# Das Nibelungenlied ## 38. Achtunddreißigstes Abenteuer. Wie Dietrichens Recken alle erschlagen wurden. Der Jammer allenthalben · zu solchem Maße schwoll, Daß von der Wehklage · Pallas und Thurm erscholl. Da vernahm es auch ein Berner, · Dietrichs Unterthan: Der schweren Botschaft willen · wie eilends kam er heran! Da sprach er zu dem Fürsten: · „Hört mich, Herr Dieterich, Was ich noch je erlebte, · so herzensjämmerlich Hört ich noch niemals klagen, · als ich jetzt vernahm. Ich glaube, daß der König · nun selber zu der Hochzeit kam, „Wie wären sonst die Leute · all in solcher Noth? Der König oder Kriemhild · Eins ward dem Tod Von den kühnen Gästen · in ihrem Zorn gesellt. Es weint übermäßig · mancher auserwählte Held.“ Da sprach der Vogt von Berne: „Ihr Getreun in meinem Lehn, Seid nicht allzu eilig: · was hier auch ist geschehn Von den Heimathlosen, · sie zwang dazu die Noth: Nun laßt sie des genießen, · daß ich ihnen Frieden bot.“ Da sprach der kühne Wolfhart: · „Ich will zum Saale gehn, Der Märe nachzufragen, · was da sei geschehn, Und will euch dann berichten, · viel lieber Herre mein, Wenn ich es dort erkunde, · wie die Sache möge sein.“ Da sprach der edle Dietrich: · „Wenn man sich Zorns versieht Und ungestümes Fragen · zur Unzeit dann geschieht, Das betrübt den Recken · allzuleicht den Muth: Drum will ich nicht, Wolfhart, · daß ihr die Frage da thut.“ Da bat er Helfrichen · hin zu gehn geschwind, Ob er erkundgen möge · bei Etzels Ingesind Oder bei den Gästen, · was da wär geschehn. Da wurde nie bei Leuten · so großer Jammer gesehn. Der Bote kam und fragte: · „Was ist hier geschehn?“ Da ward ihm zum Bescheide: · „Nun must uns auch zergehn Der Trost, der uns geblieben · noch war in Heunenland: Hier liegt erschlagen Rüdiger · von der Burgunden Hand. „Nicht Einer ist entkommen, · der mit ihm gieng hinein.“ Das konnte Helfrichen · nimmer leider sein. Wohl mocht er seine Märe · noch nie so ungern sagen: Er kam zu Dietrichen · zurück mit Weinen und Klagen. „Was bringt ihr uns für Kunde?“ · sprach da Dieterich, „Wie weint ihr so heftig, · Degen Helferich?“ Da sprach der edle Recke: · „Wohl hab ich Grund zu klagen. Den guten Rüdger haben · die Burgunden erschlagen.“ Da sprach der Held von Berne: · „Das wolle nimmer Gott. Eine starke Rache wär es · und des Teufels Spott. Wie hätt an ihnen Rüdiger · verdient solchen Sold? Ich weiß wohl die Kunde, · er ist den Fremdlingen hold.“ Da sprach der kühne Wolfhart: · „Und wär es geschehn, So sollt es ihnen Allen · an Leib und Leben gehn. Wenn wirs ertragen wollten, · es brächt uns Spott und Schand, Uns bot so große Dienste · des guten Rüdiger Hand.“ Der Vogt von Amelungen · erfragt' es gern noch mehr. In ein Fenster setzt' er sich, · ihm war das Herz so schwer. Da hieß er Hildebranden · zu den Gästen gehn, Bei ihnen zu erforschen, · was da wäre geschehn. Der sturmkühne Recke, · Meister Hildebrand, Weder Schild noch Waffen · trug er an der Hand. Er wollt in seinen Züchten · zu den Gästen gehn; Von seiner Schwester Kinde · must er sich gescholten sehn. Da sprach der grimme Wolfhart: · „Geht ihr dahin so bloß, So kommt ihr ungescholten · nimmer wieder los: So müst ihr dann mit Schanden · thun die Wiederfahrt; Geht ihr dahin in Waffen, so weiß ich, daß es Mancher spart.“ Da rüstete der Alte · sich nach des Jungen Rath. Eh Hildbrand es gewahrte, · standen in ihrem Staat Die Recken Dietrichs alle, · die Schwerter in der Hand. Leid war das dem Helden, · er hätt es gern noch abgewandt. Er frag, wohin sie wollten. · „Wir wollen mit euch hin; Ob von Tronje Hagen · wohl dann noch ist so kühn, Mit Spott zu euch zu reden, · wie ihm zu thun gefällt?“ Als er die Rede hörte, · erlaubt' es ihnen der Held. Da sah der kühne Volker · wohlgewaffnet gehn Die Recken von Berne · in Dietrichens Lehn, Die Schwerter umgegürtet, · die Schilde vor der Hand: Er sagt' es seinen Herren · aus der Burgunden Land. Da sprach der Fiedelspieler: · „Dorten seh ich nahn Recht in Feindesweise · Die Dietrich unterthan, Gewaffnet unter Helmen: · sie wollen uns bestehn. Nun wird es an das Ueble · mit uns Fremdlingen gehn.“ Es währte nicht lange, · so kam auch Hildebrand: Da setzt' er vor die Füße · seinen Schildesrand Und begann zu fragen · Die Gunthern unterthan: „O weh, ihr guten Degen, · was hatt euch Rüdiger gethan? „Mich hat mein Herr Dietrich · her zu euch gesandt, Ob erschlagen liege, Helden, · von eurer Hand Dieser edle Markgraf, · wie man uns gab Bescheid? Wir könnten nicht verwinden · also schweres Herzeleid.“ Da sprach der grimme Hagen: · „Die Mär ist ungelogen, Wie gern ichs euch gönnte, · wärt ihr damit betrogen, Rüdigern zu Liebe: · so lebt' er uns noch, Den nie genug beweinen · mögen Fraun und Mannen doch.“ Als sie das recht vernahmen, · Rüdiger sei todt, Da beklagten ihn die Recken, · wie ihre Treu gebot. Dietrichens Mannen · sah man die Thränen gehn Uebern Bart zum Kinne: · viel Leid war ihnen geschehn. Siegstab der Herzog · von Bern sprach zuhand: „O weh, wie all die Güte · hier gar ein Ende fand, Die uns Rüdiger hier schuf · nach unsers Leides Tagen: Der Trost der Heimathlosen · liegt von euch Degen erschlagen.“ Da sprach von Amelungen · der Degen Wolfwein: „Und wenn ich vor mir liegen · hier säh, den Vater mein, Mir würde nimmer leider · als um Rüdgers Tod. O weh, wer soll nun trösten · die Markgräfin in ihrer Noth?“ Do sprach im Zornmuthe · der kühne Wolfhart: „Wer leitet nun die Recken · auf mancher Heerfahrt, Wie von dem Markgrafen · so oft geschehen ist? O weh, viel edler Rüdiger, · daß du uns so verloren bist!“ Wolfbrand und Helferich · und auch Helmnot Mit allen ihren Freunden · beweinten seinen Tod. Nicht mehr fragen mochte · vor Seufzen Hildebrand: So thut denn, ihr Degen, · warum mein Herr uns gesandt. „Gebt uns den todten · Rüdiger aus dem Saal, An dem all unsre Freude · erlitt den Jammerfall. Laßt uns ihm so vergelten, · was er an uns gethan Hat mit großer Treue · und an manchem fremden Mann. „Wir sind hier auch Vertriebene · wie Rüdiger der Degen. Wie laßt ihr uns warten? · Laßt uns ihn aus den Wegen Tragen und im Tode · lohnen noch dem Mann: Wir hätten es wohl billig · bei seinem Leben gethan.“ Da sprach der König Gunther: · „Nie war ein Dienst so gut, Als den ein Freund dem Freunde · nach dem Tode thut. Das nenn ich stäte Treue, · wenn man das leisten kann: Ihr lohnt ihm nach Verdienste, · er hat euch Liebes gethan.“ „Wie lange solln wir flehen?“ · sprach Wolfart der Held.“ „Da unser Trost der beste · liegt von euch gefällt, Und wir ihn nun leider · nicht länger mögen haben, Laßt uns ihn hinnen tragen, · daß wir den Recken begraben.“ Zur Antwort gab ihm Volker: · „Man bringt ihn euch nicht her, Holt ihn aus dem Hause, · wo der Degen hehr Mit tiefen Herzenswunden · gefallen ist ins Blut: So sind es volle Dienste, · die ihr hier Rüdigern thut.“ Da sprach der kühne Wolfhart: · „Gott weiß, Herr Fiedelmann, Ihr müßt uns nicht noch reizen; · ihr habt uns Leid gethan. Dürft ichs vor meinem Herren, · so kämt ihr drum in Noth; Doch müßen wir es laßen, · weil er den Streit uns verbot.“ Da sprach der Fiedelspieler: · „Der fürchtet sich zu viel, Der, was man ihm verbietet, · Alles laßen will: Das kann ich nimmer heißen · rechten Heldenmuth.“ Die Rede dauchte Hagnen · von seinem Heergesellen gut. „Wollt ihr den Spott nicht laßen,“ · fiel ihm Wolfhart ein, „Ich verstimm euch so die Saiten, · daß ihr noch am Rhein, Wenn je ihr heimreitet, · habt davon zu sagen. Euer Ueberheben · mag ich mit Ehren nicht ertragen.“ Da sprach der Fiedelspieler: · „Wenn ihr den Saiten mein Die guten Töne raubtet, · eures Helmes Schein Müste trübe werden · dabei von meiner Hand, Wie ich halt auch reite · in der Burgunden Land.“ Da wollt er zu ihm springen · doch blieb nicht frei die Bahn. Hildebrand sein Oheim · hielt ihn mit Kräften an. „Ich seh, du willst wüthen · in deinem dummen Zorn; Nun hätten wir auf immer · meines Herren Huld verlorn.“ „Laßt los den Leuen, Meister, · er hat so grimmigen Muth; Doch kommt er mir zu nahe,“ · sprach Volker der Degen gut, „Hätt er mit seinen Händen · die ganze Welt erlagen, Ich schlag ihn, daß er nimmermehr · ein Widerwort weiß zu sagen.“ Darob ergrimmte heftig · den Bernern der Muth. Den Schild ruckte Wolfhart, · ein schneller Recke gut, Gleich einem wilden Leuen · lief er auf ihn an. Die Schar seiner Freunde · ihm rasch zu folgen begann. Mit weiten Sprüngen setzt' er · bis vor des Saales Wand; Doch ereilt' ihn vor der Stiege · der alte Hildebrand: Er wollt ihn vor ihm selber · nicht laßen in den Streit. Zu ihrem Willen fanden · sie gern die Gäste bereit. Da sprang hin zu Hagen · Meister Hildebrand: Man hörte Waffen klingen · an der Helden Hand. Sie waren sehr im Zorne, · das zeigte sich geschwind: Von der Beiden Schwertern · gieng der feuerrothe Wind. Da wurden sie geschieden · in des Streites Noth: Das thaten die von Berne, · wie Kraft und Muth gebot. Als sich von Hagen wandte · Meister Hildebrand, Da kam der starke Wolfhart · auf den kühnen Volker gerannt. Auf den Helm dem Fiedler · schlug er solchen Schwang, Daß des Schwertes Schärfe · durch die Spangen drang. Das vergalt mit Ungestüm · der kühne Fiedelmann: Da schlug er Wolfharten, · daß er zu sprühen begann. Feuers aus den Panzern · hieben sie genug; Grimmen Haß Jedweder · zu dem Andern trug. Da schied sie von Berne · der Degen Wolfwein; Wär er kein Held gewesen, · so konnte das nimmer sein. Gunther der kühne · mit williger Hand Empfieng die hehren Helden · aus Amelungenland. Geiselher der junge · die lichten Helme gut Macht' er in dem Sturme · Manchem naß und roth von Blut. Dankwart, Hagens Bruder, · war ein grimmer Mann: Was er zuvor im Streite · Herrliches gethan An König Etzels Recken, · das schien nun gar ein Wind: Nun erst begann zu toben · des kühnen Aldrians Kind. Ritschart und Gerbart, · Helfrich und Wichart In manchen Stürmen hatten · die selten sich gespart: Das ließen sie wohl schauen · die in Gunthers Lehn. Da sah man Wolfbranden · in dem Sturme herrlich gehn. Da focht, als ob er wüthe, · der alte Hildebrand. Viel gute Recken musten · vor Wolfhartens Hand Auf den Tod getroffen · sinken in das Blut: So rächten Rüdgers Wunden · diese Recken kühn und gut. Da focht der Herzog Siegstab, · wie ihm der Zorn gebot. Hei! was harter Helme · brach in des Sturmes Noth An seinen Feinden · Dietrichens Schwestersohn! Er konnt in dem Sturme · nicht gewaltiger drohn. Volker der Starke, · als er das ersah, Wie Siegstab der kühne · aus Panzerringen da Bäche Blutes holte, · das schuf dem Biedern Zorn: Er sprang ihm hin entgegen: · da hatte hier bald verlorn Von dem Fiedelspieler · das Leben Siegstab: Volker ihm seiner Künste · so vollen Anteil gab, Er fiel von seinem Schwerte · nieder in den Tod. Der alte Hilbrand rächte das, · wie ihm sein Eifer gebot. „O weh des lieben Herren,“ · sprach Meister Hildebrand, „Der uns hier erschlagen · liegt von Volkers Hand! Nun soll der Fiedelspieler · auch länger nicht gedeihn.“ Hildebrand der kühne · wie könnt er grimmiger sein. Da schlug er so auf Volker, · daß von des Helmes Band Die Splitter allwärts stoben · bis zu des Saales Wand, Vom Helm und auch vom Schilde · dem kühnen Spielmann; Davon der starke Volker · nun auch sein Ende gewann. Da drangen zu dem Streite · Die in Dietrichs Lehn: Sie schlugen, daß die Splitter · sich wirbelnd musten drehn Und man der Schwerter Enden · in die Höhe fliegen sah. Sie holten aus den Helmen · heiße Blutbäche da. Nun sah von Tronje Hagen · Volker den Degen todt: Das war ihm bei der Hochzeit · die allergröste Noth, Die er gewonnen hatte · an Freund und Unterthan! O weh, wie grimmig Hagen · den Freund zu rächen begann! „Nun soll es nicht genießen · der alte Hildebrand: Mein Gehilfe liegt erschlagen · von des Helden Hand, Der beste Heergeselle, · den ich je gewann.“ Den Schild rückt' er höher, · so gieng er hauend hindann. Helferich der starke · Dankwarten schlug: Gunthern und Geiselhern · war es leid genug, Als sie ihn fallen sahen · in der starken Noth; Doch hatten seine Hände · wohl vergolten seinen Tod. So viel aus manchen Landen · hier Volks versammelt war, Viel Fürsten kraftgerüstet · gegen die kleine Schar, Wären die Christenleute · nicht wider sie gewesen, Durch ihre Tugend mochten sie · vor allen Heiden wohl genesen. Derweil schuf sich Wolfhart · hin und wieder Bahn, Alles niederhauend, · was Gunthern unterthan. Er machte nun zum dritten Mal · die Runde durch den Saal: Da fiel von seinen Händen · gar mancher Recke zu Thal. Da rief der starke Geiselher · Wolfharten an: „O weh, daß ich so grimmen · Feind je gewann! Kühner Ritter edel, · nun wende dich hieher! Ich will es helfen enden, · nicht länger trag ich es mehr.“ Zu Geiselheren wandte · sich Wolfhart in den Streit. Da schlugen sich die Recken · manche Wunde weit. Mit solchem Ungestüme · er zu dem König drang, Daß unter seinen Füßen · übers Haupt das Blut ihm sprang. Mit schnellen grimmen Schlägen · der schönen Ute Kind Empfieng da Wolfharten, · den Helden hochgesinnt. Wie stark auch war der Degen, · wie sollt er hier gedeihn? Es konnte nimmer kühner · ein so junger König sein. Da schlug er Wolfharten · durch einen Harnisch gut, Daß ihm aus der Wunde · niederschoß das Blut: Zum Tode war verwundet · Dietrichens Unterthan. Wohl must er sein ein Recke, · der solche Werke gethan. Als der kühne Wolfhart · die Wund an sich empfand, Den Schild ließ er fallen: · höher in der Hand Hob er ein starkes Waffen, · das war wohl scharf genug: Durch Helm und Panzerringe · der Degen Geiselhern schlug. Den grimmen Tod einander · hatten sie angethan. Da lebt' auch Niemand weiter, · der Dietrich unterthan. Hildebrand der alte · Wolfharten fallen sah: Gewiss vor seinem Tode · solch Leid ihm nimmer geschah. Erstorben waren Alle · Die in Gunthers Lehn Und Die in Dietrichens. · Hilbranden sah man gehn, Wo Wolfhart war gefallen · nieder in das Blut. Er umschloß mit Armen · den Degen bieder und gut. Er wollt ihn aus dem Hause · tragen mit sich fort; Er war zu schwer doch, laßen · must ihn der Alte dort. Da blickt' aus dem Blute · der todwunde Mann: Er sah wohl, sein Oheim · hülfe gern ihm hindann. Da sprach der Todwunde: · „Viel lieber Oheim mein, Mir kann zu dieser Stunde · eure Hülfe nicht gedeihn. Nun hütet euch vor Hagen, · fürwahr, ich rath euch gut: Der tragt in seinem Herzen · einen grimmigen Muth. „Und wollen meine Freunde · im Tode mich beklagen, Den nächsten und den besten · sollt ihr von mir sagen, Daß sie nicht um mich weinen, · das thu nimmer Noth: Von eines Königs Händen · fand ich hier herrlichen Tod. „Ich hab auch so vergolten · mein Sterben hier im Saal, Das schafft noch den Frauen · der guten Ritter Qual. Wills Jemand von euch wißen, · so mögt ihr kühnlich sagen: Von meiner Hand alleine · liegen hundert wohl erschlagen. Da gedacht auch Hagen · an den Fiedelmann, Dem der alte Hildebrand · das Leben abgewann: Da sprach er zu dem Kühnen: · „Ihr entgeltet nun mein Leid. Ihr habt uns hier benommen · manchen Recken kühn im Streit.“ Er schlug auf Hildebranden · daß man wohl vernahm Balmungen dröhnen, · den Siegfrieden nahm Hagen der kühne, · als er den Helden schlug. Da wehrte sich ser Alte: · er war auch streitbar genug. Wolfhartens Oheim · ein breites Waffen schwang Auf Hagen von Tronje, · das scharf den Stahl durchdrang: Doch konnt er nicht verwunden · Gunthers Unterthan. Da schlug ihm Hagen wieder · durch einen Harnisch wohlgetan. Als da Meister Hildebrand · die Wunde recht empfand, Besorgt' er größern Schaden · noch von Hagens Hand. Den Schild warf auf den Rücken · Dietrichs Unterthan: Mit der starken Wunde · der Held vor Hagen entrann. Da lebt' auch von allen · den Degen Niemand mehr Als Gunther und Hagen, · die beiden Recken hehr. Mit Blut gieng beronnen · der alte Hildebrand: Er brachte leide Märe, · da er Dietrichen fand. Schwer bekümmert sitzen · sah er da den Mann: Noch größern Leides Kunde · nun der Fürst gewann. Als er Hildebranden · im Panzer sah so roth, Da fragt' er nach der Ursach, · wie ihm die Sorge gebot. „Nun sagt mir, Meister Hildebrand, · wie seid ihr so naß Von dem Lebensblute? · oder wer that euch das? Ihr habt wohl mit den Gästen · gestritten in dem Saal? Ihr ließt es billig bleiben, · wie ich so dringend befahl.“ Da sagt' er seinem Herren: · „Hagen that es mir: Der schlug mir in dem Saale · diese Wunde hier, Als ich von dem Recken · zu wenden mich begann. Kaum daß ich mit dem Leben · noch dem Teufel entrann.“ Da sprach der von Berne: · „Gar recht ist euch geschehen, Da ihr mich Freundschaft hörtet · den Recken zugestehn Und doch den Frieden brachet, · den ich ihnen bot: Wär mirs nicht ewig Schande, · ihr solltets büßen mit dem Tod.“ „Nun zürnt mir, Herr Dietrich, · darob nicht allzusehr: An mir und meinen Freunden · ist der Schade gar zu schwer. Wir wollten Rüdger gerne · tragen aus dem Saal: Das wollten uns nicht gönnen · die, welchen Gunther befahl.“ „O weh mir dieses Leides! · Ist Rüdiger doch todt? Das muß mir sein ein Jammer · vor all meiner Noth. Gotelind die edle · ist meiner Base Kind: O weh der armen Waisen, · die dort zu Bechlaren sind!“ Herzeleid und Kummer · schuf ihm sein Tod: Er hub an zu weinen: · den Helden zwang die Noth. „O weh der treuen Hülfe, · die mir an ihm erlag, König Etzels Degen, · den ich nie verschmerzen mag. „Könnt ihr mir, Meister Hildebrand, · rechte Kunde sagen, Wie der Recke heiße, · der ihn hat erschlagen?“ Er sprach „Das that mit Kräften · der starke Gernot; Von Rüdigers Händen · fand auch der König den Tod.“ Er sprach zu Hilbranden: · „So sagt den Meinen an, Daß sie alsbald sich waffnen, · so geh ich selbst hinan. Und befehlt, daß sie mir bringen · mein lichtes Streitgewand: Ich selber will nun fragen · die Helden aus Burgundenland.“ Da sprach Meister Hildebrand: · „Wer soll mit euch gehn? Die euch am Leben blieben, · die seht ihr vor euch stehn: Das bin ich ganz alleine; · die Andern die sind todt.“ Da erschrak er dieser Märe, · es schuf ihm wahrhafte Noth, Daß er auf Erden nimmer · noch solches Leid gewann. Er sprach: „Und sind erstorben · all Die mir unterthan, So hat mein Gott vergeßen, · ich, armer Dietrich! Ich herrscht' ein mächtger König · einst hehr und gewaltiglich.“ Wieder sprach da Dietrich: · „Wie könnt es nur geschehn, Daß sie all erstarben, · die Helden ausersehn, Vor den Streitmüden, · die doch gelitten Noth? Mein Unglück schufs alleine, · sonst verschonte sie der Tod! „Wenn dann mein Unheil wollte, · es sollte sich begeben, So sprecht, blieb von den Gästen · Einer noch am Leben?“ Da sprach Meister Hildebrand: · „Das weiß Gott, Niemand mehr Als Hagen ganz alleine · und Gunther der König hehr.“ „O weh, lieber Wolfhart, · und hab ich dich verloren, So mag mich bald gereuen, · daß ich je ward geboren. Siegstab und Wolfwein · und auch Wolfbrand: Wer soll mir denn helfen · in der Amelungen Land? „Helferich der kühne, · und ist mir der erschlagen, Gerbart und Wichard, · wann hör ich auf zu klagen? Das ist aller Freuden · mir der letzte Tag. O weh, daß vor Leide · Niemand doch ersterben mag!“ 39. Neununddreißigstes Abenteuer. Wie Gunther, Hagen und Kriemhild erschlagen wurden. .