# 20260813-02
       # 2026-08-13
       # Trans* ist keine Entscheidung
       
       michaela@molthagen.de
 (TXT) OpenPGP Public Key
       
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       Trans* ist keine Entscheidung
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       Mit schoener Regelmaessigkeit begegnet mir die Annahme, Trans* sei eine
       Entscheidung, womoeglich eine Art "Lifestyle".
       
       Ich bin ueberzeugt: Waere Trans* eine Entscheidung, gaebe es kaum trans*
       Menschen. Kaum jemand wuerde sich das antun.
       
       Trans* ist angeboren, das ist inzwischen Stand der Wissenschaft. Ob wie
       trans* werden oder cis, entscheidet sich in einer fruehen Phase der
       Schwangerschaft durch den Einfluss von Hormonen.
       
       45 Jahre lang habe ich - ohne es so wahrzunehmen - mich entschieden, dass ich
       vorgeben muesse, ein Mann zu sein. Meist fiel die Entscheidung fuer "so
       maennlich wie noetig, so wenig maennlich wie moeglich", da galt ich dann
       als untypischer Mann, andere Male fuer "so maennlich wie moeglich". Ich war
       da nicht sehr konsequent, eher fluide. Aber ich habe es, ohne es vor mir
       selbst zugeben zu wollen, gehasst, so zu tun, als sei ich ein Mann. Das war
       ich nicht. Das passte nie zu mir. Es war eine Maske.
       
       Mit 50 Jahren habe ich schliesslich entschieden, nicht laenger vorzugeben,
       ein Mann zu sein. Habe mich entschieden, endlich ich zu sein. Keine Maske
       mehr, keine Rolle, die ich spiele - nur noch Authentizitaet. Mein angeborenen
       Ich, mein eigentliches Selbst leben.
       
       Das ist alles andere als leicht, aus ganz verschiedenen Gruenden. Trotzdem
       hat es mich befreit. Nicht laenger maskieren, nicht laenger etwas vorspielen.
       
       Denn auch wenn es nicht leicht ist, offen als trans* Mensch zu leben, ist
       es doch besser, als ein Leben lang vorzugeben, jemand anderes zu sein.
       
       Ich wollte es mir vor meinem Coming-out nicht eingestehen, aber ich habe
       es gehasst, vorzugeben, ein Mann zu sein. Das war nicht ich. Das war
       eine Verleugnung meines Selbst.
       
       Und es war eine Verleugnung dessen, als was Gott mich geschaffen hat. Er
       hat mich als Frau geschaffen. Und dass ich eine trans* Frau bin und keine
       cis Frau, ist kein "Fehler", sondern von Gott gewollt. Trotzdem wuensche ich
       mir oft, ich ware eine cis Frau. Ohne das, was in unserer Gesellschaft oft
       als Makel vermittelt wird: "Nur" eine trans* Frau zu sein.
       
       Dass es mir oft so schwer faellt, mit meinem Trans*sein umzugehen, liegt
       an meiner Sozialisation. Ich habe ein Leben lang gelernt, wie Frauen zu
       sein haben - und merke nun, dass mein Aeusseres diesem Klischee nicht
       entspricht. Es ist nicht leicht, diese Vorstellung, wie Frauen zu sein haben,
       abzulegen und hinter mir zu lassen. Jeder Blick in den Spiegel erinnert
       mich daran, wie wenig ich diesem Bild entspreche, obwohl ich natuerlich
       auch weiss, wie misogyn und sexistisch dieses Bild ist - und nicht zuletzt,
       wie transfeindlich dieses Bild ist.
       
       Dieses vom Patriarchat in unsere Koepfe gepflanzte Bild der "normalen
       Frau" ist nicht nur fuer mich als trans* Frau verhaengnisvoll, sondern
       fuer alle Frauen, egal ob cis oder trans* (und ebenso fuer nichtbinaere und
       agender Personen, die zufaellig diesem Bild entsprechen und darum
       faelschlich als Frauen betrachtet werden).
       
       TERFs hingegen pflegen dieses Bild, obwohl sie als vorgebliche Feministinnen
       eigentlich dagegen sein muessten, dass dieses Bild der "normalen Frau"
       Bestand hat.
       
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