Naechstenliebe ============== Die christliche Naechstenliebe wird von viele Christ*innen falsch verstanden, "der Naechste" sei auf die Personen bezogen, denen geholfen werden soll. Wer waere dann mein Naechster? Das kann dann, oft von Christ*innen aus dem konservativen oder rechten Lager, so verstanden werden, dass unsere Naechstenliebe auf die Personen beschraenkt sei, die uns am naechsten stehen: Familienangehoerige, Christ*innen (am besten desselben Froemmigkeitsstils), Leute mit derselben Herkunft und Sprache, direkte Nachbarn. Mit dem Hinweis, so etwas wie eine "Fernstenliebe" sei in der Bibel nicht gefordert, nur die Naechstenliebe fuer die uns Naechststehenden, wird die Naechstenliebe fuer Menschen in anderen Laendern oder eines anderen Glaubens manchmal sogar ausdruecklich abgelehnt oder an den Missionsbefehl gekoppelt. Lieben, um zu evangelisieren. Aber ist das mit der Naechstenliebe tatsaechlich so gemeint? Wer ist eigentlich der Naechste? Das Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner ------------------------------------------ Schauen wir einmal in Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner in Lukas 10,29-37, Jesu Antwort auf die Frage eines Gesetzeslehrers, der wissen wollte, wer jener Mitmensch sei, den er lieben solle. Wenn wir den Text lesen und verstehen, dann erkennen wir: Es geht ueberhaupt nicht um die Frage, wer mein Naechster ist, dem ich helfen soll. Es geht tatsaechlich um die Frage, wem ich die Naechste bin, diejenige, die ihm helfen kann. Wem bin ich der Naechste? ------------------------- Naechstenliebe orientiert sich an meiner Faehigkeit und an meinen Mitteln, einem anderen zu helfen. Wenn ich die Moeglichkeit habe, bin ich dem Notleidenden der Naechste. Egal, welche Hautfarbe dieser andere Mensch hat, welches religioeses Bekenntnis, welche Muttersprache, welcher Nation er angehoert, ob er in meiner Naehe wohnt oder weit weg. Das alles spielt keine Rolle. Naechstenliebe heisst: Wem bin ich der Naechste, der meine taetige Naechstenliebe benoetigt? Wenn ich sie dem anderen verweigere, weil er weit weg lebt, weil er nicht christlichen Glaubens ist, weil er ein Gefluechteter ist, weil er eine andere Sprache spricht, ja, sogar: weil er mich als Feind betrachtet, dann erfuelle ich das zentrale Gebot Jesu der Naechstenliebe nicht. Naechstenliebe gilt auch dem, der mein Feind ist ------------------------------------------------ Ja, richtig gelesen: Auch demjenigen, der mich als seinen Feind betrachtet, kann ich der Naechste sein, wenn er sich in einer Notlage befindet, wenn er diskriminiert oder verfolgt wird, wenn er bedraengt oder ungerecht behandelt wird, wenn er nichts zu essen oder zu trinken hat … Auch dann gilt die Pflicht zur Naechstenliebe. Liebt eure Feinde! Segnet die, die euch verfluchen! (Matthaeus 5,44-48; Lukas 6,27-36, bitte komplett lesen.) Dann geh... ----------- Dann geh und mach es ebenso. (Lukas 10,37) Autorin ------- Michaela Ohlhus-Molthagen, www.molthagen.de/michaela. Alle Rechte vorbehalten. Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA Stand: 03.08.2026