Gottfried August Bürger u.a.: Des Freyherrn von Münchhausen Wunderbare Reisen 6. Fünftes See-Abentheuer. Nach Endigung der ägyptischen Reisegeschichte wollte der Baron aufbrechen und zu Bette gehen, gerade als die erschlaffende Aufmerksamkeit jedes Zuhörers bey Erwähnung des Großherrlichen Harems in neue Spannung gerieth. Sie hätten gar zu gern noch etwas von dem Harem gehört. Da aber der Baron sich durchaus nicht darauf einlassen und gleichwohl der mit Bitten auf ihn losstürmenden muntern Zuhörerschaft nicht alles abschlagen wollte, so gab er noch einige Stückchen seiner merkwürdigen Dienerschaft zum Besten und fuhr in seiner Erzählung also fort. Bey dem Groß-Sultan galt ich seit meiner ägyptischen Reise alles in allem. Seine Hoheit konnten gar ohne mich nicht leben und baten mich jeden Mittag und Abend bey sich zum Essen. Ich muß bekennen, meine Herren, daß der türkische Kaiser unter allen Potentaten auf Erden den delicatesten Tisch führet. Jedoch ist dieß nur von den Speisen, nicht aber von dem Getränke zu verstehen, da, wie Sie wissen werden, Mahomets Gesetz seinen Anhängern den Wein verbietet. Auf ein gutes Glas Wein muß man also an öffentlichen türkischen Tafeln Verzicht thun. Was indessen gleich nicht öffentlich geschieht, das geschieht doch nicht selten heimlich; und des Verbots ungeachtet, weiß mancher Türk so gut, als der beste deutsche Prälat, wie ein gutes Glas Wein schmeckt. Das war nun auch der Fall mit Seiner türkischen Hoheit. Bey der öffentlichen Tafel, an welcher gewöhnlich der türkische General-Superintendent, nämlich der Mufti, [in partem Salarii] mit speisete und vor Tische das: Aller Augen — nach Tische aber das [Gratias] beten mußte, wurde des Weines auch nicht mit einer einzigen Sylbe gedacht. Nach aufgehobener Tafel aber wartete auf Seine Hoheit gemeiniglich ein gutes Fläschchen im Cabinette. Einst gab der Großsultan mir einen verstohlenen freundlichen Wink, ihm in sein Cabinett zu folgen. Als wir uns nun daselbst eingeschlossen hatten, hohlte er aus einem Schränkchen eine Flasche hervor, und sprach: „Münchhausen, ich weiß ihr Christen versteht euch auf ein gutes Glas Wein. Da habe ich noch ein einziges Fläschchen Tockaier. So delicat müßt ihr ihn in euerm Leben nicht getrunken haben.“ Hierauf schenkten Seine Hoheit sowohl mir als sich eins ein und stießen mit mir an. „— Nun was sagt Ihr? Gelt! es ist was extra feines?“ — „Das Weinchen ist gut, Ihro Hoheit, erwiederte ich; allein mit Ihrem Wohlnehmen muß ich doch sagen, daß ich ihn in Wien beym Hochseligen Kaiser Carl dem sechsten weit besser getrunken habe. Potz Stern! den sollten Ihro Hoheit einmal versuchen.“ Freund Münchhausen, euer Wort in Ehren! Allein es ist unmöglich, daß irgend ein Tockaier besser sey. Denn ich bekam einst nur dieß eine Fläschchen von einem Ungarischen Cavalier und er that ganz verzweifelt rar damit.“ — „Possen, Ihro Hoheit! Tockaier und Tockaier ist ein großmächtiger Unterschied. Die Herren Ungarn überschenken sich eben nicht. Was gilt die Wette, so schaffe ich Ihnen in Zeit von einer Stunde gerades Weges und unmittelbar aus dem Kaiserlichen Keller eine Flasche Tockaier, die aus ganz andern Augen sehen soll.“ — „Münchhausen, ich glaube ihr faselt.“ — „Ich fasele nicht. Gerades Weges aus dem Kaiserlichen Keller in Wien schaffe ich Ihnen in Zeit von einer Stunde eine Flasche Tockaier von einer ganz andern Nummer, als dieser Krätzer hier.“ — „Münchhausen, Münchhausen! Ihr wollt mich zum Besten haben und das verbitte ich mir. Ich kenne euch zwar sonst als einen überaus wahrhaften Mann, allein — jetzt sollte ich doch fast denken, Ihr flunkertet.“ — „Ey nun, Ihro Hoheit! Es kommt ja auf die Probe an. Erfülle ich nicht mein Wort — denn von allen Aufschneidereyen bin ich der abgesagteste Feind — so lassen Ihro Hoheit mir den Kopf abschlagen. Allein mein Kopf ist kein Pappenstiel. Was setzen Sie mir dagegen?“ — „Top! Ich halte euch beym Worte. Ist auf den Schlag Vier nicht die Flasche Tockaier hier, so kostets euch ohne Barmherzigkeit den Kopf. Denn foppen lasse ich mich auch von meinen besten Freunden nicht. Besteht ihr aber, wie Ihr versprecht, so könnet ihr aus meiner Schatzkammer so viel an Gold, Silber, Perlen und Edelgesteinen nehmen, als der stärkste Kerl davon zu schleppen vermag.“ — „Das läßt sich hören!“ antwortete ich, bat mir gleich Feder und Dinte aus und schrieb an die Kaiserinn-Königinn Maria Theresia folgendes Billet: „Ihre Majestät haben ohnstreitig als Universal-Erbinn auch Ihres Höchstseligen Herren Vaters Keller mitgeerbt. Dürfte ich mir wohl durch Vorzeigern dieses eine Flasche von dem Tockaier ausbitten, wie ich ihn bey Ihrem Herren Vater oft getrunken habe? Allein von dem Besten! Denn es gilt eine Wette. Ich diene gern dafür wieder, wo ich kann, und beharre übrigens u._s._w.“ Dieß Billet gab ich, weil es schon fünf Minuten über drey Uhr war, nur sogleich offen meinem Läufer, der seine Gewichte abschnallen und sich unverzüglich auf die Beine nach Wien machen mußte. Hierauf tranken wir, der Großsultan und ich, den Rest von seiner Flasche in Erwartung des bessern vollends aus. Es schlug ein Viertel, es schlug Halb, es schlug drey Viertel auf Vier, und noch war kein Läufer zu hören und zu sehen. Nach gerade, gestehe ich, fing mir an ein wenig schwul zu werden; denn es kam mir vor, als blickten Seine Hoheit schon bisweilen nach der Glockenschnur, um nach dem Scharfrichter zu klingeln. Noch erhielt ich zwar Erlaubniß, einen Gang hinaus in den Garten zu thun, um frische Luft zu schöpfen, allein es folgten mir auch schon ein Paar dienstbare Geister nach, die mich nicht aus den Augen ließen. In dieser Angst, und als der Zeiger schon auf fünf und funfzig Minuten stand, schickte ich noch geschwind nach meinem Horcher und Schützen. Sie kamen unverzüglich an, und der Horcher mußte sich platt auf die Erde niederlegen, um zu hören, ob nicht mein Laufer endlich ankäme. Zu meinem nicht geringen Schrecken meldete er mir, daß der Schlingel irgendwo, allein weit weg von hier, im tiefsten Schlafe läge und aus Leibeskräften schnarchte. Dieß hatte mein braver Schütze nicht sobald gehört, als er auf eine etwas hohe Terrasse lief und, nachdem er sich auf seinen Zehen noch mehr empor gereckt hatte, hastig ausrief: „Bey meiner armen Seele! Da liegt der Faulenzer unter einer Eiche bey Belgrad und die Flasche neben ihm. Wart! Ich will dich aufkitzeln.“ — Und hiermit legte er unverzüglich seine Kuchenreutersche Flinte an den Kopf und schoß die volle Ladung oben in den Wipfel des Baumes. Ein Hagel von Eicheln, Zweigen und Blättern fiel herab auf den Schläfer, erweckte und brachte ihn, da er selbst fürchtete, die Zeit beynahe verschlafen zu haben, dermaßen geschwind auf die Beine, daß er mit seiner Flasche und einem eigenhändigen Billet von Maria Theresia, um 59½ Minuten auf vier Uhr vor des Sultans Cabinette anlangte. Das war ein Gaudium! Ey, wie schlürfte das Großherrliche Leckermaul! — „Münchhausen, sprach er, Ihr müßt es mir nicht übel nehmen, wenn ich diese Flasche für mich allein behalte. Ihr steht zu Wien besser, als ich; Ihr werdet schon an noch mehr zu kommen wissen.“ — Hiermit schloß er die Flasche in sein Schränkchen, steckte den Schlüssel in die Hosentasche, und klingelte nach dem Schatzmeister. — O welch ein angenehmer Silberton meinen Ohren! — „Ich muß euch nun die Wette bezahlen. — Hier! — sprach er zum Schatzmeister, der ins Zimmer trat, laßt meinem Freunde Münchhausen so viel aus der Schatzkammer verabfolgen, als der stärkste Kerl wegzutragen vermag.“ Der Schatzmeister neigte sich vor seinem Herrn bis mit der Nase zur Erde, mir aber schüttelte der Großsultan ganz treuherzig die Hand, und so ließ er uns beyde gehn. Ich säumte nun, wie Sie denken können, meine Herren, keinen Augenblick, die erhaltene Assignation geltend zu machen, ließ meinen Starken mit seinem langen hänfenen Stricke kommen und verfügte mich in die Schatzkammer. Was da mein Starker, nachdem er sein Bündel geschnürt hatte, übrig ließ, das werden Sie wohl schwehrlich hohlen wollen. Ich eilte mit meiner Beute gerades Weges nach dem Hafen, nahm dort das größte Lastschiff, das zu bekommen war, in Beschlag, und ging wohlbepackt mit meiner ganzen Dienerschaft unter Segel, um meinen Fang in Sicherheit zu bringen, ehe was widriges dazwischen kam. Was ich befürchtet hatte, das geschah. Der Schatzmeister hatte Thür und Thor von der Schatzkammer offen gelassen — und freylich wars nicht groß mehr nöthig, sie zu verschließen — war über Hals und Kopf zum Großsultan gelaufen und hatte ihm Bericht abgestattet, wie vollkommen wohl ich seine Assignation genutzt hatte. Das war denn nun dem Großsultan nicht wenig vor den Kopf gefahren. Die Reue über seine Uebereilung konnte nicht lange ausbleiben. Er hatte daher gleich dem Großadmiral befohlen, mit der ganzen Flotte hinter mir herzueilen, und mir zu insinuiren, daß wir so nicht gewettet hätten. Als ich daher noch nicht zwey Meilen weit in See war, so sah ich schon die ganze türkische Kriegsflotte mit vollen Segeln hinter mir herkommen, und ich muß gestehen, daß mein Kopf, der kaum wieder fest geworden war, nicht wenig von neuem anfing zu wackeln. Allein nun war mein Windmacher bey der Hand und sprach: „Lassen sich Ihro Excellenz nicht bange seyn!“ Er trat hierauf auf das Hinterverdeck meines Schiffes, so daß sein eines Nasenloch nach der türkischen Flotte, das andere aber auf unsere Segel gerichtet war, und blies eine so hinlängliche Portion Wind, daß die Flotte an Masten, Segel- und Tauwerk gar übel zugerichtet, nicht nur bis in den Hafen zurückgetrieben, sondern auch mein Schiff in wenig Stunden glücklich nach Italien getrieben ward. Von meinem Schatze kam mir jedoch wenig zu gute. Denn in Italien ist, trotz der Ehrenrettung des Herrn Bibliothekar Jagemann in Weimar [[S. deutsches Museum 1786]], Armuth und Betteley so groß und die Polizey so schlecht, daß ich erstlich, weil ich vielleicht eine allzu gutwillige Seele bin, den größten Theil an die Straßenbettler ausspenden mußte. Der Rest aber wurde mir auf meiner Reise nach Rom, auf der geheiligten Flur von Loretto, durch eine Bande Straßenräuber abgenommen. Das Gewissen wird diese Herren nicht sehr darüber beunruhigt haben. Denn ihr Fang war noch immer so ansehnlich, daß um den tausendsten Theil die ganze honette Gesellschaft sowohl für sich, als ihre Erben und Erbnehmen, auf alle vergangene und zukünftige Sünden, vollkommenen Ablaß selbst aus der ersten und besten Hand in Rom dafür erkaufen konnte. — Nun aber, meine Herren, ist in der That mein Schlafstündchen da. Schlafen Sie wohl! 7. Sechstes und letztes See-Abentheuer. .