Gottfried August Bürger u.a.: Des Freyherrn von Münchhausen Wunderbare Reisen 1. Des Freyherrn von Münchhausen Eigene Erzählung. Ich trat meine Reise nach Rußland von Haus ab mitten im Winter an, weil ich ganz richtig schloß, daß Frost und Schnee die Wege durch die nördlichen Gegenden von Deutschland, Pohlen, Kur- und Liefland, welche jeder Reisende, als fast noch elender, wie die nach dem Tempel der Tugend, beschreibet, endlich, ohne besondere Kosten hochpreislicher wohlfürsorgender Landes-Regierungen, ausbessern müßte. Ich reiste zu Pferde, welches, wenn es sonst nur gut um Gaul und Reiter steht, die bequemste Art zu reisen ist. Denn man riskirt alsdann weder mit irgend einem „höflichen“ deutschen Postmeister eine [Affaire d’honneur] zu bekommen, noch von seinem durstigen Postilion vor jede Schenke geschleppt zu werden. Ich war nur leicht bekleidet, welches ich ziemlich übel empfand, jeweiter ich gegen Nordost hin kam. Nun kann man sich einbilden, wie bey so strengem Wetter, unter dem rauhesten Himmelsstriche, einem armen alten Manne zu Muthe seyn mußte, den ich in Pohlen unter einem Haselbusche an der Heerstraße antraf, wie er so hülflos und schaudernd dalag und kaum hatte, womit er seine Schaamblöße bedecken konnte. Der arme Teufel dauerte mich von ganzer Seele. Ob mir nun gleich selbst das Herz im Leibe fror, so warf ich dennoch meinen Reisemantel über ihn her. Plözlich erscholl eine Stimme vom Himmel, die dieses Liebeswerk ganz ausnehmend herausstrich und mir zurief: {Hohl mich der Teufel, mein Sohn, das soll dir nicht unvergolten bleiben!} Ich ließ das gut seyn und ritt weiter, bis Nacht und Dunkelheit mich überfielen. Nirgends war ein Dorf zu hören, noch zu sehn. Das ganze Land lag unter Schnee; und ich wußte weder Weg noch Steg. Des Reitens müde stieg ich endlich ab, und band mein Pferd an eine Art von spitzem Baumstaken, der über dem Schnee hervorragte. Zur Sicherheit nahm ich meine Pistolen unter den Arm, legte mich nicht weit davon in den Schnee nieder und that ein so gesundes Schläfchen, daß mir die Augen nicht eher wieder aufgingen, als bis es heller lichter Tag war. Wie groß war aber mein Erstaunen, als ich fand, daß ich mitten in einem Dorfe auf dem Kirchhofe lag! Mein Pferd war anfänglich nirgends zu sehn; doch hörte ichs bald darauf irgend wo über mir. Als ich nun empor sah, so wurde ich gewahr, daß es an den Wetterhahn des Kirchthurms gebunden war und von da herunter hing. Nun wußte ich sogleich, wie ich dran war. Das Dorf war nehmlich die Nacht über ganz und gar zugeschneyet gewesen; das Wetter hatte sich auf einmal umgesetzt; ich war im Schlafe nach und nach, so wie der Schnee zusammen geschmolzen war, ganz sanft herabgesunken; und was ich in der Dunkelheit für den Stummel eines Bäumchens, der über dem Schnee hervorragte, gehalten, und daran mein Pferd gebunden hatte, das war das Kreuz oder der Wetterhahn des Kirchthurmes gewesen. Ohne mich nun lange zu bedenken, nahm ich eine von meinen Pistolen, schoß nach dem Halfter, kam glücklich auf die Art wieder an mein Pferd und verfolgte meine Reise. Hierauf ging alles gut, bis ich nach Rußland kam, wo es eben nicht Mode ist, des Winters zu Pferde zu reisen. Wie es nun immer meine Maxime ist, mich nach dem bekannten: {ländlich sittlich}, zu richten, so nahm ich dort einen kleinen Rennschlitten auf ein einzelnes Pferd und fuhr wohlgemuth auf St. Petersburg los. Nun weiß ich nicht mehr recht, ob es in Esthland, oder in Ingermanland war, so viel aber besinne ich mich noch wohl, es war mitten in einem fürchterlichen Walde, als ich einen entsetzlichen Wolf, mit aller Schnelligkeit des gefräßigsten Winterhungers hinter mir ansetzen sah. Er hohlte mich bald ein; und es war schlechterdings unmöglich, ihm zu entkommen. Mechanisch legte ich mich platt in den Schlitten nieder und ließ mein Pferd zu unserm beiderseitigen Besten ganz allein agiren. Was ich zwar vermuthete, aber kaum zu hoffen und zu erwarten wagte, das geschah unmittelbar. Der Wolf bekümmerte sich nicht im mindesten um meine Wenigkeit, sondern sprang über mich hinweg, fiel wüthend auf das Pferd, riß ab und verschlang auf einmal den ganzen Hintertheil des armen Thieres, welches vor Schrecken und Schmerz nur desto schneller lief. Wie ich nun auf die Art selbst so unbemerkt und gut davon gekommen war, so erhob ich ganz verstohlen mein Gesicht und nahm mit Entsetzen wahr, daß der Wolf sich beynahe über und über in das Pferd hineingefressen hatte. Kaum aber hatte er sich so hübsch hineingezwänget, so nahm ich mein Tempo wahr, und fiel ihm tüchtig mit meiner Peitschenschnur auf das Fell. Solch ein unerwarteter Ueberfall in diesem Futteral verursachte ihm keinen geringen Schreck; er strebte mit aller Macht vorwärts; der Leichnam des Pferdes fiel zu Boden, und siehe! an seiner Statt steckte mein Wolf in dem Geschirre. Ich meines Orts hörte nun noch weniger auf zu peitschen, und wir langten in vollem Galopp gesund und wohlbehalten in St. Petersburg an, ganz gegen unsere beiderseitigen respective Erwartungen, und zu nicht geringem Erstaunen aller Zuschauer. Ich will Ihnen, meine Herren, mit Geschwätz von der Verfassung, den Künsten, Wissenschaften und andern Merkwürdigkeiten dieser prächtigen Hauptstadt Rußlands keine lange Weile machen; vielweniger Sie mit allen Intriguen und lustigen Abentheuern der Gesellschaften vom Bonton, wo die Frau vom Hause den Gast allzeit mit einem Schnaps und Schmatz empfängt, unterhalten. Ich halte mich vielmehr an größere und edlere Gegenstände Ihrer Aufmerksamkeit, nehmlich an Pferde und Hunde, wovon ich immer ein großer Freund gewesen bin; ferner an Füchse, Wölfe und Bären, von welchen, so wie von anderm Wildprett, Rußland einen größern Ueberfluß, als irgend ein Land auf Erden hat; endlich an solche Lustparthien, Ritterübungen und preisliche Thaten, welche den Edelmann besser kleiden, als ein Bischen muffiges Griechisch und Latein, oder alle Riechsächelchen, Klunkern und Capriolen französischer Schöngeister und — Haarkräuseler. Da es einige Zeit dauerte, ehe ich bey der Armee angestellt werden konnte, so hatte ich ein Paar Monathe lang vollkommene Muße und Freyheit, meine Zeit sowohl, als auch mein Geld auf die adelichste Art von der Welt zu verjunkeriren. Sie können sich leicht vorstellen, meine Herren, daß ich von beiden nicht wenig außer der Stadt mit solchen wackern Kumpanen verthat, welche ein offenes unbeschränktes Waldrevier gehörig zu schätzen wußten. Sowohl die Abwechselung des Zeitvertreibes, welchen dieses mir darbot, als auch das außerordentliche Glück, womit mir jeder Streich gelang, gereichen mir noch immer zur angenehmsten Erinnerung. Eines Morgens sah ich durch das Fenster meines Schlafgemachs, daß ein großer Teich, der nicht weit davon lag, mit wilden Enten gleichsam überdeckt war. Flugs nahm ich mein Gewehr aus dem Winkel, sprang zur Treppe hinab, und das so über Hals und Kopf, daß ich unvorsichtiger Weise mit dem Gesichte gegen die Thürpfoste rennte. Feuer und Funken stoben mir aus den Augen; aber das hielt mich keinen Augenblick zurück. Ich kam bald zum Schuß; allein wie ich anlegte, wurde ich zu meinem großen Verdrusse gewahr, daß durch den so eben empfangenen heftigen Stoß sogar der Stein von dem Flintenhahne abgesprungen war. Was sollte ich nun thun? Denn Zeit war hier nicht zu verlieren. Glücklicher Weise fiel mir ein, was sich so eben mit meinen Augen zugetragen hatte. Ich riß also die Pfanne auf, legte mein Gewehr gegen das wilde Geflügel an und ballte die Faust gegen eins von meinen Augen. Von einem derben Schlage flogen wieder Funken genug heraus, der Schuß ging los, und ich traf fünf Paar Enten, vier Rothhälse, und ein Paar Wasserhühner. Gegenwart des Geistes ist die Seele mannhafter Thaten. Wenn Soldaten und Seeleute öfters dadurch glücklich davon kommen, so dankt der Waidmann ihr nicht seltener sein gutes Glück. So schwammen einst auf einem Landsee, an welchen ich auf einer Jagdstreiferey gerieth, einige Dutzend wilder Enten allzu weit von einander zerstreut umher, als daß ich mehr denn eine einzige auf einen Schuß zu erlegen hoffen konnte; und zum Unglück hatte ich meinen letzten Schuß schon in der Flinte. Gleichwohl hätte ich sie gern alle gehabt, weil ich nächstens eine ganze Menge guter Freunde und Bekannten bey mir zu bewirthen Willens war. Da besann ich mich auf ein Stückchen Schinkenspeck, welches von meinem mitgenommenen Mundvorrath in meiner Jagdtasche noch übrig geblieben war. Dieses befestigte ich an eine ziemlich lange Hundeleine, die ich aufdrehete und so wenigstens noch um viermal verlängerte. Nun verbarg ich mich im Schilfgesträuch am Ufer, warf meinen Speckbrocken aus und hatte das Vergnügen zu sehen, wie die nächste Ente hurtig herbeyschwamm und ihn verschlang. Der ersten folgten bald alle übrigen nach, und da der glatte Brocken am Faden gar bald unverdauet hinten wieder herauskam, so verschlang ihn die nächste, und so immer weiter. Kurz der Brocken machte die Reise durch alle Enten samt und sonders hindurch, ohne von seinem Faden loszureißen. So saßen sie denn alle daran, wie Perlen an der Schnur. Ich zog sie gar allerliebst ans Land, schlang mir die Schnur ein halbes Dutzendmal um Schultern und Leib, und ging meines Weges nach Hause zu. Da ich noch eine ziemliche Strecke davon entfernt war, und mir die Last von einer solchen Menge Enten ziemlich beschwerlich fiel, so wollte es mir fast leid thun, ihrer allzu viele eingefangen zu haben. Da kam mir aber ein seltsamer Vorfall zu Statten, der mich Anfangs in nicht geringe Verlegenheit setzte. Die Enten waren nehmlich noch alle lebendig, fingen, als sie von der ersten Bestürzung sich erhohlt hatten, gar mächtig an mit den Flügeln zu schlagen und sich mit mir hoch in die Luft zu erheben. Nun wäre bey manchem wohl guter Rath theuer gewesen. Allein ich benutzte diesen Umstand, so gut ich konnte, zu meinem Vortheil, und ruderte mich mit meinen Rockschößen nach der Gegend meiner Behausung durch die Luft. Als ich nun gerade über meiner Wohnung angelangt war und es darauf ankam, ohne Schaden mich herunter zu lassen, so drückte ich einer Ente nach der Andern den Kopf ein, sank dadurch ganz sanft und allmählich gerade durch den Schornstein meines Hauses mitten auf den Küchenherd, auf welchem zum Glück noch kein Feuer angezündet war, zu nicht geringem Schreck und Erstaunen meines Koches. — Wie gesagt, man muß sich nur in der Welt zu helfen wissen. Ein andresmal stieß mir in einem ansehnlichen Walde von Rußland ein wunderschöner schwarzer Fuchs auf. Es wäre Jammer-Schade gewesen, seinen kostbaren Pelz mit einem Kugel- oder Schrotschusse zu durchlöchern. Herr Reineke stand dicht bey einem Baume. Augenblicklich zog ich meine Kugel aus dem Laufe, lud dafür einen tüchtigen Brettnagel in mein Gewehr, feuerte und traf so künstlich, daß ich seine Lunte fest an den Baum nagelte. Nun ging ich ruhig zu ihm hin, nahm mein Waidmesser, gab ihm einen Kreuzschnitt übers Gesicht, griff nach meiner Peitsche und karbatschte ihn so artig aus seinem schönen Pelze heraus, daß es eine wahre Lust und ein rechtes Wunder zu sehen war. Zufall und gutes Glück machen oft manchen Fehler wieder gut. Davon erlebte ich bald nach diesem ein Beyspiel, als ich mitten im tiefsten Walde einen wilden Frischling und eine Bache dicht hinter einander hertraben sah. Meine Kugel hatte gefehlt. Gleichwohl lief der Frischling vorn ganz allein weg, und die Bache blieb stehen, ohne Bewegung, als ob sie an den Boden festgenagelt gewesen wäre. Wie ich das Ding näher untersuchte, so fand ich, daß es eine alte blinde Bache war, die ihres Frischlings Schwänzlein im Rachen hielt, um von ihm aus kindlicher Pflicht fürbaß geleitet zu werden. Da nun meine Kugel zwischen beiden hindurchgefahren war, so hatte sie diesen Leitzaum zerrissen, wovon die alte Bache das eine Ende noch immer kauete. Da nun ihr Leiter sie nicht weiter vorwärts gezogen hatte, so war sie stehen geblieben. Ich ergriff daher das übriggebliebene Endchen von des Frischlings Schwanze, und leitete daran das alte hülflose Thier ganz ohne Mühe und Widerstand nach Hause. So fürchterlich diese wilden Bachen oft sind, so sind die Keiler doch weit grausamer und gefährlicher. Ich traf einst einen im Walde an, als ich unglücklicher Weise weder auf Angriff noch Vertheidigung gefaßt war. Mit genauer Noth konnte ich noch hinter einen Baum schlüpfen, als die wüthende Bestie aus Leibeskräften einen Seitenhieb nach mir that. Dafür fuhren aber auch seine Hauer dergestalt in den Baum hinein, daß er weder imstande war, sie sogleich wieder heraus zu ziehen, noch den Hieb zu wiederholen. — „Ha ha! dachte ich, nun wollen wir dich bald kriegen!“ — Flugs nahm ich einen Stein, hammerte noch vollends damit drauf los und nietete seine Hauer dergestalt um, daß er ganz und gar nicht wieder loskommen konnte. So mußte er sich denn nun gedulden, bis ich vom nächsten Dorfe Karn und Stricke herbeygehohlt hatte, um ihn lebendig und wohlbehalten nach Hause zu schaffen, welches auch ganz vortreflich von Statten ging. Sie haben unstreitig, meine Herren, von dem Heiligen und Schutzpatron der Waidmänner und Schützen, St. Hubert, nicht minder auch von dem stattlichen Hirsche gehört, der ihm einst im Walde aufstieß, und welcher das heilige Kreuz zwischen seinem Geweyhe trug. Diesem Sanct habe ich noch alle Jahre mein Opfer in guter Gesellschaft dargebracht, und den Hirsch wohl tausendmal, sowohl in Kirchen abgemahlt, als auch in die Sterne seiner Ritter gestickt, gesehen, so daß ich auf Ehre und Gewissen eines braven Waidmanns kaum zu sagen weiß, ob es entweder nicht vor Zeiten solcher Kreuzhirsche gegeben habe, oder wohl gar noch heutiges Tages gebe. Doch lassen Sie sich vielmehr erzählen, was ich mit meinen eigenen Augen sah. Einst, als ich alle mein Bley verschossen hatte, stieß mir ganz wider mein Vermuthen, der stattlichste Hirsch von der Welt auf. Er blickte mir so, mir nichts, dir nichts, ins Auge, als ob ers auswendig gewußt hätte, daß mein Beutel leer war. Augenblicklich lud ich indessen meine Flinte mit Pulver und darüber her eine ganze Hand voll Kirschsteine, wovon ich, so hurtig sich das thun ließ, das Fleisch abgesogen hatte. Und so gab ich ihm die volle Ladung mitten auf seine Stirn zwischen das Geweyhe. Der Schuß betäubte ihn zwar — er taumelte — machte sich aber doch aus dem Staube. Ein oder zwey Jahre darnach war ich in eben demselben Walde auf der Jagd; und siehe! zum Vorschein kam ein stattlicher Hirsch, mit einem vollausgewachsenen Kirschbaume, mehr denn zehn Fuß hoch, zwischen seinem Geweyhe. Mir fiel gleich mein voriges Abentheuer wieder ein; ich betrachtete den Hirsch als mein längst wohl erworbenes Eigenthum, und legte ihn mit einem Schusse zu Boden, wodurch ich denn auf einmal an Braten und Kirschtunke zugleich gerieth. Denn der Baum hing reichlich voll Früchte, die ich in meinem ganzen Leben so delicat nicht gegessen hatte. Wer kann nun wohl sagen, ob nicht irgend ein passionirter heiliger Waidmann, ein jagdlustiger Abt oder Bischoff, das Kreuz auf eine ähnliche Art durch einen Schuß auf St. Huberts Hirsch zwischen das Gehörne gepflanzt habe? Denn diese Herren waren ja von je und je wegen ihres Kreuz- und — Hörnerpflanzens berühmt, und sind es zum Theil noch bis auf den heutigen Tag. Im Falle der Noth, und wenn es Aut oder Naut [[[Ought or naught.] — Eine wenigstens in Niederdeutschland in dieser Aussprache sehr populär gewordene Redensart.]] gilt, welches einem braven Waidmanne nicht selten begegnet, greift er lieber wer weiß wozu, und versucht eher alles, als daß er sich die günstige Gelegenheit entwischen läßt. Ich habe mich manches liebes Mal selbst in einer solchen Lage der Versuchung befunden. Was sagen Sie zum Exempel von folgenden Casus? — Mir waren einmal Tageslicht und Pulver in einem pohlnischen Walde ausgegangen. Als ich nach Hause ging, fuhr mir ein ganz entsetzlicher Bär, mit offenem Rachen, bereit mich zu verschlingen, auf den Leib. Umsonst durchsuchte ich in der Hast alle meine Taschen nach Pulver und Bley. Nichts fand ich, als zwey Flintensteine, die man auf einen Nothfall wohl mitzunehmen pflegt. Davon warf ich einen aus aller Macht in den offenen Rachen des Ungeheuers, ganz seinen Schlund hinab. Wie ihm nun das nicht allzuwohl deuchten mochte, so machte mein Bär links um, so daß ich den andern nach der Hinterpforte schleudern konnte. Wunderbar und herrlich ging alles von Statten. Der Stein fuhr nicht nur hinein, sondern auch mit dem andern Steine im Magen dergestalt zusammen, daß es Feuer gab und den Bär mit einem gewaltigen Knalle auseinander sprengte. Man sagt, daß so ein wohl applicirter Stein [a posteriori], besonders wenn er mit einem [a priori] recht zusammen fuhr, schon manchen bärbeißigen Gelehrten und Philosophen in die Luft sprengte. — Ob ich nun gleich dasmal mit heiler Haut davon kam, so möchte ich das Stückchen doch eben nicht noch einmal machen, oder mit einem Bär, ohne andere Vertheidigungsmittel, anbinden. Es war aber gewissermaßen recht mein Schicksal, daß die wildesten und gefährlichsten Bestien mich gerade alsdann angriffen, wenn ich außer Stande war, ihnen die Spitze zu bieten, gleichsam als ob ihnen der Instinct meine Wehrlosigkeit verrathen hätte. So schoß mir einmal unversehens ein fürchterlicher Wolf so nahe auf den Leib, daß mir nichts weiter übrig blieb, als ihm, dem mechanischen Instinct zufolge, meine Faust in den offenen Rachen zu stoßen. Gerade meiner Sicherheit wegen stieß ich immer weiter und weiter und brachte meinen Arm beynahe bis an die Schulter hinein. Was war aber nun zu thun? — Ich kann eben nicht sagen, daß mir diese unbehülfliche Situation sonderlich anstand. — Man denke nur, Stirn gegen Stirn mit einem Wolfe! — Wir äugelten uns eben nicht gar lieblich an. Hätte ich meinen Arm zurückgezogen, so wäre mir die Bestie nur desto wüthender zu Leibe gesprungen. So viel ließ sich klar und deutlich aus seinen flammenden Augen herausbuchstabiren. Kurz, ich packte ihn beym Eingeweide, kehrte sein äußeres zu innerst, wie einen Handschuh, um, schleuderte ihn zu Boden und ließ ihn da liegen. Dieß Stückchen hätte ich nun wieder nicht an einem tollen Hunde versuchen mögen, welcher bald darauf in einem engen Gäßchen zu St. Petersburg gegen mich anlief. „Lauf was du kannst!“ dachte ich. Um desto besser fortzukommen, warf ich meinen Ueberrock ab, und rettete mich geschwind ins Haus. Den Rock ließ ich hernach durch meinen Bedienten hereinhohlen und zu den andern Kleidern in die Garderobe hängen. Tages darauf gerieth ich in ein gewaltiges Schrecken durch meines Johanns Geschrey: „Herr Gott, Herr Baron, ihr Ueberrock ist toll!“ Ich sprang hurtig zu ihm hinauf und fand fast alle meine Kleider umher gezerrt und zu Stücken zerrissen. Der Kerl hatte es auf ein Haar getroffen, daß der Ueberrock toll sey. Ich kam gerade noch selbst dazu, wie er über ein schönes neues Gallakleid herfiel und es auf eine gar unbarmherzige Weise zerschüttelte und umherzauste. In allen diesen Fällen, meine Herren, wo ich freylich immer glücklich, aber doch nur immer mit genauer Noth davon kam, half mir das Ohngefähr, welches ich durch Tapferkeit und Gegenwart des Geistes zu meinem Vortheile lenkte. Alles zusammen genommen macht, wie Jedermann weiß, den glücklichen Jäger, Seemann und Soldaten aus. Der aber würde ein sehr unvorsichtiger, tadelnswerther Waidmann, Admiral und General seyn, der sich überall nur auf das Ohngefähr, oder sein Gestirn verlassen wollte, ohne sich weder um die besonders erforderlichen Kunstfertigkeiten zu bekümmern, noch sich mit denjenigen Werkzeugen zu versehen, die den guten Erfolg sichern. Ein solcher Tadel trifft mich keinesweges. Denn ich bin immer berühmt gewesen, sowohl wegen der Vortreflichkeit meiner Pferde, Hunde und Gewehre, als auch wegen der besondern Art, das alles zu handhaben, so daß ich mich wohl rühmen kann, in Forst, Wiese und Feld meines Nahmens Gedächtniß hinlänglich gestiftet zu haben. Ich will mich nun zwar nicht auf Particularitäten von meinen Pferd- und Hundeställen, oder meiner Gewehrkammer einlassen, wie Stall- Jagd- und Hunde-Junker sonst wohl zu thun pflegen; aber eines meiner Lieblingshunde muß ich doch noch Erwähnung thun. Das Thierchen war ein Windspiel. Mein lebelang hatte, oder sah ich kein besseres. Es wurde alt in meinem Dienste, und war minder wegen seiner Gestalt, als wegen seiner außerordentlichen Schnelligkeit merkwürdig. Mit diesem Hunde jagte ich beständig Jahr aus Jahr ein. Hätten die Herren ihn gesehen, so würden sie ihn gewiß bewundert, und sich gar nicht verwundert haben, daß ich ihn so lieb hatte und so oft mit ihm jagte. Er lief so schnell, so oft und so lange in meinem Dienste, daß er sich die Beine ganz bis dicht unterm Leibe weglief, und ich ihn in seiner letzten Lebenszeit nur noch als Dachssucher gebrauchen konnte, in welcher Qualität er mir denn ebenfalls noch manch liebes Jahr diente. Weiland noch als Windspiel — beyläufig zu melden, es war eine Hündinn — setzte sie einst hinter einem Hasen her, der mir ganz ungewöhnlich dick vorkam. Es that mir leid um meine arme Hündinn; denn sie war mit Jungen trächtig, und wollte doch noch eben so schnell laufen, als sonst. Nur in sehr weiter Entfernung konnte ich zu Pferde nachfolgen. Auf einmal hörte ich ein Geklaffe, wie von einer ganzen Kuppel Hunde, allein so schwach und zart, daß ich nicht wußte, was ich daraus machen sollte. Wie ich näher kam, sah ich mein himmelblaues Wunder. Die Häsinn hatte im Laufen gesetzt, und meine Hündinn geworfen; und zwar jene gerade eben so viel junge Hasen, als diese junge Hunde. Instinctmäßig hatten jene die Flucht genommen, diese aber nicht nur gejagt, sondern auch gefangen. Dadurch gelangte ich am Ende der Jagd auf einmal zu sechs Hasen und Hunden, da ich doch nur mit einem einzigen angefangen hatte. Ich gedenke dieser wunderbaren Hündinn mit eben dem Vergnügen, als eines vortreflichen Lithauischen Pferdes, welches nicht mit Gelde zu bezahlen war. Dieß bekam ich durch ein Ohngefähr, welches mir Gelegenheit gab, meine Reitkunst zu meinem nicht geringen Ruhme zu zeigen. Ich war nehmlich einst auf dem prächtigen Landsitze des Grafen [Przobofsky] in Lithauen und blieb im Staatszimmer bey den Damen zum Thee, indessen die Herrn hinunter in den Hof gingen, um ein junges Pferd von Geblüte zu besehen, welches so eben aus der Stuterey angelangt war. Plötzlich hörten wir wie einen Nothschrey. — Ich eilte die Treppe hinab und fand das Pferd so wild und unbändig, daß Niemand sich getrauete, sich ihm zu nähern, oder es zu besteigen. Bestürzt und verwirrt standen die entschlossensten Reiter da; Angst und Besorgniß schwebte auf allen Gesichtern, als ich mit einem einzigen Sprunge auf seinem Rücken saß, und das Pferd durch diese Ueberraschung nicht nur in Schrecken setzte, sondern es auch durch Anwendung meiner besten Reiterkünste gänzlich zu Ruhe und Gehorsam brachte. Um dieß den Damen noch besser zu zeigen und ihnen alle unnöthige Besorgniß zu ersparen, so zwang ich den Gaul, durch eins der offenen Fenster des Theezimmers mit mir hineinzusetzen. Hier ritt ich nun verschiedenemale, bald Schritt, bald Trott, bald Galopp herum, setzte endlich sogar auf den Theetisch und machte da im Kleinen überaus artig die ganze Schule durch, worüber sich denn die Damen ganz ausnehmend ergötzten. Mein Rößchen machte alles so bewundernswürdig geschickt, daß es weder Kannen noch Tassen zerbrach. Dies setzte mich bey den Damen und dem Herrn Grafen so hoch in Gunst, daß er mit seiner gewöhnlichen Höflichkeit mich bat, das junge Pferd zum Geschenke von ihm anzunehmen, und auf selbigem in dem Feldzuge gegen die Türken, welcher in kurzem unter Anführung des Grafen Münnich eröffnet werden sollte, auf Sieg und Eroberung auszureiten. Ein angenehmeres Geschenk hätte mir nun wohl nicht leicht gemacht werden können, besonders da es mir so viel gutes von einem Feldzuge weißagte, in welchem ich mein erstes Probestück als Soldat ablegen wollte. Ein Pferd, so gefügig, so muthvoll und feurig — Lamm und Bucephal zugleich — mußte mich allezeit an die Pflichten eines braven Soldaten, und an die erstaunlichen Thaten erinnern, welche der junge Alexander im Felde verrichtet hatte. Wir zogen, wie es scheinet, unter andern auch in der Absicht zu Felde, um die Ehre der russischen Waffen, welche in dem Feldzuge unter Czaar Peter am Pruth ein wenig gelitten hatte, wieder herzustellen. Dieses gelang uns auch vollkommen durch verschiedene zwar mühselige, aber doch rühmliche Feldzüge, unter Anführung des großen Feldherrn, dessen ich vorhin erwähnte. Die Bescheidenheit verbietet es Subalternen, sich große Thaten und Siege zuzuschreiben, wovon der Ruhm gemeiniglich den Anführern, ihrer Alltagsqualitäten ungeachtet, ja wohl gar verkehrt genug Königen und Königinnen in Rechnung gebracht wird, welche niemals anderes als Musterungs-Pulver rochen, nie außer ihren Lustlagern ein Schlachtfeld, noch außer ihren Wachtparaden ein Heer in Schachtordnung erblickten. Ich mache also keinen besondern Anspruch an die Ehre von unsern größern Affären mit dem Feinde. Wir thaten insgesamt unsere Schuldigkeit, welches in der Sprache des Patrioten, des Soldaten, und kurz des braven Mannes ein sehr viel umfassender Ausdruck, ein Ausdruck von sehr wichtigem Inhalt und Belang ist, obgleich der große Haufen müssiger Kannengießer sich nur einen sehr geringen und ärmlichen Begriff davon machen mag. Da ich indessen ein Corps Husaren unter meinem Comando hatte, so ging ich auf verschiedene Expeditionen aus, wo das Verhalten meiner eigenen Klugheit und Tapferkeit überlassen war. Den Erfolg hiervon, denke ich denn doch, kann ich mit gutem Fug auf meine eigene und die Rechnung derjenigen braven Gefährten schreiben, die ich zu Sieg und Eroberung führte. Einst, als wir die Türken in Oczakow hineintrieben, gings bey der Avantgarde sehr heiß her. Mein feuriger Lithauer hätte mich beynahe in des Teufels Küche gebracht. Ich hatte einen ziemlich entfernten Vorposten und sah den Feind in einer Wolke von Staub gegen mich anrücken, wodurch ich wegen seiner wahren Anzahl und Absicht gänzlich in Ungewißheit blieb. Mich in eine ähnliche Wolke von Staub einzuhüllen wäre freylich wohl ein Alltagspfiff gewesen, würde mich aber eben so wenig klüger gemacht, als überhaupt der Absicht näher gebracht haben, warum ich vorausgeschickt war. Ich ließ daher meine Flanqueurs zur linken und rechten auf beyden Flügeln sich zerstreuen, und so viel Staub erregen, als sie nur immer konnten. Ich selbst aber ging gerade auf den Feind los, um ihn näher in Augenschein zu nehmen. Dieß gelang mir. Denn er stand und focht nur so lange, bis die Furcht vor meinen Flanqueurs ihn in Unordnung zurücktrieb. Nun wars Zeit, tapfer über ihn herzufallen. Wir zerstreueten ihn völlig, richteten eine gewaltige Niederlage an, und trieben ihn nicht allein in seine Festung zu Loche, sondern auch durch und durch, ganz über und wider unsere blutgierigsten Erwartungen. Weil nun mein Lithauer so außerordentlich geschwind war, so war ich der Vorderste beym Nachsetzen, und da ich sah, daß der Feind so hübsch zum gegenseitigen Thore wieder hinausfloh, so hielt ichs für rathsam, auf dem Marktplatze anzuhalten, und da zum Rendezvous blasen zu lassen. Ich hielt an, aber stellt euch, ihr Herren, mein Erstaunen vor, als ich weder Trompeter, noch irgend eine lebendige Seele von meinen Husaren um mich sah. — „Sprengen sie etwa durch andere Straßen? Oder was ist aus ihnen geworden?“ — dachte ich. Indessen konnten sie meiner Meinung nach unmöglich fern seyn und mußten mich bald einholen. In dieser Erwartung ritt ich meinen athemlosen Lithauer zu einem Brunnen auf dem Marktplatze und ließ ihn trinken. Er soff ganz unmäßig und mit einem Heißdurste, der gar nicht zu löschen war. Allein das ging ganz natürlich zu. Denn als ich mich nach meinen Leuten umsah, was meint Ihr wohl, Ihr Herren, was ich da erblickte? — Der ganze Hintertheil des armen Thieres, Kreuz und Lenden waren fort, und wie rein abgeschnitten. So lief denn hinten das Wasser eben so wieder heraus, als es von vorn hineingekommen war, ohne daß es dem Gaul zu gute kam, oder ihn erfrischte. Wie das zugegangen seyn mochte, blieb mir ein völliges Räthsel, bis ich zum Stadtthore zurückritt. Da sah ich nun, daß man, als ich [pêle mêle] mit dem fliehenden Feinde hereingedrungen war, das Schutzgatter, ohne daß ichs wahrgenommen, fallen gelassen hatte, wodurch denn der Hintertheil, der noch zuckend an der Außenseite des Thores lag, rein abgeschlagen war. Der Verlust würde unersetzlich gewesen seyn, wenn nicht unser Curschmid ein Mittel ausgesonnen hätte, beyde Theile, so lange sie noch warm waren, wieder zusammen zu setzen. Er heftete sie nehmlich mit jungen Lorbeer-Sprößlingen, die gerade bey der Hand waren, zusammen. Die Wunde heilte zu; und es begab sich etwas, das nur einem so ruhmvollen Pferde begegnen konnte. Nehmlich, die Sprossen schlugen Wurzel in seinem Leibe, wuchsen empor und wölbten eine Laube über mir, so daß ich hernach manchen ehrlichen Ritt im Schatten meiner sowohl als meines Rosses Lorbeern thun konnte. Einer andern kleinen Ungelegenheit von dieser Affäre will ich nur beyläufig erwähnen. Ich hatte so heftig, so lange, so unermüdet auf den Feind losgehauen, daß mein Arm dadurch endlich in eine unwillkührliche Bewegung des Hauens gerathen war, welcher ich nicht mehr steuern konnte, als der Feind schon längst über alle Berge war. Um mich nun nicht selbst, oder meine Leute, die mir zu nahe kamen, für nichts und wider nichts zu prügeln, und zu Ruhe und Schlaf zu gelangen, sah ich mich genöthigt, meinen Arm in die Acht Tage lang eben so gut in der Binde zu tragen, als ob er mir halb abgehauen gewesen wäre. Einem Manne, meine Herren, der einen Gaul, wie mein Lithauer war, zu reiten vermochte, können Sie auch wohl noch ein anderes Voltigir- und Reiterstückchen zutrauen, welches außerdem vielleicht ein wenig fabelhaft klingen möchte. Wir belagerten nehmlich, ich weiß nicht mehr welche Stadt, und dem Feldmarschal war ganz erstaunlich viel an genauer Kundschaft gelegen, wie die Sachen in der Festung stünden. Es schien äußerst schwehr, ja fast unmöglich, durch alle Vorposten, Wachen und Festungswerke hinein zu gelangen, auch war eben kein tüchtiges Subject vorhanden, wodurch man so was glücklich auszurichten hätte hoffen können. Vor Muth und Diensteifer fast ein wenig allzu rasch, stellte ich mich neben eine der größten Kanonen, die so eben nach der Festung abgefeuert ward, und sprang im Hui auf die Kugel, in der Absicht, mich in die Festung hineintragen zu lassen. Als ich aber halbweges durch die Luft geritten war, stiegen mir allerley nicht unerhebliche Bedenklichkeiten zu Kopfe. „Hum, dachte ich, hinein kommst du nun wohl, allein wie hernach sogleich wieder heraus? Und wie kanns dir in der Festung ergehen? Man wird dich sogleich als einen Spion erkennen und an den nächsten Galgen hängen. Ein solches Bette der Ehren wollte ich mir denn doch wohl verbitten.“ Nach diesen und ähnlichen Betrachtungen entschloß ich mich kurz, nahm die glückliche Gelegenheit wahr, als eine Kanonenkugel aus der Festung einige Schritte weit vor mir vorüber nach unserm Lager flog, sprang von der meinigen auf diese hinüber, und kam, zwar unverrichteter Sache, jedoch wohlbehalten bey den lieben Unsrigen wieder an. So leicht und fertig ich im Springen war, so war es auch mein Pferd. Weder Graben noch Zäune hielten mich jemals ab, überall den geradesten Weg zu reiten. Einst setzte ich darauf hinter einem Hasen her, der queerfeldein über die Heerstraße lief. Eine Kutsche mit zwey schönen Damen fuhr diesen Weg gerade zwischen mir und dem Hasen vorbey. Mein Gaul setzte so schnell und ohne Anstoß mitten durch die Kutsche hindurch, wovon die Fenster aufgezogen waren, daß ich kaum Zeit hatte, meinen Huth abzuziehen, und die Damen wegen dieser Freyheit unterthänigst um Verzeihung zu bitten. Ein andres Mal wollte ich über einen Morast setzen, der mir anfänglich nicht so breit vorkam, als ich ihn fand, da ich mitten im Sprunge war. Schwebend in der Luft wendete ich daher wieder um, wo ich hergekommen war, um einen größern Anlauf zu nehmen. Gleichwohl sprang ich auch zum zweytenmale noch zu kurz, und fiel nicht weit vom andern Ufer bis an den Hals in den Morast. Hier hätte ich ohnfehlbar umkommen müssen, wenn nicht die Stärke meines eigenen Armes mich an meinem eigenen Haarzopfe, samt dem Pferde, welches ich fest zwischen meine Kniee schloß, wieder herausgezogen hätte. Trotz aller meiner Tapferkeit und Klugheit, trotz meiner und meines Pferdes Schnelligkeit, Gewandtheit und Stärke, gings mir in dem Türkenkriege doch nicht immer nach Wunsche. Ich hatte sogar das Unglück, durch die Menge übermannt und zum Kriegsgefangenen gemacht zu werden. Ja, was noch schlimmer war, aber doch immer unter den Türken gewöhnlich ist, ich wurde zum Sclaven verkauft. In diesem Stande der Demüthigung war mein Tagewerk nicht sowohl hart und sauer, als vielmehr seltsam und verdrießlich. Ich mußte nehmlich des Sultans Bienen alle Morgen auf die Weide treiben, sie daselbst den ganzen Tag lang hüten, und dann gegen Abend wieder zurück in ihre Stöcke treiben. Eines Abends vermißte ich eine Biene, wurde aber sogleich gewahr, daß zwey Bären sie angefallen hatten, und ihres Honigs wegen in Stücke zerreißen wollten. Da ich nun nichts anderes waffenähnliches in Händen hatte, als die silberne Axt, welche das Kennzeichen der Gärtner und Landarbeiter des Sultans ist, so warf ich diese nach den beiden Räubern, bloß in der Absicht, sie damit wegzuscheuchen. Die arme Biene setzte ich auch wirklich dadurch in Freyheit; allein durch einen unglücklichen allzu starken Schwung meines Armes flog die Axt in die Höhe, und hörte nicht auf zu fliegen, bis sie im Monde nieder fiel. Wie sollte ich sie nun wieder kriegen? Mit welcher Leiter auf Erden sie herunterholen? Da fiel mir ein, daß die türkischen Bohnen sehr geschwind und zu einer ganz erstaunlichen Höhe empor wüchsen. Augenblicklich pflanzte ich also eine solche Bohne, welche wirklich empor wuchs, und sich an eines von des Mondes Hörnern von selbst anrankte. Nun kletterte ich getrost nach dem Monde empor, wo ich auch glücklich anlangte. Es war ein ziemlich mühseliges Stückchen Arbeit, meine silberne Axt an einem Orte wieder zu finden, wo alle andere Dinge gleichfalls wie Silber glänzten. Endlich aber fand ich sie doch auf einem Haufen von Spreu und Häckerling. Nun wollte ich wieder zurückkehren, aber ach! die Sonnenhitze hatte indessen meine Bohne aufgetrocknet, so daß daran schlechterdings nicht wieder herabzusteigen war. Was war nun zu thun? — Ich flocht mir einen Strick von dem Häckerlinge, so lang ich ihn nur immer machen konnte. Diesen befestigte ich an eines von des Mondes Hörnern und ließ mich daran herunter. Mit der linken Hand hielt ich mich fest und in der rechten führte ich meine Axt. Sowie ich nun eine Strecke hinunter geglitten war, so hieb ich immer das überflüßige Stück über mir ab, und knüpfte dasselbe unten wieder an, wodurch ich denn ziemlich weit herunter gelangte. Dieses wiederhohlte Abhauen und Anknüpfen machte nun freylich den Strick eben so wenig besser, als es mich völlig herab auf des Sultans Landgut brachte. Ich mochte wohl noch ein Paar Meilen weit droben in den Wolken seyn, als mein Strick auf einmal zerriß und ich mit solcher Heftigkeit herab zu Gottes Erdboden fiel, daß ich ganz betäubt davon wurde. Durch die Schwehre meines von einer solchen Höhe herabfallenden Cörpers fiel ich ein Loch, wenigstens neun Klafter tief, in die Erde hinein. Ich erhohlte mich zwar endlich wieder, wußte aber nun nicht, wie ich wieder herauskommen sollte. Allein was thut nicht die Noth? Ich grub mir mit meinen Nägeln, deren Wuchs damals vierzigjährig war, eine Art von Treppe, und förderte mich dadurch glücklich zu Tage. Durch diese mühselige Erfahrung klüger gemacht, fing ichs nachher besser an, der Bären, die so gern nach meinen Bienen und den Honigstöcken stiegen, loß zu werden. Ich bestrich die Deichsel eines Ackerwagens mit Honig und legte mich nicht weit davon des Nachts in einen Hinterhalt. Was ich vermuthete, das geschah. Ein ungeheurer Bär, herbeygelockt durch den Duft des Honigs, kam an und fing vorn an der Spitze der Stange so begierig an zu lecken, daß er sich die ganze Stange durch Schlund, Magen und Bauch bis hinten wieder hinausleckte. Als er sich nun so artig auf die Stange hinauf geleckt hatte, lief ich hinzu, steckte vorn durch das Loch der Deichsel einen langen Pflock, verwehrte dadurch dem Nascher den Rückzug, und ließ ihn sitzen bis an den andern Morgen. Ueber dieß Stückchen wollte sich der Großsultan, der von ohngefähr vorbey spazirte, fast todtlachen. Nicht lange hierauf machten die Russen mit den Türken Frieden und ich wurde nebst andern Kriegsgefangenen wieder nach St. Petersburg ausgeliefert. Ich nahm aber nun meinen Abschied und verließ Rußland um die Zeit der großen Revolution vor etwa vierzig Jahren, da der Kaiser in der Wiege, nebst seiner Mutter und ihrem Vater, dem Herzoge von Braunschweig, dem Feldmarschal von Münnich und vielen andern nach Sibirien geschickt wurden. Es herrschte damals über ganz Europa ein so außerordentlich strenger Winter, daß die Sonne eine Art von Frostschaden erlitten haben muß, woran sie seit der ganzen Zeit her bis auf den heutigen Tag gesiecht hat. Ich empfand daher auf der Rückreise in mein Vaterland weit größeres Ungemach, als ich auf meiner Hinreise nach Rußland erfahren hatte. Ich mußte, weil mein Lithauer in der Türkey geblieben war, mit der Post reisen. Als sichs nun fügte, daß wir an einen engen hohlen Weg zwischen hohen Dornhecken kamen, so erinnerte ich den Postilion, mit seinem Horne ein Zeichen zu geben, damit wir uns in diesem engen Passe nicht etwa gegen ein anderes entgegenkommendes Fuhrwerk festfahren möchten. Mein Kerl setzte an und blies aus Leibeskräften in das Horn, aber alle seine Bemühungen waren umsonst. Nicht ein einziger Ton kam heraus, welches uns ganz unerklärlich, ja in der That für ein rechtes Unglück zu achten war, indem bald eine andere uns entgegen kommende Kutsche auf uns stieß, vor welcher nun schlechterdings nicht vorbey zu kommen war. Nichts desto weniger sprang ich aus meinem Wagen und spannte zuförderst die Pferde aus. Hierauf nahm ich den Wagen, nebst den vier Rädern und allen Päckereyen auf meine Schultern, und sprang damit über Ufer und Hecke, ohngefähr neun Fuß hoch, welches in Rücksicht auf die Schwere der Kutsche eben keine Kleinigkeit war, auf das Feld hinüber. Durch einen andern Rücksprung gelangte ich, die fremde Kutsche vorüber, wieder in den Weg. Darauf eilte ich zurück zu unsern Pferden, nahm unter jeden Arm eins, und hohlte sie auf die vorige Art, nehmlich durch einen zweymaligen Sprung hinüber und herüber, gleichfalls herbey, ließ wieder anspannen und gelangte glücklich am Ende der Station zur Herberge. Noch hätte ich anführen sollen, daß eins von den Pferden, welches sehr muthig und nicht über vier Jahre alt war, ziemlichen Unfug machen wollte. Denn als ich meinen zweyten Sprung über die Hecke that, so verrieth es durch sein Schnauben und Trampeln ein großes Mißbehagen an dieser heftigen Bewegung. Dieß verwehrte ich ihm aber gar bald, indem ich seine Hinterbeine in meine Rocktasche steckte. In der Herberge erhohlten wir uns wieder von unserm Abentheuer. Der Postilion hängte sein Horn an einen Nagel beym Küchenfeuer, und ich setzte mich ihm gegen über. Nun hört, ihr Herren, was geschah! Auf einmal gings: Tereng! Tereng! teng! teng! Wir machten große Augen und fanden nun auf einmal die Ursache aus, warum der Postilion sein Horn nicht hatte blasen können. Die Töne waren in dem Horne festgefroren und kamen nun, so wie sie nach und nach aufthaueten, hell und klar, zu nicht geringer Ehre des Fuhrmanns heraus. Denn die ehrliche Haut unterhielt uns nun eine ziemliche Zeit lang mit der herrlichsten Modulation, ohne den Mund an das Horn zu bringen. Da hörten wir den preussischen Marsch — Ohne Lieb’ und ohne Wein — Als ich auf meiner Bleiche — Gestern Abend war Vetter Michel da — nebst noch vielen andern Stückchen, auch sogar das Abendlied: Nun ruhen alle Wälder — Mit diesem letzten endigte sich denn dieser Thauspaß, so wie ich hiermit meine Russische Reise-Geschichte. * * * Manche Reisende sind bisweilen im Stande, mehr zu behaupten, als genau genommen wahr seyn mag. Daher ist es denn kein Wunder, wenn Leser oder Zuhörer ein wenig zum Unglauben geneigt werden. Sollten indessen einige von der Gesellschaft an meiner Wahrhaftigkeit zweifeln, so muß ich sie wegen ihrer Ungläubigkeit herzlich bemitleiden und sie bitten, sich lieber zu entfernen, ehe ich meine Schiffs-Abentheuer beginne, die zwar fast noch wunderbarer, aber doch eben so authentisch sind. 2. Des Freyherrn von Münchhausen See-Abentheuer. .