, ich wei den Namen nicht recht, aber eine grausame
bse Zeit ist gekommen, und da ist jener Bsewicht auch von seinem
Jammer gefat worden: seine Schlsser und Huser verbrannt, seine
Scheunen und Speicher ausgeleert, sein Vieh weggetrieben.  Da hat er
sich zuletzt hier in die Burg bergen und verstecken und knapp leben
lernen mssen wie andere arme Leute.  Da ist seine Rechnung bei dem
hchsten und obersten Rechenmeister bervoll gewesen, und er hat ihn
mit seinem Blitz geschlagen und sein prchtiges Sndenhaus angezndet,
und er und seine Weiber sind alle zu weien Aschen verbrannt, und
von der ganzen Herrlichkeit, wo sonst Geigen und Trompeten klangen
und Tag und Nacht bankettiert ward, liegen noch kaum ein paar Steine
da, und nun sind die Fchse und Marder und Eulen die einzigen
Nachtmusikanten.

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* Die Eigen sind allerdings ein altes adliges Geschlecht in der Insel
Rgen gewesen, aber jetzt lngst verloschen und verschollen.  Mglich,
da Jochen Eigen, welchen sie gern den Edelmann schalten, aus jenem
Geschlechte war.  Ich habe weder Lust noch Veranlassung gehabt seinem
Ursprunge diplomatisch nachzuforschen.  Bei diesen Geschichten dringt
sich brigens wieder die bekannte Erfahrung auf, da Bauern und
Dienstleute in Erinnerung mancher Unbill und Ungerechtigkeiten, die
ihnen von schlimmen Edelleuten widerfahren sind, indem sie der
freundlichen Herren darber vergessen, eine Freude und Ergtzung
erleben, wenn sie sich mrchenhaft erzhlen, wie das Unglck oder gar
der Gottseibeiuns irgendeinem bsen verruchten Geschlechte das Garaus
gemacht habe.
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Der Herr wei wohl die alte Eiche, die dicht an der Burg steht, ein
besonderes altes Gewchs, welchem der Blitz auch vor einigen Jahren
die eine Hlfte abgespaltet hat.  Da spielt jetzt eine gar
wunderliche Musikantengesellschaft drauf.  Wenn man nur achtgibt und
aufmerkt, da auch kein Vgelchen im Walde schwirrt und zirpt, um den
Baum ist's nimmer still.  Spatzen und Zeisige und Meisen flattern und
schreien da bei Tage in solcher Menge, da man sein eigen Wort nicht
hren kann, und des Nachts--o herrje!--machen die Eulen und Krhen
und Raben ihren Gesang, da einem die Haare zu Berge stehen.  Sie
sagen auch, da die Fchse dann aus ihren Lchern kommen und
mitheulen, und da die Schlangen, deren unten am Bache so viele sind,
dann einen Ringeltanz halten; aber ich habe es nicht gesehen.  Das
ist aber einmal wahr, da man die Pferde, die in ihren Nstern von
Gespenstern und anderm Teufelszeug eine Witterung haben, an dieser
Seite des Waldes selbst bei Tage kaum grasen sieht.  Der Herr hat
auch wohl den schwarzen Storch gesehen, der nicht weit von der Burg
auf einer abgestumpften Buche horstet.  Hier um Lbnitz, Redebas und
Divitz, wo die Barthwiesen und Bche so viele Nattern, Schlangen und
Frsche ziehen, hat's der Strche auf allen Dchern und Scheunen die
Menge, aber nirgends sieht man einen schwarzen Storch als hier.
Zuweilen sollen Jahre sein, so er ganz ausbleibt, schon seit
Menschengedenken hat man davon gesprochen, aber er erscheint zu
seiner Zeit immer wieder.  Dieser schwarze Storch ist hier der
Feldhauptmann des ganzen Vogelgefieders.  Viele Leute sagen, er sei
der alte Edelmann selbst oder auch ein Sohn von ihm, den er mit einer
Mohrenprinzessin gezeugt haben soll, die er dem Sultan im Mohrenlande
abgekauft hatte.  Denn Zauberer, Hexenmeister, Mohren und solches
wanschaffene Teufelsgesindel, das keinen ordentlichen Vater und
Mutter vorzeigen kann, wippsen hier des Nachts umher, und diese haben
die vielen Futritte ausgetreten, die zu dem Wall hinlaufen; denn die
Menschen hten sich wohl, um dieses Revier Fusteige zu machen.
Dieses Gesindel wohnt bis auf den heutigen Tag in unterirdischen
Slen, die noch viele hundert Schuh tief unter den Fchsen liegen,
und mancher hat es deswegen tief unter dem Wall heraus oft so
wunderlich sausen und klingen gehrt, mit ganz anderer Gewalt und
andern Tnen, als Fchse und Marder in ihren Lchern machen knnen.
Mit diesem schwarzen Storch ist es ein gar absonderliches Ding.  Das
wissen alle Bauern und Hirten zu erzhlen, er hat auf den Wiesen ein
dreimal greres Jagdrevier als irgendeiner der bunten Strche, und
keiner von diesen kommt ihm in sein Verbiet; ja sie fliegen gleich
davon, als wenn sie den Teufel shen, sobald sie ihn nur von fern
erblicken.  Des Nachmittags gegen den Abend, wenn die Sonne ins Gold
zu gehen anfngt, sieht man ihn zwischen der Burg und dem Hnengrabe
immer hin und her fliegen, auch sitzt er dann oft auf diesem Hgel
und schaut gegen die Stadt Barth hinber, woraus er in seinen Tagen
vielleicht manche hbsche Dirne verlockt hat.  So mu er nun nach
Gottes Spruch und Urteil viele Jahrtausende in Vogelgestalt
herumfliegen--denn wer wird ihn zu erlsen kommen?--und statt seiner
frheren Leckerbissen mit der schlechten Speise der Frsche und
Schlangen, die jeder Mensch anspeit und ausspeit, vorlieb nehmen, und
in seinem schwarzen Rock zeigen, da er ein Schelm und Bsewicht von
Natur ist.  Aber es ist sonst doch noch etwas anderes dabei, und das
ist eben das Greuliche, der Matros in der bunten Jacke.  Ich wei
nicht, ob es ein Matros ist, in welcher Gestalt ihn viele wollen
gesehen haben, oder ein hbscher flinker Jgerbursch, aber die bunte
Jacke gehrt einmal dazu.  Und keiner versteht, wie dieser Buntjack
und der Schwarzrock, der Storch, zugleich da sein knnen, und was
diese Vermaskierung bedeutet, aber ein buntes Teufelsspiel ist es
sicherlich, und hat manche arme Seele um Ehre und Glck gebracht.
Denn wenn so ein glatter Geelschnabel und Grnling von einer hbschen
jungen Dirne oder ein anderes schnes Weibsbild hier im Walde Blumen
lesen oder Nsse pflcken geht und ihre Gedanken nicht in acht nimmt,
da sie nicht ganz auf Gottes Wegen bleiben--ich meine, wenn sie
etwas zu junges und zu Lustiges denkt oder mit verbotenen
Gtzenbildern des Herzens spielt, wie unser Herr Pastor Scheer sagt,
auf der Stelle stellt sich der schngestreifte Buntjack ein und macht
vor ihr seine Kratzfe.  Er macht sich gar leidig und freundlich
heran, reicht Blumenstruchen, erbietet sich als Diener die
Nubeutel zu tragen, und spielt so mit tausend Blcklingen und
Heuchlingen und Schmeichlingen um die Weibsen herum, da die armen
Begigelten und Behexten nicht wissen, wie ihnen geschieht, und nimmer
gewahr werden knnen, welch ein Hahnenfler er ist.  Auch kommt er
wohl immer ganz wie von ungefhr als ein feiner, blder Jngling, als
ein hbscher, unschuldiger Knab', irgendein buntes Vglein auf der
Hand tragend und sprechend: 'Sie sucht Blumen, schne Jungfer, Sie
will Nsse pflcken--o komm Sie mit mir!  Ich wei wo schnste Blumen
stehen, wo braune Nsse in Menge hngen.' Und so lockt er sie fort,
und fhrt sie durch Blumen und Nsse immer tiefer in den Wald, und
lockt sie endlich auf den Burgwall--'O da ist eine ganz prchtige
Aussicht, schne Jungfer', ruft er, 'da kann Sie die schne Welt mal
weit umher berschauen.' Da oben liegt aber ein kleiner roter runder
Stein wie zu einem Sitz zurechtgemacht mit einem immergrnen
Pltzchen daherum, da hat der Schelm Blumen und Nsse hingestreut,
und wohl rosenrote pfel und Pflaumen, und heit sie sich setzen und
sich des Blicks ber die weite Landschaft freuen.  Aber siehe!  Wie
sie herantreten und den Stein berhren, tut sich das grne Pltzchen
auf, und Buntjack und Jungfer und Nsse und Blumen--alles sinkt
pltzlich tief in die Erde hinab, in die unterirdischen Sle, aus
welchen es oft so wunderlich herausklingt--und die armen versunkenen
Dirnen kommen nimmer wieder, oder einige kommen auch wohl nach Jahren
wieder an das Licht und unter die Menschen, aber sie schmen sich zu
sagen, wo sie so lange gewesen sind und was ihnen widerfahren ist.  O
wie manche hbsche Jungfer, die mit dem lustigen Buntjack Blumen und
Nsse pflcken ging, hat hier den Blumenkranz ihrer Unschuld verloren.
Ich sage soviel, meine Frau liee ich fr alle Schtze der Welt
nicht in diesen Busch gehen.  Die Jungen, die des Nachts auf den
Wiesen die Pferde hten, erzhlen viel von dem Eulen- und
Krhengeschrei, aber zuweilen haben sie auch ein Wimmern und Winseln
wie tief aus der Erde heraus gehrt, und dann haben sie den schwarzen
Storch gesehen sich in der Luft ber dem Walde mit den Flgeln
wiegend und klatschend, als sei ihm das eine Freude.  Aber ich wei
nicht, ob man alles so glauben soll, aber gewi bses Spiel ist
dahinter, wiewohl man glauben soll, da Gott solches Spiel nicht
zult bei denen, die mit den rechten Gedanken und mit frommen
Bibelsprchen in der Brust versehen sind, und wenn sie sich auch
unter lauter Teufelsgesindel im dstersten Walde und in einsamster
Wste verirrt htten."




Der Rabenstein


Es gibt viele absonderliche und wunderseltsame Geschichten und Dinge
in der Natur, von welchen kein Mensch begreift, wie sie sich begeben
und zusammenhngen, und sind doch da.  Und wenn die Menschen sie
erzhlen hren, erstaunen sie und erschrecken, aber wissen knnen sie
sie nicht.  So ist es auch mit dem Rabenstein, wovon viele erzhlen,
aber keiner etwas Gewisses wei; da es aber Rabensteine gibt, das
wei man wohl.

Ihr habt auch wohl von Diebslichtern gehrt.  Die sind fast eben wie
der Rabenstein und wie andere unsichtbare Diebslaternen.  Es ist aber
greulich zu erzhlen, wie Diebslichter gewonnen werden.  Sie sind die
Finger von ungeborenen und unschuldigen Kindlein; denn die Finger von
schon geborenen und getauften Kindern kann man dazu nicht gebrauchen.
Und was fr ungeborene Kindlein sind das?  Und wie mu man die
Lichter gewinnen?  Wenn eine Diebin oder Mrderin sich selbst erhngt
oder ersuft hat oder gehngt oder gekpft worden ist und ein Kind in
ihrem Leibe trgt, dann mut du hingehen um die Mitternacht, auf des
Teufels Straen, und nicht auf Gottes Straen, mit Beschwrungen und
Zaubereien, und nicht mit Gebet und Segen, und mut ein Beil oder
Messer nehmen, das von Henkershnden gebraucht ist, und damit den
Bauch der armen Snderin ffnen, das Kind herausnehmen und seine
Finger abschneiden und zu dir stecken.  Aber solches mu durchaus um
die Mitternacht vollbracht werden und in vollkommenster Einsamkeit
und Schweigsamkeit, so da auch kein leisester Laut, ja kein ach! und
kein Seufzer ber die Lippen des Suchenden gehen darf.  So gewinnst
du Lichter, die, wenn du willst, brennen, und, wie kurz sie auch sind,
doch nimmer ausbrennen, sondern immer gleich lang bleiben.  Diese
Zauberlichter haben die sonderliche Natur und Eigenschaft, da sie
augenblicklich brennen, wie und wo ihr diebischer Inhaber nur denkt
oder wnscht, da sie brennen sollen, und ebenso geschwind als sein
Wunsch und Gedanke erlschen.  Durch ihre Hilfe kann er in der
dichtesten finstersten Nacht, wenn und wo er will, alles sehen; sie
leuchten aber nur fr ihn und fr keinen andern, und er selbst bleibt
unsichtbar, wenn sie auch alles andere hell machen.  Dabei sitzt noch
die Greulichkeit in ihnen, da sie eine geheime Gewalt ber den
Schlaf haben und da in den Zimmern, wo sie angezndet werden, der
Schlafende so fest schnarcht, da man zehn Donnerbchsen ber seinem
Kopf losknallen knnte und er doch nicht erwachte.  Denke, wie lustig
sich da stehlen und nehmen lt!

Auf diese Weise werden die Diebslichter gewonnen und gebraucht, aber
anders der Rabenstein und nicht so greulich, wiewohl auch ein vom
Satan und von seinen Gelsten verblendetes und verhrtetes Herz dazu
gehrt, sich den Rabenstein in die Tasche zu schaffen.  Dies ist aber
der Rabenstein, und auf folgende Weise wird er gewonnen:

Die Raben, Krhen, Adler und andre solche Vgel, welche scharfe
Schnbel und Klauen haben und von Gott auf den Raub angewiesen sind,
sagen die Leute, werden sehr alt und leben wohl zweihundert und
dreihundert Jahre, also viel lnger als die ltesten Menschen.  Wenn
nun ein Rabenpaar hundert Winter miteinander gelebt und geheckt hat,
dann legt es erst den Rabenstein, und, wie sie sagen, alle zehn
Winter einen neuen Stein.  Dieser Rabenstein soll nach der Sage aus
den Augen der Diebe herauswachsen, welche die Raben am Galgen
ausgehackt haben; und das mssen die Raben an vielen hundert Dieben
getan haben, ehe sie einen solchen Wunderstein legen knnen.  Er ist
von der Gre einer Wlschen Nu oder eines Rabeneies, ganz rund und
glatt und feuerrot wie ein Karfunkelstein, und die Raben legen ihn in
der letzten Nacht des Hornungs: denn noch im Winter legen sie ihre
Eier und im ersten Frhling, wann es noch reift und friert, haben sie
schon befiederte Jungen.  Es hat aber dieser grausige Wunderstein
zwei Eigenschaften; die erste, da er in der Nacht leuchtet wie eine
Sonne und alles umher hell, seinen Trger aber unsichtbar macht, so
da sich herrlich mit ihm stehlen lt: die zweite, da er zu Galgen
und Rad hinlockt.

Wer einen Rabenstein suchen und fangen will, der mu in die hohen
Forsten suchen gehen, wo die groen, himmelhohen Bume stehen; denn
auf den schlanksten und schiersten Fichten, Eschen und Buchen, welche
der gewandteste Matrose nicht leicht erklettern kann, baut der kluge
Vogel Rabe sein Nest.  Da mu er lauschen und lugen, wo er Rabentne
aus hoher Luft klingen hren und Rabennester entdecken mag, und zwar
an solchen Tagen, wo Schnee gefallen ist; denn dann kann er allein
die rechten Nester finden.  Er mag nmlich alle Nester ruhig sitzen
lassen, unter deren Bumen Schnee liegt, denn in solchen ist kein
Rabenstein.  Der Rabenstein nmlich ist so warm von oben, da es
unter seinem Neste nimmer friert noch taut und da der Schnee in der
Minute vergeht, in welcher er fllt.  Aber wer dies auch wei, kann
doch wohl hundert Jahre in allen Wldern und unter allen Bumen
herumlaufen und sich die Augen aus dem Kopfe gucken, und findet doch
das Nest mit dem Rabenstein nicht.  Denn das Glck oder gottlob
leider der Teufel lt sich nicht immer so leicht greifen, als die
einfltigen Leute sich einbilden.  Denn berhaupt sind wenige Raben
in der Welt, und von diesen wenigen wie wenige werden hundert Jahre
alt oder gar zweihundert und dreihundert!  Weil strenge Winter, wilde
Buben, Jger und mchtigere Raubvgel die meisten in der Jugend
verderben--und ferner, wie schwer auch sind die Rabennester zu finden,
da der Rabe nur einen Klang oder Ton macht, wenn er in hoher Luft
fliegt oder auf dem Aase sitzt oder im Neste angegriffen wird, sonst
aber der verschwiegenste und einsamste aller Vgel ist!  Hat nun auch
einer einmal einen solchen Baum gefunden, so will es noch ein rechtes
Lwenherz, ja Satansherz dazu, den Rabenstein aus dem Neste
herunterzuholen.  Denn hrt, wie das geschehen mu:

Wer den Rabenstein haben will, der mu in der letzten Nacht des
besagten Hornungs in den Wald gehen, wo der Baum mit dem
hoffnungsvollen Neste steht.  Er mu ganz einsam und allein kommen,
und auch keine Menschenseele mu wissen, wohin und wofr er
ausgegangen ist; und auch keinen Laut, nicht einmal ein Hustchen oder
ein Seufzerlein darf er von sich geben.  Auf die Glocke der Zeit mu
er achtgeben und genau um die Mitternachtstunde zur Stelle sein; denn
nur in der Gespensterstunde, zwischen zwlf und eins in der Nacht,
lt der Stein sich gewinnen.  Dann mu er sich so splitterfasernackt
entkleiden, wie Adam weiland im Unschuldkleide der Natur im Garten
Eden gestanden ist; und in diesem Naturkleide mu er nun den Stamm
hinaufklettern und zitternd und bebend im Sinn behalten, da er
keinen Ton vernehmen lassen darf; denn alsbald ihm auch nur der
leiseste Laut entfhre, wrde er gleich des Todes sein.  Aber nun
merkt euch hierbei wieder des Teufels List.  Wenn er den armen
gierigen Kletterer bis oben zur Spitze hinaufgelockt hat, wo das
heillose Nest sitzt, dann darf er nicht hineinschauen und sich den
leuchtenden Stein aussuchen, sondern er mu sich nun noch dreimal um
den Stamm herumschwingen, die Augen zutun, und blind hineingreifen,
und was sein Finger zuerst berhrt, das mu er behalten.  So hat
sich's oft begeben, da manche mit einem faulen Ei heruntergekommen
sind und fr alle Angst, Arbeit und Schmerzen nur Spott gehabt haben.
Es bringen es berhaupt wohl wenige zustande mit dem Rabenstein,
unter Hunderten, die ihn begehren, wohl kaum einer.  Denn alles ist
dabei halsbrechend und ungeheuer.  Den meisten vergeht gewi schon
die Lust, wenn es um die kalte tote Mitternacht an das Auskleiden
gehen soll, und sie nehmen in der Angst die Flucht, und haben dann
gewi das Geschwirr und Gesurr des hllischen Nachtgesindels im
Nacken hinter sich.  Auf diese Weise hat mancher freche und verwegene
Bursch Schuh und Stiefeln, Rock und Hut verloren und den Leuten
hinterher von Dieben und Rubern erzhlt, die ihn so bis aufs Hemd
ausgezogen haben; die guten Leute htten diese Ruber und Kleider und
Schuh aber unter dem Rabennest finden knnen.  Viele erfrieren und
ermatten auch, indem sie den Stamm kaum halb hinaufgeklettert sind,
oder knnen es vor Schmerz nicht lnger aushalten, denn es geht dabei
wohl an ein ehrliches Schinden der Knie, Schenkel und Arme, und so
mssen sie endlich mit Schimpf zurckkriechen oder fallen auch wohl
gar jmmerlich herunter.  Das bleibt aber wahr, wenn sie auch oben
bis zur uersten Spitze und zum Neste gelangt sind, dann wird's erst
recht teuflisch und gefhrlich.  Nun in der Mattigkeit und Angst den
vollen Verstand behalten und den Ton so bezwingen, da auch kein Laut
aus der Brust dringt, die Augen zutun, sich dabei dreimal um den
Stamm schwingen, und dann mit der Hand ins Nest fahren und den
letzten Glcksgriff tun--das ist wahrhaftig nicht jedermanns Ding.
Dabei strzen noch die meisten herunter und brechen den Hals,
besonders wenn es ihnen zu mchtig wird und sie doch sthnen oder
murmeln.  Dann ist es um sie getan.  Sowie auch nur der leiseste Laut
fast nur atmet, geschweige klingt, ist sogleich ein ganzes Heer da,
das mit zu dem Satansgaukelspiel gehrt.  Viele hunderttausend Raben
fllen pltzlich mit ihrem Gekrchze die Luft und umflattern den
armen Snder, und fallen mit Flgeln, Klauen und Schnbeln so dicht
auf ihn, da er herunter mu, er mag wollen oder nicht.  Da geht's
denn zuletzt an den Sturz und an ein Hals- und Beinbrechen--denn wre
der Kletterer ein Lwe von Mut und Strke, er mu herunter--und mit
den Augen und einem bichen von Wangen und Nase nimmt die
Gesellschaft gleich frlieb.  Dies sind die Geschichten, wovon man so
oft hrt, die man auch oft in Zeitungen liest, wo auf die vermeinten
Mrder gelauscht und gefahndet werden soll: ein junger Jgerbursch
oder Handwerksbursch sei nackt und zerrissen und zerfleischt im Walde
gefunden, von Rubern ausgeplndert und erschlagen oder von zuckenden
Bren und Wlfen zerrissen.  Er hat sein mitternchtliches Wagstck
mit dem schwarzen Federvolke so bezahlen mssen, und die Ruber,
Mrder und reienden Tiere haben weder Knppel und Pistolen noch
Zhne und Tatzen gefhrt.

Und nun will ich auch eine Geschichte erzhlen von einem, der den
Rabenstein besessen hat, und was er ausgerichtet und wie es mit ihm
geendet hat.

Vor langer langer Zeit lebte zu Boldewitz auf Rgen ein reicher und
vornehmer Herr, der vieler Kaiser und Knige und Potentaten in
schweren Fllen Kriegsobrister gewesen war, der hie Herr Friedrich
von Rotermund.  Dieser brachte aus der Trkei oder aus der Tartarei,
kurz, aus den Heidenlndern, wo sie Weiber kaufen, wie bei uns die
Pferde, ein wunderschnes Weib mit, von welcher kein Mensch wute, ob
sie eine Heidin oder Christin war.  Sie war aber nicht sein eheliches
Weib, sondern seine Kebsin.  Mit dieser zeugte er ein Feierabendskind,
und das war ein Knabe und hie auch Friedrich.  Es war aber kein
Friedrich, sondern ein rechter Kriegerich; denn der Krieg und die
Wildheit steckte darin, und er war von keinem Schulmeister noch
Zchtiger zu bndigen, sondern ging durch wie ein kosakisches oder
tartarisches Pferd.  Er war aber schn wie Sonnenschein und stark wie
Eichbume und bei all seiner Wildheit den Menschen ber die Maen
angenehm und gefllig; so da jeder den Buben gern hatte.  Nach
seines Vaters Tode, als er fnfzehn Jahre alt war und nun einem
lteren Bruder gehorchen sollte, welcher der Sohn der echten Ehefrau
des alten Rotermund war, ertrug er die strengere Zucht nicht, sondern
entlief und kam nach der Insel Hiddensee, und ging von da zu Schiffe
in alle Welt hinaus und ward ein gewaltiger Matros.  Als er sich das
muntre Seeleben ein halbes Dutzend Jahre versucht hatte, ist er
einmal wieder nach Stralsund gekommen und von da zu Hause nach Bergen
in Rgen, wo seine Mutter wohnte.  Und seine Mutter und andere
Freunde haben ihn dort beredet, er solle auf dem Lande bleiben,
welchem Gott feste Balken untergelegt hat, und das unstte und
unsichere Meer verlassen.  Und er ist zu einem Frster in die Lehre
gegangen, da er das frhliche und lustige Weidwerk lernte, und bald
ein flinker und hbscher Jgerbursch geworden, vor welchem die Weiber
und Mdchen in den Tren und Fenstern stillstanden und ausschauten
und freundlich nickten und grten, wenn er vorberging; denn er ist
wohl einer der schnsten und reisigsten Menschen gewesen, die man
weit und breit sehen konnte.  Hier hat er nun aber, wie es oft bei
den Weidmnnern geschieht, mancherlei verbotene Knste gelernt, ist
ein Freischtz geworden, und hat sich den Rabenstein geholt.  Dies
war dem mutigen Matrosen nur ein Spiel gewesen, welchem im wildesten
Sturm nimmer ein Mast zu hoch noch zu glatt gewesen, da er ihn nicht
erklettert und von seiner Spitz dem heulenden Meer frhlich in den
offenen Todesrachen geschaut htte.

Fritz Rotermund--so nannten ihn die Leute--hat sich nun von seinem
Funde des Rabensteins nichts merken lassen, sondern seinen
karfunklischen Diebsschlssel gar lustig gebraucht; doch weil er von
Natur sehr gutherzig und freundlich war, hat er keine sehr greuliche
Taten getan, sondern solche, welche die leichtsinnige Jugend oft nur
lustige Streiche nennt.  Weil er mit seinem Stein unsichtbar in alle
Huser und Kammern gehen konnte, so hat er freilich die lustige Gabe
genutzt, aber nie keinem ehrlichen oder armen Menschen nur einen
Heller genommen; sondern wo er einen bsen, ungerechten Herrn wute,
der auf seinen Schtzen lag, die er aus dem Schwei und Blut seiner
geplagten Untertanen zusammengepret hatte, oder einen Filz und
Wucherer, der unersttlich die letzte Habe der Kleinen und Geringen
im Volk verschlang, da hat er fleiig eingesprochen und ihre Kisten
und Beutel etwas leichter und schlaffer gemacht.  Das ist aber
besonders an ihm gewesen, da er von solcher Diebsbeute fast nie
etwas fr sich behalten, sondern es fast alles hingetragen hat, wo er
arme und notleidende Alte und hungrige und verlassene Kindlein gewut
hat.  Da ist er nchtlich und mitternchtlich, wo alle Augen der
tiefste Schlaf geschlossen hielt, in die Huser geschlichen und hat
die silbernen oder goldenen Gaben auf Tische, Betten und Wiegen
hingeschttet; da die Leute, wenn sie erwachten, erstaunten und die
Hnde zusammenfalteten und beteten.  Denn sie konnten nicht meinen,
da eine unsichtbare Diebshand die wohlttige Verteilerin gewesen sei,
sondern muten glauben, es sei von oben gekommen und ein Englein vom
Himmel habe es ihnen ins Haus getragen.  Und so ist in den Stdten
und Drfern, welche der Frster Fritz besuchte, mancherlei Gerede
entstanden zugleich von verwegenen Dieben und von wohlttigen Engeln,
wie denn Gottes Reich und Satans Reich und die Gesprche darber hier
auf Erden immer mitsammen sind.  Aber noch viele andre Schalkstreiche
hat der lose Fritz verbt, der leicht wie der Wind allenthalben aus
und ein schlpfen konnte; und was wrden die Tren und Fenster, wenn
sie Mund htten, von ihm nicht alles zu erzhlen wissen!  Doch das
darf ich nicht alles erzhlen, weil es sich hier nicht schickt; und
auch die andern Possenstreiche alle knnte ich nimmer auserzhlen,
die er zu Weihnachten und Fastnacht und bei Hochzeiten, Tnzen und
Mummereien als der unvermummte und doch unsichtbare Gast gespielt hat.

Eine Not aber hat Fritz bald in dem Rabenstein gefhlt, die eine
schwere Not war und die als eine Teufelsplage der verbotenen Kunst
anhngt.  Weil nmlich der Rabenstein aus Galgenvgeln und
Galgenaugen geboren wird, so hat er einen heimlichen und
unberwindlichen Trieb zu Galgen und Rad in sich, eine Witterung, die
seinen Trger und Besitzer treibt, da er mit dabei sein mu, wenn es
an solchen hohen Stellen etwas zu tun gibt.  Wenn daher auf der Insel
in einem Hochgericht und an einem Galgen einer gekpft oder gehngt
werden sollte, so trieb's ihn mit Teufelsgewalt und wie auf
Windesflgeln hin; er mute mit dabei sein, und sollte er drei, vier
Meilen in zwei Stunden laufen, da dem Atemlosen die Zunge aus dem
Halse hing.  Das war aber noch viel schlimmer und grausiger, da er
die Geburtstage und Jahrestage der gerichteten armen Snder mitfeiern
mute.  An dem Jahrestage der Hinrichtung nmlich versammelten sich
die Geister der Gerichteten, damit sie ihren nchtlichen Totentanz um
die Hochgerichte halten; und diesen Tanz begehen sie um die grausige
Mitternacht, und da mssen alle die mitfeiern und mittanzen, welche
den Rabenstein haben.  So mute denn auch Fritz manche liebe Nacht,
wo er gern anderswo geweilt oder geschlafen htte, im Hagel und
Schnee, im Sturm und Donnerwetter hinaus in das wilde Weite und ber
Heiden und Felder, gleich einem Kain, zu Galgen und Hochgericht
fortlaufen und den schaurigen Tanz mittanzen, bis ihm oft der Atem
schier auszugehen anfing; denn seine Mittnzer und Mittnzerinnen
hpften begreiflicherweise auf den allerleichtesten Fen einher.
Und die Leute konnten ihm die Reise zu einem solchen nchtlichen Ball
wohl anmerken, und da ihm irgend was Unrechtes widerfahren war--denn
er sah acht, vierzehn Tage nachher noch bleich und krank aus--er aber
schttelte alle fremde Bemerkungen und Fragen leicht von sich ab,
machte irgendeinen Scherz oder Wind darber und sagte: "Ei was!  Ihr
Siebenschlfer, die ihr euch jeden Abend zu regelmiger Zeit auf
eurem weichen Pfhl hinstreckt, knnt euch wohl rosige Wangen und
dicke Buchlein anschnarchen; aber mit dem Jger ist es gar anders
bestellt, der mu viel ein nchtlicher Gesell sein: Fchse, Marder,
Ottern und anderes Wild, das euch die warmen Pelze liefert, fngt und
belauert man nicht beim Sonnenschein.  Man stt da auch wohl
zuweilen auf etwas, das nichts taugt, aber das schttelt ein tapfrer
Jger auch wieder ab, und die tchtigen und geheimen Jgerknste zu
lernen und die tapfern Jgergeschichten zu bestehen, dazu gebricht
euch das Herz."

So hatte Fritz Rotermund es manches liebes Jahr getrieben und hatte
wohl frisch und lustig gelebt und fr Tnze und Gelage und Spiel und
schne Mdchen immer Geld in der Tasche; aber reich war er nicht
geworden, denn volle Taschen konnte er nicht leiden.  Er war bisher
mit seinem grnen Rock zufrieden gewesen und immer noch ein
Jgersmann geblieben; da begab sich aber von ungeschicht etwas, das
den wilden Jger zu einem zahmen Edelmann machen sollte, und das war
dieses:

Im Kriege, zur Zeit des Knigs Karolus*, waren bei der Stadt Bergen
zwei Juden gehngt, die man als Pferdediebe ertappt hatte.  Sie
hatten dort schon ein Jahr an dem Galgen gebaumelt, als Fritz
Rotermund zur Jahresfeier heraus mute, um zu lernen, wie auf
hebrisch um Galgen und Rad getanzt wird.  Und da hat er einen recht
geschwinden davidischen Reigen tanzen gelernt, denn die jdischen
Geister hatten sich in einem so schnellen asiatischen Schwunge
herumgedreht, da er--was ihm noch nie begegnet war--ermattet in
Schlaf hingesunken und erst erwacht war, als das Morgenrot den Ost
schon zu hellen begann.  Da, als er erschrocken aufsprang, begab es
sich, da der Wind ihm die lumpigen Rockzipfel des einen
Galgenkrametvogels, unter dessen drren Beinen er in Schlaf gefallen
war, so heftig gegen die linke Backe wehte, da das Blut darnach
heraussprang.  Der Fritz, als er den Backenstreich fhlte und auf der
darnach tastenden Hand Blut erblickte, rief halb schauderig, halb
lachend aus: "Ei! ei!  Mauschelchen!  Du hast auch verdammt scharfe
Knpfe und willst deine Leute wohl an mir rchen, welchen ich in
andern Geschften zuweilen auch wohl mitternchtliche Besuche
abzustatten pflege?"  Und zugleich schaute er nach dem Rocke, und sah
auch kein kleinstes Zeichen von einem Knopf, und das verwunderte und
schauderte ihn noch mehr.  Er ergriff daher den im Winde fliegenden
Zipfel, damit er nher untersuchte, ob irgend in den Falten ein Knopf
verborgen stecke.  Aber auch da fand sich nichts.  Wohl aber fhlte
er etwas Hartes in den Ecken, und sah bald, da diese mit tausend
Fden hin und her im Unterfutter so durchnht waren, als wenn sie bis
zum Jngsten Tage halten sollten.  Er griff nun frisch zu mit seinen
Jgerfusten und ri den ganzen Rockzipfel zu Fetzen auseinander, und
was erblickte er?  Ein paar funkelnde Edelsteine fielen vor ihm auf
die Erde.

----------------------------
* In Schweden und in den damals schwedischen deutschen Ostseelanden
ist dieser Knig Karolus (Karl der Zwlfte) gleich dem Iskander der
Morgenlnder und unserm Friedrich Rotbart auf dem Kyffhuser wenige
Jahrzehnte nach seinem Tode ein mythischer Name geworden.  Alles
lngstvergangne Ungeheure und Gewaltige reiht sich unter solche Namen;
ob ein Jahrhundert oder einige Jahrtausende rckwrts oder vorwrts
gerechnet werden mssen, was kmmert das das Volk, welches fr das
Poetische und Mythische eine wahrhaft gttliche Zeitrechnung hat, das
heit: nach dem gewhnlichen Mae gemessen gar keine.
----------------------------

Er nahm sie auf und betrachtete sie an seinem Rabenstein und an dem
hellen Morgenrot, und fand, da diese gegen jene Steine nur wie
blasses Wasser waren gegen das rote Feuer.  Und hoch sprang er in die
Luft empor und rief: "Nun, dies ist der erste Galgentanz, der etwas
anderes als Schauder und Greuel gebracht hat", und so trollte er sich
davon.

Als er aber nach einer halben Stunde Galgen und Furcht weit hinter
sich hatte und die Sonne schon am klaren Himmel stehen sah, da holte
er die Steine wieder aus der Tasche und beschaute sie genauer, und
wute bald, was sie wert waren.  Denn auf seinen vielen und weiten
Seereisen hatte er viele Weltwunder und Meerwunder gesehen, und war
auch gewesen, wo die schnen grnlockigen Seejungfern so zauberisch
singen, da die Schiffer den Matrosen, damit sie nicht zu ihnen in
die Tiefe springen, die Ohren voll Teer gieen und mit Wachs zukleben
mssen, und war auch an das Land gekommen, wo die Diamanten und
Rubinen am Strande im Sande liegen, wie bei uns die Kieselsteine,
hatte aber keine aufsammeln und mitnehmen drfen wegen der greulichen
Drachen und Greifen, die sie bewachen.

Er lief nun frhlich zu Hause, holte sein Pferd aus dem Stall,
sattelte es, und sagte auf acht Tage Ade, und so trabte er auf die
Alte Fhre zu, und von da ging's auf Hamburg oder Berlin, wo er die
kostbaren Judendiamanten wieder an Juden verkaufte und mit groen
Scken voll Dukaten, wohl ber ein paar Tonnen Goldes, nach wenigen
Tagen heimkam.

Nun hatte Fritz Geld in Hlle und Flle, und mit dem Gelde kamen ihm
auch vornehme und ernsthafte Gedanken, ja ganz neue Gedanken, wie er
sie noch in seinem Leben nicht gehabt hatte.  Er ging hin und ward
ein Edelmann, und kaufte seinem Bruder Boldevitz ab, wo sein Vater
gewohnt hatte und wo er geboren war, und kaufte auch Unruh und auch
mehrere andere schne Gter, die da herumliegen.  Und der Jger Fritz
fuhr nun mit Vieren und mit Sechsen und mit langen Strngen, und
hatte Diener und Jger hinter sich auf dem Bock stehen und Lufer mit
silbernen Stben vor sich herlaufen, und hie Herr Fritz von
Rotermund, wie sein Vater in seinen Tagen geheien hatte.  Und nun
nahm er sich auch ein schnes adliges Frulein zur Frau und zeugte
Shne und Tchter, und lebte und gebrdete sich wie ein anderer Herr.
Er blieb aber so freundlich und geburisch mit den Menschen und war
so mild gegen seine Leute und so mitleidig gegen die Armen, da alle
verwundert sagten: Der wilde und leichtfertige Fritz ist ja ein
Mensch und dazu noch ein Christenmensch geworden.

Und das war nicht blo eitler Schein, sondern es war ihm herzlicher
Ernst.  Als Fritz so groes Gut erworben hatte und ein Edelmann
geworden war, da schien auch wirklich ein neuer Geist in ihn gefahren
zu sein, ein besserer Geist, der sonst so selten mit dem geschwinden
und pltzlichen Reichtum ins Haus zu kommen pflegt.  Er verabscheute
von nun an seinen Rabenstein und seine mitternchtlichen
Diebsschliche, liebte auch seine alten Schalkstreiche nicht mehr,
sondern wollte sich wirklich von Herzen umwenden und bekehren und
wieder ein Mensch Gottes werden, hielt sich daher hinfort zu andern
guten Christen und zu Kirche und Abendmahl, und lebte mit Frau und
Kindern und mit Freunden und Nachbarn und mit allen Menschen so, da
alle ihn lieb und wert hielten und seiner Jugend und Jugendstreiche
gern vergaen.  Wie er nun aber wirklich christlich und menschlich zu
sein und zu leben strebte, so hatte er doch noch einen plagenden Wurm,
um welchen er und sein Gott allein wuten, und dieser schlimme Wurm
war sein Rabenstein.  Was der arme Mann um diesen ausgestanden und
gelitten hat, das ist gar nicht zu beschreiben.

Er fhlte nmlich, sowie er sich wieder zum Christentum und zum
Glauben seiner Kindheit zurckgewendet hatte, da der Rabenstein
nichts Geheures war, sondern eine bse teuflische Gaukelei, und htte
ihn sogleich von sich werfen mgen in den tiefsten See oder in die
verborgenste Erde vergraben oder in dem gewaltigsten Feuer verbrennen,
damit nimmer eine Menschenhand ihn wiederfnde und mit seinem
hllischen Glanze Unheil stiftete.  Aber! aber!  Wie ist es dir
ergangen, armer Fritz Rotermund?  Man wird des Rabensteins noch viel
schwerer los, als man ihn gewinnt.  Sowie Fritz den Rabenstein von
sich werfen, wie er ihn der verschlingenden See, dem verzehrenden
Feuer berliefern wollte, wich der tckische Stein kaum eine Sekunde
von ihm, und flog ihm immer wieder in die Hand zurck, die ihn mit
aller Gewalt von sich geschleudert hatte, oder in die Tasche, woraus
er genommen war.  Da hat nun Fritz, der jetzt wahrhaftig nicht der
muntre und frhliche Fritz heien konnte, es nach und nach mit allen
Elementen versucht, ob etwa eines den Stein lieber annhme als das
andre; aber der frchterliche Stein ist der unverlierbare und
unzerstrbare geblieben.  Er hat es auer diesen unglcklichen Proben
am eifrigsten und unablssigsten mit dem allerbesten Element versucht,
mit Andacht und Gebet; und wie viel er da gerungen hat, wie viel und
oft er um die stille Mitternacht in seiner Kammer und im einsamen
Walde und an heiliger Sttte auf den Knien gelegen und seinen Gott
und Heiland um Barmherzigkeit gefleht hat, da er ihn von dem Bsen
erlsen wolle, das wei auch Gott allein.  Immer noch hat er die
blutigen Gerichtstage mithalten und die mitternchtlichen Galgentnze
noch mittanzen mssen, und jetzt mit entsetzlichem Grausen und
Schaudern, weil der Christ wute, was es war.  So hat er wohl zwanzig
Jahre gelebt in seinem neuen Stande, uerlich der freundliche,
christliche Mensch, der milde und barmherzige Herr, innerlich der
Gepeinigte und Gemarterte.  Er hat aber nicht abgelassen und ist
nicht mde geworden in Demut und Gebet, und hat dies alles mit
gebeugtem Herzen getragen als ein armer Snder, den Gott fr seinen
leichtfertigen bermut und seine heidnische Frechheit strafen und
durch das, was ihm nun eine so grimme Pein geworden, vielleicht
erretten wolle.  Endlich ist der Tag dieser Errettung und Begnadigung
gekommen, aber auf eine grauenvolle Weise.

Fritz ward eine Nacht zu einem Galgenfest getrieben nach Putbus, wo
an dem Wege, auf dem man nach Kasnevitz fhrt, etwa eine halbe Stunde
vom Schlosse, auf einem den Heidehgel, noch heute die Trmmer eines
Galgens stehen.  Dort fand er bei seiner Ankunft das greuliche
Nachtgesindel schon in dem greulichen Tanze rundfliegen, und zugleich
mit ihm ritt von der andern Seite her als Mittnzer ein Mann auf, der
noch mit lebendigem Fleisch umkleidet war wie er und mchtig zu Rosse
sa und einen blanken Sbel in der Rechten schwang, als forderte er
jemand heraus.  Und gewi, er forderte heraus, denn der Fritz fhlte
bei seinem Anblick den heiesten Grimm in sich entbrennen, und mute
sein Schwert ziehen und gegen ihn anlaufen, der, als er Fritzen zu
Fu anrennen sah, von seinem Rappen heruntersprang.  Fritz erkannte
ihn alsbald als den verrufenen alten Erzbsewicht, der am uersten
Ende der Insel auf Jasmund hauste und von dem die Leute sich viele
greuliche und mordliche Geschichten erzhlten.  Sein Name war von
Zuhmen.  Der alte graue Schelm erschien aber auf diesem Tanzplatz,
weil er vor ein paar Monaten einen Rabenstein gefunden hatte.  Nun
war er der zweite auf der Insel, der einen Rabenstein besa und zu
dieser mitternchtlichen Totenfeier hinaus mute.  Denn das ist auch
noch eine treibende Wut und ein unseliges Verhngnis des
entsetzlichen Steins, da, wenn zwei sich begegnen, die den
Rabenstein haben, sie auf Leben und Tod einen Kampf miteinander
halten mssen.

Und so trafen denn die zwei in blinder Wut aufeinander und kmpften
den grlichen Kampf, whrend das leichte Heer seinen lustigen Reigen
um sie tanzte und wirbelte; und wie die Schlge ihrer Klingen sich
verdoppelten, so verdoppelte sich in ihren Herzen auch der Grimm.
Sie waren aber beide reisige Mnner und gewaltig an Fusten und
Gliedern und waren im rstig frischen Alter ergraut.  Und der Kampf
dauerte solange der Tanz dauerte, und das Gras um den Galgen war von
ihrem Blute rot gefrbt; da, als es von dem Turm eins schallte,
strzte, von einem letzten gewaltigen Streich getroffen, der alte
Jasmunder Bsewicht als Leiche hin, Fritz aber entfloh mit Grausen
und mit tiefen und blutenden Wunden, die seinen Weg hinter ihm
rteten.  Er hatte sich aber auf des Feindes Rappen geschwungen, denn
seine Fe htten ihn nicht nach Hause zu tragen vermocht.

Und als der Sommermorgen graute, ritt er matt und blutig ins Tor zu
Boldevitz ein und hatte nicht Angst um sein Leben, sondern um seine
arme Seele.  Und er weckte alsbald seinen treuen Diener und hie ihn
geschwinde ein Pferd satteln und gen Gingst galoppieren, da er ihm
den dortigen Herrn Pfarrer holte.  Denn er sprach zu ihm: "Ich war
ausgeritten und bin in dem Walde bei Kubbelkow unter Ruber geraten,
und sieh! wie sie mich zerhauen haben und wie die Blutstrme aus den
tiefen Wunden an mir herabrinnen!  Es wird in wenigen Stunden aus
sein mit dem alten Fritz."

Und der Diener flog wie der Wind auf seinem Pferde dahin, denn er
liebte seinen guten Herrn ber alles.  Und der erschrockene Pfarrer
in Gingst war nicht Sumiger, denn er nannte Herrn Fritz Rotermund
den besten Christen und den fleiigsten Kirchengnger unter seinen
eingepfarrten Edelleuten.  Und anderhalb Stunden nach des Dieners
Ausflug waren beide in Boldewitz und fanden den alten Herrn auf dem
Lager bla und bleich wie den Tod und sein Weib und seine Kinder um
ihn, welche ihm seine Wunden verbunden hatten.  Er aber, als der
Pastor hereingetreten ist, hat allen gewinkt herauszugehen, damit er
mit dem geistlichen Herrn betete und sich zur Abfahrt bereitete.

Und als sie beide allein geworden, hat er dem Pastor alles erzhlt
und gebeichtet und den Mann so bestrzt, da er kaum hat beten knnen.
Bald aber hat der fromme Mann sich wieder genommen und hat die
Bibel ergriffen und des todwunden Ritters Hnde gefat, und ber ihm
gebetet, da der gndige Himmel sich des reuigen und zagenden Snders
erbarmen wolle.  Und der Himmel hat sich gndig auf das Gebet
herabgelassen, und Fritz hat mit lauter Stimme und sehnschtigem
Herzen die Worte des geistlichen Herrn nachgesprochen.  Und bald hat
er sich zum erstenmal in vielen Jahren ganz getrstet gefhlt und
laut ausgerufen: "Gelobt und gepriesen sei Gott und Jesus Christus
fr diese Wunden!"  Und der Pastor ist frhlich erstaunt ber diesen
Ausruf und ber des Ritters erheitertes und erleuchtetes Angesicht,
und bald noch viel mehr und viel frhlicher, als der Herr von oben
das hrbare und sichtbare Zeichen der Gnade gegeben.  Denn kaum hatte
Fritz diesen frhlichen Ruf des erlsten Herzens getan, als der
unselige Karfunkelstein pltzlich aus der Tasche des Edelmanns
herausfuhr, wie ein leuchtender Blitz durch die Luft hinzischte, und
dann wie eine springende Feuerkugel sich gegen den Ofen schnellte,
und kling!  Kling! in der Sekunde in Millionen Stcke zerstob, wie
ein Sandhaufen auseinanderweht, so da man auch die Spur nicht von
ihm sah.  Und Fritz hat wieder freudig gerufen: "Mein Gott und mein
Heiland, wie barmherzig bist du!  Und sahet und hrtet Ihr wohl, Herr
Pastor, wie der Teufel in nichts zerklungen und in Staub zerflogen
ist?"  Und er faltete in Inbrunst die Hnde und dankte und betete; und
der Pastor dankte und betete mit ihm und sprach: "So bist du gndig,
barmherziger Gott und Erhalter und Behalter aller Dinge, und erlsest
und erquickest den reuigen Snder!"

Und unter den beiden war groe Freude, und sie umhalsten sich in
Wonne, wie sich die Engel im Himmel umhalsen, und Fritz sprach: "Mein
Abschied ist nahe, und darum geht, Herr Pastor, und holet mir Weib
und Kinder."  Und der Pastor hat sie gebracht, und Fritz hat die Hnde
auf sie gelegt und sie zum letztenmal gekt und gesegnet, und ist
dann augenblicklich mit Zuversicht und Freuden heimgegangen.  Denn
das Blut war aus seinen Adern gelaufen und die Luft an dem irdischen
Leben aus seiner Seele.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Kater Martinchen, von Ernst
Moritz Arndt.






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