Voltaire: Kandide oder der Optimismus 29. Neun und zwanzigstes Kapitel. Was maassen Kandide Kunegunden und die Alte wiederfand. Indes, daß Kandide, der Baron, Panglos, Martin und Kakambo sich ihre Abenteuer erzählten, über die zufälligen und nichtzufälligen Begebenheiten auf dem Weltall vernünftelten, über Wirkungen und Ursachen, über das moralische und physische Übel, über Freiheit und über Notwendigkeit und über die Seelenstärkungen herumdisputirten, die man auf den Türkischen Galeeren bekommen kann, war ihr Schif bei dem Hause des Siebenbürgischen Fürsten am Strande des Mare di Marmora angelandet. Das erste, was ihnen in’s Auge fiel, war Kunegunde und die Alte, die Servietten über eine Leine hingen, um sie zu troknen. Bei diesem Anblik erblasste der Baron. Kandide, der zärtlichliebende Kandide, wich drei Schritte hinter sich, es überfiel ihn ein Grauen, als er die schöne Kunegunde so verwandelt sahe. Ihre Augen waren rot, triefend; ihr Busen brettern; ihre Wangen verschrumpft; ihre Ärm’ und Hände scharlachfarben und schuppicht. Um sie aber nicht zu kränken, naht’ er sich ihr. Sie umarmte Kandiden und ihren Bruder; man umarmte die Alte, und Kandide kaufte sie alle beide los. In der Nachbarschaft lag ein kleines Vorwerk. Die Alte that Kandiden den Vorschlag, es in Erwartung glüklicherer Zeiten zu kaufen. Kunegunde wusste nicht, daß sie war häslich geworden; es hatte niemand davon einen Wink fallen lassen. Sie erinnerte Kandiden an sein Versprechen in einem so gebietrischen Tone, daß der gute Kandide sich nicht unterstand, ihr den Korb zu geben. Er ging also hin zum Baron und notifizirte ihm, daß er seine Schwester heuraten würde. Diese Niederträchtigkeit von Seiten meiner Schwester, und diese Frechheit von Seiten Ihrer, Kandide, werd' ich nie zugeben, sagte der Baron. Bei Gott! diese Infamie soll man mir nie vorwerfen! Die Kinder meiner Schwester würden nie stifts- und turnierfähig sein! Nein, meine Schwester soll nie einen andern bekommen als einen Reichsfreiherrn. Kunegunde warf sich ihm zu Füssen, und badete sie mit Thränen; er blieb unbeweglich. Hans Hasenfus! rief Kandide. Ich habe Dich von den Galeeren gerettet, habe für Dich und für deine Schwester das Lösegeld bezahlt. Sie war hier Scheuermädel, ist häslich wie die Sünde, ich bin so gutherzig und will sie zum Weibe nemen, und Du willst es nicht zugeben. Tödten kannst’u mich, aber heuraten sollst’u nie die Barones meine Schwester so lang’ ich lebe, rief der Baron. 30. Dreissigstes Kapitel. // Schlusscene. .