# Das Nibelungenlied ## 37. Siebenunddreißigstes Abenteuer. Wie Rüdiger erschlagen ward. Die Heimathlosen hatten · am Morgen viel gethan. Der Gemahl Gotlindens · kam zu Hof heran Und sah auf beiden Seiten · des großen Leids Beschwer: Darüber weinte inniglich · der getreue Rüdiger. „O weh, daß ich das Leben,“ · sprach der Held, „gewann Und diesem großen Jammer · nun Niemand wehren kann. So gern ich Frieden schüfe, · der König gehts nicht ein, Da ihm das Unheil stärker, · immer stärker bricht herein.“ Zu Dietrichen sandte · der gute Rüdiger, Ob sie's noch könnten wenden · von den Köngen hehr? Da entbot ihm Der von Berne: · „Wer möcht ihm widerstehn? Es will der König Etzel · keine Sühne mehr sehn.“ Da sah ein Heunenrecke · Rüdigern da stehn Mit weinenden Augen, · wie er ihn oft gesehn. Er sprach zu der Königin: · „Nun seht, wie er da steht Den ihr und König Etzel · vor allen Andern habt erhöht „Und dem doch alles dienet, · die Leute wie das Land. Wie sind so viel der Burgen · an Rüdigern gewandt, Deren er so manche · von dem König haben mag! Er schlug in diesen Stürmen · noch keinen löblichen Schlag. „Mich dünkt, ihn kümmert wenig, · was hier mit uns geschieht, Wenn er nach seinem Willen · bei sich die Fülle sieht. Man rühmt, er wäre kühner, · als Jemand möge sein: Das hat uns schlecht bewiesen · in dieser Noth der Augenschein.“ Mit traurigem Muthe · der vielgetreue Mann, Den er so reden hörte, · den Heunen sah, er an. Er dachte: „Das entgiltst du; · du sagst, ich sei verzagt: Da hast du deine Mären · zu laut bei Hofe gesagt.“ Er zwang die Faust zusammen: · da lief er ihn an Und schlug mit solchen Kräften · den Heunischen Mann, Daß er ihm vor die Füße · niederstürzte todt. Da war gemehrt aufs Neue · dem König Etzel die Noth. „Fahr hin, verzagter Bösewicht,“ · sprach da Rüdiger, „Ich hatte doch des Leides · genug und der Beschwer. Daß ich hier nicht fechte, · was rügst du mir das? Wohl trüg auch ich den Gästen · mit Grunde feindlichen Hass, „Und alles, was ich könnte, · thät ich ihnen an, Hätt ich nicht hieher geführt · Die Gunthern unterthan. Ich war ihr Geleite · in meines Herren Land: Drum darf sie nicht bestreiten · meine unselge Hand.“ Da sprach zum Markgrafen · Etzel der König hehr: „Wie habt ihr uns geholfen, · viel edler Rüdiger! Wir hatten doch der Todten · so viel in diesem Land, Daß wir nicht mehr bedurften: mit Unrecht schlug ihn eure Hand.“ Da sprach der edle Ritter: · „Er beschwerte mir den Muth Und hat mir bescholten · die Ehre wie das Gut, Des ich aus deinen Händen · so große Gaben nahm, Was nun dem Lügenbolde · übel auch zu Statten kam.“ Da kam die Königstochter, · die hatt es auch gesehn, Was von des Helden Zorne · dem Heunen war geschehn. Sie beklagt' es ungefüge, · ihre Augen wurden naß. Sie sprach zu Rüdigern: · Wie verdienten wir das, „Daß ihr mir und dem König · noch mehrt unser Leid? Ihr habt uns, edler Rüdiger, · verheißen allezeit, Ihr wolltet für uns wagen · die Ehre wie das Leben; Auch hört ich viel der Recken · den Preis des Muthes euch geben.“ „Ich mahn euch nun der Treue, · die mir schwur eure Hand, Da ihr mir zu Etzeln riethet, · Ritter auserkannt, Daß ihr mir dienen wolltet · bis an unsern Tod. Des war mir armen Weibe · noch niemals so bitter Noth.“ „Das kann ich nicht läugnen, · ich schwur euch, Königin, Die Ehre wie das Leben · gäb ich für euch dahin: Die Seele zu verlieren · hab ich nicht geschworen. Zu diesem Hofgelage · bracht ich die Fürsten wohlgeboren.“ Sie sprach: „Gedenke, Rüdiger, · der hohen Eide dein Von deiner stäten Treue, · wie du den Schaden mein Immer wolltest rächen · und wenden all mein Leid.“ Der Markgraf entgegnete: „Ich war euch stäts zu Dienst bereit.“ Etzel der reiche · hub auch zu flehen an. Da warfen sie sich beide · zu Füßen vor den Mann. Den guten Markgrafen · man da in Kummer sah; Der vielgetreue Recke · jammervoll begann er da: „O weh mir Unselgem, · muß ich den Tag erleben! Aller meiner Ehren · soll ich mich nun begeben, Aller Zucht und Treue, · die Gott mir gebot; O weh, Herr des Himmels, · daß mirs nicht wenden will der Tod! „Welches ich nun laße, · das Andre zu begehn, So ist doch immer übel · und arg von mir geschehn. Was ich thu und laße, · so schilt mich alle Welt. Nun möge mich erleuchten, · der mich dem Leben gesellt!“ Da baten ihn so dringend · der König und sein Weib, Daß bald viel Degen musten · Leben und Leib Von Rüdgers Hand verlieren · und selbst Der Held erstarb. Nun mögt ihr bald vernehmen, · welchen Jammer er erwarb. Er wuste wohl nur Schaden · und Leid sei sein Gewinn. Er hätt es auch dem König · und der Königin Gern versagen wollen: · der Held besorgte sehr, Erschlug er ihrer Einen, · daß er der Welt ein Greuel wär. Da sprach zu dem Könige · dieser kühne Mann: „Herr Etzel, nehmt zurücke, · was ich von euch gewann, Das Land mit den Burgen; · bei mir soll nichts bestehn: Ich will auf meinen Füßen · hinaus in das Elend gehn. „Alles Gutes ledig · räum ich euer Land, Mein Weib und meine Tochter · nehm ich an die Hand, Eh ich so ohne Treue · entgegen geh dem Tod: Das hieß' auf üble Weise · verdienen euer Gold so roth.“ Da sprach der König Etzel: · „Wer aber hülfe mir? Mein Land mit den Leuten, · das alles geb ich dir, Daß du mich rächest, Rüdiger, · an den Feinden mein: Du sollst neben Etzeln · ein gewaltger König sein.“ Da sprach wieder Rüdiger: · „Wie dürft ich ihnen schaden? Heim zu meinem Hause · hab ich sie geladen; Trinken und Speise · ich ihnen gütlich bot, Dazu meine Gabe; · und soll ich sie nun schlagen todt? „Die Leute mögen wähnen, · ich sei zu verzagt. Keiner meiner Dienste · war ihnen je versagt: Sollt ich sie nun bekämpfen, · das wär nicht wohl gethan. So reute mich die Freundschaft, · die ich an ihnen gewann. „Geiselher dem Degen · gab ich die Tochter mein: Sie konnt auf Erden nimmer · beßer verwendet sein, Seh ich auf Zucht und Ehre, · auf Treu oder Gut. Nie ein so junger König · trug wohl tugendreichern Muth.“ Da sprach wieder Kriemhild: · „Viel edler Rüdiger, Nun laß dich erbarmen · unsres Leids Beschwer, Mein und auch des Königs; · gedenke wohl daran, Daß nie ein Wirth auf Erden · so leide Gäste gewann.“ Da begann der Markgraf · zu der Köngin hehr: „Heut muß mit dem Leben · entgelten Rüdiger, Was ihr und der König · mir Liebes habt gethan: Dafür muß ich sterben, · es steht nicht länger mehr an. „Ich weiß, daß noch heute · meine Burgen und mein Land Euch ledig werden müßen · von dieser Helden Hand. So befehl ich euch auf Gnade · mein Weib und mein Kind Und all die Heimathlosen, · die da zu Bechlaren find.“ „Nun lohne Gott dir, Rüdiger!“ · der König sprach da so; Er und die Königin, · sie wurden beide froh. „Uns seien wohlbefohlen · alle Leute dein; Auch trau ich meinem Heile, · du selber werdest glücklich sein.“ Da setzt' er auf die Wage · die Seele wie den Leib. Da begann zu weinen · König Etzels Weib. Er sprach: „Ich muß euch halten · den Eid, den ich gethan. O weh meiner Freunde! · wie ungern greif ich sie an.“ Man sah ihn von dem König · hinweggehn trauriglich. Da fand er seine Recken · nahe stehn bei sich: Er sprach: „Ihr sollt euch waffnen, · ihr All in meinem Lehn: Die kühnen Burgunden · muß ich nun leider bestehn.“ Nach den Gewaffen riefen · die Helden allzuhand, Ob es Helm wäre · oder Schildesrand, Von dem Ingesinde · ward es herbeigetragen. Bald hörten leide Märe · die stolzen Fremdlinge sagen. Gewaffnet ward da Rüdiger · mit fünfhundert Mann; Darüber zwölf Recken · zu Hülf er sich gewann. Sie wollten Preis erwerben · in des Sturmes Noth: Sie wusten nicht die Märe, · wie ihnen nahe der Tod. Da sah man unterm Helme · den Markgrafen gehn. Scharfe Schwerter trugen · Die in Rüdgers Lehn, Dazu vor den Händen · die lichten Schilde breit. sah der Fiedelspieler: · dem war es ohne Maßen leid. Da sah der junge Geiselher · seinen Schwäher gehn Mit aufgebundnem Helme. · Wie mocht er da verstehn, Wie er damit es meine, · es sei denn treu und gut? Da gewann der edle König · von Herzen fröhlichen Muth. „Nun wohl mir solcher Freunde,“ · sprach da Geiselher, „Wie wir gewonnen haben · auf der Fahrt hieher. Meines Weibes willen · ist uns Hülfe nah: Lieb ist mir, meiner Treue, · daß diese Heirath geschah.“ „Wes ihr euch wohl tröstet“ · sprach der Fiedelmann: „Wann saht ihr noch zur Sühne · so viel der Helden nahn Mit aufgebundnen Helmen, · die Schwerter in der Hand? Er will an uns verdienen · seine Burgen und sein Land.“ Eh der Fiedelspieler · die Rede sprach vollaus, Den edeln Markgrafen · sah man schon vor dem Haus. Seinen Schild den guten · setzt' er vor den Fuß: Da must er seinen Freunden · versagen dienstlichen Gruß. Rüdiger der edle · rief da in den Saal: „Ihr Kühnen Nibelungen, · nun wehrt euch allzumal. Ihr solltet mein genießen, · ihr entgeltet mein: Wir waren ehmals Freunde: · der Treue will ich ledig sein.“ Da erschraken dieser Märe · die Nothbedrängten Schwer. Ihnen war der Trost entsunken, · den sie gewähnt vorher, Da sie bestreiten wollte, · dem Jeder Liebe trug. Sie hatten von den Feinden · schon Leid erfahren genug. „Das verhüte Gott vom Himmel!“ · sprach Gunther der Degen, „Daß ihr eurer Freundschaft, trätet so entgegen Und der großen Treue, · darauf uns sann der Muth: Ich will euch wohl vertrauen, · daß ihr das nimmermehr tuth. „Es ist nicht mehr zu wenden,“ · sprach der kühne Mann: „Ich muß mit euch streiten, · wie ich den Schwur gethan. Nun wehrt euch, kühne Degen, · wenn euch das Leben werth, Da mir die Königstochter · nicht andre Willkür gewährt.“ „Ihr widersagt uns nun zu spät,“ · sprach der König hehr. „Nun mög euch Gott vergelten, · viel edler Rüdiger, Die Treu und die Liebe, · die ihr uns habt gethan, Wenn ihr bis ans Ende · auch halten wolltet daran. „Wir wollen stäts euch danken, · was ihr uns habt gegeben, Ich und meine Freunde, · laßet ihr uns leben, Der herrlichen Gaben, · als ihr uns brachtet her In Etzels Land mit Treue: · des gedenket, edler Rüdiger.“ „Wie gern ich euch das gönnte,“ · sprach Rüdiger der Degen, „Daß ich euch meiner Gabe · die Fülle dürfte wägen Nach meinem Wohlgefallen; · wie gerne that ich das, So es mir nicht erwürbe · der edeln Königin Haß!“ „Laßt ab, edler Rüdiger,“ · sprach wieder Gernot, „Nie ward ein Wirth gefunden, · der es den Gästen bot So freundlich und so gütlich, · als uns von euch geschehn. Des sollt ihr auch genießen, · so wir lebendig entgehn.“ „Das wollte Gott,“ sprach Rüdiger, · „viel edler Gernot, „Daß ihr am Rheine wäret, · und ich wäre todt. So rettet' ich die Ehre, · da ich euch soll bestehn! Es ist noch nie an Degen · von Freunden übler geschehn.“ „Nun lohn euch Gott, Herr Rüdiger,“ · sprach wieder Gernot, „Eurer reichen Gabe. · Mich jammert euer Tod, Soll an euch verderben · so tugendlicher Muth. Hier trag ich eure Waffe, · die ihr mir gabet, Degen gut. „Sie hat mir noch nie versagt · in all dieser Noth: Es fiel vor ihrer Schärfe · mancher Ritter todt. Sie ist stark und lauter, · herrlich und gut: Gewiss, so reiche Gabe · kein Recke je wieder thut. „Und wollt ihr es nicht meiden · und wollt ihr uns bestehn, Erschlagt ihr mir die Freunde, · die hier noch bei mir stehn, Mit euerm Schwerte nehm ich · Leben euch und Leib. So reut ihr mich, Rüdiger, · und euer herrliches Weib.“ „Das wolle Gott, Herr Gernot, · und möcht es geschehn, Daß hier nach euerm Willen · Alles könnt ergehn Und euern Freunden bleiben · Leben möcht und Leib, Euch sollten wohl vertrauen · meine Tochter und mein Weib.“ Da sprach von Burgunden · der schönen Ute Kind: „Wie thut ihr so, Herr Rüdiger? · Die mit mir kommen sind, Die sind euch all gewogen; · ihr greift übel zu: Eure schöne Tochter · wollt ihr verwitwen allzufruh. „Wenn ihr und eure Recken · mich wollt im Streit bestehn, Wie wär das unfreundlich, · wie wenig ließ' es sehn, Daß ich euch vertraute · vor jedem andern Mann, Als ich eure Tochter · mir zum Weibe gewann.“ „Gedenkt eurer Treue,“ · sprach da Rüdiger. Und schickt euch Gott von hinnen, · viel edler König hehr, „So laßt es nicht entgelten · die liebe Tochter mein: Bei aller Fürsten Tugend · geruht ihr gnädig zu sein.“ „So sollt ichs billig halten,“ · sprach Geiselher das Kind; „Doch meine hohen Freunde, · die noch im Saal hier sind, Wenn die von euch ersterben, · so muß geschieden sein Diese stäte Freundschaft · zu dir und der Tochter dein.“ „Nun möge Gott uns gnaden,“ · sprach der kühne Mann. Da hoben sie die Schilde · und wollten nun hinan Zu streiten mit den Gästen · in Kriemhildens Saal. Laut rief da Hagen · von der Stiege her zu Thal: „Verzieht noch eine Weile, · viel edler Rüdiger,“ Also sprach da Hagen: · „wir reden erst noch mehr, Ich und meine Herren, · wie uns zwingt die Noth. Was hilft es Etzeln, finden · wir in der Fremde den Tod? „Ich steh in großen Sorgen,“ · sprach wieder Hagen, „Der Schild, den Frau Gotlind · mir gab zu tragen, Den haben mir die Heunen · zerhauen vor der Hand; Ich bracht ihn doch in Treuen · her in König Etzels Land. „Daß es Gott vom Himmel · vergönnen wollte, Daß ich so guten Schildrand · noch tragen sollte, Als du hast vor den Händen, · viel edler Rüdiger: So bedürft ich in dem Sturme · keiner Halsberge mehr.“ „Wie gern wollt ich dir dienen · mit meinem Schilde, Dürft ich dir ihn bieten · vor Kriemhilde. Doch nimm ihn hin, Hagen, · und trag ihn an der Hand: Hei! dürftest du ihn führen · heim in der Burgunden Land!“ Als er den Schild so willig · zu geben sich erbot, Die Augen wurden Vielen · von heißen Thränen roth. Es war Die letzte Gabe: · es dürft hinfort nicht mehr Einem Degen Gabe bieten · von Bechlaren Rüdiger. Wie grimmig auch Hagen, · wie hart auch war sein Muth, Ihn erbarmte doch die Gabe, · die der Degen gut So nah seinem Ende · noch hatt an ihn gethan. Mancher edle Ritter · mit ihm zu trauern begann. „Nun lohn euch Gott im Himmel, · viel edler Rüdiger. Es wird eures Gleichen · auf Erden nimmermehr, Der heimathlosen Degen · so milde Gabe gebe. So möge Gott gebieten, · daß eure Milde immer lebe.“ „O weh mir dieser Märe,“ · sprach wieder Hagen. „Wir hatten Herzensschwere · schon so viel zu tragen: Das müße Gott erbarmen, · gilts uns mit Freunden Streit!“ Da sprach der Markgraf wieder: · „Das ist mir inniglich leid.“ „Nun lohn ich euch die Gabe, · viel edler Rüdiger: Was euch auch widerfahre · von diesen Recken hehr, Es soll euch nicht berühren · im Streit meine Hand, Ob ihr sie all erschlüget · Die von der Burgunden Land.“ Da neigte sich ihm dankend · der gute Rüdiger. Die Leute weinten alle: · Daß nicht zu wenden mehr Dieser Herzensjammer, · das war zu große Noth. Der Vater aller Tugend · fand an Rüdiger den Tod. Da sprach von der Stiege · Volker der Fiedelmann: „Da mein Geselle Hagen · euch trug den Frieden an, So biet ich auch so stäten · euch von meiner Hand. Das habt ihr wohl verdient an uns, · da wir kamen in das Land. „Viel edler Markgraf, · mein Bote werdet hier: Diese rothen Spangen · gab Frau Gotlinde mir, Daß ich sie tragen sollte · bei dieser Lustbarkeit: Ich thu es, schauet selber, · daß ihr des mein Zeuge seid.“ „Wollt es Gott vom Himmel,“ · sprach da Rüdiger, „Daß euch die Markgräfin · noch geben dürfte mehr. Die Märe sag ich gerne · der lieben Trauten mein, Seh ich gesund sie wieder: · Des sollt ihr außer Zweifel sein.“ Nach diesem Angeloben · Den Schild hob Rüdiger, Sein Muth begann zu toben: · nicht länger säumt' er mehr. Auf lief er zu den Gästen · wohl einem Recken gleich. Viel kraftvolle Schläge · schlug da dieser Markgraf reich. Volker und Hagen · traten beiseit, Wie ihm verheißen hatten · die Degen allbereit. Noch traf er bei den Thüren · so manchen Kühnen an, Daß Rüdiger die Feindschaft · mit großen Sorgen begann. Aus Mordbegierde ließen · ihn ins Haus hinein Gernot und Gunther; · das mochten Helden sein. Zurück wich da Geiselher: · fürwahr, es war ihm leid; Er versah sich noch des Lebens, · drum mied er Rüdigern im Streit. Da sprangen zu den Feinden · Die in Rüdgers Lehn. Hinter ihrem Herren · sah man sie kühnlich gehn. Schneidende Waffen · trugen sie an der Hand: Da zerbrachen viel der Helme · und mancher herrliche Rand. Da schlugen auch die Müden · noch manchen schnellen Schlag Auf die von Bechlaren, · der tief und eben brach Durch die festen Panzer · und drang bis auf das Blut. Sie frommten in dem Sturme · viel Wunder herrlich und gut. Das edle Heergesinde · war alle nun im Saal. Volker und Hagen · die sprangen hin zumal: Sie gaben Niemand Frieden · als dem Einen Mann. Das Blut von ihren Hieben · von den Helmen niederrann. Wie da der Schwerter Tosen · so grimmig erklang, Daß unter ihren Schlägen · das Schildgespänge sprang! Die Schildsteine rieselten · getroffen in das Blut. Da fochten sie so grimmig, · wie man es nie wieder thut. Der Vogt von Bechlaren · schuf hin und her sich Bahn, Wie Einer der mit Ungestüm · im Sturme werben kann. Des Tages ward an Rüdiger · herrlich offenbar, Daß er ein Recke wäre, · kühn und ohne Tadel gar. Hier standen diese Recken, · Gunther und Gernot, Sie schlugen in dem Streite · viel der Helden todt. Geiselhern und Dankwart · am Heile wenig lag: Da brachten sie noch Manchen · hin zu seinem jüngsten Tag. Wohl erwies auch Rüdiger, · daß er stark war genug, Kühn und wohl gewaffnet: · hei, was er Helden schlug! Das sah ein Burgunde, · da schuf der Zorn ihm Noth: Davon begann zu nahen · des edeln Rüdiger Tod. Gernot der starke · rief den Helden an. Er sprach zum Markgrafen: · „Ihr wollt mir keinen Mann Der Meinen leben laßen, · viel edler Rüdiger. Das schmerzt mich ohne Maßen: · ich ertrag es nicht länger mehr. „Nun mag euch eure Gabe wohl · zu Unstatten kommen, Da ihr mir der Freunde · habt so viel genommen. Nun bietet mir die Stirne, · ihr edler kühner Mann: So verdien ich eure Gabe, · so gut ich immer nur kann.“ Bevor da der Markgraf · zu ihm gedrungen war. Ward noch getrübt vom Blute · manch lichter Harnisch klar. Da liefen sich einander · die Ehrbegiergen an: jedweder sich zu schirmen · vor starken Wunden begann. Doch schnitten ihre Schwerter, · es schützte nichts dagegen. Da schlug den König Gernot · Rüdiger der Degen Durch den steinharten Helm, · daß niederfloß das Blut: Das vergalt alsbald ihm · dieser Ritter kühn und gut. Hoch schwang er Rüdgers Gabe, · die in der Hand ihm lag; Wie wund er war zum Tode, · er schlug ihm einen Schlag Auf des Helmes Bänder · und durch den festen Schild, Davon ersterben muste · der gute Rüdiger mild. So reicher Gabe übler · gelohnt ward nimmermehr. Da fielen beid erschlagen, · Gernot und Rüdiger, Im Sturm gleichermaßen · von beider Kämpfer Hand. Da erst ergrimmte Hagen, · als er den großen Schaden fand. Da sprach der Held von Tronje: · „Es ist uns schlimm bekommen. So großen Schaden haben wir · an den Zwein genommen, Daß wir ihn nie verwinden, · ihr Volk noch ihr Land. Uns Heimathlosen bleiben · nun Rüdgers Helden zu Pfand.“ Da wollte Keiner weiter · dem Andern was vertragen: Mancher ward darnieder · unverletzt geschlagen, Der wohl noch wär genesen: · ob ihm war solcher Drang, Wie heil er sonst gewesen, · daß er im Blute doch ertrank. „Weh mir um den Bruder! · der fiel hier in den Tod. Was mir zu allen Stunden · für leide Märe droht! Auch muß mich immer reuen · mein Schwäher Rüdiger: Der Schad ist beidenthalben · und großen Jammers Beschwer.“ Als der junge Geiselher · sah seinen Bruder todt, Die noch im Saale waren, · die musten leiden Noth. Der Tod suchte eifrig, · wo sein Gesinde wär: Deren von Bechelaren · entgieng kein Einziger mehr. Gunther und Hagen · und auch Geiselher, Dankwart und Volker, · die guten Degen hehr, Die giengen zu der Stelle, · wo man sie liegen fand: Wie jämmerlich da weinten · diese Helden auserkannt! „Der Tod beraubt uns übel,“ · sprach Geiselher das Kind. „Nun laßt euer Weinen · und gehn wir an den Wind, Daß sich die Panzer kühlen · uns streitmüden Degen: Es will nicht Gott vom Himmel, · daß wir länger leben mögen.“ Den sitzen, den sich lehnen · sah man manchen Mann. Sie waren wieder müßig. · Die Rüdgern unterthan Waren all erlegen; · verhaßt war das Getos. So lange blieb es stille, · daß es Etzeln verdroß. „O weh dieses Leides!“ · sprach die Königin. „Sie sprechen allzulange; · unsre Feinde drin Mögen wohl heil verbleiben · vor Rüdigers Hand: Er will sie wiederbringen · heim in der Burgunden Land. „Was hilfts, König Etzel, · daß wir an ihn vertan, Was er nur begehrte? · Er that nicht wohl daran: Der uns rächen sollte, · der will der Sühne pflegen.“ Da gab ihr Volker Antwort, · dieser zierliche Degen: „Dem ist nicht also leider, · viel edel Königsweib. Und dürft ich Lügen strafen · ein so hehres Weib, So hättet ihr recht teuflisch · Rüdigern verlogen. Er und seine Degen · sind um die Sühne gar betrogen. „So williglich vollbracht er, · was ihm sein Herr gebot, Daß er und sein Gesinde · hier fielen in den Tod. Nun seht euch um, Frau Kriemhild, · wem ihr gebieten wollt: Euch war bis an sein Ende · Rüdiger getreu und hold. „Wollt ihr mir nicht glauben, · so schaut es selber an.“ Zu ihrem Herzeleide · ward es da gethan: Man trug ihn hin erschlagen, · wo ihn der König sah. König Etzels Mannen · wohl nimmer leider geschah. Da sie den Markgrafen · todt sahn vor sich tragen, Da vermöcht euch kein Schreiber · zu schildern noch zu sagen Die ungebärdge Klage · so von Weib als Mann, Die sich aus Herzensjammer · da zu erzeigen begann. König Etzels Jammern · war so stark und voll, Wie eines Löwen Stimme · dem reichen König scholl Der Wehruf der Klage; · auch ihr schufs große Noth; Sie weinten übermäßig · um des guten Rüdger Tod. 38. Achtunddreißigstes Abenteuer. Wie Dietrichens Recken alle erschlagen wurden. .